Studierendentagung: „Grammatik verstehen und vermitteln“ am 17.7. in Aachen

„Entspannen Sie sich, wir wissen, dass Grammatik nie das Fach der Herzen war – auch für uns nicht!“ So (oder so ähnlich) beginnen meine werte Kollegin Katrin Beckers und ich in der Regel unsere Grammatik-Seminare am LuF Germanistische Sprachwissenschaft der RWTH Aachen. Allerdings haben wir den heimlichen (und jetzt nicht mehr heimlichen) Anspruch, genau diese Einstellung bei unseren Studierenden zu ändern. Manch eine oder einer mag sagen wollen, dies käme der Quadratur des Kreises gleich – unsere Erfahrungen sind aber ganz andere: Dies zeigt sich in den vielen exzellenten und spannenden Hausarbeiten der letzten Semester, die jedes andere thematische Seminar an Facettenreichtum um Längen schlagen, ischwör!

Warum das so ist? Grammatik, verstanden als Grammatik-Theorien, aber auch als phonologische, morphologische und syntaktische Beschreibungsebene, ist als umfangreiches formales und funktionales Analyseinstrumentarium die Basis für zahlreiche ‚moderne’ Forschungsfelder der Linguistik – ohne geht es eben nicht oder kaum vollständig. Das ist der Vorteil, wenn man sich im Thema Grammatik wohl fühlt, aber auch der Grund für den schlechten Ruf der Grammatik. Außerdem ist nicht zu vernachlässigen, dass Grammatik auf den Lehrplänen der weiterführenden Schulen steht, deshalb müssen angehende Deutsch-Lehrerinnen und -Lehrer an der RWTH ein entsprechendes Seminar belegen. Angehende Lehrkräfte müssen Grammatikkenntnisse nicht leidlich irgendwie können, sie müssen die absoluten Experten sein – das ist unser Eigenanspruch an unsere Grammatik-Seminare und die Absolventen. Uff, Ansprüche sind dazu da, um an ihnen zu scheitern! Um an unserem Anspruch möglichst knapp zu scheitern, haben wir ein neues Seminarmodell entwickelt, das sich vor allem durch zwei Merkmale auszeichnet: Nach dem ersten Teil, in dem die linguistischen Grundlagen der klassischen grammatischen Beschreibungsebenen und ausgesuchte Grammatiktheorien (Valenz- bzw. Dependenzgrammatik, Stellungsfeldermodell und Phrasenstrukturgrammatik) vermittelt und an Beispielen kritisch reflektiert wurden, erarbeiteten die Studierenden im zweiten Teil des Semesters in Kleingruppen mediale Vermittlungsformate – Blended Learning!

Am 17.7.2015 findet an der RWTH Aachen (LuF Germanistische Sprachwissenschaft) eine Studierendentagung statt, bei der die Studierendengruppen die erarbeiteten Formate vorstellen und diskutieren: Grammatik verstehen und vermitteln. Die Wahl der Themen, der Formate und die Adäquatheit der Vermittlung kann sich sehen lassen: Wir hatten schon das Vergnügen, manche Formate zu begutachten – es wurde sehr gut und mit Spaß am Grammatik – wer hätte DAS gedacht!!! – gearbeitet! Zudem konnten wir Prof. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) für einen eröffnenden Vortrag zum Thema Grammatik in der Schule gewinnen.

Interessierte finden hier den Flyer und das Programm der Tagung. Sollten Sie Interesse haben, melden Sie sich bitte an unter:
k.beckers@isk.rwth-aachen.de oder f.schilden@isk.rwth-aachen.de

Demnächst werden wir das Semester hier nochmal mit etwas mehr Distanz reflektieren, bislang sind wir sehr zufrieden mit dem Format, aber vor allem mit dem Engagement der Studierenden! Ob Grammatik das Fach der Herzen werden wird, wer weiß das schon, aber vielleicht konnte die Grammatik durch das Seminar die Abstiegsränge verlassen und kann im weiteren Studien- und Berufsleben der Teilnehmenden um die Champions-League-Plätze mitspielen. Schön wär´s.

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Angenehmes Kondom: Fremdsprachen bei der Deutschen Bahn

Wie arm wäre die Globalisierung ohne die Beiträge der Deutschen Bahn. Die Rede ist freilich nicht vom internationalen Güter- und auch Personentransfer, sondern von den Beiträgen des Bahnpersonals zur lingualen Bereicherung, die insonderheit den Fernverkehrsreisenden immer wieder erfreuen.

