Gutes Deutsch so ganz nebenbei? Eine allzu kurze Stilkunde in ‚ZEIT Wissen‘

Durch Zufall bin ich über einen sehr kurzen Artikel in der aktuellen Ausgabe des Magazins ZEIT Wissen (S.24) gestolpert. Besser schreiben verspricht der Verfasser in der Überschrift, die aufgeworfene Kategorie wird Stilkunde genannt; im Inhaltsverzeichnis des Heftes werden „[e]infache Tipps, wie jeder seinen Schreibstil verbessern kann“, angekündigt. Das Interesse ist schnell geweckt, denn sich in Sachen Sprachstil zu verbessern, kann schließlich nicht die schlechteste Idee sein. Unverkennbar ist jedoch auf den ersten Blick: Bei dem abgedruckten Text handelt es sich lediglich um eine Art Instant-Stilfibel für die Kaffeepause – wobei man während der Lektüre der vier übersichtlichen Spalten kaum mehr als einen Espresso wird runterkippen können. Nicht einmal eine halbe Seite Text wird der Leserschaft zugemutet, damit sie dem versprochenen guten Stil ein Stückchen näher kommen darf! Zugegeben, es wäre ja praktisch, wenn das klappen könnte: Am koffeinhaltigen Heißgetränk nippen und so ganz nebenbei den Schreibstil optimieren; für Menschen mit chronischem Zeitmangel ist das sicher eine verlockende Vorstellung. Allerdings sind Zweifel angebracht: Kann es tatsächlich funktionieren, auf minimalem Raum plausible Tipps, geschweige denn eine vernünftige Anleitung zum besseren Schreiben zu geben? Natürlich nicht, lautet das Fazit nach der Espresso-Lektüre – doch liegt diese Ernüchterung nicht allein in der Kürze des Textes begründet:

Die Patentrezepte, die der Leserin bzw. dem Leser hier aufgetischt werden, sind nicht nur knapp gehalten, sondern auch alles andere als neu. Dies gibt der Verfasser auch unmittelbar zu; Quelle der Stilweisheiten ist einmal mehr Wolf Schneider. Die Leser der zahlreichen Sprachratgeber Schneiders kennen daher die aufgeführten Regeln (Vermeide Adjektive! Sei präzise! etc.) zur Genüge. Und auch die Abonnenten der ZEIT sind im Bilde: Vor wenigen Monaten hat Schneider für die renommierte Wochenzeitung eine Sonderbeilage geschrieben, in der 20 Lektionen schnelle Abhilfe in Stilfragen versprechen und den Weg zum besseren Deutsch weisen sollen. Insgesamt scheint der Artikel in ZEIT Wissen in erster Linie eine Werbeanzeige für Schneiders Bücher zu sein; tatsächlich wird nicht nur im Text, sondern auch zwei Seiten später Schneiders Deutsch fürs Leben als Lektüretipp zum Thema ‚Sprache‘ aufgeführt.

Dabei lohnt es sich kaum, auf die allzu pauschalen, kontextfreien und kaum praktikablen Tipps, die hier gegeben werden, im Einzelnen einzugehen. Bedenklich sind jedoch zwei Dinge: Erstens erhält die Mini-Stilkunde in ZEIT Wissen einen quasi-wissenschaftlichen Anstrich, da sie in einem populärwissenschaftlichen Magazin veröffentlicht und einem (durchaus gelungenen) Text über Sprache und Kognition zur Seite gestellt worden ist. Doch wird hier mit Schneider ein Autor als vermeintlicher Sprachexperte zitiert, dessen Texte sich eindeutig nicht mit den Einsichten der Sprachwissenschaft in Einklang bringen lassen. Zweitens tappt der Verfasser der Espresso-Stilkunde normativen Sprachratgebern à la Schneider in die Falle, wenn er ihre Auffassung übernimmt, dass man lediglich einfachen Allround-Regeln folgen müsse, um besser schreiben zu können.

Gehen wir wenigstens auf diesen letzten Punkt kurz ein. In einer sehr lesenswerten DUDEN-Stilfibel von Ulrich Püschel aus dem Jahr 2000 findet man den folgenden entscheidenden Satz: „Sich um gutes Deutsch zu bemühen, heißt, Formulierungsalternativen auszuprobieren.“ (S.25) Das bedeutet letztlich, dass jeglicher Versuch, gutes Deutsch auf starre Regeln oder immer gültige Patenrezepte zurückführen zu wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sein muss. Die Entscheidung für oder wider eine Formulierung kann man sich im konkreten Einzelfall (leider) nicht durch den Rückgriff auf irgendwelche Pauschalregeln abnehmen lassen, auch wenn dies in populären Sprach- und Stilratgebern immer wieder aufs Neue suggeriert wird. Die Aufgabe eines Ratgebers in Sachen Sprache und Stil kann es daher eigentlich nur sein, mögliche Alternativen aufzuzeigen, für Angemessenheit etwa im Umgang mit unterschiedlichen Textsorten zu sensibilisieren – und so letzten Endes ein Bewusstsein für die Möglichkeiten der Sprache zu fördern. Hier liegt ein Knackpunkt, den mutmaßliche Sprach- und Stilpäpste, die stets nach denselben normativen Mustern verfahren, bis dato nicht sehen wollen.

