Eine Sprache namens „Horst“

Im Rahmen der Nacht der Wissenschaft 2015, die alljährlich von der RWTH Aachen veranstaltet wird, boten der Lehrstuhl für Deutsche Philologie und das Lehr- und Forschungsgebiet Germanistische Sprachwissenschaft einen Erlebnisparcours zum Thema „Was ist eigentlich DEUTSCH?“ an. Ziel des Parcours war es, die BesucherInnen mit Hilfe eines Hörquiz dazu zu bewegen ihre eigene Sprachwahrnehmung zu reflektieren und sie für das breite Variationsspektrum der deutschen Sprache zu sensibilisieren.

Wie im Beitrag der letzten Woche angekündigt worden ist, haben wir die Hörquiz-Antworten der BesucherInnen des Erlebnisparcours anonymisiert und einer kleinen Auswertung unterzogen. Für diejenigen, die beim Erlebnisparcours nicht selbst mit dabei waren, aber trotzdem gespannt sind, welche Antworten gegeben wurden, kommt hier zur besseren Nachvollziehbarkeit zuerst eine kurze Zusammenfassung des Quiz.

Die Besucher und Besucherinnen wurden dazu eingeladen insgesamt drei verschiedenen Hörproben zu lauschen und dazu jeweils einen kurzen Quizbogen auszufüllen. Bei jeder Sprachprobe ging es darum, den oder die Sprecherin individuell einzuordnen und ein Urteil über die Sprache der Probanden abzugeben. Die Sprachproben waren natürlich nicht willkürlich gewählt, sondern stellten jede für sich einen Ausschnitt aus dem Varietätenraum der deutschen Sprache dar. Ohne jetzt einen tieferen Sprung in die Linguistik zu wagen und ein Fass aufzumachen, das selbst in der Wissenschaft noch nicht vollständig gelehrt wurde, sei hier nur kurz erwähnt, dass es sich bei Varietäten um sprachliche Subsysteme einer Sprache, wie z.B. des Deutschen, handelt, die mit einem bestimmten außersprachlichen Faktor (z.B. der Region, dem Alter, dem Beruf) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit regelmäßig gemeinsam auftreten. Besonders anschaulich ist das z.B. bei Dialekten, die ja bekanntermaßen immer in Verbindung mit einem bestimmten geografischen Gebiet stehen. Für unser Quiz haben wir uns für die Faktoren Sprache und Raum (Hörquiz 1: Dialekt), Sprache und Beruf (Hörquiz 2: Medizin) sowie Sprache und mehrsprachige Jugendliche (Hörquiz 3: Kiezdeutsch) entschieden.

Foto 1

Foto 1: Hörstation

Ganz konkret ging es im ersten Teil des Quiz um eine persönliche Einschätzung des Sprechers oder der Sprecherin. So waren die BesucherInnen aufgerufen, das Alter, den Beruf und die Herkunft der SprecherInnen zu erraten. Außerdem sollten die Befragten der gehörten Sprache einen Namen geben. Im zweiten Teil des Quiz sollten sie bewerten, ob ihnen die Sprache des jeweiligen Sprechers gefallen hat oder nicht, ob sie glauben, dass die SprecherInnen auch anders sprechen können und was ihnen ganz besonders an der jeweiligen Sprache aufgefallen ist. Damit die QuizteilnehmerInnen ihren Ideen und Assoziationen möglichst freien Lauf lassen konnten, haben wir bewusst keine Antworten zum Ankreuzen vorgegeben, sondern uns schon bei der Vorbereitung auf die kreativen Begründungen der QuizteilnehmerInnen gefreut. Und wie sich gezeigt hat, sollten wir nicht enttäuscht werden! 🙂

