Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den „Niedergang der deutschen Sprache“ zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Mit „unserer Sprache“ meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau „unser“, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob „die deutsche Sprache“ verfällt, es wird plump vorausgesetzt, „Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst“ – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: „Business-Englisch“ (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie „deutsche Sprache“.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein „Linguistik-Experte“ (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er „Relevanz“ ab, erkennt „Verblödung“ und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was „die deutsche Sprache“ aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die „eingedeutschte“ Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an „Sprache und ihrer Entwicklung an sich“ steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht „die deutsche Sprache“ verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

Kurzmitteilung

Alternativen zum Elfenbeinturm
Die Linguistik will stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken

Von Jochen A. Bär und Thomas Niehr

Seit ihrer Begründung vor 200 Jahren sieht sich die Sprachwissenschaft in einem problematischen Verhältnis zur Sprachkritik – und umgekehrt. Obwohl beide die Sprache zu ihrem Gegenstand haben, waren sie zumeist eher auf Abgrenzung denn auf das Finden von Gemeinsamkeiten bedacht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Konflikt zwischen einer sprachwissenschaftlichen und einer sprachkritischen Betrachtungsweisen noch verschärft. Die Sprachwissenschaft zog sich auf den Standpunkt zurück, dass sie als Wissenschaft die Sprache ausschließlich zu beschreiben, nicht aber zu bewerten habe. Die Sprachkritik überließ man der Öffentlichkeit. Wechselseitige Schuldzuweisungen trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. So wurde den „Sprachfreunden“ oder „selbsternannten Sprachpflegern“ seitens der Linguistik etwa vorgeworfen, dass sie fundamentale wissenschaftliche Einsichten nicht zur Kenntnis nähmen bzw. missachteten. Sprachkritiker dagegen monierten, dass die Sprachwissenschaft ihren Elfenbeinturm nicht verlassen wolle und die tatsächlichen Probleme unberücksichtigt lasse oder gar leugne.

In jüngerer Zeit lassen sich Tendenzen einer ersten vorsichtigen Annäherung erkennen. Einige namhafte Fachvertreter beschäftigen sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es für die Sprachwissenschaft gibt, das berechtigte und aus linguistischer Sicht durchaus wünschenswerte Interesse der Öffentlichkeit an Sprache ernst zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die komplexen Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen.

Im Rahmen einer Tagung in Aachen, zu der wir kürzlich etliche der mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen eingeladen haben, bestand Einigkeit: Die Sprachwissenschaft sollte nach Mitteln suchen, dieses Interesse in sinnvoller Weise zu bedienen. „Sinnvoll“ ist dabei erstens inhaltlich gemeint: Es geht dar­um, wissenschaftlich fundierte Infor­mationen über Sprache zu vermitteln, wobei das, was die Öffentlichkeit an Sprache hauptsächlich interessiert, bestimmend sein darf, aber nicht muss. Zweitens zielt „sinnvoll“ auf die Präsentationsform: Es geht darum, so zu reden und die Dinge so darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Als Ergebnis der Tagung präsentieren wir die folgende

 Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.
Es wird immer Gegenstände unserer Disziplin geben, die für eine größere Öffentlichkeit von geringerem Interesse sind. Ihnen stehen jedoch solche gegenüber, an denen bereits ein öffentliches Interesse besteht, aber auch solche, an denen ein öffentliches Interesse geweckt werden sollte. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Nutzen für die Allgemeinheit deutlich zu machen. Gemeint ist also nicht, dass wir Kommunikationsformen ent­wickeln, die beliebige Gegenstände unserer Disziplin als irgendwie progressiv, spannend, über­raschend usw. erscheinen lassen, sondern dass wir ernsthaft fragen, was angesichts der bestehenden Verhältnisse gebraucht wird.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.
Sprache wird unter anderem dann zu einem öffentlichen Thema, wenn ganze Gruppen von Sprecherinnen und Sprechern sich neue Gebrauchsweisen der Sprache angewöhnen und diese neuen ,Sprachen in der Sprache‘ als in irgendeiner Weise fehlerhaft oder unzureichend bewertet werden (von neuen fachsprachlichen Gebräuchen bis hin zum so genannten Kiezdeutsch). Mit dem massenhaften Gebrauch von elektronischen Arbeits- und Kommunikationsmedien bildet sich eine spezielle, in ihrer Art neue Lese- und Schreibfähigkeit heraus, und viele Menschen haben den Eindruck, dass die traditionelle Schriftsprache dabei ins Hintertreffen gerät. Die Sprachwissenschaft kann auf diese Entwicklung reagieren, etwa indem sie die neuen Sprachformen nicht einfach abwertet, sondern zum angestrebten Standard, der sich ja ebenfalls im Laufe der Zeit verändert, in Beziehung setzt. Das reicht vom kon­struktiven Umgang mit Normbegriffen in der Schule bis zur Beschäftigung mit der Rechtschreibreform.

