Bastian Sick, die Indianer – und eine wirklich gute Sache!

Helau, Allaaf und Aloha aus Aachen! Es ist Altweiber (oder wie auch immer man den Tag des Übergangs vom Sitzungs- zum Straßenkarneval nennen mag – in Aachen Fettdonnerstag …), Närrinnen und Narren verkleidet euch! Als Kind (Ender der 80er, gegen Anfang der 90er, *schluck*) waren die meisten meiner Mitschülerinnen und -schüler bzw. die anderen Kindergartenkinder zumeist als Cowboy und -girl und/oder Indianer bzw. Indianerin verkleidet. Ich war Marienkäfer, auch ganz cool, nicht. Wie ich darauf komme? Ich muss ausholen: Ich habe den Tag nicht mit Karnevalsfreu(n)den verbracht, stattdessen habe ich mich für eine Auseinandersetzung mit Kopperschmidts Ausführungen zu Begründungssprachen entschieden. Der Effekt ist vermutlich vergleichbar: Ich werde morgen Kopfschmerzen haben. Um mein Hirn ein wenig zu vergnügen – vergnügte Hirne lernen besser, danke liebe Katrin – , habe ich mich durch das Netz geklickt und bin mal wieder bei Bastian Sick hängengeblieben. Bastian Sick versteigert momentan einen handgeschriebenen Zettel bei Ebay, auf dem er in Schreibschrift für die Erhaltung der Schreibschrift auf dem Lehrplan in Grundschulen plädiert. In diese Diskussion will ich mich hier nicht einmischen, ich verstehe beide Positionen irgendwie (Kopperschmidt, Begründungsprachen, egal.). Jetzt komme ich wieder zu den Indianern und Indianerinnen. Der Sick´sche Zettel endet mit dem Absatz:

Wie soll er als Kunde je einen Vertrag unterschreiben oder als Star Autogramme geben? Mit drei Kreuzen, so wie einst die Indianer?

Eine kleine Bemerkungen, bevor es mir um die Indianer und Indianerinnen geht: Dieser Absatz zeigt wunderbar, warum es sinnvoll ist, über geschlechtergerechten Sprachgebrauch zu reflektieren, bevor man losschreibt (es sei denn, Sick meint hier tatsächlich nur männliche Menschen, das wär allerdings noch schlimmer): Sick nutzt das Pronomen er, allerdings ohne vorher ein Bezugswort für die Proform zu formulieren, es existieren nur die (Pro-)Formen Wer und der und dann das Er. Gefangen im Maskulin. Aber stilistisch auf dem Zettelchen schon irgendwie schön.

Jetzt zu den Indianern: Ich hatte am 10.7.2013 das große Vergnügen einen großartigen Vortrag von Prof. Dr. Peters Schlobinski in Aachen zu hören. Das Thema waren die „Schriften der Welt“. Ich hätte Herrn Sick einladen sollen, er hätte sehr viel gelernt. Es ist bekannt, dass es unterschiedliche Schriftsysteme gibt. Keine natürliche Sprache, bzw. ihre Schrift, kann genuin einem System zugeordnet werden (nein, auch das Deutsche – erst recht – nicht. Nein, AUS!). Eine Großzahl der Sprachen hat sogar gar keine Schrift – das interessiert aber den fortschrittlichen Europäer nicht, so kann ja niemand Verträge unterschreiben, wo kämen wir denn da hin? Die existierenden Schriftsysteme können wiederum aus unterschiedlichen Zeichentypen bestehen. Wenn man einer Sprachgemeinschaft ein Schriftsystem (bspw. eine Alphabetschrift) aufzwängt, das den Basiskategorien des anderen Schriftsystems (bspw. eine Wortschrift oder Ideenschrift) nicht entspricht bzw. bislang eine bloß orale Tradition vorlag (und damit das komplette Sprachspiel des schriftlich fixierten Vertrags als Textsorte nicht bekannt sein kann), dann darf man sich nicht wundern, wenn die betreffenden Schreiberinnen und Schreiber einen Strich durch die Rechnung und Kreuze unter Verträge machen. Das ist erstmal nichts Schlimmes. Schlimm ist, dass das sehr, sehr eng mit ziemlich stumpfer Kolonialisierung zusammenhängt. Ich will es Bastian Sick nicht unterstellen und distanziere mich vom Vorwurf, er schriebe hier aus Versehen kulturchauvinistischen Kram. [Bitte, bitte keine Kommentare, die behaupten, der Zettel von Sick wäre Satire, er ist höchstens unbedacht und nicht ernst gemeint, das ist aber nicht dasselbe wie Satire.]

