Sei authentisch! Ein Ratgeber für politische Kommunikation

Ratgeberliteratur ist sehr beliebt und das nicht ohne Grund. Sie wird als Problemlösehilfe zu Rate gezogen, zu den vielfältigsten Themen. Ob Ehe, Tierhaltung, Energiesparen – die Regale der Buchhandlungen sind gut mit entsprechenden Ratgebern gefüllt. Linguistisch sind Ratgeber aus zwei Gründen interessant. Zum einen kann man untersuchen, mittels welcher sprachlichen Strategien dort versucht wird, Wissen bzw. Problemlösungen zu vermitteln. Zum anderen – und diesen Bereich finde ich persönlich interessanter – gibt es viele Ratgeber, die sich auf verschiedenen Ebenen mit Sprache befassen: Bewerbungsratgeber, Stilratgeber, Briefsteller, Redetrainings etc. Oftmals werden dort intuitiv nachvollziehbare Ratschläge gegeben, die aber auch an Trivialität nicht zu überbieten sind. Zudem verursachen manche Ratschläge mehr Fragen, als sie beantworten, da sich die Ratschläge teilweise widersprechen. Oder die Ratschläge sind so vage, dass sie schlichtweg nicht das zu lösende Problem lösen, sondern auf die tiefer liegenden Probleme aufmerksam machen. Dass die Ausführungen aus linguistischer Sicht oft Humbug am Rande des Hokuspokus sind, muss wohl eigentlich nicht erwähnt werden. Ein Beispiel? Social Media. Leitfaden 2013. Soziale Medien in der politischen Kommunikation von Peter Tauber (MdB/CDU, Selbstverlag).

Ein spannendes und hoch relevantes Thema, vor allem im Wahljahr 2013. Sprach-, medien- und kommunikationswissenschaftlich lässt sich zum Thema auch eine ganze Menge sagen. Zugegeben: Meine Erwartungen waren hoch, da Peter Tauber auch Germanistik studiert hat. Das Bild und die Thematisierungen von Sprache lassen dies aber leider selten erkennen. Als „Werkzeug“ (S. 7) erkennt Tauber Sprache zwar, widmet ihr allerdings in einem separaten Kapitel ganze 7 Zeilen und die erscheinen in Schneider´scher Manier:

Sprich (bzw. schreibe) so, dass die Zielgruppe es auch versteht. Einfache Sätze, eindeutige Formulierungen und Vermeidung von Fremdwörtern sind wichtig für klare Botschaften, die in appetitlichen Häppchen verpackt effektiver sind als aneinander gewurstelte Bandwurmsätze oder Amts- und Juristendeutsch. (S. 17)

Wie schon erwähnt, dies ist auf den ersten Blick plausibel. Aber würde dies nicht auch auf ein Kochrezept, eine Bastelanleitung oder eine Gebrauchsanweisung zutreffen? Was ist ein „einfacher Satz“? Ist hier bspw. die semantische Ebene oder die syntaktische Ebene gemeint? Ab wann ist ein Satz ein Bandwurm und wann ist dieser appetitlich? Was ist denn nun ein Fremdwort? Ist Fraktion ein Fremdwort und sollte deswegen von Politikern im Netz nicht benutzt werden? Und die Königsfrage: Wer oder was ist denn die Zielgruppe eines Politikers im Netz? Und wie versteht diese was am besten? Wenn Politiker sprechen oder schreiben, soll die Zielgruppe denn dann wirklich alles verstehen? Was soll Sie genau verstehen? Die Intention des Textes? Die bloße Botschaft? Fragen über Fragen, die sich aus diesen zwei Sätzen ergeben, die vielleicht gar nicht gestellt worden wären.

