Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

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Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über „typische“ Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!     

Sprachkritik an politischer Sprachstrategie am Beispiel deutscher Rüstungspolitik

Was haben die Begriffe Frieden, Gewaltprävention, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung in der Welt gemeinsam? Richtig, sie sind alle positiv konnotiert, das heißt, sie sind emotional und affektiv positiv besetzt, diese positive Bedeutungskomponente schwingt immer mit. Wer würde sich schon dagegen aussprechen? Mehr noch, alle Begriffe zeichnen sich durch eine positive Deontik aus, das heißt, eine Handlungsaufforderung zum Erhalt oder Durchsetzen der mit dem Wort bezeichneten Sache schwingt ebenfalls mit: Frieden gilt es zu erhalten, Menschenrechte sind zu achten usw. Eine negative Deontik hätten wir bspw. bei: Rassismus gilt es zu bekämpfen o.Ä.

Worauf es aber in diesem Blogbeitrag vor allem ankommt, das ist die Tatsache, dass alle genannten Begriffe in der Präambel der Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern an prominenter Stelle auftauchen (S.1):

In dem Bestreben, […] durch seine Begrenzung und Kontrolle einen Beitrag zur Sicherung des Friedens, der Gewaltprävention, der Menschenrechte und einer nachhaltigen Entwicklung in der Welt zu leisten […], hat die Bundesregierung ihre Grundsätze für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern wie folgt neu beschlossen […].

 Weiter heißt es im zweiten allgemeinen Prinzip dieser Grundsätze (S.1):

Der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungs- und Endverbleibsland wird bei den Entscheidungen über Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen.

Beides klingt gut. Wer wollte widersprechen? Dass aber der Text und dessen Inhalt mit der deutschen Rüstungspolitik in einem, sagen wir mal, „Spannungsverhältnis“ steht, konnte man nicht zuletzt an den öffentlichen Diskussionen sehen, die geführt wurden, als herauskam, dass die Bundesrepublik Rüstungsgeschäfte mit Saudi Arabien, Indonesien und Katar plant – oder zumindest darüber nachdenkt. Alle drei Länder zeichnen sich bspw. nicht gerade durch die Achtung der Menschenrechte aus, vielmehr existiert de facto weder in Saudi-Arabien noch in Katar und Indonesien ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Artikel 19 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verkündet 1949 von der „Generalversammlung der Vereinten Nationen“ besagt aber eindeutig:

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Diese Umstände sind auch der Bundesregierung selbstverständlich nicht neu, als Handelspartner für Rüstungsgüter scheinen aber Länder, die das Recht auf Meinugsfreiheit ihrer Bürger massiv verletzen, prinzipiell in Frage zu kommen, obwohl dies eindeutig der oben benannten Präambel widerspricht.

In diesem Blogeintrag möchte ich kurz demonstrieren, wie Politiker mit solchen „Widersprüchen“ umgehen, wenn sie konkret danach gefragt werden. Politik funktioniert immer nur in Sprache, es wird verhandelt, debattiert, beraten und gestritten. Man möchte überzeugen, für sich werben, denn über Wählerstimmen legitimiert sich politische Macht, zumindest in einer demokratischen Staatsform. Daher verwundert es nicht, dass kommunikative Strategie immer eine Rolle spielt – sie muss aber auch immer vom Bürger unterstellt werden. Diese Strategien sind mit linguistischen Mitteln beschreibbar und auch kritisierbar – dies wäre dann politische Sprachkritik und die möchte ich hier einmal exemplarisch vorführen.

Auf der Homepage des Bundestags kann man die schriftlichen Fragen an die Bundesregierung und deren Antworten einsehen, im Folgenden beziehe ich mich auf die Drucksache 17/5422 aus dem Jahre 2011. Der Abgeordnete Jan van Aken, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion, fragte (Frage 56):

Wie begründet die Bundesregierung ihre Waffenexporte nach Saudi-Arabien in Bezug auf das Prinzip der Politischen Grundsätze der Bundesregierung, demzufolge der Beachtung der Menschenrechte im Bestimmungsland bei den Entscheidungen über Exporte von Rüstungsgütern besonderes Gewicht beigemessen wird, vor dem Hintergrund der Feststellung der letzten Menschenrechtsberichte der Bundesregierung, dass Frauen in Saudi-Arabien bislang wesentliche Menschenrechte vorenthalten werden?

