16. Ausgabe des Blogspektogramms (Juli)

Von wegen Sommerloch! Auch im (vorlesungsfreien) Hitzemonat Juli gab es in der deutschsprachigen Blogosphäre zum Thema „Sprache“ Interessantes zu lesen. Eine Auswahl der Beiträge hat Kristin für die 16. Ausgabe des Blogspektrogramms kommentiert und auf ihrem Sprachblog [ʃplɔk] zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

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Die Internationale Linguistik-Olympiade und was sie (in) Deutschland wert ist…

Die Internationale Linguistik-Olympiade ist einer der neueren Wettkämpfe innerhalb von anderen, besser bekannten Meisterschaften wie Mathematik- oder Chemie-Olympiade.

Die Idee, sprachliche Fähigkeiten zu trainieren und abzuprüfen, wurde vor allem im ehemaligen Ostblock mit dem Vielvölkerstaat Sowjetunion als führender Kraft gepflegt. Nach wie vor sind die Mannschaften aus Osteuropa sehr erfolgreich (siehe Medaillenspiegel). Inzwischen nehmen aber auch Länder aus quasi allen Kontinenten teil (u.a. USA, Indien, Südkorea, Vietnam, Brasilien, Arabische Emirate, Australien). Getestet werden Sprachgefühl, kulturelle Vorstellungskraft und analytisches Denken, was zur Folge hat, dass nicht nur sprachlich, sondern allgemein und vielfach begabte Schüler die besten Ergebnisse erzielen.

Die olympischen Wettkämpfe, die eine knappe Woche dauern, finden jährlich in einem anderen Land statt, diesmal in Slowenien (29.7.-4.8.).

Generell besteht die Olympiade aus Einzelwettkämpfen (am Tage nach der Ankunft), in denen vier Aufgaben innerhalb von sechs Stunden zu lösen sind. Am freien Folgetag lernt man bei Exkursionen Land und Leute des Gastgeberlandes, aber auch die gegnerischen Mannschaften kennen. Am vierten Tag steht die Teamaufgabe an, wo vier SchülerInnen aus einem Land (= eine Mannschaft) gemeinsam für vier Stunden an einem Problem arbeiten. Die Aufgaben bestehen meist im Herausfinden von Strukturen (Grammatik) oder der Bedeutung von Wörtern/Wortgruppen aus unbekannten Sprachen. 2010 sahen die Aufgaben so aus. Manchmal ist der Lösungsprozess vergleichbar mit dem Entziffern der Hieroglyphen. Am letzten Tag erfolgt die Siegerehrung und es gibt eine Party.

Deutschland nimmt seit 2008 teil. Die Auswahl der Mannschaftsteilnehmer beginnt bei einem Wettkampf innerhalb des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen. Es gilt, eine Aufgabe zu lösen. Die besten Teilnehmer werden in der Regel nach Berlin (und Leipzig) eingeladen und dort an zwei Wochenenden im Frühjahr für die Olympiade im Sommer von Linguisten des ZAS trainiert und zur Nationalmannschaft zusammengestellt. Die erzielten Ergebnisse sind für Deutschland von Jahr zu Jahr besser geworden: beim letzten Mal im vorletzten Jahr sogar eine Bronzemedaille.

Die deutsche Mannschaft von 2010 (Stockholm)

v.l.n.r.: N. Sedlaczek, L. Héjjas, J. Park (mit Medaille), M. König; im Hintergrund A. Meinunger

Im letzten Jahr gab es wegen Finanzierungsschwierigkeiten keine deutsche Teilnahme. Im Jahr davor und nun 2012 wieder unterstützt(e) die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) das Unternehmen finanziell. Das kann und soll aber kein Dauerzustand sein. Hoch sind die Kosten keineswegs: 2000-4000 Euro für Alles! Sponsoren finden sich allerdings dennoch nicht. Unzählige Vereine, Stiftungen, Träger, private und öffentliche Mäzene, Geld gebende Landes- und Bundesbehörden sind von uns angeschrieben worden. Nur Absagen. Nirgends scheint man eine Möglichkeit zu sehen, die Linguistik-Olympiade auch nur teilweise zu fördern. In den meisten anderen Ländern hat der Wettbewerb einen viel prestigeträchtigeren Status. In den USA waren weltbekannte Unternehmen willige und generöse Sponsoren, in osteuropäischen Ländern winken Stipendien oder andere Maßnahmen, erfolgreichen Teilnehmern das Hochschulstudium zu erleichtern. In Deutschland mit seiner großen sprachwissenschaftlichen Tradition scheint sich jedoch niemand für den Nachwuchs engagieren zu wollen…

Türkendeutsch? Asideutsch? – Kiezdeutsch!

