Je suis Böhmermann!

Bereits im März 2015, knapp 1 Jahr ist es her, habe ich in diesem Blog über eine Satire Jan Böhmermanns geschrieben, die in meinen Augen entlarvender und zielführender nicht hätte sein können. Sie war Diskurskritik at its best. Das Grimme-Institut sah es ähnlich, für #Varoufake gab es den Grimme-Preis 2015. Jetzt droht Böhmermann nicht der Grimme-Preis, vielmehr droht ihm ein Prozess wegen eines vermeintlichen Schmähgedichts auf Recep Tayyip Erdoğan, den neuen Lieblingsverbündeten der Bundesregierung und amtierenden Präsidenten der Republik Türkei.

Eigentlich ist es bemerkenswert und klingt wie ein schlechter Scherz: Erdogan schränkt in der Türkei aktuell die Meinungs- und Pressefreiheit systematisch ein und verlangt eine Bestrafung für ein Gedicht bzw. das Vortragen eines Gedichts (das ist ein kleiner, aber sehr feiner und wichtiger Unterschied, dazu komme ich später), das im NEO MAGAZIN Royale vorgetragen wurde. Das Gedicht steht nicht alleine dar, sondern existiert zusammen mit einem vorherigen Song, Erdowie, Erdowo, Erdogan von Extra 3 (NDR), und mit der Diskussion um den deutschen Botschafter in Ankara, Martin Erdmann, der wohl der türkischen Regierung wegen des Songs Rede und Antwort stehen musste. In diesem Beitrag soll es nicht um den Song gehen, sondern um Böhmermanns Gedicht – die folgenden Ausführungen zu Satire sind aber gleichermaßen gültig.

Schauen wir uns mal den Satire-Begriff an, das ist durchaus spannend. Satire ist nach Breinig von ihrer „soziale[n] Funktion, Aggression und ästhetische[n] Vermittlung“ ausgehend definierbar (Breinig 1984, S. 69). Nach Meyer-Sickendieck (2007, Sp. 446) ist Satire keine Gattungsbezeichnung, sondern vielmehr die Oberbezeichnung für „von aggressiv-ironischer Rhetorik geprägte ästhetische Werke“, die der „Verspottung des Lasters, im Unterschied zur Verspottung konkreter Einzelpersonen“, dient. Budzinski (1985, 218) führt weiter aus, dass Satire „mit Mitteln des Komischen als negativ empfundene gesellschaftliche und politische Zustände und Konventionen“ übertrieben aggressiv und ironisch darstellt, um damit Verwerfliches darzustellen.

Zusammengefasst ist Satire ist also der Überbegriff für aggressive Zeitkritik, Verspottung des Lasters – nicht des Einzelnen – in ästhetischem Gewand. Die unterschiedlichen medialen Vermittlungen und Stilmittel (Parodie, Karikatur, Ironie, Sarkasmus usw.) finden sich in der Form der ästhetischen Vermittlung wieder. Für die ästhetischen Vermittlungsformen gibt es keine Grenzen: Lieder, Videos, Bilder, Theaterstücke – alles kann, nichts muss. In unserem Fall geht es dann um ein Gedicht, das Böhmermann nicht ohne Grund während des Vortrags selbst immer wieder kommentiert und die vermeintliche rechtliche Zweifelshaftigkeit des Inhalts eben immer wieder selbst thematisiert. Das Gedicht ist nicht als isolierbarer Text veröffentlicht, sondern nur in seinem Vortrag existent.

Der zweite relevante Begriff ist der der Schmähkritik und findet sich eben in Meyer-Sickendiecks Definition als negatives Merkmal einer Nicht-Satire wieder: Es geht Satire immer um die Verspottung und Verächtlichmachung von Lastern, nicht um das Verächtlichmachen von Einzelpersonen, indem man sie öffentlich diffamiert und einen Sachbezug nicht herstellt. Nun, was ist hier der Fall?

Schmähkritik oder Satire?

Ein satirischer Text, wie das Gedicht Böhmermanns (jetzt habe ich meine Antwort vorweggenommen …), funktioniert nicht im luftleeren Raum, sondern steht in Verhältnissen zur kritisierten Wirklichkeit, zum thematisierten und kritisierten Diskurs und zu weiteren relevanten Texten aus diesem Diskurs (Schilden 2015/Schilden 2016). Satirische Texte haben immer (!) mindestens zwei Kommunikationsebenen: Klar kann man sagen, dass Böhmermann Erdogan beleidigt, dann vergisst man aber die viel wichtigere und übergeordnete satirische Ebene: Welche Inhalte versucht Böhmermann an all diejenigen zu vermitteln, die eben nicht Erdogan sind und welche Inhalte sind für Erdogan von Bedeutung außer die Beleidigungen?

Man darf den Text nicht von seinem Vortrag, dem Kontext und den weiteren Texten in seinem Umfeld trennen, wenn man ihn sinnhaft bewerten und diskutieren will. Aus diesem Grund muss es als „Bühnenspiel“ begriffen werden und kann nicht ohne Böhmermanns gleichzeitige Kommentierung diskutiert werden. Nimmt man den bloßen Text als Grundlage, beinhaltet er auf erster Ebene zweifelsfrei Äußerungen, die persönliche Beleidigungen darstellen. Folgendes Transkript stammt von der Badischen Zeitung:

Jan Böhmermann: Willkommen in Deutschlands Quatschsendung Nummer eins! Wir sind’s. Wir haben mit Satire nichts am Hut.

Sidekick Ralf Kabelka: Genau!

Böhmermann: Was die Kollegen in Hamburg bei „Extra 3“ da gemacht haben, diese dicken Bretter, die können wir hier, sind wir nicht imstande zu bohren.

Kabelka: Schaffen wir nicht!

Böhmermann: Und ich sage: Hut ab! Große Nummer!

Kabelka: Das ist eine ganz andere Liga. Auch die „heute-show“, wie gut die ist!

Böhmermann: Die „heute-show“, die finde ich richtig gut. Wenn ich in der Vergangenheit gerüchteweise gehört habe, dass wir hier scharf auf den Sendeplatz sind von der „heute-show“, oder auf irgendwas, das Oli Welke gehört: Das würde ich niemals sagen, das stimmt nicht, auf gar keinen Fall. Oli! (Kusshand) Liebe Grüße! Riesenfan! Schau ich jede Woche, um mich inspirieren zu lassen. Und Satire, Extra3, hat in dieser Woche fast den Dritten Weltkrieg ausgelöst. Dafür erst mal einen großen Applaus. Super, ja, mit ’ner super Nummer. Offensichtlich schaut man in der Türkei jede noch so kleine Satire- oder Quatschsendung, wahrscheinlich auch diese. Liebe Türken, wenn Sie das jetzt sehen, vielleicht müssen wir Ihnen kurz mal etwas erklären. Was die Kollegen von Extra3 gemacht haben, also inhaltlich, humorvoll mit dem umgegangen sind, was sie da quasi politisch unten tun, Herr Erdogan, das ist in Deutschland, in Europa gedeckt von der Kunstfreiheit, von der Pressefreiheit von der Meiungsfreiheit

Kabelka: Artikel 5.

Böhmermann: Was?

Kabelka: Artikel 5, Grundgesetz.

