Bastian Sicks Sprachkritik erreicht eine neue Dimension!

Im neuesten Beitrag in seiner Kolumne präsentiert Sick seiner Leserschaft seinen neuesten Sprachskandal: „Einbruch sinnlos, es befindet sich kein Geld in der Kasse“ – so prangte es „kürzlich im Schaufenster eines Geschäftes“.

An vermeintlichen Fehlern dieser Art meint dann Bastian Sick auch den Sprachverfall wieder einmal ausmachen zu können, schließlich habe er früher Fehler „noch wirklich suchen [müssen]. Heute braucht man sie nicht mehr zu suchen, man wird von ihnen förmlich überrannt.“ Fehler? Wo steckt denn in diesem Aushang der Fehler? Bastian Sick meint hier einen Fehler in der impliziten Bedeutung des Wortes „sinnlos“ innerhalb des kritisierten Aushangs erkennen zu können. Die Argumentation ist, dass der Einbruch also durchaus sinnvoll sein könnte, falls noch Geld in der Kasse und den Automaten wäre – dies kann Bastian Sick so aber nicht hinnehmen. Ab diesem Punkt tritt dann Sick nicht mehr nur als Anwalt der deutschen Sprache auf, sondern auch als Experte und Anwalt „im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten“. Die Unterstellung von Sinn im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten ist für Sick also ein sprachlicher Fehler, da Sinn stets positiv konnotiert sei. Man kann darüber streiten, ob man nicht eine andere Formulierung hätte wählen können – Sick schlägt zwecklos vor – aber ein sprachlicher Fehler liegt hier sicherlich nicht vor. Hier irrt Sick wieder, wie auch schon 2003, als er meinte, dass etwas keinen „Sinn machen“ könne (vgl. hier kritisch J.G. Schneider 2005: Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2, 154-177, als PDF dort verfügbar).

Die Probleme, die sich aus linguistischer Sicht hier ergeben, sind die bei Sick altbekannten: 1.) Er schließt von einzelnen vermeintlichen Fehlern auf einen fortschreitenden Sprachverfall, indem er die Fehler absolut setzt. 2.) Er verkennt die Funktion des Aushangs, vergisst also die Textsortendifferenzierung. 3.) Dieser Aushang ist kein juristischer Text und das Wort sinnlos kein juristischer Fachbegriff, aber so argumentiert er: „Demnach müssten die Diebe, die vor wenigen Tagen aus der Kunsthalle in Rotterdam sieben Gemälde gestohlen haben, von jedem Richter sofort freigesprochen werden, denn ihre Tat war über die Maße sinnvoll, zumal jedes der entwendeten Werke einen Schätzwert von mehreren Millionen Euro hat.“ – Dazu spare ich mir hier hämische Kommentare und füge nur an, dass Sick hier auch nicht zwischen unterschiedlichen Domänen unterscheidet. Was übrig bleibt, ist die Feststellung, dass „Sinn und Zweck […] oft Hand in Hand [gehen], […] aber nicht gleichbedeutend sind“ – Sinn oder Zweck der Erkenntnis? Ich bin mir nicht sicher. Was man aber sieht, ist Folgendes: Viel alter Wein in noch älteren Schläuchen. Gepaart mit einer Ausnahme, denn ab sofort existiert auch eine kriminalethische Ausprägung in Sicks Sprachkritik, die in ihren Ausgangspunkten aber scheitern muss, will sie einer reflektierten, wissenschaftlichen Sprachthematisierung  gerecht werden. Es muss bei Sick also bei der alten Wortklauberei bleiben.

Fazit: Kritik an Sicks Sprachkritik ist anscheinend weiterhin sinnvoll, aber leider zwecklos – oder umgekehrt?

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Bastian Sicks ß-Regeln entpuppen sich als Katzengold

Noch vor gut einer Woche habe ich auf einer Tagung behauptet, dass die Sprachglossen von Sick in der letzten Zeit kompetenter geworden seien. Inzwischen macht der neuste Kolumnenbeitrag „Werbung mit Spliss“ diesen Eindruck zunichte. Hoffentlich sogar mehr: er entlarvt Sick als jemanden, der die ß-Schreibung nicht beherrscht, denn der schreibt:

Auch die Kampagne für die Zigarettenmarke American Spirit dürfte viel Geld gekostet haben. „Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen“ heißt es dort reichlich verschwurbelt – und grammatisch entstellt. Statt der Konjunktion „dass“ wäre nämlich das Relativpronomen „das“ richtig gewesen. Denn die Tatsache, dass Raucher rauchen, steht außer Frage. Vielmehr geht es hier doch wohl um das Kraut, welches (also: das) sie rauchen.

Gemeint war diese Werbung:

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass sprachbewegte Leute allenthalben an der Formulierung des Werbeslogans Anstoß genommen haben. So wird die Formulierung vom Facebook-Vertreter der Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ als missglückt betrachtet, und Spießer Alfons vom Blog Marketing, Werbung und Medien fühlt sich gar vom Schlag getroffen. Spießer Alfons gibt allerdings eine wunderbare Erklärung, was der Satz bedeuten soll, denn nicht alle verstehen den Satz-Slogan auf Anhieb:

Ausgesagt werden soll, dass die meisten Raucher denken, dass sie nur reinen Tabak rauchen, also keine Zusatzstoffe wie beispielsweise Ammoniak und Honig, Vanillin und Soda, Zucker und Harnstoff. Und wer die Zigarette mit dem Indianer-Kopf raucht, der denkt richtig, weil in „American Spirit“ angeblich nur  reiner Tabak steckt.