„Inglisch ruuls de wörlt – sou wie häff tu ruul de Inglisch“, hat man sich offenbar irgendwann in der Konzernzentrale gesagt und folglich alle – heutzutage automatisch generierten – Lautsprecheransagen in den Bahnhöfen zusätzlich zum deutschen Text mit einer englischen Fassung ausgestattet. Das klingt dann ungefähr so: „Auf Gleis vier fährt in Kürze ein: Intercity Zwanzig-null-null nach Bremen. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges. – On track four is now arriving: Intercity Twenty-oh-oh to Bremen. Please take care while the train is approaching.“ Wohlgemerkt: in Kürze; vom Zug selbst ist noch gar nichts zu sehen. Present Progressive als Futurform? Oh, oh …

Ebenso wurden anscheinend alle Zugchefs des Fernverkehrs angewiesen, ihre Durchsagen jeweils auf Englisch zu wiederholen. Das Problem: Wenn man es schon als Riesenkonzern nicht fertigbringt, in die Maschine korrekte englische Sprachbausteine einzufüttern, dann machen einzelne Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht richtig Englisch gelernt haben, natürlich noch weitaus mehr falsch: „Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord des Intercity auf der Fahrt nach Hamburg Altona. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise. – Lehdis än dschendlmeng, wi wellkamm ju on boad de Intercity to Hamburg Altona. Wi wisch ju a plesnt dschonni.“ – A pleasant Johnny?? Offensichtlich weiß der gute Mann nicht, dass Johnny ein englisches Slangwort ist und ›Kondom‹ bedeutet. So was nennt man BSE (Bad Simple English). Warum dann nicht gleich: „We wish you a good fart“?

Dass sie in Deutschland sind, merken anglophone Reisende nicht nur an der perfekten Aussprache und den diversen Main Stations, die allenthalben angekündigt werden – „… in ä fju minits wie ärraif in Mjunik mäin stäischn …“ usw. – und die es vermutlich nur hierzulande gibt (die englische Entsprechung für Hauptbahnhof wäre central station), sondern auch an der herzlich-zupackenden Direktheit. Zwar besteht, wie allgemein bekannt, kein Zusammenhang zwischen Bindehautentzündung (Konjunktivitis) und der Vermeidung des Indikativs, umgekehrt aber besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen dem Gebrauch des Konjunktivs und sprachlicher Höflichkeit: „Könnten Sie mir bitte die Butter geben?“ ist höflicher als „Können Sie mir bitte die Butter geben?“, und wenn man das Ganze dann noch nicht einmal als Frage, sondern gleich als Aufforderung formuliert („Bitte geben Sie mir die Butter!“), dann nimmt die Höflichkeit noch weiter ab. Ganz verloren geht sie aber erst, wenn man auch noch auf das Bitte verzichtet: „Geben Sie mir die Butter!“

Nun erwartet vermutlich sowieso kaum noch jemand in Deutschland einen Höflichkeitskonjunktiv; aber ein Bitte hier und da? Never ever: „In wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. – In a few minutes we arrive in Leipzig main station. Get out left side.“ – Man weiß: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“ (Goethe, Faust II); und anscheinend bleibt der Deutsche eben auch dann Deutscher, wenn er Englisch spricht.

Es ist aber keineswegs alles schlecht, was spricht. Auf manchen Strecken, zum Beispiel nach Amsterdam oder nach Brüssel, legt sich die Deutsche Bahn richtig europäisch ins Zeug und bringt die Ansagen gleich in vier Sprachen: Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch. Vorgetragen werden sie hier in der Regel von Bahnangestellten, die alle oder fast alle diese Sprachen fließend beherrschen. Nur hören die sich dann bisweilen so gern selbst reden, dass sie nicht nur die Stationen, sondern in allen ihren vier Sprachen das gesamte Speisewagenmenü aufsagen. Auch eine Art der akustischen Umweltverschmutzung. Dann ja vielleicht doch lieber kurz BSE und ansonsten Ruhe …

