Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

Kurzmitteilung

Alternativen zum Elfenbeinturm
Die Linguistik will stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken

Von Jochen A. Bär und Thomas Niehr

Seit ihrer Begründung vor 200 Jahren sieht sich die Sprachwissenschaft in einem problematischen Verhältnis zur Sprachkritik – und umgekehrt. Obwohl beide die Sprache zu ihrem Gegenstand haben, waren sie zumeist eher auf Abgrenzung denn auf das Finden von Gemeinsamkeiten bedacht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Konflikt zwischen einer sprachwissenschaftlichen und einer sprachkritischen Betrachtungsweisen noch verschärft. Die Sprachwissenschaft zog sich auf den Standpunkt zurück, dass sie als Wissenschaft die Sprache ausschließlich zu beschreiben, nicht aber zu bewerten habe. Die Sprachkritik überließ man der Öffentlichkeit. Wechselseitige Schuldzuweisungen trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. So wurde den „Sprachfreunden“ oder „selbsternannten Sprachpflegern“ seitens der Linguistik etwa vorgeworfen, dass sie fundamentale wissenschaftliche Einsichten nicht zur Kenntnis nähmen bzw. missachteten. Sprachkritiker dagegen monierten, dass die Sprachwissenschaft ihren Elfenbeinturm nicht verlassen wolle und die tatsächlichen Probleme unberücksichtigt lasse oder gar leugne.

In jüngerer Zeit lassen sich Tendenzen einer ersten vorsichtigen Annäherung erkennen. Einige namhafte Fachvertreter beschäftigen sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es für die Sprachwissenschaft gibt, das berechtigte und aus linguistischer Sicht durchaus wünschenswerte Interesse der Öffentlichkeit an Sprache ernst zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die komplexen Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen.

Im Rahmen einer Tagung in Aachen, zu der wir kürzlich etliche der mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen eingeladen haben, bestand Einigkeit: Die Sprachwissenschaft sollte nach Mitteln suchen, dieses Interesse in sinnvoller Weise zu bedienen. „Sinnvoll“ ist dabei erstens inhaltlich gemeint: Es geht dar­um, wissenschaftlich fundierte Infor­mationen über Sprache zu vermitteln, wobei das, was die Öffentlichkeit an Sprache hauptsächlich interessiert, bestimmend sein darf, aber nicht muss. Zweitens zielt „sinnvoll“ auf die Präsentationsform: Es geht darum, so zu reden und die Dinge so darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Als Ergebnis der Tagung präsentieren wir die folgende

 Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.
Es wird immer Gegenstände unserer Disziplin geben, die für eine größere Öffentlichkeit von geringerem Interesse sind. Ihnen stehen jedoch solche gegenüber, an denen bereits ein öffentliches Interesse besteht, aber auch solche, an denen ein öffentliches Interesse geweckt werden sollte. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Nutzen für die Allgemeinheit deutlich zu machen. Gemeint ist also nicht, dass wir Kommunikationsformen ent­wickeln, die beliebige Gegenstände unserer Disziplin als irgendwie progressiv, spannend, über­raschend usw. erscheinen lassen, sondern dass wir ernsthaft fragen, was angesichts der bestehenden Verhältnisse gebraucht wird.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.
Sprache wird unter anderem dann zu einem öffentlichen Thema, wenn ganze Gruppen von Sprecherinnen und Sprechern sich neue Gebrauchsweisen der Sprache angewöhnen und diese neuen ,Sprachen in der Sprache‘ als in irgendeiner Weise fehlerhaft oder unzureichend bewertet werden (von neuen fachsprachlichen Gebräuchen bis hin zum so genannten Kiezdeutsch). Mit dem massenhaften Gebrauch von elektronischen Arbeits- und Kommunikationsmedien bildet sich eine spezielle, in ihrer Art neue Lese- und Schreibfähigkeit heraus, und viele Menschen haben den Eindruck, dass die traditionelle Schriftsprache dabei ins Hintertreffen gerät. Die Sprachwissenschaft kann auf diese Entwicklung reagieren, etwa indem sie die neuen Sprachformen nicht einfach abwertet, sondern zum angestrebten Standard, der sich ja ebenfalls im Laufe der Zeit verändert, in Beziehung setzt. Das reicht vom kon­struktiven Umgang mit Normbegriffen in der Schule bis zur Beschäftigung mit der Rechtschreibreform.