Der wichtigste Ratschlag wird übrigens mehrfach wiederholt (S. 12, 16, 22): „Sei authentisch!“ Dazu möchte ich gar nicht so viel sagen. Auch dieser Ratschlag eröffnet mehr Fragen, als tatsächlich beantwortet werden, und zwar allgemeiner und linguistischer Natur: Wie ist man denn authentisch? Wie merkt man, dass man gerade nicht authentisch ist und auf welchen Ebenen kann man sprachlich authentisch oder nicht authentisch sein? Und wie stellt dies alles die Zielgruppe fest? Jetzt bitte alle mal recht authentisch! Hier spricht Peter Tauber das wohl größte Problem (deutscher) Politiker an – Glaubwürdigkeit. Dieses Problem hat sehr, sehr viel mit Sprache und dem Sprachgebrauch von Politikern zu tun. Tauber löst das Problem: Man muss halt einfach glaubwürdig sein!

Am meisten musste ich mich aber die Darstellung der konkreten Kommunikationssituation in diesem Ratgeber wundern:

Über Soziale Medien [gemeint sind hier vor allem Twitter und Facebook, F.S.] können die Menschen direkt und ohne Filter mit den Abgeordneten bzw. Kandidaten kommunizieren. (S. 3, 6, 23)

Was ist hier mit Filter gemeint? Ich bin mir nicht sicher. Viel wichtiger aber ist, dass hier etwas behauptet wird, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es auch Politiker, meinetwegen auch Tauber selbst, gibt, die ihre Seiten selbst betreuen. In der Regel arbeitet aber im Hintergrund ein ganzes Team. Die Diskussionen um die Facebook- und Twitter-Profile von Peer Steinbrück und Cem Özdemir belegen dies eindrucksvoll. Ist so etwas, was auch immer genau damit gemeint ist, ungefiltert? Ich gebe Peter Tauber Recht: Menschen könn(t)en (!) mit Abgeordneten via Facebook kommunizieren, die Plattform lässt es potenziell zu, aber entspricht dieses Szenario auch der Realität? Der Autor hat hier die Antwort parat und widerspricht sich vehement selbst:

Die „Facebook Page“ hat den unschlagbaren Vorteil, dass sie von mehreren Administratoren (auch mit verschiedenen Berechtigungsebenen) betreut werden kann“ (S. 7) und „die ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer werden zu Übermittlern der Botschaft. (S. 10)

Sei authentisch!

Der Ratgeber von Herrn Tauber erscheint intuitiv durchaus sinnvoll, so soll man nur nüchtern Botschaften verschicken und Kommentare schreiben (vgl. S. 18, 22).  Einer intensiveren Auseinandersetzung kann er aber kaum standhalten. Die Widersprüche und vagen Phrasen sind zu offenkundig, auch wissenschaftlich gesehen gibt es zu viele Ungereimtheiten. Am kritischsten sehe ich aber einen Textsortenfehler: Ein Ratgeber oder Leitfaden sollte helfen, Probleme zu lösen, das sollte seine primäre Funktion sein. Hier werden aber eher Fragen aufgeworfen, die dann nicht beantwortet werden (können), wenn man kurz über die gegebenen Ratschläge nachdenkt. Schade.

Werbeanzeigen

Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

Geschlechtergerechte Sprache

Aus der Praxis des Aachener Sprachtelefons hier eine aktuelle E-Mail-Anfrage:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

können Sie mir bitte die korrekte Schreibweise rückmelden? Es geht um die
Darstellung von weiblichen und männlichen Angehörigen von Personengruppen,
ohne beide Genera ausschreiben zu müssen.

Beispielsatz:
Unser erfahrenes Team – bestehend aus Sportlehrer/innen,
Krankengymnast/innen und Sozialarbeiter/innen – ist […].