Sprachkritik und ihr Verhältnis zu Schriften, ich hab´s noch nicht ganz verstanden: Keine Schrift haben – doof, muss geändert werden, von uns. Eigene Schrift soll oberflächlich verändert werden – auch doof, darf nicht geändert werden. Wenn schon Schrift haben – dann bitte die richtige. Die richtige Schrift „falsch“ benutzen – wieder doof.

Aber: Die Auktion endet morgen nachmittags, der Erlös geht an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. – eine sehr, sehr gute Sache Herr Sick, finde ich stark! Ich plädiere hiermit dafür, dass man auf den Zettel viel Geld bietet und ihn dann nie wieder vorzeigt. Ich wünsche allen Lesenden schöne Karnevalstage, viele Küsse, Kamelle, Blumen, Liebe, Sonne und Kuchen!

Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den „Niedergang der deutschen Sprache“ zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Mit „unserer Sprache“ meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau „unser“, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob „die deutsche Sprache“ verfällt, es wird plump vorausgesetzt, „Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst“ – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: „Business-Englisch“ (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie „deutsche Sprache“.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein „Linguistik-Experte“ (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er „Relevanz“ ab, erkennt „Verblödung“ und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was „die deutsche Sprache“ aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die „eingedeutschte“ Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an „Sprache und ihrer Entwicklung an sich“ steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht „die deutsche Sprache“ verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über „typische“ Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!     

Eine Lektüre-Empfehlung: Der Artikel ‚Was reden wir denn da?‘ in der Zeitschrift GEO

Wenn man sich als Sprachinteressierte/r ein wenig näher damit auseinandersetzt, dass sich auch die deutsche Sprache im Laufe der Zeit verändert, so stößt man beinahe unweigerlich auf eine Diskussion, die die Gemüter immer wieder aufs Neue erhitzt: Die sogenannte Sprachverfallsdebatte. Vor wenigen Jahren, um ein beinahe berühmt-berüchigtes Beispiel für die Sprachverfallsklage zu nennen, wurde in einem SPIEGEL-Leitartikel mit dem Titel Deutsch for sale? festgestellt: „Die deutsche Sprache wird so schlampig gesprochen und geschrieben wie wohl nie zuvor.“ Und auch im Laufe dieses Jahres konnten wir Vergleichbares lesen, diesmal in einer ZEIT-Sonderbeilage des Sprachkritikers Wolf Schneider: Die deutsche Sprache „[…] zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.“ (S.4) Von solchen Behauptungen ausgehend skizzieren sprachpflegerische Autoren nicht selten ein Schreckensszenario des Untergangs der deutschen Sprache – und zahlreiche Symptome für die angeblich kranke, geradezu dahinsiechende deutsche Sprache sind schnell bei der Hand: Anglizismen, Jugendsprache, Chat- und SMS-Kommunikation etc. Und auch die Schuldigen für die Misere werden genau identifiziert: die Werbung, die Wissenschaft, die Presse und sowieso alle unachtsamen Sprachnutzer, die anscheinend (oder doch nur scheinbar?) Worte nicht von Wörtern unterscheiden können.

Deutlich erkennbar ist dabei: Wer den Sprachverfall beklagt, blickt notwendigerweise zurück und vergleicht die Gegenwartssprache mit vergangenen Sprachzuständen – denn verfallen kann ja nur etwas, das angeblich einmal besser in Schuss gewesen sein soll. Klar ist auch: Derlei Klagelieder hört und liest man in regelmäßigen Abständen; allzu neu sind sie allerdings nicht, kann man sie doch wenigstens bis in die Antike zurückverfolgen. Freilich konnte bislang kein einziges Beispiel für eine tatsächlich verfallene Sprache genannt werden, worauf etwa der Sprachwandel-Experte Rudi Keller in einem online verfügbaren Text zum Thema hinweist.