Unumgänglich ist es, zwischen gesproche­nem und geschriebenem Standard zu differenzieren, denn gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich erheblich voneinander. In spontaner Mündlichkeit erfolgt die Sprachverarbeitung ‚online‘, d. h., man hat keine Zeit, die jeweiligen Formulierungen genau zu planen, und dies führt zu typisch mündlichen syntaktischen Konstruktionen. In der geschriebenen Sprache dagegen hat man – medial bedingt – die Möglichkeit, die Textgestalt zu planen und zu überarbeiten. Bei der Planung von Standardsprachlichkeit müs­sen diese medialen Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin be­schäftigen.
Sprache schafft Identität zum einen im sozialen Raum: Meine Sprache lässt erkennen, zu welcher gesellschaft­lichen Gruppe ich gehöre, signalisiert meine Stellung in der Gesellschaft. Ein öffentliches Interesse daran schlägt sich oft in Fragen nach ,gutem‘ oder ,schlechtem‘ Deutsch nieder. Die Linguistik sollte sich dem nicht mit bloßem Verweis auf die Relativität solcher Bewertungen entziehen, sollte sich aber auch nicht in den Dienst einer ,neuen Bürgerlichkeit‘ nehmen lassen, die nach einem ,richtigen Umgang‘ mit Sprache wie nach dem ,richtigen Umgang‘ mit dem Essbesteck verlangt. – Identität schafft Sprache aber auch durch Abgrenzung von anderen Sprachen. Aktuell geht es in Deutschland dabei vor allem um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Deut­schen und dem Englischen, eine Frage, die die Spannung zwischen Nationalstaatlichkeit und Globalisierung spiegelt. Auch hier wird es für die Linguistik entscheidend darum gehen, den richtigen Ton zu treffen. Noch stärker als bisher müssen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik dazu beitragen, die mit kultureller Diversität und intrakulturellen Sprachdifferenzen verbundenen gesell­schaftlichen Herausforderungen zu gestalten.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.
Die Sprachwissenschaft kann zu einer positiven Spracheinstellung beitragen, indem sie beispielsweise bestimmte Formen destruktiver Sprachkritik als unhaltbar erweist. Wie manche anderen Sprachen hat sich das Deutsche einer solchen Sprachkritik zu erwehren, wobei sich diese bei uns in den vergangenen etwa zwanzig Jahren eher verstärkt hat. Der Typus ist viel älter, hat sich aber seit der Wiedervereinigung im Rahmen der deutschen Identitätsdebatten deutlich ausgeprägt. Dazu gehören Themen wie der allgemeine ,Verfall‘ des Deutschen, der Fremdwort- und Normdiskurs oder generell Zweifel an den Sprachfähigkeiten unserer jungen Generation. Es geht nicht um einen Versuch, vor unbestreitbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern darum, bestehende Probleme mit (u. a.) sprachwissenschaftlichen Mitteln auf ihr rechtes Maß zu bringen und praktische Beiträge zu ihrer Bearbeitung zu liefern.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den ent­sprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.
Sprachkritik ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung von sprachlichen Äußerungen. Die allermeisten Äußerungen in Alltag, Beruf und Wissenschaft erfolgen unreflektiert, gewissermaßen „blind“ (Wittgenstein), routinemäßig und automatisch, und zwar notwendigerweise, da man beim Sprechen und Schreiben nicht ständig innehalten kann. Innehalten zum Zwecke der Reflexion erfolgt aufgrund von Anlässen, die vielfältig sein können, z. B. Unsicherheit, Nicht-Verstehen, Zweifel der verschiedensten Art. Der Sprachgebrauch eines Menschen ist reflektiert, wenn er/sie in der Lage ist, die Art und Weise des eigenen Sprachgebrauchs zu begründen bzw. zu rechtfertigen. Maßstäbe für eine Rechtfertigung sind die Wahrhaftigkeit, Relevanz und Verständlichkeit des Gesagten.

Die Korrektheit und Angemessenheit einer sprachlichen Äußerung kann immer nur mit Bezug auf die jeweilige Sprachvarietät (Standardsprache, Dialekt, Fachsprache …), die jeweilige kommunikative Praktik und individuelle Kommunikationssituation sowie die jeweilige Sprachmedialität (mündlich, schriftlich, computervermittelt …) beurteilt werden.

Aufgabe der Linguistik ist es, diesen Zusammenhang in öffentlichen Diskur­sen über Sprachkompetenz und ‚Sprachverfall‘ immer wieder anhand konkreter Beispiele zu verdeut­lichen und auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Alternativen zur populären Sprachkritik aufzuzeigen. Die Gesellschaft braucht weder Sprachgesetze noch eine Sprachpolizei, aber sie hat Anspruch auf Rat von Fachleuten.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.
Eine Annäherung kann nur über ein besseres Verständnis der jeweils anderen Perspektive erreicht werden. Der Wunsch vieler Schreiber und Sprecher nach Normierung und damit Orientierung muss als wichtiges Bedürfnis  wahrgenommen und akzeptiert werden. Die sprachbezogenen Theorien, wie sie der öffentlichen, nicht-wissenschaftlichen Sprachkritik zugrunde liegen, sollten nicht länger als defizitäre Vorstufen linguistischer Sprachtheorien betrachtet werden, sondern als Sprachreflexionen, die aus spezifischen Bedürfnissen erwachsen.

