Bastian Sick, die Indianer – und eine wirklich gute Sache!

Helau, Allaaf und Aloha aus Aachen! Es ist Altweiber (oder wie auch immer man den Tag des Übergangs vom Sitzungs- zum Straßenkarneval nennen mag – in Aachen Fettdonnerstag …), Närrinnen und Narren verkleidet euch! Als Kind (Ender der 80er, gegen Anfang der 90er, *schluck*) waren die meisten meiner Mitschülerinnen und -schüler bzw. die anderen Kindergartenkinder zumeist als Cowboy und -girl und/oder Indianer bzw. Indianerin verkleidet. Ich war Marienkäfer, auch ganz cool, nicht. Wie ich darauf komme? Ich muss ausholen: Ich habe den Tag nicht mit Karnevalsfreu(n)den verbracht, stattdessen habe ich mich für eine Auseinandersetzung mit Kopperschmidts Ausführungen zu Begründungssprachen entschieden. Der Effekt ist vermutlich vergleichbar: Ich werde morgen Kopfschmerzen haben. Um mein Hirn ein wenig zu vergnügen – vergnügte Hirne lernen besser, danke liebe Katrin – , habe ich mich durch das Netz geklickt und bin mal wieder bei Bastian Sick hängengeblieben. Bastian Sick versteigert momentan einen handgeschriebenen Zettel bei Ebay, auf dem er in Schreibschrift für die Erhaltung der Schreibschrift auf dem Lehrplan in Grundschulen plädiert. In diese Diskussion will ich mich hier nicht einmischen, ich verstehe beide Positionen irgendwie (Kopperschmidt, Begründungsprachen, egal.). Jetzt komme ich wieder zu den Indianern und Indianerinnen. Der Sick´sche Zettel endet mit dem Absatz:

Wie soll er als Kunde je einen Vertrag unterschreiben oder als Star Autogramme geben? Mit drei Kreuzen, so wie einst die Indianer?

Eine kleine Bemerkungen, bevor es mir um die Indianer und Indianerinnen geht: Dieser Absatz zeigt wunderbar, warum es sinnvoll ist, über geschlechtergerechten Sprachgebrauch zu reflektieren, bevor man losschreibt (es sei denn, Sick meint hier tatsächlich nur männliche Menschen, das wär allerdings noch schlimmer): Sick nutzt das Pronomen er, allerdings ohne vorher ein Bezugswort für die Proform zu formulieren, es existieren nur die (Pro-)Formen Wer und der und dann das Er. Gefangen im Maskulin. Aber stilistisch auf dem Zettelchen schon irgendwie schön.

Jetzt zu den Indianern: Ich hatte am 10.7.2013 das große Vergnügen einen großartigen Vortrag von Prof. Dr. Peters Schlobinski in Aachen zu hören. Das Thema waren die „Schriften der Welt“. Ich hätte Herrn Sick einladen sollen, er hätte sehr viel gelernt. Es ist bekannt, dass es unterschiedliche Schriftsysteme gibt. Keine natürliche Sprache, bzw. ihre Schrift, kann genuin einem System zugeordnet werden (nein, auch das Deutsche – erst recht – nicht. Nein, AUS!). Eine Großzahl der Sprachen hat sogar gar keine Schrift – das interessiert aber den fortschrittlichen Europäer nicht, so kann ja niemand Verträge unterschreiben, wo kämen wir denn da hin? Die existierenden Schriftsysteme können wiederum aus unterschiedlichen Zeichentypen bestehen. Wenn man einer Sprachgemeinschaft ein Schriftsystem (bspw. eine Alphabetschrift) aufzwängt, das den Basiskategorien des anderen Schriftsystems (bspw. eine Wortschrift oder Ideenschrift) nicht entspricht bzw. bislang eine bloß orale Tradition vorlag (und damit das komplette Sprachspiel des schriftlich fixierten Vertrags als Textsorte nicht bekannt sein kann), dann darf man sich nicht wundern, wenn die betreffenden Schreiberinnen und Schreiber einen Strich durch die Rechnung und Kreuze unter Verträge machen. Das ist erstmal nichts Schlimmes. Schlimm ist, dass das sehr, sehr eng mit ziemlich stumpfer Kolonialisierung zusammenhängt. Ich will es Bastian Sick nicht unterstellen und distanziere mich vom Vorwurf, er schriebe hier aus Versehen kulturchauvinistischen Kram. [Bitte, bitte keine Kommentare, die behaupten, der Zettel von Sick wäre Satire, er ist höchstens unbedacht und nicht ernst gemeint, das ist aber nicht dasselbe wie Satire.]

Sprachkritik und ihr Verhältnis zu Schriften, ich hab´s noch nicht ganz verstanden: Keine Schrift haben – doof, muss geändert werden, von uns. Eigene Schrift soll oberflächlich verändert werden – auch doof, darf nicht geändert werden. Wenn schon Schrift haben – dann bitte die richtige. Die richtige Schrift „falsch“ benutzen – wieder doof.