Unumgänglich ist es, zwischen gesproche­nem und geschriebenem Standard zu differenzieren, denn gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich erheblich voneinander. In spontaner Mündlichkeit erfolgt die Sprachverarbeitung ‚online‘, d. h., man hat keine Zeit, die jeweiligen Formulierungen genau zu planen, und dies führt zu typisch mündlichen syntaktischen Konstruktionen. In der geschriebenen Sprache dagegen hat man – medial bedingt – die Möglichkeit, die Textgestalt zu planen und zu überarbeiten. Bei der Planung von Standardsprachlichkeit müs­sen diese medialen Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin be­schäftigen.
Sprache schafft Identität zum einen im sozialen Raum: Meine Sprache lässt erkennen, zu welcher gesellschaft­lichen Gruppe ich gehöre, signalisiert meine Stellung in der Gesellschaft. Ein öffentliches Interesse daran schlägt sich oft in Fragen nach ,gutem‘ oder ,schlechtem‘ Deutsch nieder. Die Linguistik sollte sich dem nicht mit bloßem Verweis auf die Relativität solcher Bewertungen entziehen, sollte sich aber auch nicht in den Dienst einer ,neuen Bürgerlichkeit‘ nehmen lassen, die nach einem ,richtigen Umgang‘ mit Sprache wie nach dem ,richtigen Umgang‘ mit dem Essbesteck verlangt. – Identität schafft Sprache aber auch durch Abgrenzung von anderen Sprachen. Aktuell geht es in Deutschland dabei vor allem um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Deut­schen und dem Englischen, eine Frage, die die Spannung zwischen Nationalstaatlichkeit und Globalisierung spiegelt. Auch hier wird es für die Linguistik entscheidend darum gehen, den richtigen Ton zu treffen. Noch stärker als bisher müssen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik dazu beitragen, die mit kultureller Diversität und intrakulturellen Sprachdifferenzen verbundenen gesell­schaftlichen Herausforderungen zu gestalten.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.
Die Sprachwissenschaft kann zu einer positiven Spracheinstellung beitragen, indem sie beispielsweise bestimmte Formen destruktiver Sprachkritik als unhaltbar erweist. Wie manche anderen Sprachen hat sich das Deutsche einer solchen Sprachkritik zu erwehren, wobei sich diese bei uns in den vergangenen etwa zwanzig Jahren eher verstärkt hat. Der Typus ist viel älter, hat sich aber seit der Wiedervereinigung im Rahmen der deutschen Identitätsdebatten deutlich ausgeprägt. Dazu gehören Themen wie der allgemeine ,Verfall‘ des Deutschen, der Fremdwort- und Normdiskurs oder generell Zweifel an den Sprachfähigkeiten unserer jungen Generation. Es geht nicht um einen Versuch, vor unbestreitbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern darum, bestehende Probleme mit (u. a.) sprachwissenschaftlichen Mitteln auf ihr rechtes Maß zu bringen und praktische Beiträge zu ihrer Bearbeitung zu liefern.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den ent­sprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.
Sprachkritik ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung von sprachlichen Äußerungen. Die allermeisten Äußerungen in Alltag, Beruf und Wissenschaft erfolgen unreflektiert, gewissermaßen „blind“ (Wittgenstein), routinemäßig und automatisch, und zwar notwendigerweise, da man beim Sprechen und Schreiben nicht ständig innehalten kann. Innehalten zum Zwecke der Reflexion erfolgt aufgrund von Anlässen, die vielfältig sein können, z. B. Unsicherheit, Nicht-Verstehen, Zweifel der verschiedensten Art. Der Sprachgebrauch eines Menschen ist reflektiert, wenn er/sie in der Lage ist, die Art und Weise des eigenen Sprachgebrauchs zu begründen bzw. zu rechtfertigen. Maßstäbe für eine Rechtfertigung sind die Wahrhaftigkeit, Relevanz und Verständlichkeit des Gesagten.