Die Sprachwissenschaft sieht sich dem Vorurteil gegenüber, ihre Aussagen zum öffentlich gefühlten Sprachverfall seien nichts als Beschwichtigungen, die dazu dienten, im Sinne von politischer Überkorrektheit abweichendes Deutsch zur guten Sprache schönzureden. Dieses Vorurteil ist zu widerlegen: Sprachwissenschaftler bewerten bisweilen sprachliche Strukturen durchaus – entgegen land­läufiger Meinung. Sprachwissenschaftler können und dürfen bewerten – entgegen mancher akademischen Meinung. Eine wichtige Aufgabe der Linguistik besteht darin, der Öffentlichkeit linguistisch begründete Bewertungsmaßstäbe vorzustellen, wie sie z. B. in der Sprachkritikforschung mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entwickelt wurden. Sprachkritik ist somit ein konstitutiver Baustein der Linguistik sowie der alltäglichen Kommunikation.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.
Die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Sprachideologien und Sprachnormenkonzepte ermöglicht eine Reflexion der eigenen fachwissenschaftlichen Perspektive auf Sprache. Erst durch eine eigene Standortreflexion der Linguistik ist eine Annäherung an eine sprachinteressierte Öffentlichkeit möglich, sinnvoll und fruchtbar.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.
Von der OECD wird „Lesekompetenz“ definiert als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Hier geht es ganz offensichtlich um mehr als um die Beherrschung einer technischen Fertigkeit: Der Umgang mit Texten soll dem Leser die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben ermöglichen. Diese Position entspricht der Forderung nach einem stärkeren Praxisbezug der Ausbildung, einer Forderung, die die Schulen (PISA) und Universitäten bereits erreicht hat. Man mag über diese Verschiebung von der Bildung zur (berufsnahen) Ausbildung denken, wie man will: Die Kompetenz zur Rezeption und zur Produktion von Texten wird eine hervorgehobene Rolle in den Lehrplänen spielen, was zu einem besonderen Engagement der Textlinguistik, in Zusammenarbeit mit der Sprachdidaktik führen wird (führen sollte!). Zudem spielt die Vermittlung sozialer Kompetenzen eine immer größere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen, und der Raum des Sozialen ist nun einmal ganz entscheidend durch Sprache strukturiert.

Zentrales Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, die Fähigkeit zum jeweils angemessenen Sprachgebrauch zu verbessern. Hierzu gehört auch die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kommunikativen Praktiken – „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins –, unterschiedlichen Medien sowie unterschiedlichen Varietäten zu wechseln (Code-Switching und Code-Shifting). Das Angemessenheitskriterium schließt das Korrektheitskriterium in gewissem Sinne mit ein, denn das sprachlich Angemessene ist nicht korrekturbedürftig.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.
Eine adressatengerechte Darstellung fachlicher Inhalte ist Voraussetzung für einen gelingenden Dialog über die Fachgrenzen hinaus (aber durchaus auch zwischen einzelnen Teilbereichen des Fachs), und sie muss erlernt werden. Dies sollte künftig verstärkt Ziel akademischer Ausbildung für Linguistinnen und Linguisten sein. Davon sollten nicht zuletzt auch diejenigen unserer Studierenden profitieren, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer werden, denn sie vermitteln ganz wesentlich zwischen Linguistik und Öffentlichkeit.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Kreativität sollten dabei keine Grenzen gesetzt sein. Nachgedacht werden könnte unter anderem über die Einrichtung weiterer Kontaktstellen für (Sprach-)Rat suchende Schreiber und Sprecher nach dem Vorbild bereits bestehender Institutionen (z.B. Aachener Sprachtelefon|www.aachener-sprachtelefon.de|, Sprachberatung an der Universität Chemnitz |www.sprachberatung.tu-chemnitz.de| oder Arbeitsstelle für Sprachauskunft und Sprachberatung an der Universität Vechta |www.sprachauskunft-vechta.de|).

Denkbar wären auch öffentlichkeitswirksame Dokumentationen zum Thema Sprache (sehr erfolgreich war vor einigen Jahren die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ im Berliner Historischen Museum) sowie Kooperationen mit den Medien.

