Satire 2.0? NEO MAGAZIN ROYALE zeigt, wie es gehen kann!

Ich hätte heute Morgen frohlocken können und danke meiner lieben Kollegin Eva Dickmeis. Ich schreibe gerade Aufsätze zum Thema Kabarett bzw. Satire und suche nach schönen Beispielen, an denen man verdeutlichen kann, was den Kern von Satire ausmacht. In dem Streit darum, was denn nun Satire dürfe, wird häufig der berühmt-berüchtigte Text, „Was darf die Satire?“, von Tucholsky in der Diskussion – samt Tucholskys Antwort, „Alles.“, – angeführt. Dabei ist eine grundlegendere Frage viel wichtiger: Was ist überhaupt Satire? Ich möchte Tucholskys Antwort hier neu formulieren: Was darf die Satire? Alles – wenn es denn dann auch Satire ist.

Eines vorweg: „Satire“ gibt es für mich nicht als fassbare Menge oder feste Form. Nach Meyer-Sickendieck ist Satire keine Gattungsbezeichnung, sondern vielmehr die Oberbezeichnung für „von aggressiv-ironischer Rhetorik geprägte ästhetische Werke“, die der „Verspottung des Lasters, im Unterschied zur Verspottung konkreter Einzelpersonen“, dient. Sie definiert sich also vom Zweck – der sozialen Funktion – her. Also, nochmal auf Anfang, ich suchte Beispiele und Eva zeigte mir dies.

Ich war begeistert und freue mich noch immer. Nicht (nur) wegen des Inhalts, was mich vor allem begeistert und mir imponiert, das ist die satirische Wirkkraft des ganzen Beitrags, des ganzen Coups.

Also: Satire ist dann Satire, wenn ästhetisch vermittelte Zeitkritik vorliegt. Dies kann in Texten, Bildern, Musik oder eben in multimodalen Kompositionen aus all diesen realisiert werden – und genau das hat Jan Böhmermann bzw. das Team von NEO MAGAZIN ROYALE gemacht, mit allen folgenden Videos oder Mitteilungen. Außerdem geht es darum, Laster anzuprangern, und nicht um das Beleidigen von Einzelpersonen. Es geht nicht um Jauch oder seine Gäste. Die sind nur die Folie, auf der das Laster vorgeführt und lächerlich gemacht wird. Dies funktioniert vor allem im Zusammenbringen von Widersprüchen: Selbstanspruch, investigativen Journalismus zu betreiben, vs. auf ein vermeintlich manipuliertes Video reinfallen; offene Diskussionsankündigung in gebührenfinanziertem Rahmen vs. Vorführen eines Politikers anhand eines vermeintlich manipulierten Videos; das Missverhältnis zwischen Diskursen, die notwendigerweise geführt werden müssen, und Scheindebatten; deutsche politische Verantwortung vs. Verhalten deutscher Politiker und öffentlicher Mediendiskurs. Zu guter Letzt schießt Böhmermann noch gegen die breite Masse, die nach dem Tatort ein wenig hetzen kann und auch soll. Die Kritik richtet sich also nicht an Jauch in personam, sondern an das Format und die Art und Weise, in dem und wie diskutiert wird – es ist Diskurskritik und Ziel sind verschiedene Ebenen: Sender, Politiker, Durchschnittsbürger – eben Zeitkritik. Satire ist parteiisch, sie muss es sogar sein. Genau das ist Satire, mit Tucholsky: „Nun kann man gewiß über all diese Themen [in unserem Kontext Griechenland im Kontext des Euros, F.S.] denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten“ – das ist doch das Schöne.

Eingebettet ist die Zeitkritik hier in einen spöttischen Beitrag, der sich erst scheinbar lustig macht über Beckmann, Kerner, Jauch usw., das satirische Potenzial steigert sich aber bis zum letzten Monolog Böhmermanns:

„Es trifft aber wirklich ´nen Nerv, ne? So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zweimal Europa verwüstet, aber wenn man uns den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus, dann kennen wir keine sachliche Diskussion mehr. Wenn uns ´n Grieche den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus – denn wir sind Deutsche. Liebe Redaktion von Günther Jauch, Yanis Varoufakis hat Unrecht, ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach nur das Video aus dem Zusammenhang gerissen, und ´nen griechischen Politiker am Stinkefinger durch´s Studio gezogen, damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem Tatort nochma schön aufregen können: „Der Ausländer, raus aus Europa mit dem! Der ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg, das gibts ja wohl gar nich! Wir sind hier die Chefs!“ So! Das habt ihr gemacht (07:48-08:29)“.

Die ästetische Vermittlungsform ist am ehesten vielleicht als Collage zu bezeichnen aus Bildern, Schauspiel, Nachahmen von anderen Formaten, Zitation uvm, die sich dem Ziel der Zeitkritik unterordnen. Es geht um Subversion und wenn es stimmt, dass das ominöse Video von dem Magazin selbst manipuliert wurde, dann haben wir hier ein tolles Beispiel für Satire2.0. Und jetzt kommt der Clou: Selbst wenn die Geschichte von NEO MAGAZIN ROYALE um ihre Verantwortlichkeit für das vielleicht oder vielleicht nicht manipulierte Video erstunken und erlogen ist – die Zeit- und Diskurskritik bleibt erhalten. Seit wann wird in Unterhaltungssendungen die Wahrheit gesagt? Böhmermann selbst thematisiert dies in einem weiteren Video, wenn er von einem unterstellten „fake-fake fake-fake-fake“ spricht und die BILD-Redaktion und Jauch auffordert, die Euro-Zone zu verlassen. Die Zeit- und Diskurskritik geht auch dort weiter, das satirische Netz ist gespannt und man ging dem Team voll in die Falle:

Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen 2 Jahre alten aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, der Art skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.

Besser kann man das nicht machen.

Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den „Niedergang der deutschen Sprache“ zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Mit „unserer Sprache“ meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau „unser“, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob „die deutsche Sprache“ verfällt, es wird plump vorausgesetzt, „Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst“ – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: „Business-Englisch“ (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie „deutsche Sprache“.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein „Linguistik-Experte“ (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er „Relevanz“ ab, erkennt „Verblödung“ und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was „die deutsche Sprache“ aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die „eingedeutschte“ Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an „Sprache und ihrer Entwicklung an sich“ steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht „die deutsche Sprache“ verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

Der DFB auf dünnem Eis

Bei den vielen filigranen Technikern der Herren-Nationalmannschaft des DFB sollte das Bewegen auf dünnem Eis eigentlich kein Problem sein. Auf der Facebook-Seite des DFB-Teams und in vielen Fußballforen sorgte aber gestern eine kleine unbedachte Aktion des DFB für einen großen Aufschrei vieler Fußballfans, der Shitstorm auf der Facebook-Seite hält weiterhin an, auch Onlinemedien wie Spiegel OnlineFOCUS Online, Zeit.de und Sueddeutsche.de und auch Sport1.de und Kicker.de berichteten schon. Was war passiert, hat jemand etwas Falsches gesagt? Nicht wirklich. Es war nicht das Schreiben oder Aussprechen von etwas Unschreib- oder Unsagbarem, vielmehr war es das Abkleben bzw. Durchstreichen von etwas absolut Sagbarem, das man im Konsens unserer demokratischen Gesellschaft nicht streichen oder abkleben sollte, wenn man nicht eine, zurecht, hochemotionale Diskussion führen will, in der man nicht gut wegkommen kann.

Die Nationalmannschaft spielt heute in Hamburg an einem Abend im Mai gegen Polen. Ausgerechnet im Mai, ausgerechnet gegen Polen – eigentlich ein gutes Zeichen der Völkerverständigung und der Friedensbemühung. Der DFB hat für das Abschlusstraining das Stadion des FC St. Pauli gemietet, eines Vereins, der sich klar, klarer als viele andere große Vereine, gegen Faschismus und Rassismus positioniert und dies auch mit einem Banner an der Gegentribüne klarstellt: Kein Fußball den Faschisten. Der DFB hat diesen Spruch beim Abschlusstraining, als Fotos gemacht werden durften, abgehängt, zu lesen war dort nur noch: Kein Fußball. Aus den Berichterstattungen über dieses Phänomen geht hervor, dass wohl das Argument für das Streichen des Begriffs Faschisten war, dass man als DFB keine politische Werbung machen dürfe, der Slogan wurde, mit den Worten des Pressesprechers des DFB, „neutralisiert“. Was ist der Kern des Problems? Hat es was mit Sprache zu tun? Ja!

Egal wer den Begriff Faschismus oder Faschist/-in/-en benutzt und was er oder sie mit dem Begriff bezeichnet, es ist immer etwas Verdammenswertes, man kann sich nicht für Faschismus oder Faschisten mittels dieser Begriffe einsetzen. Die negative Bedeutungskomponente ist immer Teil der Bedeutung, egal wie vage das eigentliche Denotat sein mag. Der Begriff Faschismus bzw. Faschist/-in/-en ist das, was man ein Unwertwort nennt, es ist in dem Sinne Teil der Ideologie aller demokratischen Parteien oder Gruppierungen, als dass nur eine Ablehnung in Frage kommt. Das Argument, man wolle keine politische Werbung machen, kann daher nicht zählen: Alle demokratischen (!) Parteien sind sich in diesem Punkt einig, es gibt schlichtweg nichts zu bewerben, eben nichts zu „neutralisieren“, eine Streichung führt zum Gegenteil einer Neutralisierung. Die zentralen politischen Texte der BRD sind durchzogen von der Ablehnung jeglicher faschistischer Tendenzen – genau deswegen kann man die öffentliche Ablehnung auch nicht einfach streichen oder abhängen: Man rüttelt somit, ob man will oder nicht, an den zentralen Hochwert- und Unwertwörtern wie Frieden, Demokratie, Freiheit und auf der anderen Seite Krieg, Rassismus und Unfreiheit. Sie sind eben als Begriffe Teil demokratischer Ideologien aller Couleur. Aus diesem Grund geht auch der Hinweis in solchen Kontexten auf den ´unpolitischen Fußball´ völlig an der Sache vorbei. Pointiert könnte man sogar sagen, dass es erst dann politische Agitation ist, den Spruch, ist er einmal da, abzuhängen.

Das alles hat der oder die Verantwortliche des DFB offensichtlich nicht bedacht, auf eine Stellungnahme des DFB selbst warte ich gespannt, aber ich bezweifele, leider, dass es eine geben wird. Wie oben bereits angedeutet, kann man in dieser Diskussion, ist sie einmal entbrannt, eigentlich nicht mehr gut aussehen. Problematisch ist aber jetzt, dass die soziale und kommunikative Konvention eigentlich eine Äußerung des DFB verlangt, aber stattdessen werden stündlich neue Informationen zum Spiel gepostet, was wiederum von Kommentierenden mit Häme bedacht wird, mit anderen Worten: Aussitzen ist nicht, das wäre schlechtes Krisenmanagement. Es bleibt in diesem Punkt spannend.

Einige wenige User äußern auf der Facebook-Seite des DFB ihr Unverständnis über die Aufregung. Viele, viele andere zeigen sich bestürzt und empört, andere lassen der allgemeinen Unzufriedenheit freien Lauf. Ein User kommentiert den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Satzung des DFB, in Paragraph 2 steht klar und deutlich, dass der DFB „rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen“ tritt, geistreich pointiert: „dfb für gegen rassismus aber gegen gegen faschismus?“. Auch hier ist es klar, dass die den Faschismus ablehnende Haltung die Satzung des DFB durchzieht, der Slogan also eigentlich völlig konform ist, so sehr ist das Unwertwort Faschismus Teil der demokratischen Ideologie. Es ist zwar nur ein Wort, aber es steht als zentrales Unwertwort für eine komplette politische Argumentation, die sich zu großen Teilen eben aus der Ablehnung von Faschismus ergibt – dafür steht das Wort selbst repräsentativ, diese Argumentation gegen das Denotat ist Teil des Wortes selbst geworden.

