Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den „Niedergang der deutschen Sprache“ zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Mit „unserer Sprache“ meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau „unser“, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob „die deutsche Sprache“ verfällt, es wird plump vorausgesetzt, „Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst“ – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: „Business-Englisch“ (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie „deutsche Sprache“.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein „Linguistik-Experte“ (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er „Relevanz“ ab, erkennt „Verblödung“ und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was „die deutsche Sprache“ aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die „eingedeutschte“ Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an „Sprache und ihrer Entwicklung an sich“ steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht „die deutsche Sprache“ verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

Sei authentisch! Ein Ratgeber für politische Kommunikation

Ratgeberliteratur ist sehr beliebt und das nicht ohne Grund. Sie wird als Problemlösehilfe zu Rate gezogen, zu den vielfältigsten Themen. Ob Ehe, Tierhaltung, Energiesparen – die Regale der Buchhandlungen sind gut mit entsprechenden Ratgebern gefüllt. Linguistisch sind Ratgeber aus zwei Gründen interessant. Zum einen kann man untersuchen, mittels welcher sprachlichen Strategien dort versucht wird, Wissen bzw. Problemlösungen zu vermitteln. Zum anderen – und diesen Bereich finde ich persönlich interessanter – gibt es viele Ratgeber, die sich auf verschiedenen Ebenen mit Sprache befassen: Bewerbungsratgeber, Stilratgeber, Briefsteller, Redetrainings etc. Oftmals werden dort intuitiv nachvollziehbare Ratschläge gegeben, die aber auch an Trivialität nicht zu überbieten sind. Zudem verursachen manche Ratschläge mehr Fragen, als sie beantworten, da sich die Ratschläge teilweise widersprechen. Oder die Ratschläge sind so vage, dass sie schlichtweg nicht das zu lösende Problem lösen, sondern auf die tiefer liegenden Probleme aufmerksam machen. Dass die Ausführungen aus linguistischer Sicht oft Humbug am Rande des Hokuspokus sind, muss wohl eigentlich nicht erwähnt werden. Ein Beispiel? Social Media. Leitfaden 2013. Soziale Medien in der politischen Kommunikation von Peter Tauber (MdB/CDU, Selbstverlag).

Ein spannendes und hoch relevantes Thema, vor allem im Wahljahr 2013. Sprach-, medien- und kommunikationswissenschaftlich lässt sich zum Thema auch eine ganze Menge sagen. Zugegeben: Meine Erwartungen waren hoch, da Peter Tauber auch Germanistik studiert hat. Das Bild und die Thematisierungen von Sprache lassen dies aber leider selten erkennen. Als „Werkzeug“ (S. 7) erkennt Tauber Sprache zwar, widmet ihr allerdings in einem separaten Kapitel ganze 7 Zeilen und die erscheinen in Schneider´scher Manier:

Sprich (bzw. schreibe) so, dass die Zielgruppe es auch versteht. Einfache Sätze, eindeutige Formulierungen und Vermeidung von Fremdwörtern sind wichtig für klare Botschaften, die in appetitlichen Häppchen verpackt effektiver sind als aneinander gewurstelte Bandwurmsätze oder Amts- und Juristendeutsch. (S. 17)

Wie schon erwähnt, dies ist auf den ersten Blick plausibel. Aber würde dies nicht auch auf ein Kochrezept, eine Bastelanleitung oder eine Gebrauchsanweisung zutreffen? Was ist ein „einfacher Satz“? Ist hier bspw. die semantische Ebene oder die syntaktische Ebene gemeint? Ab wann ist ein Satz ein Bandwurm und wann ist dieser appetitlich? Was ist denn nun ein Fremdwort? Ist Fraktion ein Fremdwort und sollte deswegen von Politikern im Netz nicht benutzt werden? Und die Königsfrage: Wer oder was ist denn die Zielgruppe eines Politikers im Netz? Und wie versteht diese was am besten? Wenn Politiker sprechen oder schreiben, soll die Zielgruppe denn dann wirklich alles verstehen? Was soll Sie genau verstehen? Die Intention des Textes? Die bloße Botschaft? Fragen über Fragen, die sich aus diesen zwei Sätzen ergeben, die vielleicht gar nicht gestellt worden wären.