Dennoch sollte man die sich hartnäckig haltende Sprachverfallsklage ernst nehmen und nach Ursachen für dieses Phänomen fragen; schon alleine deswegen, da die Angst vor einer zunehmend verlotternden Sprache nicht nur von einigen wenigen Sprachkritikern und -pflegern geäußert wird. Laut einer häufig zitierten Umfrage aus dem Jahre 2008, die von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Auftrag gegeben worden ist, gehen 65% der Deutschen davon aus, dass die deutsche Sprache zunehmend verkommt. Es verwundert also nicht, wenn das Thema wiederholt in den Medien aufgegriffen wird – oftmals leider jedoch in der zweifelhaften Qualität des oben zitierten SPIEGEL-Artikels. In solchen Publikationen wird die Angst vor Sprachverfall geschürt anstatt für Aufklärung zu sorgen, indem man bspw. mit einigen Irrtümern im Zusammenhang des vielschichtigen Themas ‚Sprachwandel‘ aufräumt.

Doch zum Glück geht es auch anders! In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift GEO findet sich ein lesenswerter Artikel, der bereits auf der Titelseite in großen Lettern angekündigt wird: „Der Untergang der deutschen Sprache?“ wird hier gefragt. Und tatsächlich wird beim Lesen rasch ersichtlich: Das Fragezeichen im Titel ist Programm! Wir haben es hier nicht mit einer erneuten Wiederholung sprachpessimistischer Klagen zu tun, sondern mit einer sehr gut recherchierten Aufarbeitung einiger seit Längerem heiß diskutierten Themen. Es geht u.a. um Anglizismen, den Sprachwandel durch die Nutzung neuer Medien, ‚Kiezdeutsch‘ oder auch das Verhältnis von Dialekt und Standard im Deutschen; der letztgenannte Punkt nimmt sogar den größten Teil des Artikels ein.

Der Autorin Johanna Romberg gelingt es, fundiert und anschaulich darzulegen, warum wir es bei so manchem Phänomen unserer Gegenwartssprache nicht mit vorschnell zu verurteilenden Symptomen eines vermeintlichen Sprachverfalls zu tun haben. Ein Beispiel aus dem Text ist der bereits erwähnte Fremdwortgebrauch. Mit Bezug auf den Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg macht die Autorin deutlich, dass die Befürchtungen, die deutsche Sprache werde durch Einflüsse von außen verdrängt, unbegründet sind. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass längst nicht alle heutzutage auftretenden Anglizismen dauerhaften Eingang in unsere Sprache finde; im Gegenteil, so Romberg: „viele Wortimporte werden rasch wieder aussortiert […].“ (S.138) Tatsächlich bleibt der Anteil der Fremdwörter, speziell auch der Anglizismen, am Gesamtwortschatz der deutschen Sprache über die Zeit erstaunlich konstant. Dies stellt auch Romberg fest: „Insgesamt liegt der Fremdwortanteil im Deutschen heute nicht höher als vor Jahrzehnten […].“ (ebd.)

Wir haben es hier mit einem gelungenen Beitrag in einer nach wie vor emotional geführten Debatte zu tun. Dass die Sprachverfallsklage in der Folge solcher Artikel verstummt, ist sicher zu bezweifeln; doch trägt die Autorin dazu bei, dass eine linguistisch begründete Gegenposition zum Sprachpessimismus die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Schon alleine aus diesem Grund können wir an dieser Stelle eine Lektüre-Empfehlung aussprechen.

Bastian Sicks Sprachkritik erreicht eine neue Dimension!

Im neuesten Beitrag in seiner Kolumne präsentiert Sick seiner Leserschaft seinen neuesten Sprachskandal: „Einbruch sinnlos, es befindet sich kein Geld in der Kasse“ – so prangte es „kürzlich im Schaufenster eines Geschäftes“.