Ob die Reaktion der Kommentierenden überzogen ist oder nicht, möchte ich gar nicht groß kommentieren, das ist auch nicht Aufgabe des SprAACHENblogs, aber klar ist: Die kritischen Kommentare und Reaktionen hat sich der DFB mit dieser Aktion völlig selbst eingebrockt und mit ein wenig Empathie wäre es auch voraussehbar gewesen. Wie wichtig der Fall ist oder nicht, entscheidet sich im Endeffekt diskursiv – und das ist auch genau richtig so. Hätte die Nationalmannschaft in einem anderen Stadion trainiert, wäre das wohl erst gar nicht passiert.

Was lernt man daraus? Man muss nicht nur aufpassen, was man in der Öffentlichkeit sagt, man muss auch aufpassen, was man nicht sagt – und was man aktiv, intentional – und damit irgendwie begründet – durchstreicht. Auf die Gründe, bzw. ob welche genannt werden, bin ich gespannt.

Sei authentisch! Ein Ratgeber für politische Kommunikation

Ratgeberliteratur ist sehr beliebt und das nicht ohne Grund. Sie wird als Problemlösehilfe zu Rate gezogen, zu den vielfältigsten Themen. Ob Ehe, Tierhaltung, Energiesparen – die Regale der Buchhandlungen sind gut mit entsprechenden Ratgebern gefüllt. Linguistisch sind Ratgeber aus zwei Gründen interessant. Zum einen kann man untersuchen, mittels welcher sprachlichen Strategien dort versucht wird, Wissen bzw. Problemlösungen zu vermitteln. Zum anderen – und diesen Bereich finde ich persönlich interessanter – gibt es viele Ratgeber, die sich auf verschiedenen Ebenen mit Sprache befassen: Bewerbungsratgeber, Stilratgeber, Briefsteller, Redetrainings etc. Oftmals werden dort intuitiv nachvollziehbare Ratschläge gegeben, die aber auch an Trivialität nicht zu überbieten sind. Zudem verursachen manche Ratschläge mehr Fragen, als sie beantworten, da sich die Ratschläge teilweise widersprechen. Oder die Ratschläge sind so vage, dass sie schlichtweg nicht das zu lösende Problem lösen, sondern auf die tiefer liegenden Probleme aufmerksam machen. Dass die Ausführungen aus linguistischer Sicht oft Humbug am Rande des Hokuspokus sind, muss wohl eigentlich nicht erwähnt werden. Ein Beispiel? Social Media. Leitfaden 2013. Soziale Medien in der politischen Kommunikation von Peter Tauber (MdB/CDU, Selbstverlag).

Ein spannendes und hoch relevantes Thema, vor allem im Wahljahr 2013. Sprach-, medien- und kommunikationswissenschaftlich lässt sich zum Thema auch eine ganze Menge sagen. Zugegeben: Meine Erwartungen waren hoch, da Peter Tauber auch Germanistik studiert hat. Das Bild und die Thematisierungen von Sprache lassen dies aber leider selten erkennen. Als „Werkzeug“ (S. 7) erkennt Tauber Sprache zwar, widmet ihr allerdings in einem separaten Kapitel ganze 7 Zeilen und die erscheinen in Schneider´scher Manier:

Sprich (bzw. schreibe) so, dass die Zielgruppe es auch versteht. Einfache Sätze, eindeutige Formulierungen und Vermeidung von Fremdwörtern sind wichtig für klare Botschaften, die in appetitlichen Häppchen verpackt effektiver sind als aneinander gewurstelte Bandwurmsätze oder Amts- und Juristendeutsch. (S. 17)

Wie schon erwähnt, dies ist auf den ersten Blick plausibel. Aber würde dies nicht auch auf ein Kochrezept, eine Bastelanleitung oder eine Gebrauchsanweisung zutreffen? Was ist ein „einfacher Satz“? Ist hier bspw. die semantische Ebene oder die syntaktische Ebene gemeint? Ab wann ist ein Satz ein Bandwurm und wann ist dieser appetitlich? Was ist denn nun ein Fremdwort? Ist Fraktion ein Fremdwort und sollte deswegen von Politikern im Netz nicht benutzt werden? Und die Königsfrage: Wer oder was ist denn die Zielgruppe eines Politikers im Netz? Und wie versteht diese was am besten? Wenn Politiker sprechen oder schreiben, soll die Zielgruppe denn dann wirklich alles verstehen? Was soll Sie genau verstehen? Die Intention des Textes? Die bloße Botschaft? Fragen über Fragen, die sich aus diesen zwei Sätzen ergeben, die vielleicht gar nicht gestellt worden wären.

Der wichtigste Ratschlag wird übrigens mehrfach wiederholt (S. 12, 16, 22): „Sei authentisch!“ Dazu möchte ich gar nicht so viel sagen. Auch dieser Ratschlag eröffnet mehr Fragen, als tatsächlich beantwortet werden, und zwar allgemeiner und linguistischer Natur: Wie ist man denn authentisch? Wie merkt man, dass man gerade nicht authentisch ist und auf welchen Ebenen kann man sprachlich authentisch oder nicht authentisch sein? Und wie stellt dies alles die Zielgruppe fest? Jetzt bitte alle mal recht authentisch! Hier spricht Peter Tauber das wohl größte Problem (deutscher) Politiker an – Glaubwürdigkeit. Dieses Problem hat sehr, sehr viel mit Sprache und dem Sprachgebrauch von Politikern zu tun. Tauber löst das Problem: Man muss halt einfach glaubwürdig sein!