Die schriftliche Antwort des parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Bernd Pfaffenbach ist relativ lang, aber vielleicht gerade deswegen auch interessant:

Die Leitlinien für die Genehmigungsbehörden bilden die „Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ vom 19. Januar 2000 und der „Gemeinsame Standpunkt 2008/944/GASP des Rates der Europäischen

Union vom 8. Dezember 2008 betreffend gemeinsame Regeln Drucksache 17/5422 – 38 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode für die Kontrolle der Ausfuhr von Militärtechnologie und Militärgütern“.

Nach diesem Gemeinsamen Standpunkt der EU verweigern Mitgliedstaaten eine Ausfuhrgenehmigung, wenn eindeutig das Risiko besteht, dass die Militärtechnologie oder die Militärgüter, die zur Ausfuhr bestimmt sind, zur internen Repression benutzt werden könnten. Die Mitgliedstaaten lassen besondere Vorsicht und Wachsamkeit bei der Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen in Länder walten, in denen von den zuständigen Gremien der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder des Europarates schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen festgestellt wurden.

In den „Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ aus dem Jahr 2000 ist bestimmt, dass Genehmigungen für Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern grundsätzlich nicht in Betracht kommen, wenn ein hinreichender Verdacht des Missbrauchs zur internen Repression oder zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen besteht.

Die Bundesregierung setzt sich im Rahmen ihrer bilateralen Beziehungen mit Saudi-Arabien für die Einhaltung von demokratischen Werten und Menschenrechten ein. Die Bundesregierung und die EU thematisieren Menschenrechtsfragen in Saudi-Arabien regelmäßig gegenüber der saudischen Regierung. Im März 2009 hat die EU mit Saudi-Arabien den Menschenrechtsdialog aufgenommen.

Was hier passiert, das ist recht eindeutig: Pfaffenbach antwortet zwar auf die Anfrage van Akens, den kritischen Kern, die Menschenrechtssituation von Frauen in Saudi-Arabien, lässt er aber völlig unbeachtet, er antwortet diesbezüglich irrelevant und nur scheinbar informativ. Obwohl in Saudi-Arabien die Menschenrechte der Frauen stark eingeschränkt sind – Pfaffenbach versucht erst gar nicht, dies zu bezweifeln – werden Waffengeschäfte geplant, dies ist ein klarer Verstoß gegen die angesprochenen Grundsätze. Anstatt dies zu rechtfertigen, erklärt Pfaffenbach die theoretischen Grundlagen des Entscheidungsfindungsprozesses, er gibt also mehr Informationen als nötig wären. Van Aken weiß über die „Gemeinsamen Standpunkte“ Bescheid, sie waren schließlich Teil seiner Frage. In Pfaffenbachs Antwort erscheint auch wieder das positiv besetzte Menschrechte, die – so kann man es also implizit verstehen – nicht so „schwerwiegend“ verletzt werden, als dass ein Waffengeschäft auszuschließen wäre. Das eigentliche Argument ist also keines, sondern nur eine Behauptung, die man wiederum mit Fakten unterfüttern müsste. Mal über die inhaltliche Brisanz hinweggesehen, formen diese beiden Punkte eine linguistisch und politisch interessante Argumentationsweise und Sprachstrategie.

Auch im Alltag ist es üblich, dass man auf Fragen auf den ersten Blick nicht relevant antwortet oder scheinbar zu viele Informationen gibt. Als Beispiel soll der folgende Dialog dienen:

Person A: „Kommst du heute Abend mit nach Köln?“

Person B: „Ich habe morgen ein Fußballspiel.“

Person B antwortet hier scheinbar nicht relevant bzw. gibt scheinbar zu viele Informationen. Mit sprachwissenschaftlichen Worten: B verletzt die Maximen der Relevanz und Quantität nach Grice. Dies wird A merken und A wird nun über einen Interpretationsgang versuchen, die Antwort von B einzuordnen. B möchte bspw. abends nicht nach Köln, weil er am nächsten Tag ein Fußballspiel hat, für das er fit sein möchte, um seine Mannschaft, den Trainer und sich selbst nicht zu enttäuschen. Diesen Vorgang bei Person A nennt man konversationelle Implikatur und er wird höchstwahrscheinlich funktionieren und zwar, weil A und B von der Hypermaxime ausgehen, dass beide Kommunikationspartner kooperativ handeln. Solche Handlungen sind im alltäglichen Umgang Standard.