Verstärkt genutzt werden könnten Blogs, Foren und Soziale Netzwerke. In diesem Sinne haben wir im Anschluss an unsere Aachener Tagung ein linguistisches Weblog eingerichtet (spraachenblog.wordpress.com; http://www.facebook.com/spraachenblog), in dem sprachwissenschaftliche Themen in allgemein verständlicher Form behandelt werden und in dem Interessierte mitdiskutieren können.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.
Ansätze, die „splendid isolation“ der Linguistik zu überwinden, hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie sind in der Regel ohne größere Wirkung geblieben: Meist geriet das Anliegen schon nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Um einer solchen Entwicklung zu begegnen, haben diejenigen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik ins Leben gerufen, der die unterschiedlichen Forschungsansätze und -interessen vernetzen und das Thema „Sprachwissenschaft und Öffentlichkeit“ in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung setzen soll.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.
Niemand sollte sich genötigt sehen, eigene Forschungsinteressen am öffentlichen Interesse auszurichten. Es bedarf auch in Zukunft eines im engeren Sinne wissenschaftlichen Diskurses, der Exklusivität zwar nicht anstreben muss, der sie aber beanspruchen darf. Inhaltlich fatal wäre es, wenn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Tendenzen entstünden, Sprachwissenschaft nur dann für akzeptabel (ggf. sogar für förderungswürdig) zu halten, wenn sie ,PR-fähig‘ ist.

Erstunterzeichner:

Dr. Birte Arendt (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jochen A. Bär (Universität Vechta)
Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen)
Andreas Corr, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Ekkehard Felder (Universität Heidelberg)
Dr. Tobias Heinz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Andreas Gardt (Universität Kassel)
Alexander Keus, M.A. (RWTH Aachen)
Dr. Jana Kiesendahl (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Péter Maitz (Universität Augsburg)
PD Dr. André Meinunger (Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin)
Prof. Dr. Thomas Niehr (RWTH Aachen)
Dr. Falco Pfalzgraf (University of London, Queen Mary)
Dr. Kersten Sven Roth (Vertretungsprofessur Universität Potsdam)
Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Frank Schilden, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Jan Schneider (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Dr. Jürgen Spitzmüller (Universität Zürich)
Jana Tereick, M.A. (Universität Hamburg)
Eva Teubert, M.A. (Institut für deutsche Sprache, Mannheim)
Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier)
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Universität Trier)

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Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über „typische“ Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!     

Bastian Sicks Sprachkritik erreicht eine neue Dimension!

Im neuesten Beitrag in seiner Kolumne präsentiert Sick seiner Leserschaft seinen neuesten Sprachskandal: „Einbruch sinnlos, es befindet sich kein Geld in der Kasse“ – so prangte es „kürzlich im Schaufenster eines Geschäftes“.

An vermeintlichen Fehlern dieser Art meint dann Bastian Sick auch den Sprachverfall wieder einmal ausmachen zu können, schließlich habe er früher Fehler „noch wirklich suchen [müssen]. Heute braucht man sie nicht mehr zu suchen, man wird von ihnen förmlich überrannt.“ Fehler? Wo steckt denn in diesem Aushang der Fehler? Bastian Sick meint hier einen Fehler in der impliziten Bedeutung des Wortes „sinnlos“ innerhalb des kritisierten Aushangs erkennen zu können. Die Argumentation ist, dass der Einbruch also durchaus sinnvoll sein könnte, falls noch Geld in der Kasse und den Automaten wäre – dies kann Bastian Sick so aber nicht hinnehmen. Ab diesem Punkt tritt dann Sick nicht mehr nur als Anwalt der deutschen Sprache auf, sondern auch als Experte und Anwalt „im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten“. Die Unterstellung von Sinn im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten ist für Sick also ein sprachlicher Fehler, da Sinn stets positiv konnotiert sei. Man kann darüber streiten, ob man nicht eine andere Formulierung hätte wählen können – Sick schlägt zwecklos vor – aber ein sprachlicher Fehler liegt hier sicherlich nicht vor. Hier irrt Sick wieder, wie auch schon 2003, als er meinte, dass etwas keinen „Sinn machen“ könne (vgl. hier kritisch J.G. Schneider 2005: Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2, 154-177, als PDF dort verfügbar).