Am meisten musste ich mich aber die Darstellung der konkreten Kommunikationssituation in diesem Ratgeber wundern:

Über Soziale Medien [gemeint sind hier vor allem Twitter und Facebook, F.S.] können die Menschen direkt und ohne Filter mit den Abgeordneten bzw. Kandidaten kommunizieren. (S. 3, 6, 23)

Was ist hier mit Filter gemeint? Ich bin mir nicht sicher. Viel wichtiger aber ist, dass hier etwas behauptet wird, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es auch Politiker, meinetwegen auch Tauber selbst, gibt, die ihre Seiten selbst betreuen. In der Regel arbeitet aber im Hintergrund ein ganzes Team. Die Diskussionen um die Facebook- und Twitter-Profile von Peer Steinbrück und Cem Özdemir belegen dies eindrucksvoll. Ist so etwas, was auch immer genau damit gemeint ist, ungefiltert? Ich gebe Peter Tauber Recht: Menschen könn(t)en (!) mit Abgeordneten via Facebook kommunizieren, die Plattform lässt es potenziell zu, aber entspricht dieses Szenario auch der Realität? Der Autor hat hier die Antwort parat und widerspricht sich vehement selbst:

Die „Facebook Page“ hat den unschlagbaren Vorteil, dass sie von mehreren Administratoren (auch mit verschiedenen Berechtigungsebenen) betreut werden kann“ (S. 7) und „die ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer werden zu Übermittlern der Botschaft. (S. 10)

Sei authentisch!

Der Ratgeber von Herrn Tauber erscheint intuitiv durchaus sinnvoll, so soll man nur nüchtern Botschaften verschicken und Kommentare schreiben (vgl. S. 18, 22).  Einer intensiveren Auseinandersetzung kann er aber kaum standhalten. Die Widersprüche und vagen Phrasen sind zu offenkundig, auch wissenschaftlich gesehen gibt es zu viele Ungereimtheiten. Am kritischsten sehe ich aber einen Textsortenfehler: Ein Ratgeber oder Leitfaden sollte helfen, Probleme zu lösen, das sollte seine primäre Funktion sein. Hier werden aber eher Fragen aufgeworfen, die dann nicht beantwortet werden (können), wenn man kurz über die gegebenen Ratschläge nachdenkt. Schade.

Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

Kurzmitteilung

Alternativen zum Elfenbeinturm
Die Linguistik will stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken

Von Jochen A. Bär und Thomas Niehr

Seit ihrer Begründung vor 200 Jahren sieht sich die Sprachwissenschaft in einem problematischen Verhältnis zur Sprachkritik – und umgekehrt. Obwohl beide die Sprache zu ihrem Gegenstand haben, waren sie zumeist eher auf Abgrenzung denn auf das Finden von Gemeinsamkeiten bedacht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Konflikt zwischen einer sprachwissenschaftlichen und einer sprachkritischen Betrachtungsweisen noch verschärft. Die Sprachwissenschaft zog sich auf den Standpunkt zurück, dass sie als Wissenschaft die Sprache ausschließlich zu beschreiben, nicht aber zu bewerten habe. Die Sprachkritik überließ man der Öffentlichkeit. Wechselseitige Schuldzuweisungen trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. So wurde den „Sprachfreunden“ oder „selbsternannten Sprachpflegern“ seitens der Linguistik etwa vorgeworfen, dass sie fundamentale wissenschaftliche Einsichten nicht zur Kenntnis nähmen bzw. missachteten. Sprachkritiker dagegen monierten, dass die Sprachwissenschaft ihren Elfenbeinturm nicht verlassen wolle und die tatsächlichen Probleme unberücksichtigt lasse oder gar leugne.

In jüngerer Zeit lassen sich Tendenzen einer ersten vorsichtigen Annäherung erkennen. Einige namhafte Fachvertreter beschäftigen sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es für die Sprachwissenschaft gibt, das berechtigte und aus linguistischer Sicht durchaus wünschenswerte Interesse der Öffentlichkeit an Sprache ernst zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die komplexen Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen.

Im Rahmen einer Tagung in Aachen, zu der wir kürzlich etliche der mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen eingeladen haben, bestand Einigkeit: Die Sprachwissenschaft sollte nach Mitteln suchen, dieses Interesse in sinnvoller Weise zu bedienen. „Sinnvoll“ ist dabei erstens inhaltlich gemeint: Es geht dar­um, wissenschaftlich fundierte Infor­mationen über Sprache zu vermitteln, wobei das, was die Öffentlichkeit an Sprache hauptsächlich interessiert, bestimmend sein darf, aber nicht muss. Zweitens zielt „sinnvoll“ auf die Präsentationsform: Es geht darum, so zu reden und die Dinge so darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Als Ergebnis der Tagung präsentieren wir die folgende

 Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.
Es wird immer Gegenstände unserer Disziplin geben, die für eine größere Öffentlichkeit von geringerem Interesse sind. Ihnen stehen jedoch solche gegenüber, an denen bereits ein öffentliches Interesse besteht, aber auch solche, an denen ein öffentliches Interesse geweckt werden sollte. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Nutzen für die Allgemeinheit deutlich zu machen. Gemeint ist also nicht, dass wir Kommunikationsformen ent­wickeln, die beliebige Gegenstände unserer Disziplin als irgendwie progressiv, spannend, über­raschend usw. erscheinen lassen, sondern dass wir ernsthaft fragen, was angesichts der bestehenden Verhältnisse gebraucht wird.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.
Sprache wird unter anderem dann zu einem öffentlichen Thema, wenn ganze Gruppen von Sprecherinnen und Sprechern sich neue Gebrauchsweisen der Sprache angewöhnen und diese neuen ,Sprachen in der Sprache‘ als in irgendeiner Weise fehlerhaft oder unzureichend bewertet werden (von neuen fachsprachlichen Gebräuchen bis hin zum so genannten Kiezdeutsch). Mit dem massenhaften Gebrauch von elektronischen Arbeits- und Kommunikationsmedien bildet sich eine spezielle, in ihrer Art neue Lese- und Schreibfähigkeit heraus, und viele Menschen haben den Eindruck, dass die traditionelle Schriftsprache dabei ins Hintertreffen gerät. Die Sprachwissenschaft kann auf diese Entwicklung reagieren, etwa indem sie die neuen Sprachformen nicht einfach abwertet, sondern zum angestrebten Standard, der sich ja ebenfalls im Laufe der Zeit verändert, in Beziehung setzt. Das reicht vom kon­struktiven Umgang mit Normbegriffen in der Schule bis zur Beschäftigung mit der Rechtschreibreform.

Unumgänglich ist es, zwischen gesproche­nem und geschriebenem Standard zu differenzieren, denn gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich erheblich voneinander. In spontaner Mündlichkeit erfolgt die Sprachverarbeitung ‚online‘, d. h., man hat keine Zeit, die jeweiligen Formulierungen genau zu planen, und dies führt zu typisch mündlichen syntaktischen Konstruktionen. In der geschriebenen Sprache dagegen hat man – medial bedingt – die Möglichkeit, die Textgestalt zu planen und zu überarbeiten. Bei der Planung von Standardsprachlichkeit müs­sen diese medialen Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin be­schäftigen.
Sprache schafft Identität zum einen im sozialen Raum: Meine Sprache lässt erkennen, zu welcher gesellschaft­lichen Gruppe ich gehöre, signalisiert meine Stellung in der Gesellschaft. Ein öffentliches Interesse daran schlägt sich oft in Fragen nach ,gutem‘ oder ,schlechtem‘ Deutsch nieder. Die Linguistik sollte sich dem nicht mit bloßem Verweis auf die Relativität solcher Bewertungen entziehen, sollte sich aber auch nicht in den Dienst einer ,neuen Bürgerlichkeit‘ nehmen lassen, die nach einem ,richtigen Umgang‘ mit Sprache wie nach dem ,richtigen Umgang‘ mit dem Essbesteck verlangt. – Identität schafft Sprache aber auch durch Abgrenzung von anderen Sprachen. Aktuell geht es in Deutschland dabei vor allem um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Deut­schen und dem Englischen, eine Frage, die die Spannung zwischen Nationalstaatlichkeit und Globalisierung spiegelt. Auch hier wird es für die Linguistik entscheidend darum gehen, den richtigen Ton zu treffen. Noch stärker als bisher müssen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik dazu beitragen, die mit kultureller Diversität und intrakulturellen Sprachdifferenzen verbundenen gesell­schaftlichen Herausforderungen zu gestalten.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.
Die Sprachwissenschaft kann zu einer positiven Spracheinstellung beitragen, indem sie beispielsweise bestimmte Formen destruktiver Sprachkritik als unhaltbar erweist. Wie manche anderen Sprachen hat sich das Deutsche einer solchen Sprachkritik zu erwehren, wobei sich diese bei uns in den vergangenen etwa zwanzig Jahren eher verstärkt hat. Der Typus ist viel älter, hat sich aber seit der Wiedervereinigung im Rahmen der deutschen Identitätsdebatten deutlich ausgeprägt. Dazu gehören Themen wie der allgemeine ,Verfall‘ des Deutschen, der Fremdwort- und Normdiskurs oder generell Zweifel an den Sprachfähigkeiten unserer jungen Generation. Es geht nicht um einen Versuch, vor unbestreitbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern darum, bestehende Probleme mit (u. a.) sprachwissenschaftlichen Mitteln auf ihr rechtes Maß zu bringen und praktische Beiträge zu ihrer Bearbeitung zu liefern.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den ent­sprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.
Sprachkritik ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung von sprachlichen Äußerungen. Die allermeisten Äußerungen in Alltag, Beruf und Wissenschaft erfolgen unreflektiert, gewissermaßen „blind“ (Wittgenstein), routinemäßig und automatisch, und zwar notwendigerweise, da man beim Sprechen und Schreiben nicht ständig innehalten kann. Innehalten zum Zwecke der Reflexion erfolgt aufgrund von Anlässen, die vielfältig sein können, z. B. Unsicherheit, Nicht-Verstehen, Zweifel der verschiedensten Art. Der Sprachgebrauch eines Menschen ist reflektiert, wenn er/sie in der Lage ist, die Art und Weise des eigenen Sprachgebrauchs zu begründen bzw. zu rechtfertigen. Maßstäbe für eine Rechtfertigung sind die Wahrhaftigkeit, Relevanz und Verständlichkeit des Gesagten.

Die Korrektheit und Angemessenheit einer sprachlichen Äußerung kann immer nur mit Bezug auf die jeweilige Sprachvarietät (Standardsprache, Dialekt, Fachsprache …), die jeweilige kommunikative Praktik und individuelle Kommunikationssituation sowie die jeweilige Sprachmedialität (mündlich, schriftlich, computervermittelt …) beurteilt werden.

Aufgabe der Linguistik ist es, diesen Zusammenhang in öffentlichen Diskur­sen über Sprachkompetenz und ‚Sprachverfall‘ immer wieder anhand konkreter Beispiele zu verdeut­lichen und auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Alternativen zur populären Sprachkritik aufzuzeigen. Die Gesellschaft braucht weder Sprachgesetze noch eine Sprachpolizei, aber sie hat Anspruch auf Rat von Fachleuten.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.
Eine Annäherung kann nur über ein besseres Verständnis der jeweils anderen Perspektive erreicht werden. Der Wunsch vieler Schreiber und Sprecher nach Normierung und damit Orientierung muss als wichtiges Bedürfnis  wahrgenommen und akzeptiert werden. Die sprachbezogenen Theorien, wie sie der öffentlichen, nicht-wissenschaftlichen Sprachkritik zugrunde liegen, sollten nicht länger als defizitäre Vorstufen linguistischer Sprachtheorien betrachtet werden, sondern als Sprachreflexionen, die aus spezifischen Bedürfnissen erwachsen.

