Wenn dem Linguisten die Hutschnur platzt

In der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten, des vierteljährlich erscheinenden Publikationsorgans des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS), beschäftigt sich Gerhard Illgner auf den Seiten 14 und 15 mit dem Verhältnis von Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Die (aus unserer Sicht nur schwer nachvollziehbare) Hauptaussage des kurzen Textes ist, dass die letztgenannte angeblich erstere sträflich „missacht[e]“ (14, Sp.1). Allein aufgrund dieser Behauptung ist die Abhandlung Illgners einen längeren Kommentar wert:

Illgner beginnt mit der Einführung eines wissenschaftstheoretischen Topos. Über Sokrates zu Popper führt er den Begriff der Falsifikation ein, der besagt, „dass es grundsätzlich möglich ist, empirisch-wissenschaftliche Theorien zu widerlegen“ (14, Sp. 1). Von diesem Gedanken ausgehend, versucht Illgner zu begründen, dass die Sprachwissenschaft ihre eigenen Theorien widerlegen müsse. Hierfür nennt er vor allem zwei Gründe: Erstens, dass die Sprachwissenschaft nicht dazu bereit sei, „aus ihrer stolzen Hochburg herabzusteigen“, und zweitens, dass die Fachleute darauf „beharren […] das Deutsche nur deskriptiv beschreibend […] zu erforschen“ (14, Sp. 2). Daraus resultiert dann nach Illgner die Missachtung der „zahlreichen Sprachkritiker, die sich seit Jahrzehnten vor allem gegen die Anglisierung des Deutschen öffentlich zu Wort melden und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnten“ (14, Sp.2-3). Der letzte Satz ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

A) Seit etwa Mitte der 90er Jahre reflektiert die germanistische Sprachwissenschaft ihr Verhältnis zur sprachinteressierten Öffentlichkeit stark. Zahlreiche Tagungen und Publikationen zeugen davon.  Willy Sanders publizierte zum Beispiel 1992 (1997 wurde die zweite Auflage veröffentlicht; 2011 kam die dritte Auflage – allerdings unter neuem Titel, ansonsten unverändert – heraus)  bereits das viel beachtete Buch „Sprachkritikastereien und was der ‚Fachler‘ dazu sagt“. Zudem gab es 1997 die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) mit dem Thema „Sprache – Sprachwissenschaft – Öffentlichkeit“. Die nächste Jahrestagung des IDS betrifft übrigens auch dieses Thema: „Sprachverfall? Dynamik – Wandel – Variation“. In Aachen fand in diesem Jahr die Tagung „Einmal Elfenbeinturm und zurück – Das schwierige Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik“ statt. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele für Symposien oder auch Podiumsdiskussionen anführen, die in den letzten Jahren seitens der Sprachwissenschaft zu den Themen ‚Sprachverfall‘ oder ‚öffentliche Sprachwahrnehmung‘ veranstaltet worden sind. Der eigentliche Kern steckt aber im zweiten Teil von Illgners Zitat:

B) „…und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnte“. Hier gilt es doch, zu fragen, warum das so ist – oder nicht? Die Antwort liefert Illgner unfreiwillig dann im Folgenden selbst.

Illgners Argumente sind aus linguistischer und wissenschaftstheoretischer Sicht aus verschiedenen Gründen schlichtweg nicht haltbar.

Punkt 1) Innerhalb der Zeitung ist der Artikel dem Bereich „Denglisch“ zugeordnet, deswegen nimmt es kaum wunder, dass es in Illgners Beitrag hauptsächlich um Anglizismen geht. In seinem ersten Beispiel versucht Illgner zu zeigen, dass das Deutsche früher „verdeutscht“ hat (14, Sp. 4) – was auch immer er damit genau meint: Aus lat. murus wurde das heutige Mauer und aus lat. tegula wurde Ziegel. Mit Dieter E. Zimmer kommt dann Illgner zum Schluss: „Die Kraft der Anverwandlung hat das Deutsche weitgehend verloren“ (ebd.). Die Gegenbeispiele sind dann u.a. abcashen und Wellness. Was vergleicht denn Illgner hier miteinander? Murus wurde im Altgermanischen aus dem Lateinischen entlehnt, im Althochdeutschen heißt es dann mūra. Auch die Entlehnung von tegula ist nicht viel jünger. Auf der anderen Seite stehen zwei Begriffe die im Verhältnis zu tegula und murus nun wirklich sehr, sehr jung sind. Außerdem sind die Umstände der Entlehnung völlig andere. Zudem gibt es mit Keks und Tank wunderbare Gegenbeispiele: In ihrer Schreibung sind sie ins Deutsche integriert, sie werden mit deutscher Lautung gesprochen und die Flexion ist kein Problem: der Keks, des Keks, den Keksen, der Tank, des Tanks, tanken, tankte, getankt, Tanker, Tankschiff usw. Wer kann schon sagen, wie die Formen von Wellness oder abcashen in 1200 Jahren aussehen werden? Niemand; die Voraussetzungen für Prognosen dieser Art sind zu komplex und nicht voraussehbar.