Die Probleme, die sich aus linguistischer Sicht hier ergeben, sind die bei Sick altbekannten: 1.) Er schließt von einzelnen vermeintlichen Fehlern auf einen fortschreitenden Sprachverfall, indem er die Fehler absolut setzt. 2.) Er verkennt die Funktion des Aushangs, vergisst also die Textsortendifferenzierung. 3.) Dieser Aushang ist kein juristischer Text und das Wort sinnlos kein juristischer Fachbegriff, aber so argumentiert er: „Demnach müssten die Diebe, die vor wenigen Tagen aus der Kunsthalle in Rotterdam sieben Gemälde gestohlen haben, von jedem Richter sofort freigesprochen werden, denn ihre Tat war über die Maße sinnvoll, zumal jedes der entwendeten Werke einen Schätzwert von mehreren Millionen Euro hat.“ – Dazu spare ich mir hier hämische Kommentare und füge nur an, dass Sick hier auch nicht zwischen unterschiedlichen Domänen unterscheidet. Was übrig bleibt, ist die Feststellung, dass „Sinn und Zweck […] oft Hand in Hand [gehen], […] aber nicht gleichbedeutend sind“ – Sinn oder Zweck der Erkenntnis? Ich bin mir nicht sicher. Was man aber sieht, ist Folgendes: Viel alter Wein in noch älteren Schläuchen. Gepaart mit einer Ausnahme, denn ab sofort existiert auch eine kriminalethische Ausprägung in Sicks Sprachkritik, die in ihren Ausgangspunkten aber scheitern muss, will sie einer reflektierten, wissenschaftlichen Sprachthematisierung  gerecht werden. Es muss bei Sick also bei der alten Wortklauberei bleiben.

Fazit: Kritik an Sicks Sprachkritik ist anscheinend weiterhin sinnvoll, aber leider zwecklos – oder umgekehrt?

Sprachkritik an politischer Sprachstrategie am Beispiel deutscher Rüstungspolitik

Was haben die Begriffe Frieden, Gewaltprävention, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung in der Welt gemeinsam? Richtig, sie sind alle positiv konnotiert, das heißt, sie sind emotional und affektiv positiv besetzt, diese positive Bedeutungskomponente schwingt immer mit. Wer würde sich schon dagegen aussprechen? Mehr noch, alle Begriffe zeichnen sich durch eine positive Deontik aus, das heißt, eine Handlungsaufforderung zum Erhalt oder Durchsetzen der mit dem Wort bezeichneten Sache schwingt ebenfalls mit: Frieden gilt es zu erhalten, Menschenrechte sind zu achten usw. Eine negative Deontik hätten wir bspw. bei: Rassismus gilt es zu bekämpfen o.Ä.

Worauf es aber in diesem Blogbeitrag vor allem ankommt, das ist die Tatsache, dass alle genannten Begriffe in der Präambel der Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern an prominenter Stelle auftauchen (S.1):

In dem Bestreben, […] durch seine Begrenzung und Kontrolle einen Beitrag zur Sicherung des Friedens, der Gewaltprävention, der Menschenrechte und einer nachhaltigen Entwicklung in der Welt zu leisten […], hat die Bundesregierung ihre Grundsätze für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern wie folgt neu beschlossen […].

 Weiter heißt es im zweiten allgemeinen Prinzip dieser Grundsätze (S.1):

Der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungs- und Endverbleibsland wird bei den Entscheidungen über Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen.

Beides klingt gut. Wer wollte widersprechen? Dass aber der Text und dessen Inhalt mit der deutschen Rüstungspolitik in einem, sagen wir mal, „Spannungsverhältnis“ steht, konnte man nicht zuletzt an den öffentlichen Diskussionen sehen, die geführt wurden, als herauskam, dass die Bundesrepublik Rüstungsgeschäfte mit Saudi Arabien, Indonesien und Katar plant – oder zumindest darüber nachdenkt. Alle drei Länder zeichnen sich bspw. nicht gerade durch die Achtung der Menschenrechte aus, vielmehr existiert de facto weder in Saudi-Arabien noch in Katar und Indonesien ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Artikel 19 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verkündet 1949 von der „Generalversammlung der Vereinten Nationen“ besagt aber eindeutig:

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Diese Umstände sind auch der Bundesregierung selbstverständlich nicht neu, als Handelspartner für Rüstungsgüter scheinen aber Länder, die das Recht auf Meinugsfreiheit ihrer Bürger massiv verletzen, prinzipiell in Frage zu kommen, obwohl dies eindeutig der oben benannten Präambel widerspricht.

In diesem Blogeintrag möchte ich kurz demonstrieren, wie Politiker mit solchen „Widersprüchen“ umgehen, wenn sie konkret danach gefragt werden. Politik funktioniert immer nur in Sprache, es wird verhandelt, debattiert, beraten und gestritten. Man möchte überzeugen, für sich werben, denn über Wählerstimmen legitimiert sich politische Macht, zumindest in einer demokratischen Staatsform. Daher verwundert es nicht, dass kommunikative Strategie immer eine Rolle spielt – sie muss aber auch immer vom Bürger unterstellt werden. Diese Strategien sind mit linguistischen Mitteln beschreibbar und auch kritisierbar – dies wäre dann politische Sprachkritik und die möchte ich hier einmal exemplarisch vorführen.