Die Sprachwissenschaft sieht sich dem Vorurteil gegenüber, ihre Aussagen zum öffentlich gefühlten Sprachverfall seien nichts als Beschwichtigungen, die dazu dienten, im Sinne von politischer Überkorrektheit abweichendes Deutsch zur guten Sprache schönzureden. Dieses Vorurteil ist zu widerlegen: Sprachwissenschaftler bewerten bisweilen sprachliche Strukturen durchaus – entgegen land­läufiger Meinung. Sprachwissenschaftler können und dürfen bewerten – entgegen mancher akademischen Meinung. Eine wichtige Aufgabe der Linguistik besteht darin, der Öffentlichkeit linguistisch begründete Bewertungsmaßstäbe vorzustellen, wie sie z. B. in der Sprachkritikforschung mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entwickelt wurden. Sprachkritik ist somit ein konstitutiver Baustein der Linguistik sowie der alltäglichen Kommunikation.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.
Die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Sprachideologien und Sprachnormenkonzepte ermöglicht eine Reflexion der eigenen fachwissenschaftlichen Perspektive auf Sprache. Erst durch eine eigene Standortreflexion der Linguistik ist eine Annäherung an eine sprachinteressierte Öffentlichkeit möglich, sinnvoll und fruchtbar.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.
Von der OECD wird „Lesekompetenz“ definiert als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Hier geht es ganz offensichtlich um mehr als um die Beherrschung einer technischen Fertigkeit: Der Umgang mit Texten soll dem Leser die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben ermöglichen. Diese Position entspricht der Forderung nach einem stärkeren Praxisbezug der Ausbildung, einer Forderung, die die Schulen (PISA) und Universitäten bereits erreicht hat. Man mag über diese Verschiebung von der Bildung zur (berufsnahen) Ausbildung denken, wie man will: Die Kompetenz zur Rezeption und zur Produktion von Texten wird eine hervorgehobene Rolle in den Lehrplänen spielen, was zu einem besonderen Engagement der Textlinguistik, in Zusammenarbeit mit der Sprachdidaktik führen wird (führen sollte!). Zudem spielt die Vermittlung sozialer Kompetenzen eine immer größere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen, und der Raum des Sozialen ist nun einmal ganz entscheidend durch Sprache strukturiert.

Zentrales Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, die Fähigkeit zum jeweils angemessenen Sprachgebrauch zu verbessern. Hierzu gehört auch die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kommunikativen Praktiken – „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins –, unterschiedlichen Medien sowie unterschiedlichen Varietäten zu wechseln (Code-Switching und Code-Shifting). Das Angemessenheitskriterium schließt das Korrektheitskriterium in gewissem Sinne mit ein, denn das sprachlich Angemessene ist nicht korrekturbedürftig.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.
Eine adressatengerechte Darstellung fachlicher Inhalte ist Voraussetzung für einen gelingenden Dialog über die Fachgrenzen hinaus (aber durchaus auch zwischen einzelnen Teilbereichen des Fachs), und sie muss erlernt werden. Dies sollte künftig verstärkt Ziel akademischer Ausbildung für Linguistinnen und Linguisten sein. Davon sollten nicht zuletzt auch diejenigen unserer Studierenden profitieren, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer werden, denn sie vermitteln ganz wesentlich zwischen Linguistik und Öffentlichkeit.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Kreativität sollten dabei keine Grenzen gesetzt sein. Nachgedacht werden könnte unter anderem über die Einrichtung weiterer Kontaktstellen für (Sprach-)Rat suchende Schreiber und Sprecher nach dem Vorbild bereits bestehender Institutionen (z.B. Aachener Sprachtelefon|www.aachener-sprachtelefon.de|, Sprachberatung an der Universität Chemnitz |www.sprachberatung.tu-chemnitz.de| oder Arbeitsstelle für Sprachauskunft und Sprachberatung an der Universität Vechta |www.sprachauskunft-vechta.de|).

Denkbar wären auch öffentlichkeitswirksame Dokumentationen zum Thema Sprache (sehr erfolgreich war vor einigen Jahren die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ im Berliner Historischen Museum) sowie Kooperationen mit den Medien.

Verstärkt genutzt werden könnten Blogs, Foren und Soziale Netzwerke. In diesem Sinne haben wir im Anschluss an unsere Aachener Tagung ein linguistisches Weblog eingerichtet (spraachenblog.wordpress.com; http://www.facebook.com/spraachenblog), in dem sprachwissenschaftliche Themen in allgemein verständlicher Form behandelt werden und in dem Interessierte mitdiskutieren können.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.
Ansätze, die „splendid isolation“ der Linguistik zu überwinden, hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie sind in der Regel ohne größere Wirkung geblieben: Meist geriet das Anliegen schon nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Um einer solchen Entwicklung zu begegnen, haben diejenigen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik ins Leben gerufen, der die unterschiedlichen Forschungsansätze und -interessen vernetzen und das Thema „Sprachwissenschaft und Öffentlichkeit“ in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung setzen soll.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.
Niemand sollte sich genötigt sehen, eigene Forschungsinteressen am öffentlichen Interesse auszurichten. Es bedarf auch in Zukunft eines im engeren Sinne wissenschaftlichen Diskurses, der Exklusivität zwar nicht anstreben muss, der sie aber beanspruchen darf. Inhaltlich fatal wäre es, wenn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Tendenzen entstünden, Sprachwissenschaft nur dann für akzeptabel (ggf. sogar für förderungswürdig) zu halten, wenn sie ,PR-fähig‘ ist.