An vermeintlichen Fehlern dieser Art meint dann Bastian Sick auch den Sprachverfall wieder einmal ausmachen zu können, schließlich habe er früher Fehler „noch wirklich suchen [müssen]. Heute braucht man sie nicht mehr zu suchen, man wird von ihnen förmlich überrannt.“ Fehler? Wo steckt denn in diesem Aushang der Fehler? Bastian Sick meint hier einen Fehler in der impliziten Bedeutung des Wortes „sinnlos“ innerhalb des kritisierten Aushangs erkennen zu können. Die Argumentation ist, dass der Einbruch also durchaus sinnvoll sein könnte, falls noch Geld in der Kasse und den Automaten wäre – dies kann Bastian Sick so aber nicht hinnehmen. Ab diesem Punkt tritt dann Sick nicht mehr nur als Anwalt der deutschen Sprache auf, sondern auch als Experte und Anwalt „im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten“. Die Unterstellung von Sinn im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten ist für Sick also ein sprachlicher Fehler, da Sinn stets positiv konnotiert sei. Man kann darüber streiten, ob man nicht eine andere Formulierung hätte wählen können – Sick schlägt zwecklos vor – aber ein sprachlicher Fehler liegt hier sicherlich nicht vor. Hier irrt Sick wieder, wie auch schon 2003, als er meinte, dass etwas keinen „Sinn machen“ könne (vgl. hier kritisch J.G. Schneider 2005: Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2, 154-177, als PDF dort verfügbar).

Die Probleme, die sich aus linguistischer Sicht hier ergeben, sind die bei Sick altbekannten: 1.) Er schließt von einzelnen vermeintlichen Fehlern auf einen fortschreitenden Sprachverfall, indem er die Fehler absolut setzt. 2.) Er verkennt die Funktion des Aushangs, vergisst also die Textsortendifferenzierung. 3.) Dieser Aushang ist kein juristischer Text und das Wort sinnlos kein juristischer Fachbegriff, aber so argumentiert er: „Demnach müssten die Diebe, die vor wenigen Tagen aus der Kunsthalle in Rotterdam sieben Gemälde gestohlen haben, von jedem Richter sofort freigesprochen werden, denn ihre Tat war über die Maße sinnvoll, zumal jedes der entwendeten Werke einen Schätzwert von mehreren Millionen Euro hat.“ – Dazu spare ich mir hier hämische Kommentare und füge nur an, dass Sick hier auch nicht zwischen unterschiedlichen Domänen unterscheidet. Was übrig bleibt, ist die Feststellung, dass „Sinn und Zweck […] oft Hand in Hand [gehen], […] aber nicht gleichbedeutend sind“ – Sinn oder Zweck der Erkenntnis? Ich bin mir nicht sicher. Was man aber sieht, ist Folgendes: Viel alter Wein in noch älteren Schläuchen. Gepaart mit einer Ausnahme, denn ab sofort existiert auch eine kriminalethische Ausprägung in Sicks Sprachkritik, die in ihren Ausgangspunkten aber scheitern muss, will sie einer reflektierten, wissenschaftlichen Sprachthematisierung  gerecht werden. Es muss bei Sick also bei der alten Wortklauberei bleiben.

Fazit: Kritik an Sicks Sprachkritik ist anscheinend weiterhin sinnvoll, aber leider zwecklos – oder umgekehrt?

Sprachwissenschaft macht Schule! Denn wer den Lehrer nicht ehrt …

In den vergangenen beiden Semestern haben wir an der RWTH Aachen unter dem Titel Sprachwissenschaft macht Schule gleich mehrere Seminare angeboten, mit denen wir uns ausdrücklich an angehende DeutschlehrerInnen in ihren ersten Semestern an der Hochschule gerichtet haben. In diesen Grundkursen wurden die Sprachthemen diskutiert, die in den letzten Jahren auch unter dem Eindruck der PISA-Debatte Einzug in den Deutschunterricht der gymnasialen Oberstufe gehalten haben. Hierzu gehören solch schillernde Angelegenheiten wie etwa der Sprachwandel, die Jugendsprache, Sprachkritik, der Zusammenhang von Sprache und Denken, der Spracherwerb, die Frage nach dem Sprachursprung, aber auch allgemeine Sprach- und Kommunikationstheorie, uvm.

Es gab also inhaltlich genug Gründe für uns, gezielt angehende Lehrerinnen und Lehrer anzusprechen, um ihnen schließlich zeigen zu können: Ja, die Sprachwissenschaft hat für die Schule viele spannende Themen zu bieten; Deutsch ist schon längst nicht mehr reiner Literatur- und Grammatikunterricht! Und das ist auch gut so, denn zwei übergeordnete Ziele eines modernen Deutschunterrichts sind es ja, Sprachbewusstsein zu befördern und so die Fähigkeit zu schaffen, über die eigene Sprache zu reflektieren.Sprachwissenschaft macht Schule Freilich kann man mit den oben genannten Themen hier als Lehrkraft ganz gezielt ansetzen – und diese Erkenntnis bei den Studierenden zu festigen, war unser erklärtes Ziel. Dabei sind wir in den Diskussionen mit den Studierenden im Kern den folgenden Fragen auf den Grund gegangen: Weshalb ist es überhaupt von Bedeutung, bereits in der Schule sprach-wissenschaftliche Themen zu behandeln? Wie können (teils sehr komplexe) linguistische Inhalte und Streitpunkte sinnvoll für den schulischen Kontext aufbereitet werden? Und nicht zuletzt: Welchen Stellenwert hat das Studium der Sprach-wissenschaft für die Ausbildung zukünftiger DeutschlehrerInnen?