Auch Pfaffenbach verletzt eindeutig die Maximen der Relevanz und Quantität, aber beachtet er auch die Hypermaxime? Will er wirklich kooperativ antworten? Ich denke nicht. Politische Strategien wie diese bezeichnet der Sprachwissenschaftler (und ehemaliges Bundestagsmitglied, 1972-1974, CDU) Prof. Dr. Josef Klein als „Kaschierstrategien“, sie sind mit sprachwissenschaftlichen Kategorien beschreibbar und in diesem Falle sicherlich auch kritisierbar und zu kritisieren: Auf eine wichtige Frage wird irrelevant geantwortet und es werden zu viele scheinbar relevante Informationen gegeben – eben nicht, um kooperativ zu sein, sondern um die Informationsdefizite der Antwort zu kaschieren. Zu diesem Ergebnis kommt man zwangsläufig, wenn man versucht, Pfaffenbachs Antwort als relevant zu lesen, also bei dem Versuch einer konversationellen Implikatur: Die Antwort lässt sich also vierfach kritisieren, aus der Sicht der Opposition, aus der Sicht der Regierung, aus der Sicht der Öffentlichkeit und auch aus linguistischer Sicht für die Öffentlichkeit.

Wenn ein Sprecher der Bundesregierung auf eine unangenehme Frage aus den Reihen der Opposition mit einer vergleichbaren Strategie reagiert, muss man nach dem Sinn dieses Handelns fragen. Mit den Worten von Hans Jürgen Heringer: „Wir sollten alle so klug sein, daß wir das politische Spiel verstehen und durchschauen; wir sollten alle so realistisch sein, daß wir Lügen und Täuschungen einbeziehen; aber wir sollten uns trotzdem empören.“ Die Linguistik kann dabei wissenschaftlich fundiert helfen, eine Möglichkeit wurde hier exemplarisch gezeigt.

Carsten Sostmeier, was hat denn Sie geritten?

Seit 2008 wird zurückgeritten“, so kommentierte gestern Carsten Sostmeier, der bei Fans des Reitsports längst Kultstatus erreicht hat, den Erfolg der Vielseitigkeitsreiter bei den Olympischen Spielen während einer Fernsehübertragung. Sostmeier hat sich mittlerweile für den Kommentar entschuldigt, der ARD Teamleiter hat ihn für den Ausspruch gerügt.

Das Problematische an diesem Kommentar ist klar: Hier spielt Sostmeier mit einem Zitat Adolf Hitlers, mit dem er den Angriff auf Polen am 1.9.1939 legitimiert hat: „Seit 5.45h wird zurückgeschossen“ – wohl eine der größten und verhängnisvollsten Lügen der deutschen Geschichte. In der Medienlandschaft ist Sostmeier für dieses Wortspiel getadelt worden (Zeit Online, Spiegel Online).

Eine aus linguistischer Sicht interessante Frage ist hier: Ist dieser Kommentar auch linguistisch begründet kritisierbar? Fakt ist, dass es sich bei einem Kommentar dieser Art um eine mündliche Äußerung handelt, die spontan gewesen sein könnte. Ob es sich bei eben diesem Wortspiel aber um eine spontane, kreative Äußerung handelt, darüber kann nur spekuliert werden. Es gibt in der deutschen Sprache durchaus Sprichwörter, Phraseologismen und Idiome, die aus dem Vokabular der Nazi-Zeit schöpfen. Auch die Tatsache, dass diese in Sportkommentaren von renommierten Sportreportern auftauchen, ist nicht neu. Katrin Müller-Hohenstein kommentierte bspw. das 2:0 von Miroslav Klose beim 4:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft über Australien (WM 2010) damit, dass dies ein „innerer Reichsparteitag“ für den glücklichen Klose sein müsse. Diese Redewendung ist immerhin im Duden Band 11 verzeichnet, aber als veraltet. Auch Müller-Hohenstein wurde für ihren Ausspruch getadelt, aber sie hat sich eines existierenden Sprichwortes bedient. Ob es sinnvoll ist, dieses Sprichwort bei einem Länderspiel zu benutzen, das ist aber mindestens diskutierbar, eben auch, weil es nicht mehr sehr bekannt ist und dadurch nicht immer als Sprichwort erkennbar ist. Bei Sostmeiers freudigem Ausspruch sieht es aber anders aus: Hier handelt es sich nicht um eine Redewendung, sondern um ein Wortspiel, dass direkt auf den Satz Hitlers und dessen Kontext verweist – eine übergeordnete Bedeutung, wie es bei Müller-Hohensteins Kommentar der Fall ist, ergibt sich erst einmal nicht.