Sitzt oder steht man in einer multiethnischen Stadt – wie es Aachen ist – in einem Bus oder befindet man sich an Plätzen, die bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr beliebt sind, und hört man dort genau hin, könnte es einem in den Ohren widerschallen: Kanak-Sprak!, Gossensprache!, Proletenslang!, Türkendeutsch!, Asideutsch! – so lauten einige von den in Massenmedien häufig getroffenen und stigmatisierenden Charakterisierungen für Sätze wie: „[…] danach isch habe Training“, „[…] isch bin Bushof, lan!“ oder „[…] gestern er war so Fahrschule so […]“.

Eine angemessenere Bezeichnung, die Prof. Heike Wiese aus Potsdam für solche Sätze gefunden hat, ist Kiezdeutsch. Für eine so vielseitige und –schichtige Sprechergruppe, wie es die des Kiezdeutschen ist, sind die oben beispielhaft angeführten Bezeichnungen mehr als unangemessen und irreführend. Die Sprechergruppen sind multiethnisch, kommen aus den verschiedensten Schulkontexten und sind zwischen 13 und 30 Jahre alt – und vor allem: Sie beherrschen alle mehrere Sprachstile. Nur weil ein Junge oder ein Mädchen seinem besten Freund bzw. ihrer besten Freundin entgegnet, sie bzw. er sei so Bushof so, ist es nicht unwahrscheinlich, dass derselbe bzw. dieselbe Sprecher/-in den Großeltern erklären könnte, sie bzw. er sei gerade am/im/beim/vor dem/neben dem Bushof. Davon bekommt man nur meistens nichts mit, weil es zum einen eben nicht in den Ohren schallt und zum anderen diese Gesprächssituation an den Treffpunkten der Sprechergruppen nicht oder nur selten vorkommt.

In der Jugendsprachforschung ist es schon lange ein Topos, dass Kinder und Jugendliche in der Lage sind, zwischen verschiedenen Sprechstilen fast artistisch zu wechseln. Aber auch Erwachsenen gelingt dies sehr gut (nur ist dort die Empörung nicht so groß, dies mag an fehlender Selbstreflexion liegen): Man denke an stark dialektal geprägte Regionen, in denen am Arbeitsplatz das sog. Hochdeutsch gesprochen wird, was nach Heike Wiese – und ich schließe mich ihr gerne an – eben auch nur ein Sprachstil unter vielen möglichen Sprachstilen ist, die das Deutsche zu bieten hat.

In ihrem Buch „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ beschreibt Heike Wiese solche Sätze, wie ich sie oben als Beispiele formuliert habe, systematisch auf verschiedenen sprachlichen Ebenen (In den Massenmedien werden zu den stigmatisierenden Titulierungen dann gerne Gewaltbereitschaft signalisierende Sätze wie Ich mach dich Messer/Krankenhaus kreiert, als hätten die Sprecher/-innen keine Themen wie Liebe, Versagensängste, Fußball oder Politik – was natürlich völliger Quatsch ist). Was Heike Wiese mit diesem Vorgehen anstößt, ist bemerkenswert: Sie kann zeigen, dass Kiezdeutsch – hier wird gerne von sprachlichen Mängeln oder Fehlern gesprochen – zu einem großen Teil systematisch und damit regelhaft realisiert wird, also als ein Subsystem des Deutschen beschreibbar sein könnte. Ein Merkmal dieses Systems ist es, dass es „offener“ ist, also mehrere Möglichkeiten – so zum Beispiel bei der Verbstellung – zulässt. Dies könnte zu der Annahme führen, dass das System keine Regeln hätte. Dass dies nicht stimmt, kann Heike Wiese ebenfalls zeigen: Sprecher/-innen von Kiezdeutsch markieren willkürliche Verbstellungen, die den Möglichkeiten des Regelsystems nicht entsprechen, als falsch bzw. ungebräuchlich.