Erstunterzeichner:

Dr. Birte Arendt (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jochen A. Bär (Universität Vechta)
Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen)
Andreas Corr, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Ekkehard Felder (Universität Heidelberg)
Dr. Tobias Heinz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Andreas Gardt (Universität Kassel)
Alexander Keus, M.A. (RWTH Aachen)
Dr. Jana Kiesendahl (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Péter Maitz (Universität Augsburg)
PD Dr. André Meinunger (Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin)
Prof. Dr. Thomas Niehr (RWTH Aachen)
Dr. Falco Pfalzgraf (University of London, Queen Mary)
Dr. Kersten Sven Roth (Vertretungsprofessur Universität Potsdam)
Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Frank Schilden, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Jan Schneider (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Dr. Jürgen Spitzmüller (Universität Zürich)
Jana Tereick, M.A. (Universität Hamburg)
Eva Teubert, M.A. (Institut für deutsche Sprache, Mannheim)
Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier)
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Universität Trier)

Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

Sprachkritik an politischer Sprachstrategie am Beispiel deutscher Rüstungspolitik

Was haben die Begriffe Frieden, Gewaltprävention, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung in der Welt gemeinsam? Richtig, sie sind alle positiv konnotiert, das heißt, sie sind emotional und affektiv positiv besetzt, diese positive Bedeutungskomponente schwingt immer mit. Wer würde sich schon dagegen aussprechen? Mehr noch, alle Begriffe zeichnen sich durch eine positive Deontik aus, das heißt, eine Handlungsaufforderung zum Erhalt oder Durchsetzen der mit dem Wort bezeichneten Sache schwingt ebenfalls mit: Frieden gilt es zu erhalten, Menschenrechte sind zu achten usw. Eine negative Deontik hätten wir bspw. bei: Rassismus gilt es zu bekämpfen o.Ä.

Worauf es aber in diesem Blogbeitrag vor allem ankommt, das ist die Tatsache, dass alle genannten Begriffe in der Präambel der Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern an prominenter Stelle auftauchen (S.1):

In dem Bestreben, […] durch seine Begrenzung und Kontrolle einen Beitrag zur Sicherung des Friedens, der Gewaltprävention, der Menschenrechte und einer nachhaltigen Entwicklung in der Welt zu leisten […], hat die Bundesregierung ihre Grundsätze für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern wie folgt neu beschlossen […].

 Weiter heißt es im zweiten allgemeinen Prinzip dieser Grundsätze (S.1):

Der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungs- und Endverbleibsland wird bei den Entscheidungen über Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen.

Beides klingt gut. Wer wollte widersprechen? Dass aber der Text und dessen Inhalt mit der deutschen Rüstungspolitik in einem, sagen wir mal, „Spannungsverhältnis“ steht, konnte man nicht zuletzt an den öffentlichen Diskussionen sehen, die geführt wurden, als herauskam, dass die Bundesrepublik Rüstungsgeschäfte mit Saudi Arabien, Indonesien und Katar plant – oder zumindest darüber nachdenkt. Alle drei Länder zeichnen sich bspw. nicht gerade durch die Achtung der Menschenrechte aus, vielmehr existiert de facto weder in Saudi-Arabien noch in Katar und Indonesien ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Artikel 19 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verkündet 1949 von der „Generalversammlung der Vereinten Nationen“ besagt aber eindeutig:

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Diese Umstände sind auch der Bundesregierung selbstverständlich nicht neu, als Handelspartner für Rüstungsgüter scheinen aber Länder, die das Recht auf Meinugsfreiheit ihrer Bürger massiv verletzen, prinzipiell in Frage zu kommen, obwohl dies eindeutig der oben benannten Präambel widerspricht.

In diesem Blogeintrag möchte ich kurz demonstrieren, wie Politiker mit solchen „Widersprüchen“ umgehen, wenn sie konkret danach gefragt werden. Politik funktioniert immer nur in Sprache, es wird verhandelt, debattiert, beraten und gestritten. Man möchte überzeugen, für sich werben, denn über Wählerstimmen legitimiert sich politische Macht, zumindest in einer demokratischen Staatsform. Daher verwundert es nicht, dass kommunikative Strategie immer eine Rolle spielt – sie muss aber auch immer vom Bürger unterstellt werden. Diese Strategien sind mit linguistischen Mitteln beschreibbar und auch kritisierbar – dies wäre dann politische Sprachkritik und die möchte ich hier einmal exemplarisch vorführen.

Auf der Homepage des Bundestags kann man die schriftlichen Fragen an die Bundesregierung und deren Antworten einsehen, im Folgenden beziehe ich mich auf die Drucksache 17/5422 aus dem Jahre 2011. Der Abgeordnete Jan van Aken, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion, fragte (Frage 56):

Wie begründet die Bundesregierung ihre Waffenexporte nach Saudi-Arabien in Bezug auf das Prinzip der Politischen Grundsätze der Bundesregierung, demzufolge der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungsland bei den Entscheidungen über Exporte von Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen wird, vor dem Hintergrund der Feststellung der letzten Menschenrechtsberichte der Bundesregierung, dass Frauen in Saudi-Arabien bislang wesentliche Menschenrechte vorenthalten werden?

Die schriftliche Antwort des parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Bernd Pfaffenbach ist relativ lang, aber vielleicht gerade deswegen auch interessant:

Die Leitlinien für die Genehmigungsbehörden bilden die „Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ vom 19. Januar 2000 und der „Gemeinsame Standpunkt 2008/944/GASP des Rates der Europäischen

Union vom 8. Dezember 2008 betreffend gemeinsame Regeln Drucksache 17/5422 – 38 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode für die Kontrolle der Ausfuhr von Militärtechnologie und Militärgütern“.