Wie ist die aktuelle, korrekte Darstellung?“

Heikel, heikel – die gesellschaftspolitische Dimension dieser Frage ist kaum zu überlesen. Anfragen an das Aachener Sprachtelefon, die eine geschlechtergerechte Schreibweise von Berufsbezeichnungen betreffen, sind keinesfalls selten. So haben sich vor einiger Zeit bspw. Vertreter einer Partei bei mir darüber erkundigt, ob es denn Mitglieder und Mitgliederinnen heißen müsse. Gerade bei Berufsbezeichnungen in Stellenausschreibungen existiert auch eine gewisse juristische Komponente. Die Frage nach dem, was genau hier als „korrekt“ abgefragt wird, ist in diesem Kontext einen Satz wert: Dem anfragenden Unternehmen ging es um eine Korrektheit im Sinne einer normativen Sprachregel und nicht um konventionelle Regeln des gesellschaftlich Angemessenen. Dass bspw. Feministinnen und Feministen die Binnengroßschreibung mit I gutheißen (bspw. in StudentInnen), diese aber eindeutig den gültigen Rechtschreibregeln widerspricht, ist wohl kein Geheimnis – trotzdem ist die Schreibung mit sog. Binnen-I schon längst gebräuchlich und wird im Duden Band 9 (Richtiges und gutes Deutsch) zumindest auch erwähnt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache zu realisieren – es kommt aber, möchte man eine Beratung dahingehend vornehmen, welche die jeweils angemessenste sprachliche Realisierung ist, immer auf die konkreten Fälle an. So sind bei Fällen, bei denen sich in geschlechtergerechter Schreibweise Vokale am Anfang oder innerhalb des Wortes ändern, Klammerformen, Student(in), Binnengroßschreibung, StudentIn, oder Schrägstrichformen, die nur Endungen voneinander trennen, Mitarbeiter/-innen, zu vermeiden: *Arzt(in)*, *ArztIn*, *Arzt/-in* – in diesen Fällen würde ich zur Doppelform, Arzt / Ärztin, wir suchen eine Ärztin / einen Arzt usw., raten.

Bei allen angesprochenen Möglichkeiten gibt es Kritikpunkte: So könnte man bei der einfachen Klammer sagen, dass der weiblichen Form eine bloß untergeordnete Rolle „in Klammern“ (Polizist(in)) eingeräumt wird.

Im obigen Beispiel habe ich dem anfragenden Unternehmen dann dazu geraten, die Variante mit Schräg- und Bindestrichen zu wählen: […] bestehend aus Sportlehrer/-innen,
Krankengymnast/-innen und Sozialarbeiter/-innen
[…]. Dies hatte hier 5 Gründe:

1. Es kommt zu keinen Vokaländerungen vor den Schrägstrichen.
2. Es müssen keine Artikel oder Attribute dem Genus entsprechend neu dekliniert werden, sie sind im konkreten Fall einfach nicht vorhanden.
3. Man vermeidet so den Vorwurf einer Unterordnung der weiblichen Form.
4. Eine durchgehende Doppelung der Formen würde den Einschub unnötig verlängern.
5. Die Möglichkeit mit Schräg- und Bindestrichen entspricht hier zweifellos der aktuellen Rechtschreibung – und danach war ja vor allem gefragt.

Dieses konkrete Beispiel zeigt, dass einer linguistischen Sprachberatung, wie sie beim Aachener Sprachtelefon betrieben wird, eine Wertung – mindestens im Sinne einer Hierarchisierung verschiedener Möglichkeiten – zugrunde liegen kann, wahrscheinlich sogar immer auch zugrunde liegt. Mit anderen Worten: Es handelt sich um implizite Sprachkritik, die in der konkreten Beratungssituation expliziert wird.

Nachtrag 1 (10.7.2012):

Auf der Homepage der RWTH Aachen gibt es einen allgemeineren Ratgeber zum Thema „Geschlechtergerechte Sprache. Wie formuliere ich einen Text geschlechtergerecht? 7 Tipps und Tricks.“ Das ist sicherlich eine gute Idee, es wird darin aber bspw. ersichtlich, dass dieser allgemeine Ratgeber in der konkreten Fragestellung (s.o.) recht wenig geholfen hätte.

Nachtrag 2 (12.7.2012):

Wer sich mit linguistischer Sprachkritik näher auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Kapitel 2.2.4 in Sprachkritik. Ansätze und Methoden der kritischen Sprachbetrachtung von Kilian/Niehr/Schiewe (2010). Darin befinden sich auch weitere Literaturhinweise. Konkret zum Thema „Personenbezeichnungen“ ist der Aufsatz  Personenbezeichnungen im Deutschen als Gegenstand feministischer Sprachkritik von Gisela Schoenthal empfehlenswert.