In der Linguistik ist es ein Topos, dass Sprache im Gebrauch immer an Kontexte gebunden ist. Es gibt aber bestimmte Wörter, Sätze oder Sprachmuster, die nach den konkreten Äußerungssituationen an die „alten“ Kontexte erst einmal gebunden bleiben können, dies ist vor allem im Zusammenhang von Sprache und Politik nicht selten der Fall, man denke bspw. an: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Es ist aber natürlich nicht so, dass Kontext und Aussage dann für immer aneinander gebunden sind, über die Zeit kann sich der Sprachgebrauch auch wieder ändern und bestimmte Konnotationen können wieder abgelegt werden. Wenn sich aber Mitglieder einer Sprachgemeinschaft über einen Ausdruck wundern oder ihr Ärgernis über diesen zum Ausdruck bringen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass dies eben noch nicht geschehen ist.

Vor dem Hintergrund, dass es sicherlich 1000 andere Formulierungen für Sostmeier gegeben hätte, seiner Freude Ausdruck zu verleihen, und dass seine Aussage direkt auf Hitlers Satz und dessen Kontext verweist sowie weder der Situation noch dem Adressatenkreis oder der Textsorte angemessen war, ist sie linguistisch kritisierbar und sollten auch kritisiert werden. Die Kommentare unter dem verlinkten Youtube-Video gehen in über 80 Prozent der Fälle in eine in meinen Augen bedenkliche Richtung: Es sei ein „Witz“, man solle sich nicht anstellen und es gäbe Schlimmeres. Gerade was Anleihen am Sprachgebrauch der Nationalsozialisten – und vor allem Adolf Hitlers – angeht, darf die Linguistik nicht müde werden, dazu kritisch Stellung zu beziehen. Es geht dann nicht darum, Herrn Sostmeier zu verunglimpfen, sondern darum, zu erläutern, warum es eben nicht „witzig“ ist. Ergebnis einer solchen Kritik wäre dann eine Ermahnung zu einer größeren (kritischen) Sprachreflexion – vor allem des eigenen Sprachgebrauchs. Wenn man sich die Frage nach der Funktion eines Sportkommentars beantwortet, kommt man zu dem Schluss, dass Sostmeier diesen schlichtweg – in diesem kleinen Ausspruch – verfehlt hat. Ihm eine absichtliche Referenz zu Hitlers Wortlaut und der Situation zu unterstellen, das ist sicherlich stark übertrieben. Dieser Bezug wäre auch einfach sinnlos. Dass es aber ausgerechnet eben „die Franzosen, die Britten, die Amerikaner“ sind, gegen die „zurückgeritten“ wird, zeugt zumindest in diesem Ausspruch von wenig Wortgefühl und Geschichtsbewusstsein.

Geschlechtergerechte Sprache

Aus der Praxis des Aachener Sprachtelefons hier eine aktuelle E-Mail-Anfrage:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

können Sie mir bitte die korrekte Schreibweise rückmelden? Es geht um die
Darstellung von weiblichen und männlichen Angehörigen von Personengruppen,
ohne beide Genera ausschreiben zu müssen.

Beispielsatz:
Unser erfahrenes Team – bestehend aus Sportlehrer/innen,
Krankengymnast/innen und Sozialarbeiter/innen – ist […].