Nach diesem Gemeinsamen Standpunkt der EU verweigern Mitgliedstaaten eine Ausfuhrgenehmigung, wenn eindeutig das Risiko besteht, dass die Militärtechnologie oder die Militärgüter, die zur Ausfuhr bestimmt sind, zur internen Repression benutzt werden könnten. Die Mitgliedstaaten lassen besondere Vorsicht und Wachsamkeit bei der Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen in Länder walten, in denen von den zuständigen Gremien der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder des Europarates schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen festgestellt wurden.

In den „Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ aus dem Jahr 2000 ist bestimmt, dass Genehmigungen für Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern grundsätzlich nicht in Betracht kommen, wenn ein hinreichender Verdacht des Missbrauchs zur internen Repression oder zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen besteht.

Die Bundesregierung setzt sich im Rahmen ihrer bilateralen Beziehungen mit Saudi-Arabien für die Einhaltung von demokratischen Werten und Menschenrechten ein. Die Bundesregierung und die EU thematisieren Menschenrechtsfragen in Saudi-Arabien regelmäßig gegenüber der saudischen Regierung. Im März 2009 hat die EU mit Saudi-Arabien den Menschenrechtsdialog aufgenommen.

Was hier passiert, das ist recht eindeutig: Pfaffenbach antwortet zwar auf die Anfrage van Akens, den kritischen Kern, die Menschenrechtssituation von Frauen in Saudi-Arabien, lässt er aber völlig unbeachtet, er antwortet diesbezüglich irrelevant und nur scheinbar informativ. Obwohl in Saudi-Arabien die Menschenrechte der Frauen stark eingeschränkt sind – Pfaffenbach versucht erst gar nicht, dies zu bezweifeln – werden Waffengeschäfte geplant, dies ist ein klarer Verstoß gegen die angesprochenen Grundsätze. Anstatt dies zu rechtfertigen, erklärt Pfaffenbach die theoretischen Grundlagen des Entscheidungsfindungsprozesses, er gibt also mehr Informationen als nötig wären. Van Aken weiß über die „Gemeinsamen Standpunkte“ Bescheid, sie waren schließlich Teil seiner Frage. In Pfaffenbachs Antwort erscheint auch wieder das positiv besetzte Menschrechte, die – so kann man es also implizit verstehen – nicht so „schwerwiegend“ verletzt werden, als dass ein Waffengeschäft auszuschließen wäre. Das eigentliche Argument ist also keines, sondern nur eine Behauptung, die man wiederum mit Fakten unterfüttern müsste. Mal über die inhaltliche Brisanz hinweggesehen, formen diese beiden Punkte eine linguistisch und politisch interessante Argumentationsweise und Sprachstrategie.

Auch im Alltag ist es üblich, dass man auf Fragen auf den ersten Blick nicht relevant antwortet oder scheinbar zu viele Informationen gibt. Als Beispiel soll der folgende Dialog dienen:

Person A: „Kommst du heute Abend mit nach Köln?“

Person B: „Ich habe morgen ein Fußballspiel.“

Person B antwortet hier scheinbar nicht relevant bzw. gibt scheinbar zu viele Informationen. Mit sprachwissenschaftlichen Worten: B verletzt die Maximen der Relevanz und Quantität nach Grice. Dies wird A merken und A wird nun über einen Interpretationsgang versuchen, die Antwort von B einzuordnen. B möchte bspw. abends nicht nach Köln, weil er am nächsten Tag ein Fußballspiel hat, für das er fit sein möchte, um seine Mannschaft, den Trainer und sich selbst nicht zu enttäuschen. Diesen Vorgang bei Person A nennt man konversationelle Implikatur und er wird höchstwahrscheinlich funktionieren und zwar, weil A und B von der Hypermaxime ausgehen, dass beide Kommunikationspartner kooperativ handeln. Solche Handlungen sind im alltäglichen Umgang Standard.

Auch Pfaffenbach verletzt eindeutig die Maximen der Relevanz und Quantität, aber beachtet er auch die Hypermaxime? Will er wirklich kooperativ antworten? Ich denke nicht. Politische Strategien wie diese bezeichnet der Sprachwissenschaftler (und ehemaliges Bundestagsmitglied, 1972-1974, CDU) Prof. Dr. Josef Klein als „Kaschierstrategien“, sie sind mit sprachwissenschaftlichen Kategorien beschreibbar und in diesem Falle sicherlich auch kritisierbar und zu kritisieren: Auf eine wichtige Frage wird irrelevant geantwortet und es werden zu viele scheinbar relevante Informationen gegeben – eben nicht, um kooperativ zu sein, sondern um die Informationsdefizite der Antwort zu kaschieren. Zu diesem Ergebnis kommt man zwangsläufig, wenn man versucht, Pfaffenbachs Antwort als relevant zu lesen, also bei dem Versuch einer konversationellen Implikatur: Die Antwort lässt sich also vierfach kritisieren, aus der Sicht der Opposition, aus der Sicht der Regierung, aus der Sicht der Öffentlichkeit und auch aus linguistischer Sicht für die Öffentlichkeit.

Wenn ein Sprecher der Bundesregierung auf eine unangenehme Frage aus den Reihen der Opposition mit einer vergleichbaren Strategie reagiert, muss man nach dem Sinn dieses Handelns fragen. Mit den Worten von Hans Jürgen Heringer: „Wir sollten alle so klug sein, daß wir das politische Spiel verstehen und durchschauen; wir sollten alle so realistisch sein, daß wir Lügen und Täuschungen einbeziehen; aber wir sollten uns trotzdem empören.“ Die Linguistik kann dabei wissenschaftlich fundiert helfen, eine Möglichkeit wurde hier exemplarisch gezeigt.