Der wichtigste Ratschlag wird übrigens mehrfach wiederholt (S. 12, 16, 22): „Sei authentisch!“ Dazu möchte ich gar nicht so viel sagen. Auch dieser Ratschlag eröffnet mehr Fragen, als tatsächlich beantwortet werden, und zwar allgemeiner und linguistischer Natur: Wie ist man denn authentisch? Wie merkt man, dass man gerade nicht authentisch ist und auf welchen Ebenen kann man sprachlich authentisch oder nicht authentisch sein? Und wie stellt dies alles die Zielgruppe fest? Jetzt bitte alle mal recht authentisch! Hier spricht Peter Tauber das wohl größte Problem (deutscher) Politiker an – Glaubwürdigkeit. Dieses Problem hat sehr, sehr viel mit Sprache und dem Sprachgebrauch von Politikern zu tun. Tauber löst das Problem: Man muss halt einfach glaubwürdig sein!

Am meisten musste ich mich aber die Darstellung der konkreten Kommunikationssituation in diesem Ratgeber wundern:

Über Soziale Medien [gemeint sind hier vor allem Twitter und Facebook, F.S.] können die Menschen direkt und ohne Filter mit den Abgeordneten bzw. Kandidaten kommunizieren. (S. 3, 6, 23)

Was ist hier mit Filter gemeint? Ich bin mir nicht sicher. Viel wichtiger aber ist, dass hier etwas behauptet wird, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es auch Politiker, meinetwegen auch Tauber selbst, gibt, die ihre Seiten selbst betreuen. In der Regel arbeitet aber im Hintergrund ein ganzes Team. Die Diskussionen um die Facebook- und Twitter-Profile von Peer Steinbrück und Cem Özdemir belegen dies eindrucksvoll. Ist so etwas, was auch immer genau damit gemeint ist, ungefiltert? Ich gebe Peter Tauber Recht: Menschen könn(t)en (!) mit Abgeordneten via Facebook kommunizieren, die Plattform lässt es potenziell zu, aber entspricht dieses Szenario auch der Realität? Der Autor hat hier die Antwort parat und widerspricht sich vehement selbst:

Die „Facebook Page“ hat den unschlagbaren Vorteil, dass sie von mehreren Administratoren (auch mit verschiedenen Berechtigungsebenen) betreut werden kann“ (S. 7) und „die ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer werden zu Übermittlern der Botschaft. (S. 10)

Sei authentisch!

Der Ratgeber von Herrn Tauber erscheint intuitiv durchaus sinnvoll, so soll man nur nüchtern Botschaften verschicken und Kommentare schreiben (vgl. S. 18, 22).  Einer intensiveren Auseinandersetzung kann er aber kaum standhalten. Die Widersprüche und vagen Phrasen sind zu offenkundig, auch wissenschaftlich gesehen gibt es zu viele Ungereimtheiten. Am kritischsten sehe ich aber einen Textsortenfehler: Ein Ratgeber oder Leitfaden sollte helfen, Probleme zu lösen, das sollte seine primäre Funktion sein. Hier werden aber eher Fragen aufgeworfen, die dann nicht beantwortet werden (können), wenn man kurz über die gegebenen Ratschläge nachdenkt. Schade.

Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

Wenn dem Linguisten die Hutschnur platzt

In der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten, des vierteljährlich erscheinenden Publikationsorgans des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS), beschäftigt sich Gerhard Illgner auf den Seiten 14 und 15 mit dem Verhältnis von Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Die (aus unserer Sicht nur schwer nachvollziehbare) Hauptaussage des kurzen Textes ist, dass die letztgenannte angeblich erstere sträflich „missacht[e]“ (14, Sp.1). Allein aufgrund dieser Behauptung ist die Abhandlung Illgners einen längeren Kommentar wert:

Illgner beginnt mit der Einführung eines wissenschaftstheoretischen Topos. Über Sokrates zu Popper führt er den Begriff der Falsifikation ein, der besagt, „dass es grundsätzlich möglich ist, empirisch-wissenschaftliche Theorien zu widerlegen“ (14, Sp. 1). Von diesem Gedanken ausgehend, versucht Illgner zu begründen, dass die Sprachwissenschaft ihre eigenen Theorien widerlegen müsse. Hierfür nennt er vor allem zwei Gründe: Erstens, dass die Sprachwissenschaft nicht dazu bereit sei, „aus ihrer stolzen Hochburg herabzusteigen“, und zweitens, dass die Fachleute darauf „beharren […] das Deutsche nur deskriptiv beschreibend […] zu erforschen“ (14, Sp. 2). Daraus resultiert dann nach Illgner die Missachtung der „zahlreichen Sprachkritiker, die sich seit Jahrzehnten vor allem gegen die Anglisierung des Deutschen öffentlich zu Wort melden und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnten“ (14, Sp.2-3). Der letzte Satz ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

A) Seit etwa Mitte der 90er Jahre reflektiert die germanistische Sprachwissenschaft ihr Verhältnis zur sprachinteressierten Öffentlichkeit stark. Zahlreiche Tagungen und Publikationen zeugen davon.  Willy Sanders publizierte zum Beispiel 1992 (1997 wurde die zweite Auflage veröffentlicht; 2011 kam die dritte Auflage – allerdings unter neuem Titel, ansonsten unverändert – heraus)  bereits das viel beachtete Buch „Sprachkritikastereien und was der ‚Fachler‘ dazu sagt“. Zudem gab es 1997 die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) mit dem Thema „Sprache – Sprachwissenschaft – Öffentlichkeit“. Die nächste Jahrestagung des IDS betrifft übrigens auch dieses Thema: „Sprachverfall? Dynamik – Wandel – Variation“. In Aachen fand in diesem Jahr die Tagung „Einmal Elfenbeinturm und zurück – Das schwierige Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik“ statt. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele für Symposien oder auch Podiumsdiskussionen anführen, die in den letzten Jahren seitens der Sprachwissenschaft zu den Themen ‚Sprachverfall‘ oder ‚öffentliche Sprachwahrnehmung‘ veranstaltet worden sind. Der eigentliche Kern steckt aber im zweiten Teil von Illgners Zitat:

B) „…und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnte“. Hier gilt es doch, zu fragen, warum das so ist – oder nicht? Die Antwort liefert Illgner unfreiwillig dann im Folgenden selbst.

Illgners Argumente sind aus linguistischer und wissenschaftstheoretischer Sicht aus verschiedenen Gründen schlichtweg nicht haltbar.

Punkt 1) Innerhalb der Zeitung ist der Artikel dem Bereich „Denglisch“ zugeordnet, deswegen nimmt es kaum wunder, dass es in Illgners Beitrag hauptsächlich um Anglizismen geht. In seinem ersten Beispiel versucht Illgner zu zeigen, dass das Deutsche früher „verdeutscht“ hat (14, Sp. 4) – was auch immer er damit genau meint: Aus lat. murus wurde das heutige Mauer und aus lat. tegula wurde Ziegel. Mit Dieter E. Zimmer kommt dann Illgner zum Schluss: „Die Kraft der Anverwandlung hat das Deutsche weitgehend verloren“ (ebd.). Die Gegenbeispiele sind dann u.a. abcashen und Wellness. Was vergleicht denn Illgner hier miteinander? Murus wurde im Altgermanischen aus dem Lateinischen entlehnt, im Althochdeutschen heißt es dann mūra. Auch die Entlehnung von tegula ist nicht viel jünger. Auf der anderen Seite stehen zwei Begriffe die im Verhältnis zu tegula und murus nun wirklich sehr, sehr jung sind. Außerdem sind die Umstände der Entlehnung völlig andere. Zudem gibt es mit Keks und Tank wunderbare Gegenbeispiele: In ihrer Schreibung sind sie ins Deutsche integriert, sie werden mit deutscher Lautung gesprochen und die Flexion ist kein Problem: der Keks, des Keks, den Keksen, der Tank, des Tanks, tanken, tankte, getankt, Tanker, Tankschiff usw. Wer kann schon sagen, wie die Formen von Wellness oder abcashen in 1200 Jahren aussehen werden? Niemand; die Voraussetzungen für Prognosen dieser Art sind zu komplex und nicht voraussehbar.