Das alles mag dem einen oder anderen nicht gefallen, Beispiele wären der unvermeidliche Wolf Schneider, der in seiner Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ konkret Kiezdeutsch thematisiert, oder Jürgen Kaube, der einen Artikel im Feuilleton der FAZ zu diesem Thema verfasst hat – beide haben aber offensichtlich das Buch nicht gelesen – und man muss es auch nicht schön finden, aber akzeptieren sollte man es doch: Kiezdeutsch ist zu großen Teilen regelhaft, auch wenn diese Regeln vom sog. Hochdeutschen abweichen, was natürlich auch bei allen anderen Dialekten der Fall ist, denken wir an das Rheinische: Dem Pit-Jup singe Tochter usw. Auch hier weicht der Sprachgebrauch regelhaft vom Hochdeutschen ab, nur ist hier das soziale Prestige höher. Heike Wiese weist in diesem Zusammenhang völlig zu Recht darauf hin, dass mit dem Problem der sozialen Abwertung viele Dialekte zu kämpfen haben. Jetzt habe ich es doch schon mindestens zwei Mal gesagt und auch so gemeint: Dialekt! Der Sprachwissenschaftler Prof. Helmut Glück aus Bamberg bestreitet in einem Interview vehement, dass Kiezdeutsch ein Dialekt sei. Er weist auf die fehlende Ortgebundenheit (Kölsch, Bairisch, Hessisch etc.) hin. Das Argument ist auch gar nicht schlecht, denn dies ist ein Definitionsmerkmal von Dialekten, aber: Wenn Herr Glück das Buch von Heike Wiese aufmerksam und bis zum Ende gelesen hat, dann weiß er auch, wie Heike Wiese hier argumentiert. Zum einen unterscheidet sie einen engen von einem weiten Dialektbegriff, aber viel wichtiger ist Folgendes: Sie kann zeigen, dass das systematische Kiezdeutsch in verschiedenen Regionen doch starke Ähnlichkeiten aufweist. Die Orte, an denen Kiezdeutsch gesprochen wird, sind zwar über die Landkarte wild verteilt, anders als Hessen, Bayern oder Köln, aber die Orte weisen doch klare Gemeinsamkeiten auf: Sie sind urban, multiethnisch und zumeist sozial benachteiligt – aber dies erlaubt noch lange kein negatives Urteil über die Sprecher/-innen von Kiezdeutsch und deren Sprachkompetenz. Helmut Glück spricht bei dieser Argumentation von „Wurschtigkeit gegenüber der Funktion einer Hochsprache“, die man allerdings Heike Wiese nur schwerlich unterstellen kann, wenn man das Buch ganz gelesen hat. Außerdem bemängelt Helmut Glück die fehlende historische Tiefe. Was soll man dazu sagen? Das Buch ist eben im Jahre 2012 geschrieben und stellt synchron eine Entwicklungstendenz fest, es ist nicht im Jahre 2500 mit diachroner Perspektive verfasst worden. Zudem spricht Heike Wiese zwar von einem Dialekt, der aber eben erst entsteht, dies zwar rasant, aber er entsteht erst – genau wie andere Dialekte auch entstanden sind und nicht über das Volk gefallen sind wie in der Apostelgeschichte des Lukas.

Das Buch „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ von Heike Wiese ist, genau wie ihr gesamtes Kiezdeutsch-Projekt selbst, ein wertvoller Beitrag der Sprachwissenschaft zu einer öffentlichen und sehr brisanten Diskussion – wenn man sich für derartige Phänomene interessiert, sollte man es lesen und zwar vollständig. Dass man das Thema kritisch diskutieren kann, ist völlig klar – dies zeigt Heike Wiese ebenfalls, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt. Heike Wiese sieht in Kiezdeutsch einen gewinnbringenden Beitrag zur deutschen Sprache. Dieses Urteil muss man nicht teilen, vielleicht sollte man es sich als Sprachwissenschaftler/-in auch sparen oder verkneifen, aber eines muss zur Kenntnis genommen werden: Kiezdeutsch ist regelhaft und beschreibbar – und das sollte man nutzen.