Böhmermann: Artikel 5 unseres Grundgesetzes, unserer tollen Verfassung. Das darf man hier. Da können Sie nicht einfach sagen: Die Bundesregierung soll die Satire zurückziehen. Oder: Das muss gelöscht werden aus dem Internet. In Deutschland ist so was erlaubt, und ich finde es ganz toll, wie in dieser Woche die Zivilgesellschaft aufgestanden ist. Von Beatrix von Storch, die noch vor zwei Wochen mich erschießen lassen wollte wegen dieses komischen Songs, den wir hier gemacht haben – und jetzt ist sie auf einmal ganz vorne dabei, wenn es um Pressefreiheit und Kunstfreiheit geht. Alle Leute waren auf einmal auf einer Linie: Das muss zugelassen werden, je suis Extra3. Herr Erdogan, es gibt Fälle, wo man auch in Deutschland, in Mitteleuropa, Sachen macht, die nicht erlaubt sind. Es gibt Kunstfreiheit, das eine ist Satire und Kunst und Spaß, das ist erlaubt – und auf der anderen Seite, wie heißt es?

Kabelka: Schmähkritik heißt das.

Böhmermann: Schmähkritik, das ist ein juristischer Ausdruck. Was ist Schmähkritik?

Kabelka: Wenn Du Leute diffamierst, wenn Du einfach nur so unten herum argumentierst, wenn Du sie beschimpfst und wirklich nur bei privaten Sachen, die die ausmachen, herabsetzt.

Böhmermann: Herabwürdigen, das ist Schmähkritik. Und das ist in Deutschland auch nicht erlaubt. Haben Sie das verstanden, Herr Erdogan?

Kabelka: Das kann bestraft werden.

Böhmermann: Das kann bestraft werden?

Kabelka: Das kann bestraft werden.

Böhmermann: Und dann können auch Sachen gelöscht werden, aber erst hinterher, nicht vorher.

Kabelka: Ja, erst hinterher.

Böhmermann: Ist vielleicht ein bisschen kompliziert, vielleicht erklären wir es an einem praktischen Beispiel ganz kurz.

Kabelka: Ja, dann mach doch mal.

Böhmermann: Ich hab ein Gedicht, das heißt „Schmähkritik“. Können wir vielleicht dazu so eine türkisch angehauchte Version von nem Nena-Song haben? (Die gewünschte Musik erklingt) Und die türkische Flagge im Hintergrund bei mir? (Der Hintergrund ändert sich) Sehr gut. Und das, was jetzt kommt, das darf man nicht machen.

Kabelka: Darf man nicht machen.

Böhmermann: Wenn das öffentlich aufgeführt wird, das wäre in Deutschland verboten und da könnte man dann… Okay, das Gedicht heißt „Schmähkritik“.

Sackdoof, feige und verklemmt,
ist Erdogan, der Präsident.
Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,
selbst ein Schweinefurz riecht schöner.
Er ist der Mann, der Mädchen schlägt
und dabei Gummimasken trägt.
Am liebsten mag er Ziegen ficken
und Minderheiten unterdrücken,

Das wäre jetzt quasi ne Sache, die…

Kabelka: Nee.

Böhmermann:

Kurden treten, Christen hauen
und dabei Kinderpornos schauen.
Und selbst abends heißt’s statt schlafen,
Fellatio mit hundert Schafen.
Ja, Erdogan ist voll und ganz,
ein Präsident mit kleinem Schwanz.

Wie gesagt, das ist ne Sache…

Kabelka: Das darf man nicht machen.

Böhmermann: Das darf man nicht machen.

Kabelka: Nicht Präsident sagen.

Jeden Türken hört man flöten,
die dumme Sau hat Schrumpelklöten.
Von Ankara bis Istanbul
weiß jeder, dieser Mann ist schwul,
pervers, verlaust und zoophil –
Recep Fritzl Priklopil.
Sein Kopf so leer wie seine Eier,
der Star auf jeder Gangbang-Feier.
Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt,
das ist Recep Erdogan, der türkische Präsident.

Und das dürfte man jetzt in Deutschland (Applaus, Böhmermann fuchtelt mit den Händen)

Kabelka: Unter aller Kajüte! Nicht klatschen!

Böhmermann: Das ist jetzt ne Geschichte, was könnte da jetzt passieren?

Kabelka: Unter Umständen nimmt man es aus der Mediathek. Das kann jetzt rausgeschnitten werden.

Böhmermann: Wenn jetzt die Türkei oder der Präsident was dagegen hat, müsste er sich in Deutschland erst mal nen Anwalt suchen. Ich kann Ihnen sehr empfehlen unseren Scherzanwalt Dr. Christian Witz in Berlin.

Kabelka: Ja, er berät ja auch den Berliner Bürgermeister.

Böhmermann: Der berät auch den Berliner Bürgermeister? Unser Scherzanwalt Dr. Christian Witz?

Kabelka: Der macht einfach alles: Atze, Pocher und den Berliner Bürgermeister.

Böhmermann: Unser Scherzanwalt Dr. Christian Witz? Dann nehmen Sie sich nen Anwalt, sagen Sie erst mal, Sie haben da was im Fernsehen gesehen, was Ihnen nicht gefällt, Schmähkritik, und dann geht man erst mal vor ein Amtsgericht, ne? Einstweilige Verfügung, Unterlassungserklärung. Dann wird vielleicht die Sendung oder der Sender, der das gemacht hat, sagen: Nö, das sehen wir anders. Dann geht man die Instanzen hoch und irgendwann, nach drei, vier Jahren – wichtig ist, Sie müssen dafür sorgen, dass es nicht im Internet landet.

Kabelka: Ja.

Böhmermann: Wichtig ist: Sie müssen dafür sorgen, dass es nicht im Internet landet.

Kabelka: Aber das macht doch keiner.

Böhmermann: Das macht keiner, kann ich mir auch nicht vorstellen (Gelächter im Publikum).

Kabelka: Man hat’s ja in der Mediathek normalerweise.

Böhmermann: Warum soll man es dann ins Netz stellen? Ist es jetzt klar?

Kabelka: Ich glaub schon.

Böhmermann: Ich finde es ganz wichtig.

Es geht aber auf einer zweiten Kommunikationsebene um viel mehr: um Presse- und Meinungsfreiheit, Machotum, repressive Staaten, Minderheitenrechte, es geht um Satire und ihr Recht, es geht aber auch mal wieder um den öffentlichen Diskurs selbst – und auch um das Verhältnis von EU und der Türkei.

Steffen Seibert ließ auf einer Bundespressekonferenz verlautbaren, dass die Kanzlerin das Gedicht als einen „bewusst verletzenden Text“ ansieht. Nun, das kann man so sehen, wenn man nur die erste Kommunikationsebene hört oder hören will, aber es rechtfertigt sicherlich keinen Strafprozess.

Was hat Böhmermann geschafft?

Kommt es gegen Jan Böhmermann wegen seines Gedichts tatsächlich zu einem Prozess, trägt Satire einen Gewinn davon, den ich mir in den kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können, ich wünschte Dieter Hildebrandt würde das noch miterleben. Es würde bedeuten, dass Satire noch viel wichtiger in der Verteidigung der Grundrechte ist, als ich dachte. Außerdem wäre ein Sieg Böhmermanns vor Gericht mehr als wahrscheinlich, da der satirische Charakter des Gedichts eindeutig ist. Zudem wird wieder über Presse- und Meinungsfreiheit gestritten und das ist gut so. Der schlichte 9-Zeiler hat mit dazu beigetragen, dass sich gestern eine Anne-Will-Sendung mit dem Thema beschäftigte. Es geht nicht um Ästhetik oder um Höflichkeit – es geht um viel mehr. Das zu erwartende Urteil als Resultat wäre ein wunderbarer Präzedens-Freispruch. Schon alleine deswegen ist zu erwarten, dass es nicht zu einem Prozess kommen wird.