Die Korrektheit und Angemessenheit einer sprachlichen Äußerung kann immer nur mit Bezug auf die jeweilige Sprachvarietät (Standardsprache, Dialekt, Fachsprache …), die jeweilige kommunikative Praktik und individuelle Kommunikationssituation sowie die jeweilige Sprachmedialität (mündlich, schriftlich, computervermittelt …) beurteilt werden.

Aufgabe der Linguistik ist es, diesen Zusammenhang in öffentlichen Diskur­sen über Sprachkompetenz und ‚Sprachverfall‘ immer wieder anhand konkreter Beispiele zu verdeut­lichen und auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Alternativen zur populären Sprachkritik aufzuzeigen. Die Gesellschaft braucht weder Sprachgesetze noch eine Sprachpolizei, aber sie hat Anspruch auf Rat von Fachleuten.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.
Eine Annäherung kann nur über ein besseres Verständnis der jeweils anderen Perspektive erreicht werden. Der Wunsch vieler Schreiber und Sprecher nach Normierung und damit Orientierung muss als wichtiges Bedürfnis  wahrgenommen und akzeptiert werden. Die sprachbezogenen Theorien, wie sie der öffentlichen, nicht-wissenschaftlichen Sprachkritik zugrunde liegen, sollten nicht länger als defizitäre Vorstufen linguistischer Sprachtheorien betrachtet werden, sondern als Sprachreflexionen, die aus spezifischen Bedürfnissen erwachsen.

Die Sprachwissenschaft sieht sich dem Vorurteil gegenüber, ihre Aussagen zum öffentlich gefühlten Sprachverfall seien nichts als Beschwichtigungen, die dazu dienten, im Sinne von politischer Überkorrektheit abweichendes Deutsch zur guten Sprache schönzureden. Dieses Vorurteil ist zu widerlegen: Sprachwissenschaftler bewerten bisweilen sprachliche Strukturen durchaus – entgegen land­läufiger Meinung. Sprachwissenschaftler können und dürfen bewerten – entgegen mancher akademischen Meinung. Eine wichtige Aufgabe der Linguistik besteht darin, der Öffentlichkeit linguistisch begründete Bewertungsmaßstäbe vorzustellen, wie sie z. B. in der Sprachkritikforschung mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entwickelt wurden. Sprachkritik ist somit ein konstitutiver Baustein der Linguistik sowie der alltäglichen Kommunikation.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.
Die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Sprachideologien und Sprachnormenkonzepte ermöglicht eine Reflexion der eigenen fachwissenschaftlichen Perspektive auf Sprache. Erst durch eine eigene Standortreflexion der Linguistik ist eine Annäherung an eine sprachinteressierte Öffentlichkeit möglich, sinnvoll und fruchtbar.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.
Von der OECD wird „Lesekompetenz“ definiert als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Hier geht es ganz offensichtlich um mehr als um die Beherrschung einer technischen Fertigkeit: Der Umgang mit Texten soll dem Leser die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben ermöglichen. Diese Position entspricht der Forderung nach einem stärkeren Praxisbezug der Ausbildung, einer Forderung, die die Schulen (PISA) und Universitäten bereits erreicht hat. Man mag über diese Verschiebung von der Bildung zur (berufsnahen) Ausbildung denken, wie man will: Die Kompetenz zur Rezeption und zur Produktion von Texten wird eine hervorgehobene Rolle in den Lehrplänen spielen, was zu einem besonderen Engagement der Textlinguistik, in Zusammenarbeit mit der Sprachdidaktik führen wird (führen sollte!). Zudem spielt die Vermittlung sozialer Kompetenzen eine immer größere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen, und der Raum des Sozialen ist nun einmal ganz entscheidend durch Sprache strukturiert.