Bevor man also eine ganze Sprechergruppe über Bausch und Bogen wegen des Sprachgebrauchs verurteilt, sollte man sich den betreffenden Sprachgebrauch erst einmal systematisch und empirisch anschauen: Au Banaan!

An dieser Stelle möchte ich zudem auch „Chancen der Vielfalt“ erwähnen, ein Projekt, das produktiv und nicht stigmatisierend mögliche Probleme angeht – es geht um die Förderung von Sprachkompetenz und dazu gehört eben auch die Fähigkeiten, an den entsprechenden Stellen eben den angemessenen Stil zu wählen.

Angenehmes Kondom: Fremdsprachen bei der Deutschen Bahn

Wie arm wäre die Globalisierung ohne die Beiträge der Deutschen Bahn. Die Rede ist freilich nicht vom internationalen Güter- und auch Personentransfer, sondern von den Beiträgen des Bahnpersonals zur lingualen Bereicherung, die insonderheit den Fernverkehrsreisenden immer wieder erfreuen.

„Inglisch ruuls de wörlt – sou wie häff tu ruul de Inglisch“, hat man sich offenbar irgendwann in der Konzernzentrale gesagt und folglich alle – heutzutage automatisch generierten – Lautsprecheransagen in den Bahnhöfen zusätzlich zum deutschen Text mit einer englischen Fassung ausgestattet. Das klingt dann ungefähr so: „Auf Gleis vier fährt in Kürze ein: Intercity Zwanzig-null-null nach Bremen. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges. – On track four is now arriving: Intercity Twenty-oh-oh to Bremen. Please take care while the train is approaching.“ Wohlgemerkt: in Kürze; vom Zug selbst ist noch gar nichts zu sehen. Present Progressive als Futurform? Oh, oh …

Ebenso wurden anscheinend alle Zugchefs des Fernverkehrs angewiesen, ihre Durchsagen jeweils auf Englisch zu wiederholen. Das Problem: Wenn man es schon als Riesenkonzern nicht fertigbringt, in die Maschine korrekte englische Sprachbausteine einzufüttern, dann machen einzelne Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht richtig Englisch gelernt haben, natürlich noch weitaus mehr falsch: „Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord des Intercity auf der Fahrt nach Hamburg Altona. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise. – Lehdis än dschendlmeng, wi wellkamm ju on boad de Intercity to Hamburg Altona. Wi wisch ju a plesnt dschonni.“ – A pleasant Johnny?? Offensichtlich weiß der gute Mann nicht, dass Johnny ein englisches Slangwort ist und ›Kondom‹ bedeutet. So was nennt man BSE (Bad Simple English). Warum dann nicht gleich: „We wish you a good fart“?

Dass sie in Deutschland sind, merken anglophone Reisende nicht nur an der perfekten Aussprache und den diversen Main Stations, die allenthalben angekündigt werden – „… in ä fju minits wie ärraif in Mjunik mäin stäischn …“ usw. – und die es vermutlich nur hierzulande gibt (die englische Entsprechung für Hauptbahnhof wäre central station), sondern auch an der herzlich-zupackenden Direktheit. Zwar besteht, wie allgemein bekannt, kein Zusammenhang zwischen Bindehautentzündung (Konjunktivitis) und der Vermeidung des Indikativs, umgekehrt aber besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen dem Gebrauch des Konjunktivs und sprachlicher Höflichkeit: „Könnten Sie mir bitte die Butter geben?“ ist höflicher als „Können Sie mir bitte die Butter geben?“, und wenn man das Ganze dann noch nicht einmal als Frage, sondern gleich als Aufforderung formuliert („Bitte geben Sie mir die Butter!“), dann nimmt die Höflichkeit noch weiter ab. Ganz verloren geht sie aber erst, wenn man auch noch auf das Bitte verzichtet: „Geben Sie mir die Butter!“

Nun erwartet vermutlich sowieso kaum noch jemand in Deutschland einen Höflichkeitskonjunktiv; aber ein Bitte hier und da? Never ever: „In wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. – In a few minutes we arrive in Leipzig main station. Get out left side.“ – Man weiß: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“ (Goethe, Faust II); und anscheinend bleibt der Deutsche eben auch dann Deutscher, wenn er Englisch spricht.