Beim Vergleich mit der „Auflösung“ des Hörquiz erlebten so manche ungeahnte Überraschungen oder sogar starke Erschütterungen des eigenen sprachlichen Weltbildes. Denn wieder einmal bewahrheitete sich die sprachwissenschaftliche Erkenntnis, dass wir aus der Art und Weise wie jemand spricht auf die Person dahinter schließen, dass wir uns ein Bild von ihr bezüglich ihres Alters, ihrer geografischen und sozialen Herkunft, ihres Berufs und sogar ihrer charakterlichen Qualitäten und momentanen Gefühlslage machen. Dabei sind auch einige BesucherInnen – und es hat uns sehr gefreut, dass unser Plan aufgegangen ist –gängigen Vorurteilen und Klischees auf den Leim gegangen. Der Abgleich mit der Realität zeigte nämlich, dass unser sprachliches Urteil auch trügen kann! Diese Diskrepanz zwischen sprachlicher Erscheinung und lebensweltlicher Realität wurde von unserer Seite natürlich absichtlich in das Quiz integriert und firmierte intern nur unter der Bezeichnung „Der Björn-Effekt“ (benannt nach dem Sprecher des Hörquiz 1). Wir hoffen, dass sich dieser Begriff in naher Zukunft auch in der Fachliteratur durchsetzen wird. 😉

Foto 2

Foto 2: Ausstellungswand mit den beantworteten Hörquizbögen der TeilnehmerInnen

Von den insgesamt 150 ausgeteilten Quizbögen fanden 67 ihren Weg für alle sichtbar an unsere Ausstellungswand. Besonders erfreulich war dabei, dass sich die Anzahl der eingegangenen Bögen gleichmäßig auf die drei Hörproben verteilte, so dass wir 22 bis 23 ausgefüllte Quizbögen pro Hörquiz erhielten. Die Antworten waren manchmal verblüffend und unerwartet, und manchmal entsprachen sie genau dem, was wir im Vorhinein antizipiert hatten. Aber nun möchten wir niemanden länger auf die Folter spannen und kommen zur (gänzlich unwissenschaftlichen) Auswertung unseres Hörquiz. Exemplarisch haben wir dafür das Hörquiz 1 gewählt, in dem der männliche Sprecher mit einem leichten obersächsischen Dialekt spricht.

Auswertung von Hörquiz 1

Unser Sprecher Björn wurde durchschnittlich auf 42 Jahre geschätzt. Damit wurde er charmanter Weise für 5 Jahre jünger gehalten als er tatsächlich ist. Ziemlich einig waren sich die Befragten bezüglich Björns Beruf: Sie hörten in ihm entweder einen Handwerker (Maurer, Baustellenarbeiter, Dachdecker) oder einen Beamten (Lehrer, Verwaltungsangestellter, Polizist). Die Antworten der BesucherInnen decken sich dabei mit sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen, die enthüllen, dass DialektsprecherInnen häufig mit einem niedrigen Bildungshintergrund und einem einfachen sozialen Milieu in Verbindung gebracht werden. Aber in diesem Fall kam der bereits oben angesprochene „Björn-Effekt“ zum Tragen, denn Björn ist im wahren Leben ein studierter Sprechwissenschaftler, der seit vielen Jahren an der Universität unterrichtet!

Auch bei Björns regionaler Herkunft herrschte nahezu Einhelligkeit: Die meisten verorteten ihn entweder in Sachsen oder ganz spezifisch in den Städten Leipzig oder Dresden (s. Foto 3). Und in diesem Fall lagen die Befragten geografisch sogar fast richtig: Björn stammt aus Sachsen-Anhalt! Dass die BesucherInnen ausschließlich Sachsen nannten, lässt sich vielleicht mit ihrem impliziten dialektologischen Vorwissen erklären. So werden die in Björns Heimatregion gesprochenen Dialekte typologisch nämlich zum Obersächsischen gezählt, was zeigt, dass politische Grenzen nicht zwangsläufig auch sprachliche sein müssen und die Übergänge zwischen den verschiedenen Dialekten fließend und nicht klar voneinander abgrenzbar sind. Aber vielleicht bedeutet diese Zuordnung auch, dass wir eine viel konkretere Vorstellung davon haben, wodurch sich Dresdnerinnen und Leipziger sprachlich auszeichnen als z.B. davon wie Menschen, die in Halle aufgewachsen sind, tatsächlich sprechen. Diese „sächsische Prominenz“ im kollektiven Bewusstsein ist natürlich immer auch von der jeweiligen Bedeutung der Städte, ihren BewohnerInnen und ihrer Präsenz in den Medien beeinflusst. Denn mal im Ernst: Wer hier in rheinischen Gefilden weiß schon, wie sich nordthüringische oder vogtländische Mundarten anhören, wenn er oder sie nicht gerade Verwandtschaft dort hat?