Auf der Homepage des Bundestags kann man die schriftlichen Fragen an die Bundesregierung und deren Antworten einsehen, im Folgenden beziehe ich mich auf die Drucksache 17/5422 aus dem Jahre 2011. Der Abgeordnete Jan van Aken, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion, fragte (Frage 56):

Wie begründet die Bundesregierung ihre Waffenexporte nach Saudi-Arabien in Bezug auf das Prinzip der Politischen Grundsätze der Bundesregierung, demzufolge der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungsland bei den Entscheidungen über Exporte von Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen wird, vor dem Hintergrund der Feststellung der letzten Menschenrechtsberichte der Bundesregierung, dass Frauen in Saudi-Arabien bislang wesentliche Menschenrechte vorenthalten werden?

Die schriftliche Antwort des parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Bernd Pfaffenbach ist relativ lang, aber vielleicht gerade deswegen auch interessant:

Die Leitlinien für die Genehmigungsbehörden bilden die „Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ vom 19. Januar 2000 und der „Gemeinsame Standpunkt 2008/944/GASP des Rates der Europäischen

Union vom 8. Dezember 2008 betreffend gemeinsame Regeln Drucksache 17/5422 – 38 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode für die Kontrolle der Ausfuhr von Militärtechnologie und Militärgütern“.

Nach diesem Gemeinsamen Standpunkt der EU verweigern Mitgliedstaaten eine Ausfuhrgenehmigung, wenn eindeutig das Risiko besteht, dass die Militärtechnologie oder die Militärgüter, die zur Ausfuhr bestimmt sind, zur internen Repression benutzt werden könnten. Die Mitgliedstaaten lassen besondere Vorsicht und Wachsamkeit bei der Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen in Länder walten, in denen von den zuständigen Gremien der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder des Europarates schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen festgestellt wurden.

In den „Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ aus dem Jahr 2000 ist bestimmt, dass Genehmigungen für Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern grundsätzlich nicht in Betracht kommen, wenn ein hinreichender Verdacht des Missbrauchs zur internen Repression oder zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen besteht.

Die Bundesregierung setzt sich im Rahmen ihrer bilateralen Beziehungen mit Saudi-Arabien für die Einhaltung von demokratischen Werten und Menschenrechten ein. Die Bundesregierung und die EU thematisieren Menschenrechtsfragen in Saudi-Arabien regelmäßig gegenüber der saudischen Regierung. Im März 2009 hat die EU mit Saudi-Arabien den Menschenrechtsdialog aufgenommen.

Was hier passiert, das ist recht eindeutig: Pfaffenbach antwortet zwar auf die Anfrage van Akens, den kritischen Kern, die Menschenrechtssituation von Frauen in Saudi-Arabien, lässt er aber völlig unbeachtet, er antwortet diesbezüglich irrelevant und nur scheinbar informativ. Obwohl in Saudi-Arabien die Menschenrechte der Frauen stark eingeschränkt sind – Pfaffenbach versucht erst gar nicht, dies zu bezweifeln – werden Waffengeschäfte geplant, dies ist ein klarer Verstoß gegen die angesprochenen Grundsätze. Anstatt dies zu rechtfertigen, erklärt Pfaffenbach die theoretischen Grundlagen des Entscheidungsfindungsprozesses, er gibt also mehr Informationen als nötig wären. Van Aken weiß über die „Gemeinsamen Standpunkte“ Bescheid, sie waren schließlich Teil seiner Frage. In Pfaffenbachs Antwort erscheint auch wieder das positiv besetzte Menschrechte, die – so kann man es also implizit verstehen – nicht so „schwerwiegend“ verletzt werden, als dass ein Waffengeschäft auszuschließen wäre. Das eigentliche Argument ist also keines, sondern nur eine Behauptung, die man wiederum mit Fakten unterfüttern müsste. Mal über die inhaltliche Brisanz hinweggesehen, formen diese beiden Punkte eine linguistisch und politisch interessante Argumentationsweise und Sprachstrategie.