Nach wie vor wird bei der Deutschen Bahn übrigens auch Deutsch gesprochen. Einige der schönsten Leistungen auf diesem Gebiet haben wir schon an anderer Stelle kommentiert (http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/planabfahrt.htm, http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/db_innovationen.htm). Es sei daher hier erlaubt, einmal die Tatsache hervorzuheben, dass man bisweilen auch nichts zu kritisieren findet (sprachlich jedenfalls): „Meine Damen und Herren, leider haben wir derzeit eine Verspätung von fünfzig Minuten. Diese Verspätung resultiert aus einer Störung des Triebfahrzeugs. Des Zuges nächster Halt: Bensheim.“ – Boah ej! Das sollte Bastian Sick mal hören: „Des Zuges nächster Halt“! Von wegen, der Genitiv stirbt aus …

Das Aachener Sprachtelefon

Das Aachener Sprachtelefon hilft seit nunmehr einigen Jahren (bis zum Jahr 2011 noch als „Grammatisches Telefon“) neben Fragen zur Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung auch bei Formulierungsproblemen oder generellen Fragen zur deutschen Sprache.

Weiter heißt es:

„Unser Ansatz der Sprachberatung ist geprägt durch die Idee, dass man durch ein Gespräch die Gründe für das vorhandene Problem aufdeckt, damit ein Lerneffekt eintreten kann. Diese Herangehensweise erscheint uns deswegen sinnvoll, weil es aus linguistischer Perspektive nicht immer ein einfaches „Richtig“ oder „Falsch“ als Antwort auf sprachliche Probleme geben kann. Es lässt sich aber oft unter vielen möglichen Ausdrucksmöglichkeiten eine besonders angemessene finden; dafür ist aber das klärende Gespräch die Voraussetzung.“

Aber nicht nur telefonisch berät das Aachener Sprachtelefon in Sachen „Sprache“, sondern auch auf elektronischem Wege ist Frank Schilden erreichbar und steht beratend zur Seite. So auch in diesem (aktuellen) Fall:

Frage:

Sehr geehrte Damen und Herren, hier in Aachen hängen im Moment Plakate zu einer Anti-Sarrazin-Demo, wo draufsteht „Halt’s Maul“. Ist das grammatisch korrekt? Denn ausformuliert müsste es doch heißen „Halt das Maul“. Und kann man „das“ auch durch “ ’s “ abkürzen?

Beste Grüße,

Antwort:

Sehr geehrter Herr …,

vielen Dank für ihre interessante Frage. In jedem Falle handelt es sich bei Ihrer Frage weniger um ein grammatisches Problem. In diesem Fall muss man zum einen zwischen konzeptionell gesprochener und konzeptionell geschriebener Sprache unterscheiden. Ich habe die Plakate auch gesehen: Wenn ich mich richtig erinnere, ist dieser Satz in einer Sprechblase geschrieben und damit konzeptionell gesprochene Sprache. Gesprochene bzw. geschriebene Sprache unterscheidet sich zum anderen zum Teil im Regelbestand, sodass zum Beispiel die geforderten Kasus in gesprochener Sprache weniger festgesetzt sind als in geschriebener („wegen“ mit Dativ oder Genitiv?). In gesprochener Sprache wird „das“ oft durch „s“ ersetzt: „Ich halte mir einen Lappen vors Gesicht“, „Willst du was aufs Maul“, „Was wollen Sie aufs Brötchen“. Hierbei handelt es sich um Verbindungen von Präpositionen und Artikeln. In diesen Fällen muss standardsprachlich auch das Apostroph nicht mehr gesetzt werden. In Ihrem Falle handelt es sich um eine verkürzte Imperativform: „Halt(e) das Maul“. Hier müsste bei „Halt das Maul“ kein Apostroph mehr hinter dem „Halt“ stehen, die Form „Halt“ ohne „-e“ ist standardsprachlich anerkannt. Ein Apostroph dient in der deutschen Sprache als Auslassungszeichen. Mit seiner Verwendung wird angezeigt, dass man im Vergleich zu einem Wort der konzeptionell geschriebenen Sprache einen oder mehrere Buchstaben weglässt. Genau dies wird auf diesen Plakaten gemacht. In dieser Konzeption und in diesem Kontext ist es sprachlich und stilistisch völlig korrekt zu schreiben „Halt´s Maul“. In einer Seminararbeit würde ich allerdings davon abraten zu schreiben: „Ich halt´s nicht für sinnvoll xyz voneinander zu trennen“. Ich hoffe ich konnte Ihre Frage zu Ihrer Zufriedenheit beantworten. Bei Nachfragen helfe ich gerne weiter.

Ein Vortrag von Frank Schilden über das Aachener Sprachtelefon und linguistische Sprachberatung findet sich hier.