Das Aachener Sprachtelefon

Das Aachener Sprachtelefon hilft seit nunmehr einigen Jahren (bis zum Jahr 2011 noch als „Grammatisches Telefon“) neben Fragen zur Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung auch bei Formulierungsproblemen oder generellen Fragen zur deutschen Sprache.

Weiter heißt es:

„Unser Ansatz der Sprachberatung ist geprägt durch die Idee, dass man durch ein Gespräch die Gründe für das vorhandene Problem aufdeckt, damit ein Lerneffekt eintreten kann. Diese Herangehensweise erscheint uns deswegen sinnvoll, weil es aus linguistischer Perspektive nicht immer ein einfaches „Richtig“ oder „Falsch“ als Antwort auf sprachliche Probleme geben kann. Es lässt sich aber oft unter vielen möglichen Ausdrucksmöglichkeiten eine besonders angemessene finden; dafür ist aber das klärende Gespräch die Voraussetzung.“

Aber nicht nur telefonisch berät das Aachener Sprachtelefon in Sachen „Sprache“, sondern auch auf elektronischem Wege ist Frank Schilden erreichbar und steht beratend zur Seite. So auch in diesem (aktuellen) Fall:

Frage:

Sehr geehrte Damen und Herren, hier in Aachen hängen im Moment Plakate zu einer Anti-Sarrazin-Demo, wo draufsteht „Halt’s Maul“. Ist das grammatisch korrekt? Denn ausformuliert müsste es doch heißen „Halt das Maul“. Und kann man „das“ auch durch “ ’s “ abkürzen?

Beste Grüße,

Antwort:

Sehr geehrter Herr …,

vielen Dank für ihre interessante Frage. In jedem Falle handelt es sich bei Ihrer Frage weniger um ein grammatisches Problem. In diesem Fall muss man zum einen zwischen konzeptionell gesprochener und konzeptionell geschriebener Sprache unterscheiden. Ich habe die Plakate auch gesehen: Wenn ich mich richtig erinnere, ist dieser Satz in einer Sprechblase geschrieben und damit konzeptionell gesprochene Sprache. Gesprochene bzw. geschriebene Sprache unterscheidet sich zum anderen zum Teil im Regelbestand, sodass zum Beispiel die geforderten Kasus in gesprochener Sprache weniger festgesetzt sind als in geschriebener („wegen“ mit Dativ oder Genitiv?). In gesprochener Sprache wird „das“ oft durch „s“ ersetzt: „Ich halte mir einen Lappen vors Gesicht“, „Willst du was aufs Maul“, „Was wollen Sie aufs Brötchen“. Hierbei handelt es sich um Verbindungen von Präpositionen und Artikeln. In diesen Fällen muss standardsprachlich auch das Apostroph nicht mehr gesetzt werden. In Ihrem Falle handelt es sich um eine verkürzte Imperativform: „Halt(e) das Maul“. Hier müsste bei „Halt das Maul“ kein Apostroph mehr hinter dem „Halt“ stehen, die Form „Halt“ ohne „-e“ ist standardsprachlich anerkannt. Ein Apostroph dient in der deutschen Sprache als Auslassungszeichen. Mit seiner Verwendung wird angezeigt, dass man im Vergleich zu einem Wort der konzeptionell geschriebenen Sprache einen oder mehrere Buchstaben weglässt. Genau dies wird auf diesen Plakaten gemacht. In dieser Konzeption und in diesem Kontext ist es sprachlich und stilistisch völlig korrekt zu schreiben „Halt´s Maul“. In einer Seminararbeit würde ich allerdings davon abraten zu schreiben: „Ich halt´s nicht für sinnvoll xyz voneinander zu trennen“. Ich hoffe ich konnte Ihre Frage zu Ihrer Zufriedenheit beantworten. Bei Nachfragen helfe ich gerne weiter.

Ein Vortrag von Frank Schilden über das Aachener Sprachtelefon und linguistische Sprachberatung findet sich hier.