Zentrales Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, die Fähigkeit zum jeweils angemessenen Sprachgebrauch zu verbessern. Hierzu gehört auch die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kommunikativen Praktiken – „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins –, unterschiedlichen Medien sowie unterschiedlichen Varietäten zu wechseln (Code-Switching und Code-Shifting). Das Angemessenheitskriterium schließt das Korrektheitskriterium in gewissem Sinne mit ein, denn das sprachlich Angemessene ist nicht korrekturbedürftig.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.
Eine adressatengerechte Darstellung fachlicher Inhalte ist Voraussetzung für einen gelingenden Dialog über die Fachgrenzen hinaus (aber durchaus auch zwischen einzelnen Teilbereichen des Fachs), und sie muss erlernt werden. Dies sollte künftig verstärkt Ziel akademischer Ausbildung für Linguistinnen und Linguisten sein. Davon sollten nicht zuletzt auch diejenigen unserer Studierenden profitieren, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer werden, denn sie vermitteln ganz wesentlich zwischen Linguistik und Öffentlichkeit.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Kreativität sollten dabei keine Grenzen gesetzt sein. Nachgedacht werden könnte unter anderem über die Einrichtung weiterer Kontaktstellen für (Sprach-)Rat suchende Schreiber und Sprecher nach dem Vorbild bereits bestehender Institutionen (z.B. Aachener Sprachtelefon|www.aachener-sprachtelefon.de|, Sprachberatung an der Universität Chemnitz |www.sprachberatung.tu-chemnitz.de| oder Arbeitsstelle für Sprachauskunft und Sprachberatung an der Universität Vechta |www.sprachauskunft-vechta.de|).

Denkbar wären auch öffentlichkeitswirksame Dokumentationen zum Thema Sprache (sehr erfolgreich war vor einigen Jahren die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ im Berliner Historischen Museum) sowie Kooperationen mit den Medien.

Verstärkt genutzt werden könnten Blogs, Foren und Soziale Netzwerke. In diesem Sinne haben wir im Anschluss an unsere Aachener Tagung ein linguistisches Weblog eingerichtet (spraachenblog.wordpress.com; http://www.facebook.com/spraachenblog), in dem sprachwissenschaftliche Themen in allgemein verständlicher Form behandelt werden und in dem Interessierte mitdiskutieren können.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.
Ansätze, die „splendid isolation“ der Linguistik zu überwinden, hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie sind in der Regel ohne größere Wirkung geblieben: Meist geriet das Anliegen schon nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Um einer solchen Entwicklung zu begegnen, haben diejenigen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik ins Leben gerufen, der die unterschiedlichen Forschungsansätze und -interessen vernetzen und das Thema „Sprachwissenschaft und Öffentlichkeit“ in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung setzen soll.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.
Niemand sollte sich genötigt sehen, eigene Forschungsinteressen am öffentlichen Interesse auszurichten. Es bedarf auch in Zukunft eines im engeren Sinne wissenschaftlichen Diskurses, der Exklusivität zwar nicht anstreben muss, der sie aber beanspruchen darf. Inhaltlich fatal wäre es, wenn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Tendenzen entstünden, Sprachwissenschaft nur dann für akzeptabel (ggf. sogar für förderungswürdig) zu halten, wenn sie ,PR-fähig‘ ist.

Erstunterzeichner:

Dr. Birte Arendt (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jochen A. Bär (Universität Vechta)
Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen)
Andreas Corr, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Ekkehard Felder (Universität Heidelberg)
Dr. Tobias Heinz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Andreas Gardt (Universität Kassel)
Alexander Keus, M.A. (RWTH Aachen)
Dr. Jana Kiesendahl (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Péter Maitz (Universität Augsburg)
PD Dr. André Meinunger (Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin)
Prof. Dr. Thomas Niehr (RWTH Aachen)
Dr. Falco Pfalzgraf (University of London, Queen Mary)
Dr. Kersten Sven Roth (Vertretungsprofessur Universität Potsdam)
Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Frank Schilden, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Jan Schneider (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Dr. Jürgen Spitzmüller (Universität Zürich)
Jana Tereick, M.A. (Universität Hamburg)
Eva Teubert, M.A. (Institut für deutsche Sprache, Mannheim)
Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier)
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Universität Trier)