Punkt 2) Illgner behauptet, dass es durch Anglizismen zu Orthographieproblemen käme, außerdem „wagen [Sprachwissenschaftler, F.S.] zu behaupten, dass Anglizismen bereichern, weil sie sich von heimischen, also indigenen Wörtern ein wenig unterscheiden“ (15, Sp. 2). Was die Orthographie betrifft, sei auf Punkt 1 (s.o.) verwiesen. Was Illgners These der Unterscheidung betrifft, nehme ich sein Beispiel Wellness. Im Anglizismen-Index schlägt der VDS Wohlgefühl, Erholung als indigen deutsche (und damit angeblich bessere) Wörter vor. Im Kompositum Wellness-Hotel oder Wellness-Bereich würden nur noch Erholungs-Hotel oder Erholungs-Bereich gerade so funktionieren. Sind aber Wellness und Erholung tatsächlich so bedeutungsähnlich, dass Wellness ruhig wieder aus dem Lexikon getilgt werden könnte? Wer in einen Erholungsurlaub fahren möchte, um zwei Wochen am Pool zu entspannen, und dann ein Wellnesshotel bucht, sollte sich nicht wundern, wenn er mit Gesundheitsratschlägen, Sportprogrammen und Ernährungskuren konfrontiert wird. Linguistisch gesprochen: Wellness und Erholung teilen sich zwar bestimmte Seme, aber eben nicht alle.

Punkt 3) Illgner wirft der Sprachwissenschaft vor: „Um die schwierige Verständigung innerhalb des deutschen Sprachgebiets zu rechtfertigen, stellen Linguisten die Standardsprache, das Hochdeutsche, infrage.“ (15, Sp. 2). Was Illgner hier wohl meint, ist die linguistische Einteilung in verschiedene Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Dies alles wirft er aber undifferenziert in einen Topf: „Behördendeutsch, Fachsprachen, Jugendsprache, Medien-, Umgangs- und Kiezdeutsch. Somit werde uns innerhalb des Deutschen eine Mehrsprachigkeit zugemutet.“ – Wer „uns“ hier etwas „zumutet“ wird nicht so ganz klar – weil es gar nicht klar ist. Was aber klar ist: Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen ist ein im Sinne Poppers empirisch erforschbares Faktum, eine Falsifikation ist zwar theoretisch möglich (mehr fordert Popper auch nicht; das weiß aber Illgner wohl nicht), aber jegliche Studien bestätigen die Existenz einer inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen, abhängig eben von Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Ganz davon abgesehen bestreitet man ja durch den Verweis auf die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen nicht, dass es auch einen Standard gibt; im Gegenteil: Einen Standard gibt es nur, wenn es eben auch Abweichungen gibt.

Punkt 4) Illgner zeigt sich mit Verweis auf unseren geschätzten Kollegen Jürgen Spitzmüller (Wir sind uns sicher, dass Herrn Spitzmüller der Verweis auf ihn nicht unbedingt gefallen wird.) gegen Ende seiner Ausführungen etwas zuversichtlich gestimmt: „Es scheint, als wollen die Fachleute die Spracheinstellungen der Normalbürger wenigstens zur Kenntnis nehmen“ (15, Sp. 3). Ich traue mich kaum zu fragen: Wer sind denn die „Normalbürger“ und welche Einstellungen vertreten diese? Dass die Sprachwissenschaft sich nicht für die Spracheinstellungen der „Normalbürger“ interessiert, ist übrigens schlichtweg falsch (siehe Hinweis A). Was aber eher stimmen mag, ist die Feststellung, dass die Sprachwissenschaft nicht die Antworten gibt, die den „Normalbürgern“ im Sinne Illgners gefallen. Das liegt zwar zum einen am deskriptiven Vorgehen der Sprachwissenschaft, aber vor allem auch daran, dass sich bspw. Illgner nicht für Anglizismen an sich interessiert, sondern schon von der Annahme einer Verdrängung ausgeht. Ein solches Vorgehen mit derart offensichtlich verinnerlichtem Interesse könnte nicht Grundlage einer sprachwissenschaftlichen Thematisierung sein, selbst wenn sie potentiell wertend wäre. Die Wertung kann am Ende einer Thematisierung stehen, aber nicht die Motivation der Erhebung sein.