[Update 12.4.2016]

Das Thema zieht weiter Kreise, viele Meinungen wurden veröffentlicht, weitere Songs produziert. Vor allem der Blogbeitrag von Alexander Thiele, Privatdozent an der Universität Göttingen am Institut für Allgemeine Staatslehre, ist dabei sehr interessant, weil er – obgleich juristisch argumentierend – ganz ähnliche Ketagorien wie ich anlegt und zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt.

 

Literatur

Breinig, Helmbrecht (1984). Satire und Roman: Studien zur Theorie des Genrekonflikts und zur satirischen Erzählliteratur der USA von Brackenridge bis Vonnegut. Tübingen: Gunter Narr.

Budzinski, Klaus (1985): Hermes Handlexikon. Das Kabarett. Zeitkritik – gesprochen, gesungen, gespielt – von der Jahrhundertwende bis heute. Düsseldorf.

Meyer-Sickendieck, Burkard (2007): Satire. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 8. Berlin/New York, Sp. 447-469.

Schilden, Frank (2015): Satirische Überformungen öffentlicher Diskurse im Massenkabarett am Beispiel der Asyldebatte. In: Diekmannshenke, Hajo/Neuhaus, Stefan/Schaffers, Uta (Hrsg.): Das Komische in der Kultur. Tectum, S.151-165.

Schilden, Frank (2016): Lachen gegen den Ungeist? Der NSU als Gegenstand im zeitgenössischen Kabarett. In: Frindte, Wolfgang/Geschke, Daniel/Haußecker, Nicole/Schmidtke, Franziska (Hrsg.): Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“. Interdisziplinäre Debatten, Befunde und Bilanzen. Springer VS, S.367-385.

Eine Sprache namens „Horst“

Im Rahmen der Nacht der Wissenschaft 2015, die alljährlich von der RWTH Aachen veranstaltet wird, boten der Lehrstuhl für Deutsche Philologie und das Lehr- und Forschungsgebiet Germanistische Sprachwissenschaft einen Erlebnisparcours zum Thema „Was ist eigentlich DEUTSCH?“ an. Ziel des Parcours war es, die BesucherInnen mit Hilfe eines Hörquiz dazu zu bewegen ihre eigene Sprachwahrnehmung zu reflektieren und sie für das breite Variationsspektrum der deutschen Sprache zu sensibilisieren.

Wie im Beitrag der letzten Woche angekündigt worden ist, haben wir die Hörquiz-Antworten der BesucherInnen des Erlebnisparcours anonymisiert und einer kleinen Auswertung unterzogen. Für diejenigen, die beim Erlebnisparcours nicht selbst mit dabei waren, aber trotzdem gespannt sind, welche Antworten gegeben wurden, kommt hier zur besseren Nachvollziehbarkeit zuerst eine kurze Zusammenfassung des Quiz.

Die Besucher und Besucherinnen wurden dazu eingeladen insgesamt drei verschiedenen Hörproben zu lauschen und dazu jeweils einen kurzen Quizbogen auszufüllen. Bei jeder Sprachprobe ging es darum, den oder die Sprecherin individuell einzuordnen und ein Urteil über die Sprache der Probanden abzugeben. Die Sprachproben waren natürlich nicht willkürlich gewählt, sondern stellten jede für sich einen Ausschnitt aus dem Varietätenraum der deutschen Sprache dar. Ohne jetzt einen tieferen Sprung in die Linguistik zu wagen und ein Fass aufzumachen, das selbst in der Wissenschaft noch nicht vollständig gelehrt wurde, sei hier nur kurz erwähnt, dass es sich bei Varietäten um sprachliche Subsysteme einer Sprache, wie z.B. des Deutschen, handelt, die mit einem bestimmten außersprachlichen Faktor (z.B. der Region, dem Alter, dem Beruf) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit regelmäßig gemeinsam auftreten. Besonders anschaulich ist das z.B. bei Dialekten, die ja bekanntermaßen immer in Verbindung mit einem bestimmten geografischen Gebiet stehen. Für unser Quiz haben wir uns für die Faktoren Sprache und Raum (Hörquiz 1: Dialekt), Sprache und Beruf (Hörquiz 2: Medizin) sowie Sprache und mehrsprachige Jugendliche (Hörquiz 3: Kiezdeutsch) entschieden.

Foto 1

Foto 1: Hörstation

Ganz konkret ging es im ersten Teil des Quiz um eine persönliche Einschätzung des Sprechers oder der Sprecherin. So waren die BesucherInnen aufgerufen, das Alter, den Beruf und die Herkunft der SprecherInnen zu erraten. Außerdem sollten die Befragten der gehörten Sprache einen Namen geben. Im zweiten Teil des Quiz sollten sie bewerten, ob ihnen die Sprache des jeweiligen Sprechers gefallen hat oder nicht, ob sie glauben, dass die SprecherInnen auch anders sprechen können und was ihnen ganz besonders an der jeweiligen Sprache aufgefallen ist. Damit die QuizteilnehmerInnen ihren Ideen und Assoziationen möglichst freien Lauf lassen konnten, haben wir bewusst keine Antworten zum Ankreuzen vorgegeben, sondern uns schon bei der Vorbereitung auf die kreativen Begründungen der QuizteilnehmerInnen gefreut. Und wie sich gezeigt hat, sollten wir nicht enttäuscht werden! 🙂

Beim Vergleich mit der „Auflösung“ des Hörquiz erlebten so manche ungeahnte Überraschungen oder sogar starke Erschütterungen des eigenen sprachlichen Weltbildes. Denn wieder einmal bewahrheitete sich die sprachwissenschaftliche Erkenntnis, dass wir aus der Art und Weise wie jemand spricht auf die Person dahinter schließen, dass wir uns ein Bild von ihr bezüglich ihres Alters, ihrer geografischen und sozialen Herkunft, ihres Berufs und sogar ihrer charakterlichen Qualitäten und momentanen Gefühlslage machen. Dabei sind auch einige BesucherInnen – und es hat uns sehr gefreut, dass unser Plan aufgegangen ist –gängigen Vorurteilen und Klischees auf den Leim gegangen. Der Abgleich mit der Realität zeigte nämlich, dass unser sprachliches Urteil auch trügen kann! Diese Diskrepanz zwischen sprachlicher Erscheinung und lebensweltlicher Realität wurde von unserer Seite natürlich absichtlich in das Quiz integriert und firmierte intern nur unter der Bezeichnung „Der Björn-Effekt“ (benannt nach dem Sprecher des Hörquiz 1). Wir hoffen, dass sich dieser Begriff in naher Zukunft auch in der Fachliteratur durchsetzen wird. 😉

Foto 2

Foto 2: Ausstellungswand mit den beantworteten Hörquizbögen der TeilnehmerInnen

Von den insgesamt 150 ausgeteilten Quizbögen fanden 67 ihren Weg für alle sichtbar an unsere Ausstellungswand. Besonders erfreulich war dabei, dass sich die Anzahl der eingegangenen Bögen gleichmäßig auf die drei Hörproben verteilte, so dass wir 22 bis 23 ausgefüllte Quizbögen pro Hörquiz erhielten. Die Antworten waren manchmal verblüffend und unerwartet, und manchmal entsprachen sie genau dem, was wir im Vorhinein antizipiert hatten. Aber nun möchten wir niemanden länger auf die Folter spannen und kommen zur (gänzlich unwissenschaftlichen) Auswertung unseres Hörquiz. Exemplarisch haben wir dafür das Hörquiz 1 gewählt, in dem der männliche Sprecher mit einem leichten obersächsischen Dialekt spricht.

