Carsten Sostmeier, was hat denn Sie geritten?

Seit 2008 wird zurückgeritten“, so kommentierte gestern Carsten Sostmeier, der bei Fans des Reitsports längst Kultstatus erreicht hat, den Erfolg der Vielseitigkeitsreiter bei den Olympischen Spielen während einer Fernsehübertragung. Sostmeier hat sich mittlerweile für den Kommentar entschuldigt, der ARD Teamleiter hat ihn für den Ausspruch gerügt.

Das Problematische an diesem Kommentar ist klar: Hier spielt Sostmeier mit einem Zitat Adolf Hitlers, mit dem er den Angriff auf Polen am 1.9.1939 legitimiert hat: „Seit 5.45h wird zurückgeschossen“ – wohl eine der größten und verhängnisvollsten Lügen der deutschen Geschichte. In der Medienlandschaft ist Sostmeier für dieses Wortspiel getadelt worden (Zeit Online, Spiegel Online).

Eine aus linguistischer Sicht interessante Frage ist hier: Ist dieser Kommentar auch linguistisch begründet kritisierbar? Fakt ist, dass es sich bei einem Kommentar dieser Art um eine mündliche Äußerung handelt, die spontan gewesen sein könnte. Ob es sich bei eben diesem Wortspiel aber um eine spontane, kreative Äußerung handelt, darüber kann nur spekuliert werden. Es gibt in der deutschen Sprache durchaus Sprichwörter, Phraseologismen und Idiome, die aus dem Vokabular der Nazi-Zeit schöpfen. Auch die Tatsache, dass diese in Sportkommentaren von renommierten Sportreportern auftauchen, ist nicht neu. Katrin Müller-Hohenstein kommentierte bspw. das 2:0 von Miroslav Klose beim 4:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft über Australien (WM 2010) damit, dass dies ein „innerer Reichsparteitag“ für den glücklichen Klose sein müsse. Diese Redewendung ist immerhin im Duden Band 11 verzeichnet, aber als veraltet. Auch Müller-Hohenstein wurde für ihren Ausspruch getadelt, aber sie hat sich eines existierenden Sprichwortes bedient. Ob es sinnvoll ist, dieses Sprichwort bei einem Länderspiel zu benutzen, das ist aber mindestens diskutierbar, eben auch, weil es nicht mehr sehr bekannt ist und dadurch nicht immer als Sprichwort erkennbar ist. Bei Sostmeiers freudigem Ausspruch sieht es aber anders aus: Hier handelt es sich nicht um eine Redewendung, sondern um ein Wortspiel, dass direkt auf den Satz Hitlers und dessen Kontext verweist – eine übergeordnete Bedeutung, wie es bei Müller-Hohensteins Kommentar der Fall ist, ergibt sich erst einmal nicht.

In der Linguistik ist es ein Topos, dass Sprache im Gebrauch immer an Kontexte gebunden ist. Es gibt aber bestimmte Wörter, Sätze oder Sprachmuster, die nach den konkreten Äußerungssituationen an die „alten“ Kontexte erst einmal gebunden bleiben können, dies ist vor allem im Zusammenhang von Sprache und Politik nicht selten der Fall, man denke bspw. an: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Es ist aber natürlich nicht so, dass Kontext und Aussage dann für immer aneinander gebunden sind, über die Zeit kann sich der Sprachgebrauch auch wieder ändern und bestimmte Konnotationen können wieder abgelegt werden. Wenn sich aber Mitglieder einer Sprachgemeinschaft über einen Ausdruck wundern oder ihr Ärgernis über diesen zum Ausdruck bringen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass dies eben noch nicht geschehen ist.

Vor dem Hintergrund, dass es sicherlich 1000 andere Formulierungen für Sostmeier gegeben hätte, seiner Freude Ausdruck zu verleihen, und dass seine Aussage direkt auf Hitlers Satz und dessen Kontext verweist sowie weder der Situation noch dem Adressatenkreis oder der Textsorte angemessen war, ist sie linguistisch kritisierbar und sollten auch kritisiert werden. Die Kommentare unter dem verlinkten Youtube-Video gehen in über 80 Prozent der Fälle in eine in meinen Augen bedenkliche Richtung: Es sei ein „Witz“, man solle sich nicht anstellen und es gäbe Schlimmeres. Gerade was Anleihen am Sprachgebrauch der Nationalsozialisten – und vor allem Adolf Hitlers – angeht, darf die Linguistik nicht müde werden, dazu kritisch Stellung zu beziehen. Es geht dann nicht darum, Herrn Sostmeier zu verunglimpfen, sondern darum, zu erläutern, warum es eben nicht „witzig“ ist. Ergebnis einer solchen Kritik wäre dann eine Ermahnung zu einer größeren (kritischen) Sprachreflexion – vor allem des eigenen Sprachgebrauchs. Wenn man sich die Frage nach der Funktion eines Sportkommentars beantwortet, kommt man zu dem Schluss, dass Sostmeier diesen schlichtweg – in diesem kleinen Ausspruch – verfehlt hat. Ihm eine absichtliche Referenz zu Hitlers Wortlaut und der Situation zu unterstellen, das ist sicherlich stark übertrieben. Dieser Bezug wäre auch einfach sinnlos. Dass es aber ausgerechnet eben „die Franzosen, die Britten, die Amerikaner“ sind, gegen die „zurückgeritten“ wird, zeugt zumindest in diesem Ausspruch von wenig Wortgefühl und Geschichtsbewusstsein.

Advertisements