Es ist aber keineswegs alles schlecht, was spricht. Auf manchen Strecken, zum Beispiel nach Amsterdam oder nach Brüssel, legt sich die Deutsche Bahn richtig europäisch ins Zeug und bringt die Ansagen gleich in vier Sprachen: Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch. Vorgetragen werden sie hier in der Regel von Bahnangestellten, die alle oder fast alle diese Sprachen fließend beherrschen. Nur hören die sich dann bisweilen so gern selbst reden, dass sie nicht nur die Stationen, sondern in allen ihren vier Sprachen das gesamte Speisewagenmenü aufsagen. Auch eine Art der akustischen Umweltverschmutzung. Dann ja vielleicht doch lieber kurz BSE und ansonsten Ruhe …

Nach wie vor wird bei der Deutschen Bahn übrigens auch Deutsch gesprochen. Einige der schönsten Leistungen auf diesem Gebiet haben wir schon an anderer Stelle kommentiert (http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/planabfahrt.htm, http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/db_innovationen.htm). Es sei daher hier erlaubt, einmal die Tatsache hervorzuheben, dass man bisweilen auch nichts zu kritisieren findet (sprachlich jedenfalls): „Meine Damen und Herren, leider haben wir derzeit eine Verspätung von fünfzig Minuten. Diese Verspätung resultiert aus einer Störung des Triebfahrzeugs. Des Zuges nächster Halt: Bensheim.“ – Boah ej! Das sollte Bastian Sick mal hören: „Des Zuges nächster Halt“! Von wegen, der Genitiv stirbt aus …

Bastian Sicks ß-Regeln entpuppen sich als Katzengold

Noch vor gut einer Woche habe ich auf einer Tagung behauptet, dass die Sprachglossen von Sick in der letzten Zeit kompetenter geworden seien. Inzwischen macht der neuste Kolumnenbeitrag „Werbung mit Spliss“ diesen Eindruck zunichte. Hoffentlich sogar mehr: er entlarvt Sick als jemanden, der die ß-Schreibung nicht beherrscht, denn der schreibt:

Auch die Kampagne für die Zigarettenmarke American Spirit dürfte viel Geld gekostet haben. „Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen“ heißt es dort reichlich verschwurbelt – und grammatisch entstellt. Statt der Konjunktion „dass“ wäre nämlich das Relativpronomen „das“ richtig gewesen. Denn die Tatsache, dass Raucher rauchen, steht außer Frage. Vielmehr geht es hier doch wohl um das Kraut, welches (also: das) sie rauchen.

Gemeint war diese Werbung:

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass sprachbewegte Leute allenthalben an der Formulierung des Werbeslogans Anstoß genommen haben. So wird die Formulierung vom Facebook-Vertreter der Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ als missglückt betrachtet, und Spießer Alfons vom Blog Marketing, Werbung und Medien fühlt sich gar vom Schlag getroffen. Spießer Alfons gibt allerdings eine wunderbare Erklärung, was der Satz bedeuten soll, denn nicht alle verstehen den Satz-Slogan auf Anhieb:

Ausgesagt werden soll, dass die meisten Raucher denken, dass sie nur reinen Tabak rauchen, also keine Zusatzstoffe wie beispielsweise Ammoniak und Honig, Vanillin und Soda, Zucker und Harnstoff. Und wer die Zigarette mit dem Indianer-Kopf raucht, der denkt richtig, weil in „American Spirit“ angeblich nur  reiner Tabak steckt.

