Wer wird Sprachpanscher des Jahres 2012? Und vor allem: Wen interessiert das überhaupt?

Seit 1997 verleiht der unvermeidliche Verein Deutsche Sprache (VDS) denjenigen Sprachteilnehmern den „Preis“ „Sprachpanscher des Jahres“ (1997 hieß der Preis einmalig „Sprachschuster des Jahres“), die „bemerkenswerte Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache“ erbracht haben. Die Wahl des Sprachpanschers 2012 läuft noch bis zum 24. August, spannend, spannend.

Im Jahre 2011 durfte sich René Obermann über die „Auszeichnung“ freuen. Als Begründung heißt es auf der Homepage, äh, Website, äääh, Netzseite (im berühmt-berüchtigten Anglizismenindex wird übrigens „Startseite; Hauptseite (im Internet)“ für Homepage vorgeschlagen – wie passend, nicht): „Die Deutsche Telekom hat ihre Kunden über Jahre hinweg mit englischen Sprachimporten verärgert. Der Besuch der Netzseiten [diese Entsprechung widerspricht dem eigenen Anglizismenindex, F.S.] der Firma ist eine Schocktherapie im Horrorkabinett der deutschen Sprache“. Die Erklärung ist medienwirksam und polemisch – wie immer – aber in demselben Maße ohne sprachwissenschaftlichen Background. Sie sehen, ich strebe schon jetzt eine Nominierung zum Sprachpanscher 2013 an.

Beim Begriff Sprachpanscher schimmert schon durch, was in der oben genannten Begründung zur Vergabe des Preises noch vertuscht wird: Auch bei diesem „Preis“ geht es dem VDS um den ewigen Sprachpurismus und um die Ätzerei gegen Anglizismen, irgendwo zwischen ultrakonservativer Sprachreinheit und vorgegaukelter aufklärerischer Motivation. Es soll um „Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache gehen“, aber gemeint ist wieder nur das alterslahme Steckenpferd des VDS.

Schaut man sich den „Wahlzettel für den Sprachpanscher 2012“ an, fällt genau dies auf: Während die „ProSiebenSat.1 Media AG“ dafür sorge, „dass ein deutsch-englischer Mischmasch“ verfügbar sei, seien die Wegweiser in den Karstadt-Filialen „ohne Englischkenntnisse kaum zu verstehen“, wir reden hier gerade von Wörtern wie Summertime und Sport-Highlights. In den Augen des VDS kann es dafür nur einen Grund geben: „Der neue Karstadt-Chef [Entlehnte Wörter aus dem Französischen sind wohl d´accord ] ist Brite“, „seine neue Marketingstrategie [Ertappt, man schaue in den Index …] wird umgesetzt.“ Dies sind die Optionen 1 und 2 auf dem Wahlzettel, die Vorschläge 3-5 erspare ich Ihnen, aber glauben Sie mir: Es wird nicht besser.

Im Jahre 2011 haben sich angeblich von damals 34.000 Mitgliedern 4764 dazu entschlossen, sich an der Wahl zum Sprachpanscher zu beteiligen, 13,6 % – Glückwunsch! Congratulation! Chapeau! – Neuwahl? Nein, bitte nicht.

Nachtrag 1 (27.8.2012):

Sprachpanscher 2012 ist für den Verein Deutsche Sprache e.V. die Kaufhauskette Karstadt! Auf der Homepage des Vereins wird der Vorsitzende, Walter Krämer, zitiert: „Wir schlagen ungern einen toten Hund, aber leider erkennt man eine deutsche Pleitefirma sehr oft daran, dass sie mit ihren Kunden englisch spricht.“ Man erkennt, Krämer kann nicht nur aus den 5.168 bloß angekreuzten Stimmzetteln das Argument ablesen, warum für bzw. gegen wen abgestimmt wurde. Er führt auch Buch und kann Schlüsse dahingehend ziehen, bei welchem Sprachgebrauch eine Firma eine „Pleitefirma“ wird. Hut ab!

Herr Krämer ist übrigens Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik. Dass der VDS mit dem Gegenstand „Sprache“ nicht wissenschaftlich umzugehen weiß, ist kein Geheimnis. Dass aber die Methode (wenn man hier von einer solchen sprechen möchte) der Schlüsse von Prof. Krämer auch den Grundlagen der Statistik widerspricht, überrascht vielleicht schon.

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