Wenn dem Linguisten die Hutschnur platzt

In der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten, des vierteljährlich erscheinenden Publikationsorgans des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS), beschäftigt sich Gerhard Illgner auf den Seiten 14 und 15 mit dem Verhältnis von Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Die (aus unserer Sicht nur schwer nachvollziehbare) Hauptaussage des kurzen Textes ist, dass die letztgenannte angeblich erstere sträflich „missacht[e]“ (14, Sp.1). Allein aufgrund dieser Behauptung ist die Abhandlung Illgners einen längeren Kommentar wert:

Illgner beginnt mit der Einführung eines wissenschaftstheoretischen Topos. Über Sokrates zu Popper führt er den Begriff der Falsifikation ein, der besagt, „dass es grundsätzlich möglich ist, empirisch-wissenschaftliche Theorien zu widerlegen“ (14, Sp. 1). Von diesem Gedanken ausgehend, versucht Illgner zu begründen, dass die Sprachwissenschaft ihre eigenen Theorien widerlegen müsse. Hierfür nennt er vor allem zwei Gründe: Erstens, dass die Sprachwissenschaft nicht dazu bereit sei, „aus ihrer stolzen Hochburg herabzusteigen“, und zweitens, dass die Fachleute darauf „beharren […] das Deutsche nur deskriptiv beschreibend […] zu erforschen“ (14, Sp. 2). Daraus resultiert dann nach Illgner die Missachtung der „zahlreichen Sprachkritiker, die sich seit Jahrzehnten vor allem gegen die Anglisierung des Deutschen öffentlich zu Wort melden und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnten“ (14, Sp.2-3). Der letzte Satz ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

A) Seit etwa Mitte der 90er Jahre reflektiert die germanistische Sprachwissenschaft ihr Verhältnis zur sprachinteressierten Öffentlichkeit stark. Zahlreiche Tagungen und Publikationen zeugen davon.  Willy Sanders publizierte zum Beispiel 1992 (1997 wurde die zweite Auflage veröffentlicht; 2011 kam die dritte Auflage – allerdings unter neuem Titel, ansonsten unverändert – heraus)  bereits das viel beachtete Buch „Sprachkritikastereien und was der ‚Fachler‘ dazu sagt“. Zudem gab es 1997 die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) mit dem Thema „Sprache – Sprachwissenschaft – Öffentlichkeit“. Die nächste Jahrestagung des IDS betrifft übrigens auch dieses Thema: „Sprachverfall? Dynamik – Wandel – Variation“. In Aachen fand in diesem Jahr die Tagung „Einmal Elfenbeinturm und zurück – Das schwierige Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik“ statt. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele für Symposien oder auch Podiumsdiskussionen anführen, die in den letzten Jahren seitens der Sprachwissenschaft zu den Themen ‚Sprachverfall‘ oder ‚öffentliche Sprachwahrnehmung‘ veranstaltet worden sind. Der eigentliche Kern steckt aber im zweiten Teil von Illgners Zitat:

B) „…und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnte“. Hier gilt es doch, zu fragen, warum das so ist – oder nicht? Die Antwort liefert Illgner unfreiwillig dann im Folgenden selbst.

Illgners Argumente sind aus linguistischer und wissenschaftstheoretischer Sicht aus verschiedenen Gründen schlichtweg nicht haltbar.