Foto 3

Foto 3: Antworten der QuizteilnehmerInnen auf die Frage „aus welcher Region oder Stadt der Sprecher kommt“ (Quelle der Karte: http://geodressing.de/freie-karten/politische-deutschlandkarte; 23.11.2015)

Bei der Frage, welchen Namen die QuizteilnehmerInnen der Sprache des Sprechers geben würden, vielen die Antworten der Befragten interessanterweise sehr unterschiedlich aus und sorgten auf allen Seiten für erhebliche Erheiterung. Neben einer geografisch inspirierten Kategorie, die die Bezeichnung „Sächsisch“ präferierte, etablierte sich auch eine onomastische, in der Namen wie „Paul“, „Horst“, „Manfred“ oder „Jürgen“ vorgeschlagen wurden. Nach anfänglichem Gelächter und der leicht irritierten Nachfrage einer Besucherin („Eins habe ich nicht verstanden. Wie soll ich denn von der Sprache des Sprechers auf seinen Vornamen schließen?“) schrieben wir diese Antworten der Qualität unseres Quizbogens zu. Denn die Konstruktion der Frage „Was glaubst du, welchen Namen die Sprache des Sprechers tragen könnte“ war wohl etwas unglücklich gewählt, da „des Sprechers“ von vielen Befragten kurzer Hand zum Subjekt befördert und die Frage neu interpretiert wurde. 🙂

Fast die Hälfte der Befragten konnte Björns Sprache übrigens überhaupt nichts abgewinnen. Als Begründung wurde angeführt, dass sie „bäuerlich“, „dümmlich“ oder sogar „gruselig“ klinge, „primitiv“ wirke und Zeichen eines „schlechten sprachlichen Ausdruckvermögens“ sei. In einem Fall genügte allein das Label „Sächsisch“ als Begründung für die ablehnende Haltung des Quizteilnehmers. Etwas mehr als ein Drittel war sich unsicher, ob ihnen die Sprache gefiele, weil „man sich so konzentrieren muss“, um „folgen zu können“, oder weil seine Sprache zwar „lustig“, aber auch „anstrengend“ sei oder er sich „leicht gelangweilt“ anhöre, aber dafür „auf dem Boden geblieben“ zu sein scheine, was offensichtlich eine positiv bewertete Eigenschaft ist. Nur 1/5 der QuizteilnehmerInnen fand Gefallen an Björns Sprache und bezeichnete sie als „gemütlich/heimatlich/deutsch“, „entspannt“ oder „unterhaltend“. Und sogar eine Teilnehmerin hält das Sächsische prinzipiell für „nett“ und wollte damit scheinbar keineswegs an des Adjektivs kleine Schwester erinnern…

Übrigens war sich nur ein knappes Drittel der Befragten sicher, dass Björn auch anders sprechen könne, z.B. wenn er „auf dem Amt“ zu tun habe oder er „sich anstrenge Hochdeutsch zu sprechen, das er wahrscheinlich zumindest aus dem Fernsehen“ kenne. Wer Björn kennt, weiß, dass er sehr wohl in der Lage ist Standarddeutsch zu sprechen und der Dialekt für ihn mittlerweile eher die Ausnahme darstellt. Dieser kommt nämlich nur noch dann zum Vorschein, wenn er sich in seiner Heimatregion im Kreise seiner Familie und FreundInnen aufhält. Wer hätte das gedacht? 🙂 Offensichtlich die Wenigsten, was uns ziemlich erstaunt hat. Denn in der Soziolinguistik besteht Konsens darüber, dass wir alle über ein individuell ausgeprägtes Variantenrepertoire verfügen. Für die meisten TeilnehmerInnen war diese Tatsache bei der Beurteilung von Björns muttersprachlicher Variationskompetenz jedoch kaum oder gar nicht relevant. Diese angenommene „Einsprachigkeit“ Björns bestätigt ein gängiges Vorurteil – welches durch Schule und selbst ernannte Sprachautoritäten immer wieder genährt wird – , das besagt, dass wir alle immer und überall gleich sprechen. Dabei hat die Sprachwissenschaft gezeigt, dass wir uns sprachlich immer auf unser Gegenüber, das Thema, die Situation und unsere Intentionen einstellen, unsere sprachlichen Ausdrucksmittel anpassen und variieren. Wir sind also mitnichten so „einsprachig“ wie wir häufig annehmen!