Auswertung von Hörquiz 1

Unser Sprecher Björn wurde durchschnittlich auf 42 Jahre geschätzt. Damit wurde er charmanter Weise für 5 Jahre jünger gehalten als er tatsächlich ist. Ziemlich einig waren sich die Befragten bezüglich Björns Beruf: Sie hörten in ihm entweder einen Handwerker (Maurer, Baustellenarbeiter, Dachdecker) oder einen Beamten (Lehrer, Verwaltungsangestellter, Polizist). Die Antworten der BesucherInnen decken sich dabei mit sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen, die enthüllen, dass DialektsprecherInnen häufig mit einem niedrigen Bildungshintergrund und einem einfachen sozialen Milieu in Verbindung gebracht werden. Aber in diesem Fall kam der bereits oben angesprochene „Björn-Effekt“ zum Tragen, denn Björn ist im wahren Leben ein studierter Sprechwissenschaftler, der seit vielen Jahren an der Universität unterrichtet!

Auch bei Björns regionaler Herkunft herrschte nahezu Einhelligkeit: Die meisten verorteten ihn entweder in Sachsen oder ganz spezifisch in den Städten Leipzig oder Dresden (s. Foto 3). Und in diesem Fall lagen die Befragten geografisch sogar fast richtig: Björn stammt aus Sachsen-Anhalt! Dass die BesucherInnen ausschließlich Sachsen nannten, lässt sich vielleicht mit ihrem impliziten dialektologischen Vorwissen erklären. So werden die in Björns Heimatregion gesprochenen Dialekte typologisch nämlich zum Obersächsischen gezählt, was zeigt, dass politische Grenzen nicht zwangsläufig auch sprachliche sein müssen und die Übergänge zwischen den verschiedenen Dialekten fließend und nicht klar voneinander abgrenzbar sind. Aber vielleicht bedeutet diese Zuordnung auch, dass wir eine viel konkretere Vorstellung davon haben, wodurch sich Dresdnerinnen und Leipziger sprachlich auszeichnen als z.B. davon wie Menschen, die in Halle aufgewachsen sind, tatsächlich sprechen. Diese „sächsische Prominenz“ im kollektiven Bewusstsein ist natürlich immer auch von der jeweiligen Bedeutung der Städte, ihren BewohnerInnen und ihrer Präsenz in den Medien beeinflusst. Denn mal im Ernst: Wer hier in rheinischen Gefilden weiß schon, wie sich nordthüringische oder vogtländische Mundarten anhören, wenn er oder sie nicht gerade Verwandtschaft dort hat?

Foto 3

Foto 3: Antworten der QuizteilnehmerInnen auf die Frage „aus welcher Region oder Stadt der Sprecher kommt“ (Quelle der Karte: http://geodressing.de/freie-karten/politische-deutschlandkarte; 23.11.2015)

Bei der Frage, welchen Namen die QuizteilnehmerInnen der Sprache des Sprechers geben würden, vielen die Antworten der Befragten interessanterweise sehr unterschiedlich aus und sorgten auf allen Seiten für erhebliche Erheiterung. Neben einer geografisch inspirierten Kategorie, die die Bezeichnung „Sächsisch“ präferierte, etablierte sich auch eine onomastische, in der Namen wie „Paul“, „Horst“, „Manfred“ oder „Jürgen“ vorgeschlagen wurden. Nach anfänglichem Gelächter und der leicht irritierten Nachfrage einer Besucherin („Eins habe ich nicht verstanden. Wie soll ich denn von der Sprache des Sprechers auf seinen Vornamen schließen?“) schrieben wir diese Antworten der Qualität unseres Quizbogens zu. Denn die Konstruktion der Frage „Was glaubst du, welchen Namen die Sprache des Sprechers tragen könnte“ war wohl etwas unglücklich gewählt, da „des Sprechers“ von vielen Befragten kurzer Hand zum Subjekt befördert und die Frage neu interpretiert wurde. 🙂

Fast die Hälfte der Befragten konnte Björns Sprache übrigens überhaupt nichts abgewinnen. Als Begründung wurde angeführt, dass sie „bäuerlich“, „dümmlich“ oder sogar „gruselig“ klinge, „primitiv“ wirke und Zeichen eines „schlechten sprachlichen Ausdruckvermögens“ sei. In einem Fall genügte allein das Label „Sächsisch“ als Begründung für die ablehnende Haltung des Quizteilnehmers. Etwas mehr als ein Drittel war sich unsicher, ob ihnen die Sprache gefiele, weil „man sich so konzentrieren muss“, um „folgen zu können“, oder weil seine Sprache zwar „lustig“, aber auch „anstrengend“ sei oder er sich „leicht gelangweilt“ anhöre, aber dafür „auf dem Boden geblieben“ zu sein scheine, was offensichtlich eine positiv bewertete Eigenschaft ist. Nur 1/5 der QuizteilnehmerInnen fand Gefallen an Björns Sprache und bezeichnete sie als „gemütlich/heimatlich/deutsch“, „entspannt“ oder „unterhaltend“. Und sogar eine Teilnehmerin hält das Sächsische prinzipiell für „nett“ und wollte damit scheinbar keineswegs an des Adjektivs kleine Schwester erinnern…

Übrigens war sich nur ein knappes Drittel der Befragten sicher, dass Björn auch anders sprechen könne, z.B. wenn er „auf dem Amt“ zu tun habe oder er „sich anstrenge Hochdeutsch zu sprechen, das er wahrscheinlich zumindest aus dem Fernsehen“ kenne. Wer Björn kennt, weiß, dass er sehr wohl in der Lage ist Standarddeutsch zu sprechen und der Dialekt für ihn mittlerweile eher die Ausnahme darstellt. Dieser kommt nämlich nur noch dann zum Vorschein, wenn er sich in seiner Heimatregion im Kreise seiner Familie und FreundInnen aufhält. Wer hätte das gedacht? 🙂 Offensichtlich die Wenigsten, was uns ziemlich erstaunt hat. Denn in der Soziolinguistik besteht Konsens darüber, dass wir alle über ein individuell ausgeprägtes Variantenrepertoire verfügen. Für die meisten TeilnehmerInnen war diese Tatsache bei der Beurteilung von Björns muttersprachlicher Variationskompetenz jedoch kaum oder gar nicht relevant. Diese angenommene „Einsprachigkeit“ Björns bestätigt ein gängiges Vorurteil – welches durch Schule und selbst ernannte Sprachautoritäten immer wieder genährt wird – , das besagt, dass wir alle immer und überall gleich sprechen. Dabei hat die Sprachwissenschaft gezeigt, dass wir uns sprachlich immer auf unser Gegenüber, das Thema, die Situation und unsere Intentionen einstellen, unsere sprachlichen Ausdrucksmittel anpassen und variieren. Wir sind also mitnichten so „einsprachig“ wie wir häufig annehmen!

Interessanterweise zeigte der Vergleich der Sprachproben untereinander, dass die meisten TeilnehmerInnen dem jungen Mann mit Migrationshintergrund aus Hörquiz 3 viel eher als Björn zutrauen würden anders sprechen zu können. Mit anderen Worten: Menschen mit mehrsprachigem Hintergrund scheint eher zugestanden zu werden, dass sie sprachlich variieren und ihre Sprache kontextuell ausrichten können als deutschen MuttersprachlerInnen, die dialektal gefärbt sprechen. Ob dieses Ergebnis auf die Vermutung der QuizteilnehmerInnen, dass es sich bei der Sprachprobe 3 um „Satire“ handele und sich die Sprache „nachgestellt“ oder „gespielt“ anhöre, zurückzuführen ist, müssten weitere Untersuchungen klären. Aber unabhängig von den angeführten Begründungen zeichnen die Antworten die sprachwissenschaftlich erhobene Tendenz nach, dass DialektsprecherInnen einer Form von sprachlicher Diskriminierung ausgesetzt sind und unter der gesellschaftlich stark verbreiteten Standardideologie zu leiden haben.