Punkt 1) Innerhalb der Zeitung ist der Artikel dem Bereich „Denglisch“ zugeordnet, deswegen nimmt es kaum wunder, dass es in Illgners Beitrag hauptsächlich um Anglizismen geht. In seinem ersten Beispiel versucht Illgner zu zeigen, dass das Deutsche früher „verdeutscht“ hat (14, Sp. 4) – was auch immer er damit genau meint: Aus lat. murus wurde das heutige Mauer und aus lat. tegula wurde Ziegel. Mit Dieter E. Zimmer kommt dann Illgner zum Schluss: „Die Kraft der Anverwandlung hat das Deutsche weitgehend verloren“ (ebd.). Die Gegenbeispiele sind dann u.a. abcashen und Wellness. Was vergleicht denn Illgner hier miteinander? Murus wurde im Altgermanischen aus dem Lateinischen entlehnt, im Althochdeutschen heißt es dann mūra. Auch die Entlehnung von tegula ist nicht viel jünger. Auf der anderen Seite stehen zwei Begriffe die im Verhältnis zu tegula und murus nun wirklich sehr, sehr jung sind. Außerdem sind die Umstände der Entlehnung völlig andere. Zudem gibt es mit Keks und Tank wunderbare Gegenbeispiele: In ihrer Schreibung sind sie ins Deutsche integriert, sie werden mit deutscher Lautung gesprochen und die Flexion ist kein Problem: der Keks, des Keks, den Keksen, der Tank, des Tanks, tanken, tankte, getankt, Tanker, Tankschiff usw. Wer kann schon sagen, wie die Formen von Wellness oder abcashen in 1200 Jahren aussehen werden? Niemand; die Voraussetzungen für Prognosen dieser Art sind zu komplex und nicht voraussehbar.

Punkt 2) Illgner behauptet, dass es durch Anglizismen zu Orthographieproblemen käme, außerdem „wagen [Sprachwissenschaftler, F.S.] zu behaupten, dass Anglizismen bereichern, weil sie sich von heimischen, also indigenen Wörtern ein wenig unterscheiden“ (15, Sp. 2). Was die Orthographie betrifft, sei auf Punkt 1 (s.o.) verwiesen. Was Illgners These der Unterscheidung betrifft, nehme ich sein Beispiel Wellness. Im Anglizismen-Index schlägt der VDS Wohlgefühl, Erholung als indigen deutsche (und damit angeblich bessere) Wörter vor. Im Kompositum Wellness-Hotel oder Wellness-Bereich würden nur noch Erholungs-Hotel oder Erholungs-Bereich gerade so funktionieren. Sind aber Wellness und Erholung tatsächlich so bedeutungsähnlich, dass Wellness ruhig wieder aus dem Lexikon getilgt werden könnte? Wer in einen Erholungsurlaub fahren möchte, um zwei Wochen am Pool zu entspannen, und dann ein Wellnesshotel bucht, sollte sich nicht wundern, wenn er mit Gesundheitsratschlägen, Sportprogrammen und Ernährungskuren konfrontiert wird. Linguistisch gesprochen: Wellness und Erholung teilen sich zwar bestimmte Seme, aber eben nicht alle.

Punkt 3) Illgner wirft der Sprachwissenschaft vor: „Um die schwierige Verständigung innerhalb des deutschen Sprachgebiets zu rechtfertigen, stellen Linguisten die Standardsprache, das Hochdeutsche, infrage.“ (15, Sp. 2). Was Illgner hier wohl meint, ist die linguistische Einteilung in verschiedene Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Dies alles wirft er aber undifferenziert in einen Topf: „Behördendeutsch, Fachsprachen, Jugendsprache, Medien-, Umgangs- und Kiezdeutsch. Somit werde uns innerhalb des Deutschen eine Mehrsprachigkeit zugemutet.“ – Wer „uns“ hier etwas „zumutet“ wird nicht so ganz klar – weil es gar nicht klar ist. Was aber klar ist: Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen ist ein im Sinne Poppers empirisch erforschbares Faktum, eine Falsifikation ist zwar theoretisch möglich (mehr fordert Popper auch nicht; das weiß aber Illgner wohl nicht), aber jegliche Studien bestätigen die Existenz einer inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen, abhängig eben von Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Ganz davon abgesehen bestreitet man ja durch den Verweis auf die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen nicht, dass es auch einen Standard gibt; im Gegenteil: Einen Standard gibt es nur, wenn es eben auch Abweichungen gibt.