Punkt 2) Illgner behauptet, dass es durch Anglizismen zu Orthographieproblemen käme, außerdem „wagen [Sprachwissenschaftler, F.S.] zu behaupten, dass Anglizismen bereichern, weil sie sich von heimischen, also indigenen Wörtern ein wenig unterscheiden“ (15, Sp. 2). Was die Orthographie betrifft, sei auf Punkt 1 (s.o.) verwiesen. Was Illgners These der Unterscheidung betrifft, nehme ich sein Beispiel Wellness. Im Anglizismen-Index schlägt der VDS Wohlgefühl, Erholung als indigen deutsche (und damit angeblich bessere) Wörter vor. Im Kompositum Wellness-Hotel oder Wellness-Bereich würden nur noch Erholungs-Hotel oder Erholungs-Bereich gerade so funktionieren. Sind aber Wellness und Erholung tatsächlich so bedeutungsähnlich, dass Wellness ruhig wieder aus dem Lexikon getilgt werden könnte? Wer in einen Erholungsurlaub fahren möchte, um zwei Wochen am Pool zu entspannen, und dann ein Wellnesshotel bucht, sollte sich nicht wundern, wenn er mit Gesundheitsratschlägen, Sportprogrammen und Ernährungskuren konfrontiert wird. Linguistisch gesprochen: Wellness und Erholung teilen sich zwar bestimmte Seme, aber eben nicht alle.

Punkt 3) Illgner wirft der Sprachwissenschaft vor: „Um die schwierige Verständigung innerhalb des deutschen Sprachgebiets zu rechtfertigen, stellen Linguisten die Standardsprache, das Hochdeutsche, infrage.“ (15, Sp. 2). Was Illgner hier wohl meint, ist die linguistische Einteilung in verschiedene Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Dies alles wirft er aber undifferenziert in einen Topf: „Behördendeutsch, Fachsprachen, Jugendsprache, Medien-, Umgangs- und Kiezdeutsch. Somit werde uns innerhalb des Deutschen eine Mehrsprachigkeit zugemutet.“ – Wer „uns“ hier etwas „zumutet“ wird nicht so ganz klar – weil es gar nicht klar ist. Was aber klar ist: Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen ist ein im Sinne Poppers empirisch erforschbares Faktum, eine Falsifikation ist zwar theoretisch möglich (mehr fordert Popper auch nicht; das weiß aber Illgner wohl nicht), aber jegliche Studien bestätigen die Existenz einer inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen, abhängig eben von Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Ganz davon abgesehen bestreitet man ja durch den Verweis auf die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen nicht, dass es auch einen Standard gibt; im Gegenteil: Einen Standard gibt es nur, wenn es eben auch Abweichungen gibt.

Punkt 4) Illgner zeigt sich mit Verweis auf unseren geschätzten Kollegen Jürgen Spitzmüller (Wir sind uns sicher, dass Herrn Spitzmüller der Verweis auf ihn nicht unbedingt gefallen wird.) gegen Ende seiner Ausführungen etwas zuversichtlich gestimmt: „Es scheint, als wollen die Fachleute die Spracheinstellungen der Normalbürger wenigstens zur Kenntnis nehmen“ (15, Sp. 3). Ich traue mich kaum zu fragen: Wer sind denn die „Normalbürger“ und welche Einstellungen vertreten diese? Dass die Sprachwissenschaft sich nicht für die Spracheinstellungen der „Normalbürger“ interessiert, ist übrigens schlichtweg falsch (siehe Hinweis A). Was aber eher stimmen mag, ist die Feststellung, dass die Sprachwissenschaft nicht die Antworten gibt, die den „Normalbürgern“ im Sinne Illgners gefallen. Das liegt zwar zum einen am deskriptiven Vorgehen der Sprachwissenschaft, aber vor allem auch daran, dass sich bspw. Illgner nicht für Anglizismen an sich interessiert, sondern schon von der Annahme einer Verdrängung ausgeht. Ein solches Vorgehen mit derart offensichtlich verinnerlichtem Interesse könnte nicht Grundlage einer sprachwissenschaftlichen Thematisierung sein, selbst wenn sie potentiell wertend wäre. Die Wertung kann am Ende einer Thematisierung stehen, aber nicht die Motivation der Erhebung sein.

Punkt 5) Illgner bezieht sich zu Beginn auf Popper und den Begriff der Falsifikation. Dabei geht es darum, dass Theorien, Methoden oder Thesen widerlegt werden können, die bare Möglichkeit einer Falsifikation sogar Teil einer Theorie, Methode oder These sein sollte – die Überprüfung geschieht dann über empirische Erhebungen. Illgner scheint (14, Sp.1) zu meinen, dass die deskriptive Ausrichtung der Sprachwissenschaft falsifiziert werden müsste. Das wäre aber kaum eine Falsifikation im Sinne Poppers – wie sollte dies denn empirisch überprüfbar sein?

Zusammenfassung: Es ist selbst für Linguisten, die sich aufrichtig für die Interessen der Öffentlichkeit interessieren und Wege suchen, Sprachkritik linguistisch zu fundieren, schwierig, bei einem solchen Artikel wie dem von Herrn Illgner ruhig und sachlich zu bleiben. Wenn jegliche Anstrengungen der Linguistik, auf die Einstellungen und Bedürfnisse der Sprachinteressieren einzugehen, nicht wahrgenommen werden, ist das doch ernüchternd. Eines scheint uns aber sicher: Solange es Artikel wie den von Illgner weiterhin gibt, kann sich die Sprachwissenschaft an diesen auch wertend betätigen – auch wenn diese Art der Wertung dem VDS und Illgner nicht gefällt, sie basiert nämlich auf sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht auf hintergründigen Motivationen.

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