Foto 4

Foto 4: Ein Beispiel für die gesellschaftlich stark verbreitete Standardideologie (Quelle der Abbildung: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Themen/Op-Platt/Warum-haben-wir-das-verlernt; 23.11.2015)

Bei der Frage nach Björns sprachlichen Auffälligkeiten hat uns sehr verwundert, dass über die Hälfte der TeilnehmerInnen die dialektalen Besonderheiten mit seinem Temperament in Beziehung setzte. So hielten ihn viele für „emotions- oder leidenschaftslos“, „wenig begeistert“, „gelangweilt“ oder aber „für ein ausgesprochenes ruhiges Kerlchen“, das „besonnen“ wirke. Diese Einschätzung wurde z.T. mit der auditiv wahrgenommenen „monotonen“, „nicht sehr betonten“ Stimmführung begründet. Auch hier scheint sich die negative Wahrnehmung und Bewertung des Dialektsprechers aufgrund seiner Sprache fortzusetzen.

Wir könnten jetzt noch viele Seiten darüber schreiben, welche weiteren interessanten Ergebnisse die Antworten zu Björns Sprachprobe aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu Tage gefördert haben, aber das würde vermutlich den Rahmen eines Blogeintrags und die Geduld der Leserschaft gehörig überstrapazieren. 😉 Es sei nur so viel gesagt: Auch die Antworten zu Hörquiz 2 und 3 versprechen spannende Anknüpfungspunkte für linguistische Forschungsarbeiten. Zum Beispiel ließe sich untersuchen, welche Aspekte muttersprachlicher Variationskompetenz im kollektiven Bewusstsein verankert sind, wann sie relevant werden und welcher Bewertung sie unterliegen. Oder es könnte näher betrachtet werden, inwiefern fachsprachliche Performanz die Wahrnehmung der Sprachkompetenz der SprecherIn beeinflusst. Oder aber es ließe sich danach forschen, an welchen sprachstrukturellen Merkmalen wir festmachen, ob es sich um authentische oder stilisierte Sprache handelt oder oder oder…

Bevor wir uns an dieser Stelle jedoch in linguistischen Visionen verlieren, sei noch mal allen BesucherInnen ganz herzlich für die rege Teilnahme an unserem Erlebnisparcours und die vielen tollen Fragen, die kritischen Anregungen und die ausführlichen Gespräche gedankt! Wir hatten einen wunderbaren und inspirierenden Abend und hoffen, dass auch Ihr neue Einblicke in die Vielfalt der deutschen Sprachwirklichkeit gewonnen habt!

Sprachliche Vielfalt erlebbar gemacht

Ein Science Slam, Technik-Vorführungen, mehr oder weniger lehrreiche Shows und Experimente, die den Forschergeist der großen und kleinen BesucherInnen wecken sollen: auf der Wissenschaftsnacht 5 vor 12 präsentiert sich die RWTH von ihrer besten Seite. Dass es den teilnehmenden Instituten dabei um mehr als „Exzellente Unterhaltung“ geht, ist klar. Freiwillige vor!
Am Lehrstuhl für Deutsche Philologie fahren allerdings keine Roboter durch die Gänge und im Lehr- und Forschungsgebiet Germanistische Sprachwissenschaft werden keine Rennwagen gebaut. Was lässt sich also publikumswirksam inszenieren, möchte man fragen, wenn der eigene Arbeitsplatz keine beeindruckend ausgestattete Werkhalle sondern ein simpler Schreibtisch ist, wo statt Präzisionslasern Tastatur und Mouse bedient werden? Unsere Antwort: die Vielfalt der deutschen Sprache.

Was ist eigentlich Deutsch Bild

Die BesucherInnen des Erlebnisparcours Was ist eigentlich DEUTSCH? konnten sich an drei Hörstationen Proben verschiedener Sprachvarietäten anhören; die ausgelegten Quizbögen regten dazu an, sich näher mit dem Gehörten auseinanderzusetzen. Was ist das für ein Mensch, der da spricht? Wo kommt er oder sie her? Auf welchen Bildungshintergrund lässt die Probe schließen? Wie könnte diese Sprachvarietät heißen? Aufgelöst wurde das Quiz mit kurzen Steckbriefen der Sprecher, die in thematisch auf die Sprachprobe ausgerichtete Poster integriert waren. So konnten die Besucher nicht nur einen Eindruck von der eigenen Sprachwahrnehmung gewinnen, sondern auch entdecken, was genau LinguistInnen eigentlich erforschen und zu welchen Ergebnissen sie dabei kommen. Etwa 200 Interessierte kamen zum Mitraten, blieben zum Fragen stellen und gingen mit der Erkenntnis: Deutsch ist viel mehr als das, was man in der Schule lernt. Und außerdem: das Bild, das ich mir aufgrund der Sprache von einem Sprecher mache, kann trügen!

Der rege Zulauf, den der Parcours ungeachtet seiner abgeschiedenen Lage hatte, zeigt, dass das Thema sprachliche Vielfalt trotz (oder gerade wegen) seiner alltäglichen Erfahrbarkeit bei vielen Menschen einen Nerv trifft – ganz ohne Roboter und Laser. Die 150 vorbereiteten Quizbögen waren noch vor Ende der Veranstaltung vergriffen. Viele BesucherInnen folgten unserem Vorschlag, die ausgefüllten Bögen an einer Wand aufzuhängen und so im Laufe des Abends eine kleine Ausstellung entstehen zu lassen. Die nachträgliche Betrachtung der gesammelten Antworten hat uns so viel Spaß gemacht, dass wir die Ergebnisse gerne teilen möchten. Die Auswertung wird demnächst im Spraachenblog veröffentlicht.

Satire 2.0? NEO MAGAZIN ROYALE zeigt, wie es gehen kann!

Ich hätte heute Morgen frohlocken können und danke meiner lieben Kollegin Eva Dickmeis. Ich schreibe gerade Aufsätze zum Thema Kabarett bzw. Satire und suche nach schönen Beispielen, an denen man verdeutlichen kann, was den Kern von Satire ausmacht. In dem Streit darum, was denn nun Satire dürfe, wird häufig der berühmt-berüchtigte Text, „Was darf die Satire?“, von Tucholsky in der Diskussion – samt Tucholskys Antwort, „Alles.“, – angeführt. Dabei ist eine grundlegendere Frage viel wichtiger: Was ist überhaupt Satire? Ich möchte Tucholskys Antwort hier neu formulieren: Was darf die Satire? Alles – wenn es denn dann auch Satire ist.

Eines vorweg: „Satire“ gibt es für mich nicht als fassbare Menge oder feste Form. Nach Meyer-Sickendieck ist Satire keine Gattungsbezeichnung, sondern vielmehr die Oberbezeichnung für „von aggressiv-ironischer Rhetorik geprägte ästhetische Werke“, die der „Verspottung des Lasters, im Unterschied zur Verspottung konkreter Einzelpersonen“, dient. Sie definiert sich also vom Zweck – der sozialen Funktion – her. Also, nochmal auf Anfang, ich suchte Beispiele und Eva zeigte mir dies.

Ich war begeistert und freue mich noch immer. Nicht (nur) wegen des Inhalts, was mich vor allem begeistert und mir imponiert, das ist die satirische Wirkkraft des ganzen Beitrags, des ganzen Coups.