Wie ist die aktuelle, korrekte Darstellung?“

Heikel, heikel – die gesellschaftspolitische Dimension dieser Frage ist kaum zu überlesen. Anfragen an das Aachener Sprachtelefon, die eine geschlechtergerechte Schreibweise von Berufsbezeichnungen betreffen, sind keinesfalls selten. So haben sich vor einiger Zeit bspw. Vertreter einer Partei bei mir darüber erkundigt, ob es denn Mitglieder und Mitgliederinnen heißen müsse. Gerade bei Berufsbezeichnungen in Stellenausschreibungen existiert auch eine gewisse juristische Komponente. Die Frage nach dem, was genau hier als „korrekt“ abgefragt wird, ist in diesem Kontext einen Satz wert: Dem anfragenden Unternehmen ging es um eine Korrektheit im Sinne einer normativen Sprachregel und nicht um konventionelle Regeln des gesellschaftlich Angemessenen. Dass bspw. Feministinnen und Feministen die Binnengroßschreibung mit I gutheißen (bspw. in StudentInnen), diese aber eindeutig den gültigen Rechtschreibregeln widerspricht, ist wohl kein Geheimnis – trotzdem ist die Schreibung mit sog. Binnen-I schon längst gebräuchlich und wird im Duden Band 9 (Richtiges und gutes Deutsch) zumindest auch erwähnt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache zu realisieren – es kommt aber, möchte man eine Beratung dahingehend vornehmen, welche die jeweils angemessenste sprachliche Realisierung ist, immer auf die konkreten Fälle an. So sind bei Fällen, bei denen sich in geschlechtergerechter Schreibweise Vokale am Anfang oder innerhalb des Wortes ändern, Klammerformen, Student(in), Binnengroßschreibung, StudentIn, oder Schrägstrichformen, die nur Endungen voneinander trennen, Mitarbeiter/-innen, zu vermeiden: *Arzt(in)*, *ArztIn*, *Arzt/-in* – in diesen Fällen würde ich zur Doppelform, Arzt / Ärztin, wir suchen eine Ärztin / einen Arzt usw., raten.

Bei allen angesprochenen Möglichkeiten gibt es Kritikpunkte: So könnte man bei der einfachen Klammer sagen, dass der weiblichen Form eine bloß untergeordnete Rolle „in Klammern“ (Polizist(in)) eingeräumt wird.

Im obigen Beispiel habe ich dem anfragenden Unternehmen dann dazu geraten, die Variante mit Schräg- und Bindestrichen zu wählen: […] bestehend aus Sportlehrer/-innen,
Krankengymnast/-innen und Sozialarbeiter/-innen
[…]. Dies hatte hier 5 Gründe:

1. Es kommt zu keinen Vokaländerungen vor den Schrägstrichen.
2. Es müssen keine Artikel oder Attribute dem Genus entsprechend neu dekliniert werden, sie sind im konkreten Fall einfach nicht vorhanden.
3. Man vermeidet so den Vorwurf einer Unterordnung der weiblichen Form.
4. Eine durchgehende Doppelung der Formen würde den Einschub unnötig verlängern.
5. Die Möglichkeit mit Schräg- und Bindestrichen entspricht hier zweifellos der aktuellen Rechtschreibung – und danach war ja vor allem gefragt.

Dieses konkrete Beispiel zeigt, dass einer linguistischen Sprachberatung, wie sie beim Aachener Sprachtelefon betrieben wird, eine Wertung – mindestens im Sinne einer Hierarchisierung verschiedener Möglichkeiten – zugrunde liegen kann, wahrscheinlich sogar immer auch zugrunde liegt. Mit anderen Worten: Es handelt sich um implizite Sprachkritik, die in der konkreten Beratungssituation expliziert wird.

Nachtrag 1 (10.7.2012):

Auf der Homepage der RWTH Aachen gibt es einen allgemeineren Ratgeber zum Thema „Geschlechtergerechte Sprache. Wie formuliere ich einen Text geschlechtergerecht? 7 Tipps und Tricks.“ Das ist sicherlich eine gute Idee, es wird darin aber bspw. ersichtlich, dass dieser allgemeine Ratgeber in der konkreten Fragestellung (s.o.) recht wenig geholfen hätte.

Nachtrag 2 (12.7.2012):

Wer sich mit linguistischer Sprachkritik näher auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Kapitel 2.2.4 in Sprachkritik. Ansätze und Methoden der kritischen Sprachbetrachtung von Kilian/Niehr/Schiewe (2010). Darin befinden sich auch weitere Literaturhinweise. Konkret zum Thema „Personenbezeichnungen“ ist der Aufsatz  Personenbezeichnungen im Deutschen als Gegenstand feministischer Sprachkritik von Gisela Schoenthal empfehlenswert.

Als praktischer Ratgeber bietet sich in meinen Augen der Eintrag Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache im Duden Band 9 an. Dort werden verschiedene Möglichkeiten beispielreich diskutiert.

Türkendeutsch? Asideutsch? – Kiezdeutsch!

Sitzt oder steht man in einer multiethnischen Stadt – wie es Aachen ist – in einem Bus oder befindet man sich an Plätzen, die bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr beliebt sind, und hört man dort genau hin, könnte es einem in den Ohren widerschallen: Kanak-Sprak!, Gossensprache!, Proletenslang!, Türkendeutsch!, Asideutsch! – so lauten einige von den in Massenmedien häufig getroffenen und stigmatisierenden Charakterisierungen für Sätze wie: „[…] danach isch habe Training“, „[…] isch bin Bushof, lan!“ oder „[…] gestern er war so Fahrschule so […]“.