Wie kann man sich die grammatische Struktur des Satzes verdeutlichen. Rauchen kann als transitives Verb – also als Verb mit direktem Objekt – gebraucht werden, das ist auch der Fall im Werbesatz. Aber fangen wir langsam an: Er raucht amerikanische Zigaretten. Das Objekt ist hier amerikanische Zigaretten. Man kann auch ein Pronomen wie etwas, diesen (=Tabak) welche, solche (=Zigaretten), so was, nichts oder alles als Objekt haben: jeder raucht welche, er raucht  ihn gern. In manchen Fällen kann das Objekt durch einen Relativsatz bestimmt sein: Er raucht Zigarren, die aus Kuba kommen oder Du rauchst aber auch alles, was er dir andreht. Nun gibt es auch so genannte kopflose Relativsätze, da fällt praktisch das Bezugsnomen weg und der Relativsatz drückt allein aus, was geraucht wird: Ich rauche, was er empfiehlt. Der Werbetextersatz ist nun noch um ein entscheidendes Merkmal komplexer. Im letzten Beispielsatz gehört das Relativpronomen als Objekt zum Verb empfehlen, welches das Prädikat innerhalb des Relativsatzes ist. Man findet jedoch bisweilen auch Relativsätze, wo das Relativpronomen zu einem Verb gehört, das nicht im „eigentlichen Relativteilsatz“ auftaucht. Ein in der linguistischen Literatur diskutiertes, aber aus einem „unschuldig“ produzierten Text stammendes Beispiel ist: Das dritte Gebiet, auf dem wir meinen…, dass mehr und anderes getan werden sollte, ist das Gebiet der innerdeutschen Beziehungen. Und hier sind wir im Prinzip bei der einschlägigen Struktur. Zugegeben: diese Sätze kommen selten vor, und in den Ohren sprachbewusster Menschen klingen sie „verschwurbelt“, aber das Muster ist (mehr oder weniger) klar und deutlich. Der letzte (kursive) Satz ist einer der ganz seltenen Relativsätze mit Bezugsnomen. Ähnlich auch: Das ist ein Ort, wo man will, dass seine Kinder aufwachsen. Bei freien Relativsätzen lassen sich mehr Beispiele in Texten finden und die Akzeptabilität steigt: Ich gehe, wohin Sie wollen, dass ich gehe. Er arbeitet, mit wem du möchtest, dass er arbeitet. Im vorletzten Satz ist wohin das Relativpronomen, das sich auf ein „stummes“ dahin im Hauptsatz bezieht, semantisch aber zum Verb gehen des letzten Teilsatzes gehört. Ganz genau so im nächsten Satz: der Relativausdruck mit wem, bezieht sich auf ein gedachtes „mit demjenigen“ im Hauptsatz, semantisch ist es allerdings eine Adverbialbestimmung zu arbeitet des eingebetteten Satzes. Das wird deutlich in einem Satz wie Sie schläft, mit wem ich eigentlich will, dass sie sich streitet. In diesem Satz bezieht mit wem sich als Relativausdruck auf den „Verschwiegenen“, mit dem sie schläft, semantisch ist es aber derjenige, mit dem sie sich meiner Meinung nach streiten soll. (Klar ist die Aussage des Satzes, dass sich beide Ausdrücke auf dieselbe Person beziehen.) In all meinen zur Illustration ausgewählten Beispielen ist nun unstrittig, dass der jeweils letzte (und am tiefsten eingebettete) Satz ein abhängiger Satz ist, der von der Konjunktion dass eingeleitet wird. Hier käme kaum einer auf die Idee, dieses dass sei ein Pronomen, genauer gesagt das Pronomen das. Das aber behauptet Bastian Sick für genau dasselbe Vorkommen des Wörtchens in: Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen. Und das ist eben FALSCH! Denn dann müsste es einen Satz derart geben: Raucher denken das (Kraus), das sie rauchen… – was Unsinn ist. Sick hat aller Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten mit dem Satz, weil hier eine – wie der Grammatiker sagt – lange Extraktion aus einem dass-Satz vorliegt. So eine Struktur ist für Norddeutsche schwer akzeptabel.

Den Satz richtig verstanden hat der Facebooker von „Deutsche Sprachwelt“. Der löst dieses angeblich schlechte Werbedeutsch in vorgeblich besseres Deutsch auf: „Rauchen, wovon die meisten denken, dass sie es rauchen“. Das ist tatsächlich eine standardsprachliche Möglichkeit, eine etwas andere Konstruktion als der Texter zu wählen. Was Spießer Anton Alfons (Entschuldigung) macht, ist allerdings nicht normgerecht im Sinne der Erlaubnis oder Empfehlung durch den Duden. Spießer Anton Alfons schlägt vor: „Rauchen, was die meisten denken, dass sie es rauchen“. Die Wiederaufnahme des Relativpronomens durch das Pronomen es im tief eingebetteten Satz ist – nun nicht falsch oder ungrammatisch, aber – stark süddeutsch dialektal.

Also: liebe Kritiker – Sick und Spießer – der Werbetexter ist sprachlich versierter als Sie!