Interessanterweise zeigte der Vergleich der Sprachproben untereinander, dass die meisten TeilnehmerInnen dem jungen Mann mit Migrationshintergrund aus Hörquiz 3 viel eher als Björn zutrauen würden anders sprechen zu können. Mit anderen Worten: Menschen mit mehrsprachigem Hintergrund scheint eher zugestanden zu werden, dass sie sprachlich variieren und ihre Sprache kontextuell ausrichten können als deutschen MuttersprachlerInnen, die dialektal gefärbt sprechen. Ob dieses Ergebnis auf die Vermutung der QuizteilnehmerInnen, dass es sich bei der Sprachprobe 3 um „Satire“ handele und sich die Sprache „nachgestellt“ oder „gespielt“ anhöre, zurückzuführen ist, müssten weitere Untersuchungen klären. Aber unabhängig von den angeführten Begründungen zeichnen die Antworten die sprachwissenschaftlich erhobene Tendenz nach, dass DialektsprecherInnen einer Form von sprachlicher Diskriminierung ausgesetzt sind und unter der gesellschaftlich stark verbreiteten Standardideologie zu leiden haben.

Foto 4

Foto 4: Ein Beispiel für die gesellschaftlich stark verbreitete Standardideologie (Quelle der Abbildung: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Themen/Op-Platt/Warum-haben-wir-das-verlernt; 23.11.2015)

Bei der Frage nach Björns sprachlichen Auffälligkeiten hat uns sehr verwundert, dass über die Hälfte der TeilnehmerInnen die dialektalen Besonderheiten mit seinem Temperament in Beziehung setzte. So hielten ihn viele für „emotions- oder leidenschaftslos“, „wenig begeistert“, „gelangweilt“ oder aber „für ein ausgesprochenes ruhiges Kerlchen“, das „besonnen“ wirke. Diese Einschätzung wurde z.T. mit der auditiv wahrgenommenen „monotonen“, „nicht sehr betonten“ Stimmführung begründet. Auch hier scheint sich die negative Wahrnehmung und Bewertung des Dialektsprechers aufgrund seiner Sprache fortzusetzen.

Wir könnten jetzt noch viele Seiten darüber schreiben, welche weiteren interessanten Ergebnisse die Antworten zu Björns Sprachprobe aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu Tage gefördert haben, aber das würde vermutlich den Rahmen eines Blogeintrags und die Geduld der Leserschaft gehörig überstrapazieren. 😉 Es sei nur so viel gesagt: Auch die Antworten zu Hörquiz 2 und 3 versprechen spannende Anknüpfungspunkte für linguistische Forschungsarbeiten. Zum Beispiel ließe sich untersuchen, welche Aspekte muttersprachlicher Variationskompetenz im kollektiven Bewusstsein verankert sind, wann sie relevant werden und welcher Bewertung sie unterliegen. Oder es könnte näher betrachtet werden, inwiefern fachsprachliche Performanz die Wahrnehmung der Sprachkompetenz der SprecherIn beeinflusst. Oder aber es ließe sich danach forschen, an welchen sprachstrukturellen Merkmalen wir festmachen, ob es sich um authentische oder stilisierte Sprache handelt oder oder oder…

Bevor wir uns an dieser Stelle jedoch in linguistischen Visionen verlieren, sei noch mal allen BesucherInnen ganz herzlich für die rege Teilnahme an unserem Erlebnisparcours und die vielen tollen Fragen, die kritischen Anregungen und die ausführlichen Gespräche gedankt! Wir hatten einen wunderbaren und inspirierenden Abend und hoffen, dass auch Ihr neue Einblicke in die Vielfalt der deutschen Sprachwirklichkeit gewonnen habt!

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