Punkt 5) Illgner bezieht sich zu Beginn auf Popper und den Begriff der Falsifikation. Dabei geht es darum, dass Theorien, Methoden oder Thesen widerlegt werden können, die bare Möglichkeit einer Falsifikation sogar Teil einer Theorie, Methode oder These sein sollte – die Überprüfung geschieht dann über empirische Erhebungen. Illgner scheint (14, Sp.1) zu meinen, dass die deskriptive Ausrichtung der Sprachwissenschaft falsifiziert werden müsste. Das wäre aber kaum eine Falsifikation im Sinne Poppers – wie sollte dies denn empirisch überprüfbar sein?

Zusammenfassung: Es ist selbst für Linguisten, die sich aufrichtig für die Interessen der Öffentlichkeit interessieren und Wege suchen, Sprachkritik linguistisch zu fundieren, schwierig, bei einem solchen Artikel wie dem von Herrn Illgner ruhig und sachlich zu bleiben. Wenn jegliche Anstrengungen der Linguistik, auf die Einstellungen und Bedürfnisse der Sprachinteressieren einzugehen, nicht wahrgenommen werden, ist das doch ernüchternd. Eines scheint uns aber sicher: Solange es Artikel wie den von Illgner weiterhin gibt, kann sich die Sprachwissenschaft an diesen auch wertend betätigen – auch wenn diese Art der Wertung dem VDS und Illgner nicht gefällt, sie basiert nämlich auf sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht auf hintergründigen Motivationen.

Bastian Sicks Sprachkritik erreicht eine neue Dimension!

Im neuesten Beitrag in seiner Kolumne präsentiert Sick seiner Leserschaft seinen neuesten Sprachskandal: „Einbruch sinnlos, es befindet sich kein Geld in der Kasse“ – so prangte es „kürzlich im Schaufenster eines Geschäftes“.

An vermeintlichen Fehlern dieser Art meint dann Bastian Sick auch den Sprachverfall wieder einmal ausmachen zu können, schließlich habe er früher Fehler „noch wirklich suchen [müssen]. Heute braucht man sie nicht mehr zu suchen, man wird von ihnen förmlich überrannt.“ Fehler? Wo steckt denn in diesem Aushang der Fehler? Bastian Sick meint hier einen Fehler in der impliziten Bedeutung des Wortes „sinnlos“ innerhalb des kritisierten Aushangs erkennen zu können. Die Argumentation ist, dass der Einbruch also durchaus sinnvoll sein könnte, falls noch Geld in der Kasse und den Automaten wäre – dies kann Bastian Sick so aber nicht hinnehmen. Ab diesem Punkt tritt dann Sick nicht mehr nur als Anwalt der deutschen Sprache auf, sondern auch als Experte und Anwalt „im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten“. Die Unterstellung von Sinn im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten ist für Sick also ein sprachlicher Fehler, da Sinn stets positiv konnotiert sei. Man kann darüber streiten, ob man nicht eine andere Formulierung hätte wählen können – Sick schlägt zwecklos vor – aber ein sprachlicher Fehler liegt hier sicherlich nicht vor. Hier irrt Sick wieder, wie auch schon 2003, als er meinte, dass etwas keinen „Sinn machen“ könne (vgl. hier kritisch J.G. Schneider 2005: Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2, 154-177, als PDF dort verfügbar).