Punkt 4) Illgner zeigt sich mit Verweis auf unseren geschätzten Kollegen Jürgen Spitzmüller (Wir sind uns sicher, dass Herrn Spitzmüller der Verweis auf ihn nicht unbedingt gefallen wird.) gegen Ende seiner Ausführungen etwas zuversichtlich gestimmt: „Es scheint, als wollen die Fachleute die Spracheinstellungen der Normalbürger wenigstens zur Kenntnis nehmen“ (15, Sp. 3). Ich traue mich kaum zu fragen: Wer sind denn die „Normalbürger“ und welche Einstellungen vertreten diese? Dass die Sprachwissenschaft sich nicht für die Spracheinstellungen der „Normalbürger“ interessiert, ist übrigens schlichtweg falsch (siehe Hinweis A). Was aber eher stimmen mag, ist die Feststellung, dass die Sprachwissenschaft nicht die Antworten gibt, die den „Normalbürgern“ im Sinne Illgners gefallen. Das liegt zwar zum einen am deskriptiven Vorgehen der Sprachwissenschaft, aber vor allem auch daran, dass sich bspw. Illgner nicht für Anglizismen an sich interessiert, sondern schon von der Annahme einer Verdrängung ausgeht. Ein solches Vorgehen mit derart offensichtlich verinnerlichtem Interesse könnte nicht Grundlage einer sprachwissenschaftlichen Thematisierung sein, selbst wenn sie potentiell wertend wäre. Die Wertung kann am Ende einer Thematisierung stehen, aber nicht die Motivation der Erhebung sein.

Punkt 5) Illgner bezieht sich zu Beginn auf Popper und den Begriff der Falsifikation. Dabei geht es darum, dass Theorien, Methoden oder Thesen widerlegt werden können, die bare Möglichkeit einer Falsifikation sogar Teil einer Theorie, Methode oder These sein sollte – die Überprüfung geschieht dann über empirische Erhebungen. Illgner scheint (14, Sp.1) zu meinen, dass die deskriptive Ausrichtung der Sprachwissenschaft falsifiziert werden müsste. Das wäre aber kaum eine Falsifikation im Sinne Poppers – wie sollte dies denn empirisch überprüfbar sein?

Zusammenfassung: Es ist selbst für Linguisten, die sich aufrichtig für die Interessen der Öffentlichkeit interessieren und Wege suchen, Sprachkritik linguistisch zu fundieren, schwierig, bei einem solchen Artikel wie dem von Herrn Illgner ruhig und sachlich zu bleiben. Wenn jegliche Anstrengungen der Linguistik, auf die Einstellungen und Bedürfnisse der Sprachinteressieren einzugehen, nicht wahrgenommen werden, ist das doch ernüchternd. Eines scheint uns aber sicher: Solange es Artikel wie den von Illgner weiterhin gibt, kann sich die Sprachwissenschaft an diesen auch wertend betätigen – auch wenn diese Art der Wertung dem VDS und Illgner nicht gefällt, sie basiert nämlich auf sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht auf hintergründigen Motivationen.

Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über „typische“ Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!     

Eine Lektüre-Empfehlung: Der Artikel ‚Was reden wir denn da?‘ in der Zeitschrift GEO

Wenn man sich als Sprachinteressierte/r ein wenig näher damit auseinandersetzt, dass sich auch die deutsche Sprache im Laufe der Zeit verändert, so stößt man beinahe unweigerlich auf eine Diskussion, die die Gemüter immer wieder aufs Neue erhitzt: Die sogenannte Sprachverfallsdebatte. Vor wenigen Jahren, um ein beinahe berühmt-berüchigtes Beispiel für die Sprachverfallsklage zu nennen, wurde in einem SPIEGEL-Leitartikel mit dem Titel Deutsch for sale? festgestellt: „Die deutsche Sprache wird so schlampig gesprochen und geschrieben wie wohl nie zuvor.“ Und auch im Laufe dieses Jahres konnten wir Vergleichbares lesen, diesmal in einer ZEIT-Sonderbeilage des Sprachkritikers Wolf Schneider: Die deutsche Sprache „[…] zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.“ (S.4) Von solchen Behauptungen ausgehend skizzieren sprachpflegerische Autoren nicht selten ein Schreckensszenario des Untergangs der deutschen Sprache – und zahlreiche Symptome für die angeblich kranke, geradezu dahinsiechende deutsche Sprache sind schnell bei der Hand: Anglizismen, Jugendsprache, Chat- und SMS-Kommunikation etc. Und auch die Schuldigen für die Misere werden genau identifiziert: die Werbung, die Wissenschaft, die Presse und sowieso alle unachtsamen Sprachnutzer, die anscheinend (oder doch nur scheinbar?) Worte nicht von Wörtern unterscheiden können.