Aber: Die Auktion endet morgen nachmittags, der Erlös geht an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. – eine sehr, sehr gute Sache Herr Sick, finde ich stark! Ich plädiere hiermit dafür, dass man auf den Zettel viel Geld bietet und ihn dann nie wieder vorzeigt. Ich wünsche allen Lesenden schöne Karnevalstage, viele Küsse, Kamelle, Blumen, Liebe, Sonne und Kuchen!

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Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den „Niedergang der deutschen Sprache“ zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Mit „unserer Sprache“ meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau „unser“, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob „die deutsche Sprache“ verfällt, es wird plump vorausgesetzt, „Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst“ – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: „Business-Englisch“ (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie „deutsche Sprache“.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein „Linguistik-Experte“ (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er „Relevanz“ ab, erkennt „Verblödung“ und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was „die deutsche Sprache“ aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die „eingedeutschte“ Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an „Sprache und ihrer Entwicklung an sich“ steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht „die deutsche Sprache“ verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über „typische“ Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!     

Türkendeutsch? Asideutsch? – Kiezdeutsch!

Sitzt oder steht man in einer multiethnischen Stadt – wie es Aachen ist – in einem Bus oder befindet man sich an Plätzen, die bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr beliebt sind, und hört man dort genau hin, könnte es einem in den Ohren widerschallen: Kanak-Sprak!, Gossensprache!, Proletenslang!, Türkendeutsch!, Asideutsch! – so lauten einige von den in Massenmedien häufig getroffenen und stigmatisierenden Charakterisierungen für Sätze wie: „[…] danach isch habe Training“, „[…] isch bin Bushof, lan!“ oder „[…] gestern er war so Fahrschule so […]“.

Eine angemessenere Bezeichnung, die Prof. Heike Wiese aus Potsdam für solche Sätze gefunden hat, ist Kiezdeutsch. Für eine so vielseitige und –schichtige Sprechergruppe, wie es die des Kiezdeutschen ist, sind die oben beispielhaft angeführten Bezeichnungen mehr als unangemessen und irreführend. Die Sprechergruppen sind multiethnisch, kommen aus den verschiedensten Schulkontexten und sind zwischen 13 und 30 Jahre alt – und vor allem: Sie beherrschen alle mehrere Sprachstile. Nur weil ein Junge oder ein Mädchen seinem besten Freund bzw. ihrer besten Freundin entgegnet, sie bzw. er sei so Bushof so, ist es nicht unwahrscheinlich, dass derselbe bzw. dieselbe Sprecher/-in den Großeltern erklären könnte, sie bzw. er sei gerade am/im/beim/vor dem/neben dem Bushof. Davon bekommt man nur meistens nichts mit, weil es zum einen eben nicht in den Ohren schallt und zum anderen diese Gesprächssituation an den Treffpunkten der Sprechergruppen nicht oder nur selten vorkommt.

In der Jugendsprachforschung ist es schon lange ein Topos, dass Kinder und Jugendliche in der Lage sind, zwischen verschiedenen Sprechstilen fast artistisch zu wechseln. Aber auch Erwachsenen gelingt dies sehr gut (nur ist dort die Empörung nicht so groß, dies mag an fehlender Selbstreflexion liegen): Man denke an stark dialektal geprägte Regionen, in denen am Arbeitsplatz das sog. Hochdeutsch gesprochen wird, was nach Heike Wiese – und ich schließe mich ihr gerne an – eben auch nur ein Sprachstil unter vielen möglichen Sprachstilen ist, die das Deutsche zu bieten hat.

In ihrem Buch „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ beschreibt Heike Wiese solche Sätze, wie ich sie oben als Beispiele formuliert habe, systematisch auf verschiedenen sprachlichen Ebenen (In den Massenmedien werden zu den stigmatisierenden Titulierungen dann gerne Gewaltbereitschaft signalisierende Sätze wie Ich mach dich Messer/Krankenhaus kreiert, als hätten die Sprecher/-innen keine Themen wie Liebe, Versagensängste, Fußball oder Politik – was natürlich völliger Quatsch ist). Was Heike Wiese mit diesem Vorgehen anstößt, ist bemerkenswert: Sie kann zeigen, dass Kiezdeutsch – hier wird gerne von sprachlichen Mängeln oder Fehlern gesprochen – zu einem großen Teil systematisch und damit regelhaft realisiert wird, also als ein Subsystem des Deutschen beschreibbar sein könnte. Ein Merkmal dieses Systems ist es, dass es „offener“ ist, also mehrere Möglichkeiten – so zum Beispiel bei der Verbstellung – zulässt. Dies könnte zu der Annahme führen, dass das System keine Regeln hätte. Dass dies nicht stimmt, kann Heike Wiese ebenfalls zeigen: Sprecher/-innen von Kiezdeutsch markieren willkürliche Verbstellungen, die den Möglichkeiten des Regelsystems nicht entsprechen, als falsch bzw. ungebräuchlich.