Die Probleme, die sich aus linguistischer Sicht hier ergeben, sind die bei Sick altbekannten: 1.) Er schließt von einzelnen vermeintlichen Fehlern auf einen fortschreitenden Sprachverfall, indem er die Fehler absolut setzt. 2.) Er verkennt die Funktion des Aushangs, vergisst also die Textsortendifferenzierung. 3.) Dieser Aushang ist kein juristischer Text und das Wort sinnlos kein juristischer Fachbegriff, aber so argumentiert er: „Demnach müssten die Diebe, die vor wenigen Tagen aus der Kunsthalle in Rotterdam sieben Gemälde gestohlen haben, von jedem Richter sofort freigesprochen werden, denn ihre Tat war über die Maße sinnvoll, zumal jedes der entwendeten Werke einen Schätzwert von mehreren Millionen Euro hat.“ – Dazu spare ich mir hier hämische Kommentare und füge nur an, dass Sick hier auch nicht zwischen unterschiedlichen Domänen unterscheidet. Was übrig bleibt, ist die Feststellung, dass „Sinn und Zweck […] oft Hand in Hand [gehen], […] aber nicht gleichbedeutend sind“ – Sinn oder Zweck der Erkenntnis? Ich bin mir nicht sicher. Was man aber sieht, ist Folgendes: Viel alter Wein in noch älteren Schläuchen. Gepaart mit einer Ausnahme, denn ab sofort existiert auch eine kriminalethische Ausprägung in Sicks Sprachkritik, die in ihren Ausgangspunkten aber scheitern muss, will sie einer reflektierten, wissenschaftlichen Sprachthematisierung  gerecht werden. Es muss bei Sick also bei der alten Wortklauberei bleiben.

Fazit: Kritik an Sicks Sprachkritik ist anscheinend weiterhin sinnvoll, aber leider zwecklos – oder umgekehrt?

Gutes Deutsch so ganz nebenbei? Eine allzu kurze Stilkunde in ‚ZEIT Wissen‘

Durch Zufall bin ich über einen sehr kurzen Artikel in der aktuellen Ausgabe des Magazins ZEIT Wissen (S.24) gestolpert. Besser schreiben verspricht der Verfasser in der Überschrift, die aufgeworfene Kategorie wird Stilkunde genannt; im Inhaltsverzeichnis des Heftes werden „[e]infache Tipps, wie jeder seinen Schreibstil verbessern kann“, angekündigt. Das Interesse ist schnell geweckt, denn sich in Sachen Sprachstil zu verbessern, kann schließlich nicht die schlechteste Idee sein. Unverkennbar ist jedoch auf den ersten Blick: Bei dem abgedruckten Text handelt es sich lediglich um eine Art Instant-Stilfibel für die Kaffeepause – wobei man während der Lektüre der vier übersichtlichen Spalten kaum mehr als einen Espresso wird runterkippen können. Nicht einmal eine halbe Seite Text wird der Leserschaft zugemutet, damit sie dem versprochenen guten Stil ein Stückchen näher kommen darf! Zugegeben, es wäre ja praktisch, wenn das klappen könnte: Am koffeinhaltigen Heißgetränk nippen und so ganz nebenbei den Schreibstil optimieren; für Menschen mit chronischem Zeitmangel ist das sicher eine verlockende Vorstellung. Allerdings sind Zweifel angebracht: Kann es tatsächlich funktionieren, auf minimalem Raum plausible Tipps, geschweige denn eine vernünftige Anleitung zum besseren Schreiben zu geben? Natürlich nicht, lautet das Fazit nach der Espresso-Lektüre – doch liegt diese Ernüchterung nicht allein in der Kürze des Textes begründet:

Die Patentrezepte, die der Leserin bzw. dem Leser hier aufgetischt werden, sind nicht nur knapp gehalten, sondern auch alles andere als neu. Dies gibt der Verfasser auch unmittelbar zu; Quelle der Stilweisheiten ist einmal mehr Wolf Schneider. Die Leser der zahlreichen Sprachratgeber Schneiders kennen daher die aufgeführten Regeln (Vermeide Adjektive! Sei präzise! etc.) zur Genüge. Und auch die Abonnenten der ZEIT sind im Bilde: Vor wenigen Monaten hat Schneider für die renommierte Wochenzeitung eine Sonderbeilage geschrieben, in der 20 Lektionen schnelle Abhilfe in Stilfragen versprechen und den Weg zum besseren Deutsch weisen sollen. Insgesamt scheint der Artikel in ZEIT Wissen in erster Linie eine Werbeanzeige für Schneiders Bücher zu sein; tatsächlich wird nicht nur im Text, sondern auch zwei Seiten später Schneiders Deutsch fürs Leben als Lektüretipp zum Thema ‚Sprache‘ aufgeführt.