Also: Satire ist dann Satire, wenn ästhetisch vermittelte Zeitkritik vorliegt. Dies kann in Texten, Bildern, Musik oder eben in multimodalen Kompositionen aus all diesen realisiert werden – und genau das hat Jan Böhmermann bzw. das Team von NEO MAGAZIN ROYALE gemacht, mit allen folgenden Videos oder Mitteilungen. Außerdem geht es darum, Laster anzuprangern, und nicht um das Beleidigen von Einzelpersonen. Es geht nicht um Jauch oder seine Gäste. Die sind nur die Folie, auf der das Laster vorgeführt und lächerlich gemacht wird. Dies funktioniert vor allem im Zusammenbringen von Widersprüchen: Selbstanspruch, investigativen Journalismus zu betreiben, vs. auf ein vermeintlich manipuliertes Video reinfallen; offene Diskussionsankündigung in gebührenfinanziertem Rahmen vs. Vorführen eines Politikers anhand eines vermeintlich manipulierten Videos; das Missverhältnis zwischen Diskursen, die notwendigerweise geführt werden müssen, und Scheindebatten; deutsche politische Verantwortung vs. Verhalten deutscher Politiker und öffentlicher Mediendiskurs. Zu guter Letzt schießt Böhmermann noch gegen die breite Masse, die nach dem Tatort ein wenig hetzen kann und auch soll. Die Kritik richtet sich also nicht an Jauch in personam, sondern an das Format und die Art und Weise, in dem und wie diskutiert wird – es ist Diskurskritik und Ziel sind verschiedene Ebenen: Sender, Politiker, Durchschnittsbürger – eben Zeitkritik. Satire ist parteiisch, sie muss es sogar sein. Genau das ist Satire, mit Tucholsky: „Nun kann man gewiß über all diese Themen [in unserem Kontext Griechenland im Kontext des Euros, F.S.] denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten“ – das ist doch das Schöne.

Eingebettet ist die Zeitkritik hier in einen spöttischen Beitrag, der sich erst scheinbar lustig macht über Beckmann, Kerner, Jauch usw., das satirische Potenzial steigert sich aber bis zum letzten Monolog Böhmermanns:

„Es trifft aber wirklich ´nen Nerv, ne? So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zweimal Europa verwüstet, aber wenn man uns den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus, dann kennen wir keine sachliche Diskussion mehr. Wenn uns ´n Grieche den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus – denn wir sind Deutsche. Liebe Redaktion von Günther Jauch, Yanis Varoufakis hat Unrecht, ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach nur das Video aus dem Zusammenhang gerissen, und ´nen griechischen Politiker am Stinkefinger durch´s Studio gezogen, damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem Tatort nochma schön aufregen können: „Der Ausländer, raus aus Europa mit dem! Der ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg, das gibts ja wohl gar nich! Wir sind hier die Chefs!“ So! Das habt ihr gemacht (07:48-08:29)“.

Die ästetische Vermittlungsform ist am ehesten vielleicht als Collage zu bezeichnen aus Bildern, Schauspiel, Nachahmen von anderen Formaten, Zitation uvm, die sich dem Ziel der Zeitkritik unterordnen. Es geht um Subversion und wenn es stimmt, dass das ominöse Video von dem Magazin selbst manipuliert wurde, dann haben wir hier ein tolles Beispiel für Satire2.0. Und jetzt kommt der Clou: Selbst wenn die Geschichte von NEO MAGAZIN ROYALE um ihre Verantwortlichkeit für das vielleicht oder vielleicht nicht manipulierte Video erstunken und erlogen ist – die Zeit- und Diskurskritik bleibt erhalten. Seit wann wird in Unterhaltungssendungen die Wahrheit gesagt? Böhmermann selbst thematisiert dies in einem weiteren Video, wenn er von einem unterstellten „fake-fake fake-fake-fake“ spricht und die BILD-Redaktion und Jauch auffordert, die Euro-Zone zu verlassen. Die Zeit- und Diskurskritik geht auch dort weiter, das satirische Netz ist gespannt und man ging dem Team voll in die Falle:

Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen 2 Jahre alten aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, der Art skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.

Besser kann man das nicht machen.

„Högschde“ Konzentration (- nochmal was mit Fußball)

Wieder mal ein Beitrag von mir, der mehr Frage an die kundige Leserschaft denn Klärung einer Sache ist. In den letzten Tagen (und Wochen), also zur WM-Zeit, konnte man ganz oft lesen, wie der Bundestrainer erst „högschde Disziplin“ und „högschde Konzentration“ forderte und dann nach dem großen Erfolg vom „högschden aller Gefühle“ schwärmte. Einer seiner Leistungsträger wird in einem Interview mit den Worten „Der Scheißdregg intressiert mi ned“ wiedergegeben. Auf den ersten Blick ist ganz klar, was die jeweilige Schreibweise in all den Fällen soll: Löw und Müller werden als Dialektsprecher charakterisiert, ja fast vorgeführt. Löw als Alemannisch-Sprecher (er ist kein Schwabe, sondern stammt aus Baden, was für die meisten außerhalb vom „Ländle“ keinen großen Unterschied macht) und Müller als Bairisch-Sprecher (mit ai), also als jemand, dem man anhört, dass er aus Bayern (mit ay) kommt. In beiden sogenannten oberdeutschen Dialekten macht man keinen großen Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Verschlusslauten. Insofern wundert es nicht gänzlich, wenn man, um das schriftbildlich einzufangen, b statt p und d statt t – oder auch umgekehrt(!) – schreibt. Trotzdem ist mir nicht ganz klar, warum das g in „högschde“ und das (gar verdoppelte) in „Dregg“ erscheint. Hier wird beim Sprechen nicht im geringsten eine stimmhafte Variante des velaren Plosivs artikuliert. Der Laut ist jeweils am Ende der Silbe, bildet die sogenannte Coda, und da werden diese Laute nicht stimmhaft realisiert. Nicht, wenn ein stimmloses sch [∫] folgt und schon gar nicht im absoluten Auslaut wie bei „Dregg“. Das gleiche gilt eigentlich auch für das d in „ned“ als süddeutsche Version von „nicht“.

Auch wenn man das morphematische Prinzip als ausschlaggebend annehmen möchte – „Lug und Trug“ werden hinten ja auch mit g geschrieben, obwohl man k spricht oder sprechen soll – kommt man der Lösung nicht viel näher. Denn Varianten des alemannischen „hoch“, wo ein g artikuliert würde, finden sich nicht recht; auch der bayerische oder besser bairische „Dreck“ ist schwierig. Beim „Dregg“ könnte man an das Adjektiv „dreckert“ denken und an eine Aussprache, die man schriftlich mit „dreggert“ einzufangen versuchte. In der Tat klingt das Wort nicht so, dass man es unbedingt mit einem k schreiben wollte. Andererseits ist die Aussprache genau wie bei dem häufigeren Wort „nackert“ für „nackt“ oder „nackig“ – aber das schreibt man meist „nackert“ und nicht „naggert“ (sogar im Duden).