Auch im Alltag ist es üblich, dass man auf Fragen auf den ersten Blick nicht relevant antwortet oder scheinbar zu viele Informationen gibt. Als Beispiel soll der folgende Dialog dienen:

Person A: „Kommst du heute Abend mit nach Köln?“

Person B: „Ich habe morgen ein Fußballspiel.“

Person B antwortet hier scheinbar nicht relevant bzw. gibt scheinbar zu viele Informationen. Mit sprachwissenschaftlichen Worten: B verletzt die Maximen der Relevanz und Quantität nach Grice. Dies wird A merken und A wird nun über einen Interpretationsgang versuchen, die Antwort von B einzuordnen. B möchte bspw. abends nicht nach Köln, weil er am nächsten Tag ein Fußballspiel hat, für das er fit sein möchte, um seine Mannschaft, den Trainer und sich selbst nicht zu enttäuschen. Diesen Vorgang bei Person A nennt man konversationelle Implikatur und er wird höchstwahrscheinlich funktionieren und zwar, weil A und B von der Hypermaxime ausgehen, dass beide Kommunikationspartner kooperativ handeln. Solche Handlungen sind im alltäglichen Umgang Standard.

Auch Pfaffenbach verletzt eindeutig die Maximen der Relevanz und Quantität, aber beachtet er auch die Hypermaxime? Will er wirklich kooperativ antworten? Ich denke nicht. Politische Strategien wie diese bezeichnet der Sprachwissenschaftler (und ehemaliges Bundestagsmitglied, 1972-1974, CDU) Prof. Dr. Josef Klein als „Kaschierstrategien“, sie sind mit sprachwissenschaftlichen Kategorien beschreibbar und in diesem Falle sicherlich auch kritisierbar und zu kritisieren: Auf eine wichtige Frage wird irrelevant geantwortet und es werden zu viele scheinbar relevante Informationen gegeben – eben nicht, um kooperativ zu sein, sondern um die Informationsdefizite der Antwort zu kaschieren. Zu diesem Ergebnis kommt man zwangsläufig, wenn man versucht, Pfaffenbachs Antwort als relevant zu lesen, also bei dem Versuch einer konversationellen Implikatur: Die Antwort lässt sich also vierfach kritisieren, aus der Sicht der Opposition, aus der Sicht der Regierung, aus der Sicht der Öffentlichkeit und auch aus linguistischer Sicht für die Öffentlichkeit.

Wenn ein Sprecher der Bundesregierung auf eine unangenehme Frage aus den Reihen der Opposition mit einer vergleichbaren Strategie reagiert, muss man nach dem Sinn dieses Handelns fragen. Mit den Worten von Hans Jürgen Heringer: „Wir sollten alle so klug sein, daß wir das politische Spiel verstehen und durchschauen; wir sollten alle so realistisch sein, daß wir Lügen und Täuschungen einbeziehen; aber wir sollten uns trotzdem empören.“ Die Linguistik kann dabei wissenschaftlich fundiert helfen, eine Möglichkeit wurde hier exemplarisch gezeigt.

Carsten Sostmeier, was hat denn Sie geritten?

Seit 2008 wird zurückgeritten“, so kommentierte gestern Carsten Sostmeier, der bei Fans des Reitsports längst Kultstatus erreicht hat, den Erfolg der Vielseitigkeitsreiter bei den Olympischen Spielen während einer Fernsehübertragung. Sostmeier hat sich mittlerweile für den Kommentar entschuldigt, der ARD Teamleiter hat ihn für den Ausspruch gerügt.

Das Problematische an diesem Kommentar ist klar: Hier spielt Sostmeier mit einem Zitat Adolf Hitlers, mit dem er den Angriff auf Polen am 1.9.1939 legitimiert hat: „Seit 5.45h wird zurückgeschossen“ – wohl eine der größten und verhängnisvollsten Lügen der deutschen Geschichte. In der Medienlandschaft ist Sostmeier für dieses Wortspiel getadelt worden (Zeit Online, Spiegel Online).

Eine aus linguistischer Sicht interessante Frage ist hier: Ist dieser Kommentar auch linguistisch begründet kritisierbar? Fakt ist, dass es sich bei einem Kommentar dieser Art um eine mündliche Äußerung handelt, die spontan gewesen sein könnte. Ob es sich bei eben diesem Wortspiel aber um eine spontane, kreative Äußerung handelt, darüber kann nur spekuliert werden. Es gibt in der deutschen Sprache durchaus Sprichwörter, Phraseologismen und Idiome, die aus dem Vokabular der Nazi-Zeit schöpfen. Auch die Tatsache, dass diese in Sportkommentaren von renommierten Sportreportern auftauchen, ist nicht neu. Katrin Müller-Hohenstein kommentierte bspw. das 2:0 von Miroslav Klose beim 4:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft über Australien (WM 2010) damit, dass dies ein „innerer Reichsparteitag“ für den glücklichen Klose sein müsse. Diese Redewendung ist immerhin im Duden Band 11 verzeichnet, aber als veraltet. Auch Müller-Hohenstein wurde für ihren Ausspruch getadelt, aber sie hat sich eines existierenden Sprichwortes bedient. Ob es sinnvoll ist, dieses Sprichwort bei einem Länderspiel zu benutzen, das ist aber mindestens diskutierbar, eben auch, weil es nicht mehr sehr bekannt ist und dadurch nicht immer als Sprichwort erkennbar ist. Bei Sostmeiers freudigem Ausspruch sieht es aber anders aus: Hier handelt es sich nicht um eine Redewendung, sondern um ein Wortspiel, dass direkt auf den Satz Hitlers und dessen Kontext verweist – eine übergeordnete Bedeutung, wie es bei Müller-Hohensteins Kommentar der Fall ist, ergibt sich erst einmal nicht.