Als praktischer Ratgeber bietet sich in meinen Augen der Eintrag Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache im Duden Band 9 an. Dort werden verschiedene Möglichkeiten beispielreich diskutiert.

Das Aachener Sprachtelefon

Das Aachener Sprachtelefon hilft seit nunmehr einigen Jahren (bis zum Jahr 2011 noch als „Grammatisches Telefon“) neben Fragen zur Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung auch bei Formulierungsproblemen oder generellen Fragen zur deutschen Sprache.

Weiter heißt es:

„Unser Ansatz der Sprachberatung ist geprägt durch die Idee, dass man durch ein Gespräch die Gründe für das vorhandene Problem aufdeckt, damit ein Lerneffekt eintreten kann. Diese Herangehensweise erscheint uns deswegen sinnvoll, weil es aus linguistischer Perspektive nicht immer ein einfaches „Richtig“ oder „Falsch“ als Antwort auf sprachliche Probleme geben kann. Es lässt sich aber oft unter vielen möglichen Ausdrucksmöglichkeiten eine besonders angemessene finden; dafür ist aber das klärende Gespräch die Voraussetzung.“

Aber nicht nur telefonisch berät das Aachener Sprachtelefon in Sachen „Sprache“, sondern auch auf elektronischem Wege ist Frank Schilden erreichbar und steht beratend zur Seite. So auch in diesem (aktuellen) Fall:

Frage:

Sehr geehrte Damen und Herren, hier in Aachen hängen im Moment Plakate zu einer Anti-Sarrazin-Demo, wo draufsteht „Halt’s Maul“. Ist das grammatisch korrekt? Denn ausformuliert müsste es doch heißen „Halt das Maul“. Und kann man „das“ auch durch “ ’s “ abkürzen?

Beste Grüße,

Antwort:

Sehr geehrter Herr …,

vielen Dank für ihre interessante Frage. In jedem Falle handelt es sich bei Ihrer Frage weniger um ein grammatisches Problem. In diesem Fall muss man zum einen zwischen konzeptionell gesprochener und konzeptionell geschriebener Sprache unterscheiden. Ich habe die Plakate auch gesehen: Wenn ich mich richtig erinnere, ist dieser Satz in einer Sprechblase geschrieben und damit konzeptionell gesprochene Sprache. Gesprochene bzw. geschriebene Sprache unterscheidet sich zum anderen zum Teil im Regelbestand, sodass zum Beispiel die geforderten Kasus in gesprochener Sprache weniger festgesetzt sind als in geschriebener („wegen“ mit Dativ oder Genitiv?). In gesprochener Sprache wird „das“ oft durch „s“ ersetzt: „Ich halte mir einen Lappen vors Gesicht“, „Willst du was aufs Maul“, „Was wollen Sie aufs Brötchen“. Hierbei handelt es sich um Verbindungen von Präpositionen und Artikeln. In diesen Fällen muss standardsprachlich auch das Apostroph nicht mehr gesetzt werden. In Ihrem Falle handelt es sich um eine verkürzte Imperativform: „Halt(e) das Maul“. Hier müsste bei „Halt das Maul“ kein Apostroph mehr hinter dem „Halt“ stehen, die Form „Halt“ ohne „-e“ ist standardsprachlich anerkannt. Ein Apostroph dient in der deutschen Sprache als Auslassungszeichen. Mit seiner Verwendung wird angezeigt, dass man im Vergleich zu einem Wort der konzeptionell geschriebenen Sprache einen oder mehrere Buchstaben weglässt. Genau dies wird auf diesen Plakaten gemacht. In dieser Konzeption und in diesem Kontext ist es sprachlich und stilistisch völlig korrekt zu schreiben „Halt´s Maul“. In einer Seminararbeit würde ich allerdings davon abraten zu schreiben: „Ich halt´s nicht für sinnvoll xyz voneinander zu trennen“. Ich hoffe ich konnte Ihre Frage zu Ihrer Zufriedenheit beantworten. Bei Nachfragen helfe ich gerne weiter.

Ein Vortrag von Frank Schilden über das Aachener Sprachtelefon und linguistische Sprachberatung findet sich hier.