Ein Grund für die g- statt k-Schreibung kann die ziemlich schwache, phonologisch-orientierte Rechtschreibregel sein, nach der es ein Prinzip ist, dass die „stimmhaft-weichen“ Konsonatenbuchstaben b, d und eben auch g anzeigen, dass der vorhergehende Vokal lang gesprochen wird. Dieses Prinzip erklärt, beziehungsweise macht begreiflich, warum man „Magd“ und „Jagd“ mit langem a und „Akt“ un d „Pakt“ mit kurzem a spricht, oder „Obst“ und „Krebs“ lang und „Mops“ und „Sekt“ kurz. Es erklärt auch, warum viele Leute gern „Pabst“ schreiben, wenn sie den Stellvertreter Gottes auf Erden meinen. Gerade an diesem vieldiskutierten Beispiel sieht man sehr schön, dass dieses Prinzip durchaus wirkt – ein schwaches und eins mit unzähligen Ausnahmen bleibt es dennoch. Außerdem kommt noch hinzu, dass gerade bei Jogi oft gar kein langes ö wahrgenommen wird, sondern ein kurzes und offenes, denn gar nicht so selten wird beim Persiflieren auch „höggschde“ geschrieben; und die Verdopplung des Konsonanten ist in der deutschen Rechtschreibung ein ganz starkes Indiz für die Kürze des vorausgehenden Vokals – anders als in fast allen anderen Sprachen, wo nämlich der doppelte Konsonant wirklich für einen länger angehaltenen Konsonanten steht.
Also: Viele wird dieses Problem „an Scheißdregg indressiern“, aber die Meinung derer, die eine gute Geschichte dazu haben, ist högschd (oder högscht?) willkommen…

Internationale Linguistik-Olympiade (II)

Vor gut einem Jahr, im Juli 2012, habe ich einen sehr ähnlichen Beitrag hier im Blog veröffentlicht.

Es ging und geht mir heute wieder um die Internationale Linguistik-Olympiade. Ich kann und will nicht verstehen, dass man sich in Deutschland so schwer tut damit. Ähnlich wie mein letzter Beitrag zum Schimpfen ist dieser hier wieder eine Art Aufruf an die Blog-Leserschaft, mit Ideen aufzuwarten.

Auf der Homapage der Linguistik-Olympiade stehen mittlerweile 35 Länder. Das ist viel und wenig zugleich. Wenig ist es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es um die 200 Länder auf der Erde gibt und dass auch fast so viele an den Olympischen Sommerspielen teilnehmen. Bei den Winterspielen sind es schon deutlich weniger. Der einschlägigere Vergleich ist allerdings derjenige mit den Wissenschaftsolympiaden. Davon gibt es zwölf. Die Internationale Mathematikolympiade mit derzeit ca. 100 Teilnehmerländern beispielsweise. Die Philosophie-Olympiade, die neben der Biologie-, Chemie-, Geographie-Olympiade und anderen auch dazu gehört, wartet mit ungefähr 40 Teilnehmerländern auf. Viel ist es allerdings, wenn man die sich die Länder anschaut und dabei feststellt, dass flächengroße und bevölkerungsreiche Saaten dabei sind: Russland, USA, China, Indien, Brasilien, Australien, Kanada. Das Spannende an der Linguistik-Olympiade ist auf jeden Fall ihr rasantes Wachstum. Noch im Jahre 2007, das war das Jahr vor dem, in dem Deutschland zum ersten Mal teilgenommen hat, gab es lediglich neun Wettkampfländer. 2010 waren es doppelt so viele: 18. Und weitere drei Jahre später, also dieses Jahr (2013) gab quasi wieder doppelt so viele Mannschaften. Der Enthusiasmus ist groß. Ich saß in Sitzungen des Komitees, in den von neu hinzugekommenden Ländern darum gerungen wurde, ein zweites Team starten lassen zu dürfen. Das ist oder war ein Anrecht der „alten“ Gründernationen: Russland hatte schon immer ein Team Moskau und ein Team St. Petersburg; und Lettland war quasi Team 3; die Amts- – will heißen die Sprache, in der die Aufgaben bestellt werden und in der die Mitglieder kommunizieren – ist Russisch. Polen und Bulgarien schicken genauso traditionell zwei Mannschaften, auch die USA. Jetzt hat China zwei, so auch Südkorea, Australien und Schweden. Die Insel(n) macht bzw. machen es ähnlich wie beim Fußball, und so kommt man jetzt auf drei Mannschaften: UK1, UK2 und sogar Isle of Man. Irland gibt es ohnehin extra. Das Spektakuläre ist, dass „arme“ Länder aufs Parkett drängen: so Rumänien und Vietnam zum Beispiel. Auch die Schwellenländer Brasilien und Indien gelten nicht als besonders reich im klassischen Sinne. (Das Verrückte ist, dass sich Brasilien sogar aktiv dafür eingesetzt hat, Gelder für eine deutsche Teilnahme zu akquirieren.) Dennoch schaffen es diese Länder, für die Finanzierung ihrer Teams zu sorgen. Das ist derzeit auch noch nicht so teuer. Die Kosten, die für Deutschland anfielen, lagen nie über 4000 Euro für alles! Einmal sogar unter 2000 Euro beim ersten Mal. Damals übernahm die Kosten der Bundeswettbewerb Fremdsprachen (Bildung und Begabung). Später, als es von dort kein Geld mehr dafür gab, sprang die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) ein. Aber auch da ging für das Projekt Linguistik-Olympiade das Geld aus. Wir (also ich und ein paar Kollegen vom ZAS) haben uns an zig Unternehmen und potentielle Sponsoren gewandt. Die Sätze aus meinem früheren Beitrag sind weiterhin gültig: „Unzählige Vereine, Stiftungen, Träger, private und öffentliche Mäzene, Geld gebende Landes- und Bundesbehörden sind von uns angeschrieben worden. Nur Absagen. Nirgends scheint man eine Möglichkeit zu sehen, die Linguistik-Olympiade auch nur teilweise zu fördern.“ Zwar wird oft beteuert, wie gut, sinnvoll, interessant und vieles mehr man das Unterfangen finde, wie wichtig es sei, die Olympiade zu unterstützen, man selbst sei aber nicht der „richtige“ Geldgeber.

Mein Eindruck ist, dass man wie so oft im Leben am besten über persönliche Beziehungen einen Sponsoren oder eine sonstige Unterstützerin gewinnen könnte. Deswegen frage ich auf diese Weise  in die Runde: Kennt jemand einflussreiche Leute, an die man mit einer entsprechenden Bitte herantreten kann. Hat jemand einen konkreten Tipp, wohin sich man mit einer entsprechenden Anfrage wenden kann?

Die weniger dringliche, aber durchaus sehr interessante Frage ist, wieso sich Deutschland so schwer damit tut. Warum hier wenig Engagement gezeigt wird und sich die Unterstützung in sehr engen Grenzen hält? Ähnliches trifft auch auf Frankreich und Italien zu. Diese Länder zeigen (bislang) keine Ambitionen. Die Niederlande sind aktiv und erfolgreich, der Nachbar Belgien nicht. Schweden ja, Norwegen nein; Tschechien ja, die Slowakei nein… Manches ist sicher Zufall, oft stecken konkrete Persönlichkeiten dahinter, manches aber könnte spezielle Gründe haben. Und vielleicht kann ein Einblick in bestimmte Ursächlichkeiten dabei helfen, erst strukturelle und dann finanzielle Probleme zu lösen.