Wie kann man sich die grammatische Struktur des Satzes verdeutlichen. Rauchen kann als transitives Verb – also als Verb mit direktem Objekt – gebraucht werden, das ist auch der Fall im Werbesatz. Aber fangen wir langsam an: Er raucht amerikanische Zigaretten. Das Objekt ist hier amerikanische Zigaretten. Man kann auch ein Pronomen wie etwas, diesen (=Tabak) welche, solche (=Zigaretten), so was, nichts oder alles als Objekt haben: jeder raucht welche, er raucht  ihn gern. In manchen Fällen kann das Objekt durch einen Relativsatz bestimmt sein: Er raucht Zigarren, die aus Kuba kommen oder Du rauchst aber auch alles, was er dir andreht. Nun gibt es auch so genannte kopflose Relativsätze, da fällt praktisch das Bezugsnomen weg und der Relativsatz drückt allein aus, was geraucht wird: Ich rauche, was er empfiehlt. Der Werbetextersatz ist nun noch um ein entscheidendes Merkmal komplexer. Im letzten Beispielsatz gehört das Relativpronomen als Objekt zum Verb empfehlen, welches das Prädikat innerhalb des Relativsatzes ist. Man findet jedoch bisweilen auch Relativsätze, wo das Relativpronomen zu einem Verb gehört, das nicht im „eigentlichen Relativteilsatz“ auftaucht. Ein in der linguistischen Literatur diskutiertes, aber aus einem „unschuldig“ produzierten Text stammendes Beispiel ist: Das dritte Gebiet, auf dem wir meinen…, dass mehr und anderes getan werden sollte, ist das Gebiet der innerdeutschen Beziehungen. Und hier sind wir im Prinzip bei der einschlägigen Struktur. Zugegeben: diese Sätze kommen selten vor, und in den Ohren sprachbewusster Menschen klingen sie „verschwurbelt“, aber das Muster ist (mehr oder weniger) klar und deutlich. Der letzte (kursive) Satz ist einer der ganz seltenen Relativsätze mit Bezugsnomen. Ähnlich auch: Das ist ein Ort, wo man will, dass seine Kinder aufwachsen. Bei freien Relativsätzen lassen sich mehr Beispiele in Texten finden und die Akzeptabilität steigt: Ich gehe, wohin Sie wollen, dass ich gehe. Er arbeitet, mit wem du möchtest, dass er arbeitet. Im vorletzten Satz ist wohin das Relativpronomen, das sich auf ein „stummes“ dahin im Hauptsatz bezieht, semantisch aber zum Verb gehen des letzten Teilsatzes gehört. Ganz genau so im nächsten Satz: der Relativausdruck mit wem, bezieht sich auf ein gedachtes „mit demjenigen“ im Hauptsatz, semantisch ist es allerdings eine Adverbialbestimmung zu arbeitet des eingebetteten Satzes. Das wird deutlich in einem Satz wie Sie schläft, mit wem ich eigentlich will, dass sie sich streitet. In diesem Satz bezieht mit wem sich als Relativausdruck auf den „Verschwiegenen“, mit dem sie schläft, semantisch ist es aber derjenige, mit dem sie sich meiner Meinung nach streiten soll. (Klar ist die Aussage des Satzes, dass sich beide Ausdrücke auf dieselbe Person beziehen.) In all meinen zur Illustration ausgewählten Beispielen ist nun unstrittig, dass der jeweils letzte (und am tiefsten eingebettete) Satz ein abhängiger Satz ist, der von der Konjunktion dass eingeleitet wird. Hier käme kaum einer auf die Idee, dieses dass sei ein Pronomen, genauer gesagt das Pronomen das. Das aber behauptet Bastian Sick für genau dasselbe Vorkommen des Wörtchens in: Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen. Und das ist eben FALSCH! Denn dann müsste es einen Satz derart geben: Raucher denken das (Kraus), das sie rauchen… – was Unsinn ist. Sick hat aller Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten mit dem Satz, weil hier eine – wie der Grammatiker sagt – lange Extraktion aus einem dass-Satz vorliegt. So eine Struktur ist für Norddeutsche schwer akzeptabel.

Den Satz richtig verstanden hat der Facebooker von „Deutsche Sprachwelt“. Der löst dieses angeblich schlechte Werbedeutsch in vorgeblich besseres Deutsch auf: „Rauchen, wovon die meisten denken, dass sie es rauchen“. Das ist tatsächlich eine standardsprachliche Möglichkeit, eine etwas andere Konstruktion als der Texter zu wählen. Was Spießer Anton Alfons (Entschuldigung) macht, ist allerdings nicht normgerecht im Sinne der Erlaubnis oder Empfehlung durch den Duden. Spießer Anton Alfons schlägt vor: „Rauchen, was die meisten denken, dass sie es rauchen“. Die Wiederaufnahme des Relativpronomens durch das Pronomen es im tief eingebetteten Satz ist – nun nicht falsch oder ungrammatisch, aber – stark süddeutsch dialektal.

Also: liebe Kritiker – Sick und Spießer – der Werbetexter ist sprachlich versierter als Sie!

Was jedoch ganz unabhängig von der grammatikalischen Wohlgeformtheit mit dieser ganzen Diskussion einmal mehr bestätigt wurde: Werbesprache irritiert und löst somit Aufmerksamkeit aus. Das ist wohl das oberste Ziel von Werbetextern; und auch das scheint dem Reklame-Autor oder der Texterin bestens gelungen zu sein…