In der Linguistik ist es ein Topos, dass Sprache im Gebrauch immer an Kontexte gebunden ist. Es gibt aber bestimmte Wörter, Sätze oder Sprachmuster, die nach den konkreten Äußerungssituationen an die „alten“ Kontexte erst einmal gebunden bleiben können, dies ist vor allem im Zusammenhang von Sprache und Politik nicht selten der Fall, man denke bspw. an: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Es ist aber natürlich nicht so, dass Kontext und Aussage dann für immer aneinander gebunden sind, über die Zeit kann sich der Sprachgebrauch auch wieder ändern und bestimmte Konnotationen können wieder abgelegt werden. Wenn sich aber Mitglieder einer Sprachgemeinschaft über einen Ausdruck wundern oder ihr Ärgernis über diesen zum Ausdruck bringen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass dies eben noch nicht geschehen ist.

Vor dem Hintergrund, dass es sicherlich 1000 andere Formulierungen für Sostmeier gegeben hätte, seiner Freude Ausdruck zu verleihen, und dass seine Aussage direkt auf Hitlers Satz und dessen Kontext verweist sowie weder der Situation noch dem Adressatenkreis oder der Textsorte angemessen war, ist sie linguistisch kritisierbar und sollten auch kritisiert werden. Die Kommentare unter dem verlinkten Youtube-Video gehen in über 80 Prozent der Fälle in eine in meinen Augen bedenkliche Richtung: Es sei ein „Witz“, man solle sich nicht anstellen und es gäbe Schlimmeres. Gerade was Anleihen am Sprachgebrauch der Nationalsozialisten – und vor allem Adolf Hitlers – angeht, darf die Linguistik nicht müde werden, dazu kritisch Stellung zu beziehen. Es geht dann nicht darum, Herrn Sostmeier zu verunglimpfen, sondern darum, zu erläutern, warum es eben nicht „witzig“ ist. Ergebnis einer solchen Kritik wäre dann eine Ermahnung zu einer größeren (kritischen) Sprachreflexion – vor allem des eigenen Sprachgebrauchs. Wenn man sich die Frage nach der Funktion eines Sportkommentars beantwortet, kommt man zu dem Schluss, dass Sostmeier diesen schlichtweg – in diesem kleinen Ausspruch – verfehlt hat. Ihm eine absichtliche Referenz zu Hitlers Wortlaut und der Situation zu unterstellen, das ist sicherlich stark übertrieben. Dieser Bezug wäre auch einfach sinnlos. Dass es aber ausgerechnet eben „die Franzosen, die Britten, die Amerikaner“ sind, gegen die „zurückgeritten“ wird, zeugt zumindest in diesem Ausspruch von wenig Wortgefühl und Geschichtsbewusstsein.

Treffend bemerkt

Kürzlich im Zug saß ich einer Mutter mit einer etwa vierjährigen Tochter gegenüber.

Die Tochter: „Mami, ich muss mal.“ – Die Mutter: „Ja, dann geh doch.“ – Die Tochter: „Aber du sollst mitgehn.“ – Die Mutter: „Nein, du siehst doch, ich lese jetzt. Du kannst doch allein gehen: Du bist doch schon groß.“ – Die Tochter: „Aber ich weiß nicht, wo das ist.“ – Die Mutter: „Du gehst den Gang entlang, und bevor du in den nächsten Wagen kommst, ist links eine Tür mit dem Toilettenschild dran.“

Die Tochter (schmollt einen Augenblick, dass die Mutter nicht mitgehen will, macht sich dann aber allein auf den Weg – und kommt schon nach kurzer Zeit wieder): „Mami, da wo du gesagt hast, ist eine Tür; aber die hat Menschenverbot. Männer und Frauen dürfen da nicht rein.“