Dabei lohnt es sich kaum, auf die allzu pauschalen, kontextfreien und kaum praktikablen Tipps, die hier gegeben werden, im Einzelnen einzugehen. Bedenklich sind jedoch zwei Dinge: Erstens erhält die Mini-Stilkunde in ZEIT Wissen einen quasi-wissenschaftlichen Anstrich, da sie in einem populärwissenschaftlichen Magazin veröffentlicht und einem (durchaus gelungenen) Text über Sprache und Kognition zur Seite gestellt worden ist. Doch wird hier mit Schneider ein Autor als vermeintlicher Sprachexperte zitiert, dessen Texte sich eindeutig nicht mit den Einsichten der Sprachwissenschaft in Einklang bringen lassen. Zweitens tappt der Verfasser der Espresso-Stilkunde normativen Sprachratgebern à la Schneider in die Falle, wenn er ihre Auffassung übernimmt, dass man lediglich einfachen Allround-Regeln folgen müsse, um besser schreiben zu können.

Gehen wir wenigstens auf diesen letzten Punkt kurz ein. In einer sehr lesenswerten DUDEN-Stilfibel von Ulrich Püschel aus dem Jahr 2000 findet man den folgenden entscheidenden Satz: „Sich um gutes Deutsch zu bemühen, heißt, Formulierungsalternativen auszuprobieren.“ (S.25) Das bedeutet letztlich, dass jeglicher Versuch, gutes Deutsch auf starre Regeln oder immer gültige Patenrezepte zurückführen zu wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sein muss. Die Entscheidung für oder wider eine Formulierung kann man sich im konkreten Einzelfall (leider) nicht durch den Rückgriff auf irgendwelche Pauschalregeln abnehmen lassen, auch wenn dies in populären Sprach- und Stilratgebern immer wieder aufs Neue suggeriert wird. Die Aufgabe eines Ratgebers in Sachen Sprache und Stil kann es daher eigentlich nur sein, mögliche Alternativen aufzuzeigen, für Angemessenheit etwa im Umgang mit unterschiedlichen Textsorten zu sensibilisieren – und so letzten Endes ein Bewusstsein für die Möglichkeiten der Sprache zu fördern. Hier liegt ein Knackpunkt, den mutmaßliche Sprach- und Stilpäpste, die stets nach denselben normativen Mustern verfahren, bis dato nicht sehen wollen.

Carsten Sostmeier, was hat denn Sie geritten?

Seit 2008 wird zurückgeritten“, so kommentierte gestern Carsten Sostmeier, der bei Fans des Reitsports längst Kultstatus erreicht hat, den Erfolg der Vielseitigkeitsreiter bei den Olympischen Spielen während einer Fernsehübertragung. Sostmeier hat sich mittlerweile für den Kommentar entschuldigt, der ARD Teamleiter hat ihn für den Ausspruch gerügt.

Das Problematische an diesem Kommentar ist klar: Hier spielt Sostmeier mit einem Zitat Adolf Hitlers, mit dem er den Angriff auf Polen am 1.9.1939 legitimiert hat: „Seit 5.45h wird zurückgeschossen“ – wohl eine der größten und verhängnisvollsten Lügen der deutschen Geschichte. In der Medienlandschaft ist Sostmeier für dieses Wortspiel getadelt worden (Zeit Online, Spiegel Online).