Eine angemessenere Bezeichnung, die Prof. Heike Wiese aus Potsdam für solche Sätze gefunden hat, ist Kiezdeutsch. Für eine so vielseitige und –schichtige Sprechergruppe, wie es die des Kiezdeutschen ist, sind die oben beispielhaft angeführten Bezeichnungen mehr als unangemessen und irreführend. Die Sprechergruppen sind multiethnisch, kommen aus den verschiedensten Schulkontexten und sind zwischen 13 und 30 Jahre alt – und vor allem: Sie beherrschen alle mehrere Sprachstile. Nur weil ein Junge oder ein Mädchen seinem besten Freund bzw. ihrer besten Freundin entgegnet, sie bzw. er sei so Bushof so, ist es nicht unwahrscheinlich, dass derselbe bzw. dieselbe Sprecher/-in den Großeltern erklären könnte, sie bzw. er sei gerade am/im/beim/vor dem/neben dem Bushof. Davon bekommt man nur meistens nichts mit, weil es zum einen eben nicht in den Ohren schallt und zum anderen diese Gesprächssituation an den Treffpunkten der Sprechergruppen nicht oder nur selten vorkommt.

In der Jugendsprachforschung ist es schon lange ein Topos, dass Kinder und Jugendliche in der Lage sind, zwischen verschiedenen Sprechstilen fast artistisch zu wechseln. Aber auch Erwachsenen gelingt dies sehr gut (nur ist dort die Empörung nicht so groß, dies mag an fehlender Selbstreflexion liegen): Man denke an stark dialektal geprägte Regionen, in denen am Arbeitsplatz das sog. Hochdeutsch gesprochen wird, was nach Heike Wiese – und ich schließe mich ihr gerne an – eben auch nur ein Sprachstil unter vielen möglichen Sprachstilen ist, die das Deutsche zu bieten hat.

In ihrem Buch „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ beschreibt Heike Wiese solche Sätze, wie ich sie oben als Beispiele formuliert habe, systematisch auf verschiedenen sprachlichen Ebenen (In den Massenmedien werden zu den stigmatisierenden Titulierungen dann gerne Gewaltbereitschaft signalisierende Sätze wie Ich mach dich Messer/Krankenhaus kreiert, als hätten die Sprecher/-innen keine Themen wie Liebe, Versagensängste, Fußball oder Politik – was natürlich völliger Quatsch ist). Was Heike Wiese mit diesem Vorgehen anstößt, ist bemerkenswert: Sie kann zeigen, dass Kiezdeutsch – hier wird gerne von sprachlichen Mängeln oder Fehlern gesprochen – zu einem großen Teil systematisch und damit regelhaft realisiert wird, also als ein Subsystem des Deutschen beschreibbar sein könnte. Ein Merkmal dieses Systems ist es, dass es „offener“ ist, also mehrere Möglichkeiten – so zum Beispiel bei der Verbstellung – zulässt. Dies könnte zu der Annahme führen, dass das System keine Regeln hätte. Dass dies nicht stimmt, kann Heike Wiese ebenfalls zeigen: Sprecher/-innen von Kiezdeutsch markieren willkürliche Verbstellungen, die den Möglichkeiten des Regelsystems nicht entsprechen, als falsch bzw. ungebräuchlich.