Das alles mag dem einen oder anderen nicht gefallen, Beispiele wären der unvermeidliche Wolf Schneider, der in seiner Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ konkret Kiezdeutsch thematisiert, oder Jürgen Kaube, der einen Artikel im Feuilleton der FAZ zu diesem Thema verfasst hat – beide haben aber offensichtlich das Buch nicht gelesen – und man muss es auch nicht schön finden, aber akzeptieren sollte man es doch: Kiezdeutsch ist zu großen Teilen regelhaft, auch wenn diese Regeln vom sog. Hochdeutschen abweichen, was natürlich auch bei allen anderen Dialekten der Fall ist, denken wir an das Rheinische: Dem Pit-Jup singe Tochter usw. Auch hier weicht der Sprachgebrauch regelhaft vom Hochdeutschen ab, nur ist hier das soziale Prestige höher. Heike Wiese weist in diesem Zusammenhang völlig zu Recht darauf hin, dass mit dem Problem der sozialen Abwertung viele Dialekte zu kämpfen haben. Jetzt habe ich es doch schon mindestens zwei Mal gesagt und auch so gemeint: Dialekt! Der Sprachwissenschaftler Prof. Helmut Glück aus Bamberg bestreitet in einem Interview vehement, dass Kiezdeutsch ein Dialekt sei. Er weist auf die fehlende Ortgebundenheit (Kölsch, Bairisch, Hessisch etc.) hin. Das Argument ist auch gar nicht schlecht, denn dies ist ein Definitionsmerkmal von Dialekten, aber: Wenn Herr Glück das Buch von Heike Wiese aufmerksam und bis zum Ende gelesen hat, dann weiß er auch, wie Heike Wiese hier argumentiert. Zum einen unterscheidet sie einen engen von einem weiten Dialektbegriff, aber viel wichtiger ist Folgendes: Sie kann zeigen, dass das systematische Kiezdeutsch in verschiedenen Regionen doch starke Ähnlichkeiten aufweist. Die Orte, an denen Kiezdeutsch gesprochen wird, sind zwar über die Landkarte wild verteilt, anders als Hessen, Bayern oder Köln, aber die Orte weisen doch klare Gemeinsamkeiten auf: Sie sind urban, multiethnisch und zumeist sozial benachteiligt – aber dies erlaubt noch lange kein negatives Urteil über die Sprecher/-innen von Kiezdeutsch und deren Sprachkompetenz. Helmut Glück spricht bei dieser Argumentation von „Wurschtigkeit gegenüber der Funktion einer Hochsprache“, die man allerdings Heike Wiese nur schwerlich unterstellen kann, wenn man das Buch ganz gelesen hat. Außerdem bemängelt Helmut Glück die fehlende historische Tiefe. Was soll man dazu sagen? Das Buch ist eben im Jahre 2012 geschrieben und stellt synchron eine Entwicklungstendenz fest, es ist nicht im Jahre 2500 mit diachroner Perspektive verfasst worden. Zudem spricht Heike Wiese zwar von einem Dialekt, der aber eben erst entsteht, dies zwar rasant, aber er entsteht erst – genau wie andere Dialekte auch entstanden sind und nicht über das Volk gefallen sind wie in der Apostelgeschichte des Lukas.

Das Buch „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ von Heike Wiese ist, genau wie ihr gesamtes Kiezdeutsch-Projekt selbst, ein wertvoller Beitrag der Sprachwissenschaft zu einer öffentlichen und sehr brisanten Diskussion – wenn man sich für derartige Phänomene interessiert, sollte man es lesen und zwar vollständig. Dass man das Thema kritisch diskutieren kann, ist völlig klar – dies zeigt Heike Wiese ebenfalls, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt. Heike Wiese sieht in Kiezdeutsch einen gewinnbringenden Beitrag zur deutschen Sprache. Dieses Urteil muss man nicht teilen, vielleicht sollte man es sich als Sprachwissenschaftler/-in auch sparen oder verkneifen, aber eines muss zur Kenntnis genommen werden: Kiezdeutsch ist regelhaft und beschreibbar – und das sollte man nutzen.

Bevor man also eine ganze Sprechergruppe über Bausch und Bogen wegen des Sprachgebrauchs verurteilt, sollte man sich den betreffenden Sprachgebrauch erst einmal systematisch und empirisch anschauen: Au Banaan!

An dieser Stelle möchte ich zudem auch „Chancen der Vielfalt“ erwähnen, ein Projekt, das produktiv und nicht stigmatisierend mögliche Probleme angeht – es geht um die Förderung von Sprachkompetenz und dazu gehört eben auch die Fähigkeiten, an den entsprechenden Stellen eben den angemessenen Stil zu wählen.