Deutlich erkennbar ist dabei: Wer den Sprachverfall beklagt, blickt notwendigerweise zurück und vergleicht die Gegenwartssprache mit vergangenen Sprachzuständen – denn verfallen kann ja nur etwas, das angeblich einmal besser in Schuss gewesen sein soll. Klar ist auch: Derlei Klagelieder hört und liest man in regelmäßigen Abständen; allzu neu sind sie allerdings nicht, kann man sie doch wenigstens bis in die Antike zurückverfolgen. Freilich konnte bislang kein einziges Beispiel für eine tatsächlich verfallene Sprache genannt werden, worauf etwa der Sprachwandel-Experte Rudi Keller in einem online verfügbaren Text zum Thema hinweist.

Dennoch sollte man die sich hartnäckig haltende Sprachverfallsklage ernst nehmen und nach Ursachen für dieses Phänomen fragen; schon alleine deswegen, da die Angst vor einer zunehmend verlotternden Sprache nicht nur von einigen wenigen Sprachkritikern und -pflegern geäußert wird. Laut einer häufig zitierten Umfrage aus dem Jahre 2008, die von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Auftrag gegeben worden ist, gehen 65% der Deutschen davon aus, dass die deutsche Sprache zunehmend verkommt. Es verwundert also nicht, wenn das Thema wiederholt in den Medien aufgegriffen wird – oftmals leider jedoch in der zweifelhaften Qualität des oben zitierten SPIEGEL-Artikels. In solchen Publikationen wird die Angst vor Sprachverfall geschürt anstatt für Aufklärung zu sorgen, indem man bspw. mit einigen Irrtümern im Zusammenhang des vielschichtigen Themas ‚Sprachwandel‘ aufräumt.

Doch zum Glück geht es auch anders! In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift GEO findet sich ein lesenswerter Artikel, der bereits auf der Titelseite in großen Lettern angekündigt wird: „Der Untergang der deutschen Sprache?“ wird hier gefragt. Und tatsächlich wird beim Lesen rasch ersichtlich: Das Fragezeichen im Titel ist Programm! Wir haben es hier nicht mit einer erneuten Wiederholung sprachpessimistischer Klagen zu tun, sondern mit einer sehr gut recherchierten Aufarbeitung einiger seit Längerem heiß diskutierten Themen. Es geht u.a. um Anglizismen, den Sprachwandel durch die Nutzung neuer Medien, ‚Kiezdeutsch‘ oder auch das Verhältnis von Dialekt und Standard im Deutschen; der letztgenannte Punkt nimmt sogar den größten Teil des Artikels ein.

Der Autorin Johanna Romberg gelingt es, fundiert und anschaulich darzulegen, warum wir es bei so manchem Phänomen unserer Gegenwartssprache nicht mit vorschnell zu verurteilenden Symptomen eines vermeintlichen Sprachverfalls zu tun haben. Ein Beispiel aus dem Text ist der bereits erwähnte Fremdwortgebrauch. Mit Bezug auf den Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg macht die Autorin deutlich, dass die Befürchtungen, die deutsche Sprache werde durch Einflüsse von außen verdrängt, unbegründet sind. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass längst nicht alle heutzutage auftretenden Anglizismen dauerhaften Eingang in unsere Sprache finde; im Gegenteil, so Romberg: „viele Wortimporte werden rasch wieder aussortiert […].“ (S.138) Tatsächlich bleibt der Anteil der Fremdwörter, speziell auch der Anglizismen, am Gesamtwortschatz der deutschen Sprache über die Zeit erstaunlich konstant. Dies stellt auch Romberg fest: „Insgesamt liegt der Fremdwortanteil im Deutschen heute nicht höher als vor Jahrzehnten […].“ (ebd.)

Wir haben es hier mit einem gelungenen Beitrag in einer nach wie vor emotional geführten Debatte zu tun. Dass die Sprachverfallsklage in der Folge solcher Artikel verstummt, ist sicher zu bezweifeln; doch trägt die Autorin dazu bei, dass eine linguistisch begründete Gegenposition zum Sprachpessimismus die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Schon alleine aus diesem Grund können wir an dieser Stelle eine Lektüre-Empfehlung aussprechen.