Eine aus linguistischer Sicht interessante Frage ist hier: Ist dieser Kommentar auch linguistisch begründet kritisierbar? Fakt ist, dass es sich bei einem Kommentar dieser Art um eine mündliche Äußerung handelt, die spontan gewesen sein könnte. Ob es sich bei eben diesem Wortspiel aber um eine spontane, kreative Äußerung handelt, darüber kann nur spekuliert werden. Es gibt in der deutschen Sprache durchaus Sprichwörter, Phraseologismen und Idiome, die aus dem Vokabular der Nazi-Zeit schöpfen. Auch die Tatsache, dass diese in Sportkommentaren von renommierten Sportreportern auftauchen, ist nicht neu. Katrin Müller-Hohenstein kommentierte bspw. das 2:0 von Miroslav Klose beim 4:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft über Australien (WM 2010) damit, dass dies ein „innerer Reichsparteitag“ für den glücklichen Klose sein müsse. Diese Redewendung ist immerhin im Duden Band 11 verzeichnet, aber als veraltet. Auch Müller-Hohenstein wurde für ihren Ausspruch getadelt, aber sie hat sich eines existierenden Sprichwortes bedient. Ob es sinnvoll ist, dieses Sprichwort bei einem Länderspiel zu benutzen, das ist aber mindestens diskutierbar, eben auch, weil es nicht mehr sehr bekannt ist und dadurch nicht immer als Sprichwort erkennbar ist. Bei Sostmeiers freudigem Ausspruch sieht es aber anders aus: Hier handelt es sich nicht um eine Redewendung, sondern um ein Wortspiel, dass direkt auf den Satz Hitlers und dessen Kontext verweist – eine übergeordnete Bedeutung, wie es bei Müller-Hohensteins Kommentar der Fall ist, ergibt sich erst einmal nicht.

In der Linguistik ist es ein Topos, dass Sprache im Gebrauch immer an Kontexte gebunden ist. Es gibt aber bestimmte Wörter, Sätze oder Sprachmuster, die nach den konkreten Äußerungssituationen an die „alten“ Kontexte erst einmal gebunden bleiben können, dies ist vor allem im Zusammenhang von Sprache und Politik nicht selten der Fall, man denke bspw. an: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Es ist aber natürlich nicht so, dass Kontext und Aussage dann für immer aneinander gebunden sind, über die Zeit kann sich der Sprachgebrauch auch wieder ändern und bestimmte Konnotationen können wieder abgelegt werden. Wenn sich aber Mitglieder einer Sprachgemeinschaft über einen Ausdruck wundern oder ihr Ärgernis über diesen zum Ausdruck bringen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass dies eben noch nicht geschehen ist.

Vor dem Hintergrund, dass es sicherlich 1000 andere Formulierungen für Sostmeier gegeben hätte, seiner Freude Ausdruck zu verleihen, und dass seine Aussage direkt auf Hitlers Satz und dessen Kontext verweist sowie weder der Situation noch dem Adressatenkreis oder der Textsorte angemessen war, ist sie linguistisch kritisierbar und sollten auch kritisiert werden. Die Kommentare unter dem verlinkten Youtube-Video gehen in über 80 Prozent der Fälle in eine in meinen Augen bedenkliche Richtung: Es sei ein „Witz“, man solle sich nicht anstellen und es gäbe Schlimmeres. Gerade was Anleihen am Sprachgebrauch der Nationalsozialisten – und vor allem Adolf Hitlers – angeht, darf die Linguistik nicht müde werden, dazu kritisch Stellung zu beziehen. Es geht dann nicht darum, Herrn Sostmeier zu verunglimpfen, sondern darum, zu erläutern, warum es eben nicht „witzig“ ist. Ergebnis einer solchen Kritik wäre dann eine Ermahnung zu einer größeren (kritischen) Sprachreflexion – vor allem des eigenen Sprachgebrauchs. Wenn man sich die Frage nach der Funktion eines Sportkommentars beantwortet, kommt man zu dem Schluss, dass Sostmeier diesen schlichtweg – in diesem kleinen Ausspruch – verfehlt hat. Ihm eine absichtliche Referenz zu Hitlers Wortlaut und der Situation zu unterstellen, das ist sicherlich stark übertrieben. Dieser Bezug wäre auch einfach sinnlos. Dass es aber ausgerechnet eben „die Franzosen, die Britten, die Amerikaner“ sind, gegen die „zurückgeritten“ wird, zeugt zumindest in diesem Ausspruch von wenig Wortgefühl und Geschichtsbewusstsein.