Was jedoch ganz unabhängig von der grammatikalischen Wohlgeformtheit mit dieser ganzen Diskussion einmal mehr bestätigt wurde: Werbesprache irritiert und löst somit Aufmerksamkeit aus. Das ist wohl das oberste Ziel von Werbetextern; und auch das scheint dem Reklame-Autor oder der Texterin bestens gelungen zu sein…

Das Aachener Sprachtelefon

Das Aachener Sprachtelefon hilft seit nunmehr einigen Jahren (bis zum Jahr 2011 noch als „Grammatisches Telefon“) neben Fragen zur Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung auch bei Formulierungsproblemen oder generellen Fragen zur deutschen Sprache.

Weiter heißt es:

„Unser Ansatz der Sprachberatung ist geprägt durch die Idee, dass man durch ein Gespräch die Gründe für das vorhandene Problem aufdeckt, damit ein Lerneffekt eintreten kann. Diese Herangehensweise erscheint uns deswegen sinnvoll, weil es aus linguistischer Perspektive nicht immer ein einfaches „Richtig“ oder „Falsch“ als Antwort auf sprachliche Probleme geben kann. Es lässt sich aber oft unter vielen möglichen Ausdrucksmöglichkeiten eine besonders angemessene finden; dafür ist aber das klärende Gespräch die Voraussetzung.“

Aber nicht nur telefonisch berät das Aachener Sprachtelefon in Sachen „Sprache“, sondern auch auf elektronischem Wege ist Frank Schilden erreichbar und steht beratend zur Seite. So auch in diesem (aktuellen) Fall:

Frage:

Sehr geehrte Damen und Herren, hier in Aachen hängen im Moment Plakate zu einer Anti-Sarrazin-Demo, wo draufsteht „Halt’s Maul“. Ist das grammatisch korrekt? Denn ausformuliert müsste es doch heißen „Halt das Maul“. Und kann man „das“ auch durch “ ’s “ abkürzen?

Beste Grüße,

Antwort:

Sehr geehrter Herr …,

vielen Dank für ihre interessante Frage. In jedem Falle handelt es sich bei Ihrer Frage weniger um ein grammatisches Problem. In diesem Fall muss man zum einen zwischen konzeptionell gesprochener und konzeptionell geschriebener Sprache unterscheiden. Ich habe die Plakate auch gesehen: Wenn ich mich richtig erinnere, ist dieser Satz in einer Sprechblase geschrieben und damit konzeptionell gesprochene Sprache. Gesprochene bzw. geschriebene Sprache unterscheidet sich zum anderen zum Teil im Regelbestand, sodass zum Beispiel die geforderten Kasus in gesprochener Sprache weniger festgesetzt sind als in geschriebener („wegen“ mit Dativ oder Genitiv?). In gesprochener Sprache wird „das“ oft durch „s“ ersetzt: „Ich halte mir einen Lappen vors Gesicht“, „Willst du was aufs Maul“, „Was wollen Sie aufs Brötchen“. Hierbei handelt es sich um Verbindungen von Präpositionen und Artikeln. In diesen Fällen muss standardsprachlich auch das Apostroph nicht mehr gesetzt werden. In Ihrem Falle handelt es sich um eine verkürzte Imperativform: „Halt(e) das Maul“. Hier müsste bei „Halt das Maul“ kein Apostroph mehr hinter dem „Halt“ stehen, die Form „Halt“ ohne „-e“ ist standardsprachlich anerkannt. Ein Apostroph dient in der deutschen Sprache als Auslassungszeichen. Mit seiner Verwendung wird angezeigt, dass man im Vergleich zu einem Wort der konzeptionell geschriebenen Sprache einen oder mehrere Buchstaben weglässt. Genau dies wird auf diesen Plakaten gemacht. In dieser Konzeption und in diesem Kontext ist es sprachlich und stilistisch völlig korrekt zu schreiben „Halt´s Maul“. In einer Seminararbeit würde ich allerdings davon abraten zu schreiben: „Ich halt´s nicht für sinnvoll xyz voneinander zu trennen“. Ich hoffe ich konnte Ihre Frage zu Ihrer Zufriedenheit beantworten. Bei Nachfragen helfe ich gerne weiter.

Ein Vortrag von Frank Schilden über das Aachener Sprachtelefon und linguistische Sprachberatung findet sich hier.