Das alles mag dem einen oder anderen nicht gefallen, Beispiele wären der unvermeidliche Wolf Schneider, der in seiner Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ konkret Kiezdeutsch thematisiert, oder Jürgen Kaube, der einen Artikel im Feuilleton der FAZ zu diesem Thema verfasst hat – beide haben aber offensichtlich das Buch nicht gelesen – und man muss es auch nicht schön finden, aber akzeptieren sollte man es doch: Kiezdeutsch ist zu großen Teilen regelhaft, auch wenn diese Regeln vom sog. Hochdeutschen abweichen, was natürlich auch bei allen anderen Dialekten der Fall ist, denken wir an das Rheinische: Dem Pit-Jup singe Tochter usw. Auch hier weicht der Sprachgebrauch regelhaft vom Hochdeutschen ab, nur ist hier das soziale Prestige höher. Heike Wiese weist in diesem Zusammenhang völlig zu Recht darauf hin, dass mit dem Problem der sozialen Abwertung viele Dialekte zu kämpfen haben. Jetzt habe ich es doch schon mindestens zwei Mal gesagt und auch so gemeint: Dialekt! Der Sprachwissenschaftler Prof. Helmut Glück aus Bamberg bestreitet in einem Interview vehement, dass Kiezdeutsch ein Dialekt sei. Er weist auf die fehlende Ortgebundenheit (Kölsch, Bairisch, Hessisch etc.) hin. Das Argument ist auch gar nicht schlecht, denn dies ist ein Definitionsmerkmal von Dialekten, aber: Wenn Herr Glück das Buch von Heike Wiese aufmerksam und bis zum Ende gelesen hat, dann weiß er auch, wie Heike Wiese hier argumentiert. Zum einen unterscheidet sie einen engen von einem weiten Dialektbegriff, aber viel wichtiger ist Folgendes: Sie kann zeigen, dass das systematische Kiezdeutsch in verschiedenen Regionen doch starke Ähnlichkeiten aufweist. Die Orte, an denen Kiezdeutsch gesprochen wird, sind zwar über die Landkarte wild verteilt, anders als Hessen, Bayern oder Köln, aber die Orte weisen doch klare Gemeinsamkeiten auf: Sie sind urban, multiethnisch und zumeist sozial benachteiligt – aber dies erlaubt noch lange kein negatives Urteil über die Sprecher/-innen von Kiezdeutsch und deren Sprachkompetenz. Helmut Glück spricht bei dieser Argumentation von „Wurschtigkeit gegenüber der Funktion einer Hochsprache“, die man allerdings Heike Wiese nur schwerlich unterstellen kann, wenn man das Buch ganz gelesen hat. Außerdem bemängelt Helmut Glück die fehlende historische Tiefe. Was soll man dazu sagen? Das Buch ist eben im Jahre 2012 geschrieben und stellt synchron eine Entwicklungstendenz fest, es ist nicht im Jahre 2500 mit diachroner Perspektive verfasst worden. Zudem spricht Heike Wiese zwar von einem Dialekt, der aber eben erst entsteht, dies zwar rasant, aber er entsteht erst – genau wie andere Dialekte auch entstanden sind und nicht über das Volk gefallen sind wie in der Apostelgeschichte des Lukas.

Das Buch „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ von Heike Wiese ist, genau wie ihr gesamtes Kiezdeutsch-Projekt selbst, ein wertvoller Beitrag der Sprachwissenschaft zu einer öffentlichen und sehr brisanten Diskussion – wenn man sich für derartige Phänomene interessiert, sollte man es lesen und zwar vollständig. Dass man das Thema kritisch diskutieren kann, ist völlig klar – dies zeigt Heike Wiese ebenfalls, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt. Heike Wiese sieht in Kiezdeutsch einen gewinnbringenden Beitrag zur deutschen Sprache. Dieses Urteil muss man nicht teilen, vielleicht sollte man es sich als Sprachwissenschaftler/-in auch sparen oder verkneifen, aber eines muss zur Kenntnis genommen werden: Kiezdeutsch ist regelhaft und beschreibbar – und das sollte man nutzen.

Bevor man also eine ganze Sprechergruppe über Bausch und Bogen wegen des Sprachgebrauchs verurteilt, sollte man sich den betreffenden Sprachgebrauch erst einmal systematisch und empirisch anschauen: Au Banaan!

An dieser Stelle möchte ich zudem auch „Chancen der Vielfalt“ erwähnen, ein Projekt, das produktiv und nicht stigmatisierend mögliche Probleme angeht – es geht um die Förderung von Sprachkompetenz und dazu gehört eben auch die Fähigkeiten, an den entsprechenden Stellen eben den angemessenen Stil zu wählen.

Angenehmes Kondom: Fremdsprachen bei der Deutschen Bahn

Wie arm wäre die Globalisierung ohne die Beiträge der Deutschen Bahn. Die Rede ist freilich nicht vom internationalen Güter- und auch Personentransfer, sondern von den Beiträgen des Bahnpersonals zur lingualen Bereicherung, die insonderheit den Fernverkehrsreisenden immer wieder erfreuen.