Ein naheliegendes Beispiel ist sicherlich die kontroverse Frage nach einem angemessen Umgang mit dem Thema Sprachkritik in der Schule (eine Angelegenheit also, die letztlich auch eines der Herzstücke dieses Blogs ausmacht). Konkret wird diese Diskussion seit ein paar Jahren anhand der Texte Bastian Sicks geführt, die Eingang in zahlreiche neuere Deutsch-Lehrbücher gefunden haben – ungeachtet der teils scharfen Kritik aus sprach-wissenschaftlicher Sicht. Ja, Sick selbst verkündete im vergangenen Jahr über seine Webseite stolz, er sei nun schließlich in den Unterricht eingesickert, was man von der Formulierung her gewitzt finden mag (oder nicht); von der Sache her ist es genau dann alles andere als unproblematisch, wenn man nicht weiß, wie man die Texte Sicks aus fachlicher Sicht einzuschätzen hat.

In unseren Seminaren wurde die Diskussion um den Stellenwert sprachpflegerischer Texte für den schulischen Kontext im wahrsten Sinne des Wortes zur Sprache gebracht: Einerseits sollte den Studierenden die Möglichkeit geboten werden, sich (kritisch) mit derartigen Texten auseinanderzusetzen und die vielen Probleme zu erkennen, die sich hier aus sprachwissenschaftlicher Sicht ergeben: Welche Position vertreten Sick und vergleichbare Autoren? In welcher Traditionslinie steht Sick mit seinen Kolumnen? Was heißt es denn genau, die deutsche Sprache pflegen zu wollen? Inwiefern ist dies wissenschaftlich betrachtet ein heikles Unterfangen? Andererseits wurde diskutiert, wie man Texte von Sick und Co. für das Erreichen bestimmter Lernziele fruchtbar machen kann: Gehören sprachpflegerische Texte überhaupt in den Deutschunterricht? Wenn ja, wie sollte man mit ihnen umgehen, wenn man sie offenbar nicht ohne weiteres als Lehrtexte heranziehen kann? Inwiefern kann hier womöglich gerade durch eine kritische Auseinandersetzung ein reflektierter Sprachgebrauch der Schülerinnen und Schülern gefördert werden? Wo können Zusammenhänge zu anderen Themen (etwa: Jugend-sprache und Sprachwandel) erschlossen werden?

Doch ging es uns in unseren Seminaren – über eine solche inhaltliche Auseinander-setzung hinaus – noch um weit mehr: Um den Bezug zur Schule tatsächlich auch praktisch herstellen zu können, haben wir uns für die Beantwortung der genannten Fragen Unterstützung von gestandenen LehrerInnen unterschiedlicher Gymnasien in NRW geholt. Diese konnten im Rahmen unserer Veranstaltungen aus erster Hand ihre Erfahrungen teilen und wertvolle Tipps für die Umsetzung des Uni-Stoffs für den Schulunterricht geben. Es waren insbesondere diese praxisbezogenen Seminarsitzungen, die unseren Studierenden – wie wir auf der Grundlage etlicher Gespräche nicht ganz unbegründet hoffen – viel gebracht haben und ihnen erste Einblicke offenbarten in die anspruchsvolle Aufgabe, die in ein paar Jahren auf sie zukommt. Es bleibt zu hoffen, dass die Sprachwissenschaft insgesamt ihren Lehrauftrag gegenüber angehenden Deutsch-lehrerInnen wahrnimmt und ausbaut – und so das fördert, was sie unserer Meinung nach leisten muss, nämlich eine klar erkennbare Schnittstelle zu schaffen zwischen Wissen-schaft und Schule!

Alexander Keus, Andreas Corr