„Inglisch ruuls de wörlt – sou wie häff tu ruul de Inglisch“, hat man sich offenbar irgendwann in der Konzernzentrale gesagt und folglich alle – heutzutage automatisch generierten – Lautsprecheransagen in den Bahnhöfen zusätzlich zum deutschen Text mit einer englischen Fassung ausgestattet. Das klingt dann ungefähr so: „Auf Gleis vier fährt in Kürze ein: Intercity Zwanzig-null-null nach Bremen. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges. – On track four is now arriving: Intercity Twenty-oh-oh to Bremen. Please take care while the train is approaching.“ Wohlgemerkt: in Kürze; vom Zug selbst ist noch gar nichts zu sehen. Present Progressive als Futurform? Oh, oh …

Ebenso wurden anscheinend alle Zugchefs des Fernverkehrs angewiesen, ihre Durchsagen jeweils auf Englisch zu wiederholen. Das Problem: Wenn man es schon als Riesenkonzern nicht fertigbringt, in die Maschine korrekte englische Sprachbausteine einzufüttern, dann machen einzelne Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht richtig Englisch gelernt haben, natürlich noch weitaus mehr falsch: „Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord des Intercity auf der Fahrt nach Hamburg Altona. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise. – Lehdis än dschendlmeng, wi wellkamm ju on boad de Intercity to Hamburg Altona. Wi wisch ju a plesnt dschonni.“ – A pleasant Johnny?? Offensichtlich weiß der gute Mann nicht, dass Johnny ein englisches Slangwort ist und ›Kondom‹ bedeutet. So was nennt man BSE (Bad Simple English). Warum dann nicht gleich: „We wish you a good fart“?

Dass sie in Deutschland sind, merken anglophone Reisende nicht nur an der perfekten Aussprache und den diversen Main Stations, die allenthalben angekündigt werden – „… in ä fju minits wie ärraif in Mjunik mäin stäischn …“ usw. – und die es vermutlich nur hierzulande gibt (die englische Entsprechung für Hauptbahnhof wäre central station), sondern auch an der herzlich-zupackenden Direktheit. Zwar besteht, wie allgemein bekannt, kein Zusammenhang zwischen Bindehautentzündung (Konjunktivitis) und der Vermeidung des Indikativs, umgekehrt aber besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen dem Gebrauch des Konjunktivs und sprachlicher Höflichkeit: „Könnten Sie mir bitte die Butter geben?“ ist höflicher als „Können Sie mir bitte die Butter geben?“, und wenn man das Ganze dann noch nicht einmal als Frage, sondern gleich als Aufforderung formuliert („Bitte geben Sie mir die Butter!“), dann nimmt die Höflichkeit noch weiter ab. Ganz verloren geht sie aber erst, wenn man auch noch auf das Bitte verzichtet: „Geben Sie mir die Butter!“

Nun erwartet vermutlich sowieso kaum noch jemand in Deutschland einen Höflichkeitskonjunktiv; aber ein Bitte hier und da? Never ever: „In wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. – In a few minutes we arrive in Leipzig main station. Get out left side.“ – Man weiß: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“ (Goethe, Faust II); und anscheinend bleibt der Deutsche eben auch dann Deutscher, wenn er Englisch spricht.

Es ist aber keineswegs alles schlecht, was spricht. Auf manchen Strecken, zum Beispiel nach Amsterdam oder nach Brüssel, legt sich die Deutsche Bahn richtig europäisch ins Zeug und bringt die Ansagen gleich in vier Sprachen: Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch. Vorgetragen werden sie hier in der Regel von Bahnangestellten, die alle oder fast alle diese Sprachen fließend beherrschen. Nur hören die sich dann bisweilen so gern selbst reden, dass sie nicht nur die Stationen, sondern in allen ihren vier Sprachen das gesamte Speisewagenmenü aufsagen. Auch eine Art der akustischen Umweltverschmutzung. Dann ja vielleicht doch lieber kurz BSE und ansonsten Ruhe …

Nach wie vor wird bei der Deutschen Bahn übrigens auch Deutsch gesprochen. Einige der schönsten Leistungen auf diesem Gebiet haben wir schon an anderer Stelle kommentiert (http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/planabfahrt.htm, http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/db_innovationen.htm). Es sei daher hier erlaubt, einmal die Tatsache hervorzuheben, dass man bisweilen auch nichts zu kritisieren findet (sprachlich jedenfalls): „Meine Damen und Herren, leider haben wir derzeit eine Verspätung von fünfzig Minuten. Diese Verspätung resultiert aus einer Störung des Triebfahrzeugs. Des Zuges nächster Halt: Bensheim.“ – Boah ej! Das sollte Bastian Sick mal hören: „Des Zuges nächster Halt“! Von wegen, der Genitiv stirbt aus …