Gedanken und Bemerkungen zum Schimpfen

Heute kommen zwei Sachen zusammen, die in mir das Bedürfnis auslösen und den Anlass geben, mich seit längerer Zeit wieder einmal mit einem Beitrag hier im geschätzen Blog zu Wort zu melden. Zum einen habe ich gerade gestern einen kleinen populärwissenschaftlichen Aufsatz zum Thema Schimpfen beendet, und zum anderen erschien gestern eine Martenstein-Kolumne in der Zeit – ebenfalls zum Schimpfen. Beide Beiträge stellen eine Lücke fest – Martenstein eine andere als ich. Möglicherweise aber liegen wir beide falsch. Im Moment scheint mir allerdings, tendenziell haben wir beide recht. Eigentlich ist dieser Beitrag meinerseits auch kein typischer Blog-Text, in dem eine Aussage getroffen wird. Das schon, aber er ist viel mehr noch als sonst eine Einladung oder gar ein Aufruf zur Diskussion. Ich möchte in den hoffentlich eingehenden Kommentaren Bestätigung bekommen oder aber von mir aus auch widerlegt werden. In beiden Fällen gäbe es einen Erkenntnisgewinn.
Zuerst zu Martenstein. Der Kolumnist mit Kultstatus stellt eine für ihn typische Geschlechterungerechtigkeit fest: Frauen seien in Bezug auf das deutsche Schimpfwortinventar „benachteiligt“, weil quasi unsichtbar. Die Unterüberschrift lautet: „Schimpfwörter sind fast immer männlich. Wie ungerecht! Immerhin beim Wort Hure findet Geschlechtergerechtigkeit statt…“. Martenstein nennt ein paar männliche Schimpfwörter, die tatsächlich kein weibliches Pendant haben. Könnte man sich zu Geizhals und Schweinehund theoretisch noch eine Geizhälsin bzw. eine Schweinehündin vorstellen, so geht das für Mistkerl oder Taugenichts nicht mehr. Martenstein behauptet allerdings auch, dass Arschloch für Männer reserviert sei. Das, denke ich, kann man bestreiten. Arschloch ist weniger männlich. Erstens ist es grammatikalisch sächlich: DAS Arschloch. Und zweitens habe ich die Wortkette „sie ist ein Arschloch“ gegoogelt – das Ergebnis ist interessant. Es kommen wirklich nur wenige Belege, aber die Suchmaschine findet welche. Vor allem ein Eintrag ist relativ häufig belegt: Lillifee denkt, sie ist ein Arschloch. Und Lillifee ist nun allerdings ein extrem weibliches Wesen. Ich habe an Martensteins These gezweifelt und zweifle immer noch, weil ich eben gerade in der letzten Woche bei meiner malediktologischen Lektüre auf viele weibliche Bezeichnungen gestoßen war: Schlampe, Fotze, dumme/blöde Kuh/Gans/Pute, Nebeklkrähe, Planschkuh, Hexe, Schickse, Spinatwachtel, Flittchen, Klatschbase, Tratschtante, alte Jungfer, Schnepfe, Dorfmatratze, Kratzbürste – und obwohl grammatisch männlich: Besen und (Haus-) Drache. Nicht ganz so derb, aber auf jeden Fall auch abwertend gebraucht findet man Blondine, Diva, Luder, Betschwester. Interessant ist auch die Internet-Schimpfwort-Seite http://www.rindvieh.com. Dort sind Negativ-Kraftausdrücke kategorisiert abrufbar, unter anderem solche für Männer und solche für Frauen. Bei den männlichen Schimpfwörtern sind derzeit 96 aufgelistet, bei den weiblichen mit 152 mehr als anderthalbmal so viele! Mein Zweifel hält sich allerdings in Grenzen. Möglicherweise hat Martenstein in der Tendenz recht.
Meine Beobachtung ist eine ganz andere, und zwar die folgende. Schimpfwörter scheinen sich als ein Problem für die sogenannte Pollyanna-Hypothese zu erweisen. Diese wurde 1969 von den linguistisch orientierten Psychologen Boucher und Osgood aufgestellt. Nach dieser besteht eine universale menschliche Tendenz, beim Sprechen häufiger über Positives zu reden als über Negatives. Diese Hypothese ist nicht sonderlich populär; aber etliche namhafte Linguisten haben sich auf sie gestützt. Hin und wieder liest man über Forschungsergebnisse, die sie (angeblich) bestätigen. Nach dieser Hypothese überwiegen in der menschlichen Kommunikation Wörter, die Gutes und Schönes bezeichnen. Mein Eindruck ist nun, dass es zu Schimpf- und Fluchwörtern aber keinen positiven Gegenpart gibt. Kosewörter kommen einem in den Sinn. Aber selbst diese sind seltener, unregelmäßiger und unsystematischer. Das eigentliche Gegenteil sollten Lobeswörter oder Lobpreis-Ausdrücke sein. Da scheint es aber praktisch (im Deutschen) kaum welche zu geben. Wenn jemand gelobt, gerühmt, gepriesen wird, heißt es Gut gemacht! Toll! Ein Substantiv fällt mir nicht ein. Jedenfalls kein deutsches. Aus meiner Studienzeit erinnere ich mich, dass wir von unseren russischen Lehrkräften damals mit „molodez!“ (sprich: maladjets) gelobt wurden. Das ist als Appellativum ein eher ungebräuchliches Wort für junger Mann. Als Lob für jemanden, der etwas gut und richtig gemacht hatte, besonders wenn es unerwartet kam, war es extrem frequent. Es konnte sich meines Wissens auch ziemlich gut auf Frauen anwenden lassen. Ein anderer Fall kommt mir als passioniertem Opernbesucher in den Sinn. Nach einer besonders guten Gesangsleistung wird einem Sänger lautstark Bravo zugerufen. Das ist auch kein „echtes“ deutsches Wort. Und diejenigen, die sich für die richtigen Kenner halten, rufen Bravo auch nur bei einem Mann. Bei einer Frau wird Brava gerufen, beim Lob für das gesamte Ensemble oder schon ab zwei Sängern schreit man Bravi. Die verschiedenen Formen zeigen, dass hier etwas Nominales im Spiel ist, dass es sich also gut möglich um ein (deadjektivisches) Substantiv handeln kann. Wäre es immer bravo (die Groß- oder Kleinschreibung hört man ja nicht), könnte es ein Wort sein wie hallo oder danke. So sieht es doch nach einem Nomen aus. Damit erschöpft sich, was mir zu Lobeswörtern einfällt. Kann es sein, dass mehr geschimpft und geflucht, als gelobt und gerühmt wird? Gibt es viel mehr Schimpfwörter als Lobausdrücke? Ist das eine Ausnahme, die die Pollyanna-Hypothese (nicht) bestätigt? Oder übersehe ich etwas? … ähnlich wie Martenstein?

Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

Kurzmitteilung

Alternativen zum Elfenbeinturm
Die Linguistik will stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken

Von Jochen A. Bär und Thomas Niehr

Seit ihrer Begründung vor 200 Jahren sieht sich die Sprachwissenschaft in einem problematischen Verhältnis zur Sprachkritik – und umgekehrt. Obwohl beide die Sprache zu ihrem Gegenstand haben, waren sie zumeist eher auf Abgrenzung denn auf das Finden von Gemeinsamkeiten bedacht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Konflikt zwischen einer sprachwissenschaftlichen und einer sprachkritischen Betrachtungsweisen noch verschärft. Die Sprachwissenschaft zog sich auf den Standpunkt zurück, dass sie als Wissenschaft die Sprache ausschließlich zu beschreiben, nicht aber zu bewerten habe. Die Sprachkritik überließ man der Öffentlichkeit. Wechselseitige Schuldzuweisungen trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. So wurde den „Sprachfreunden“ oder „selbsternannten Sprachpflegern“ seitens der Linguistik etwa vorgeworfen, dass sie fundamentale wissenschaftliche Einsichten nicht zur Kenntnis nähmen bzw. missachteten. Sprachkritiker dagegen monierten, dass die Sprachwissenschaft ihren Elfenbeinturm nicht verlassen wolle und die tatsächlichen Probleme unberücksichtigt lasse oder gar leugne.

In jüngerer Zeit lassen sich Tendenzen einer ersten vorsichtigen Annäherung erkennen. Einige namhafte Fachvertreter beschäftigen sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es für die Sprachwissenschaft gibt, das berechtigte und aus linguistischer Sicht durchaus wünschenswerte Interesse der Öffentlichkeit an Sprache ernst zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die komplexen Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen.

Im Rahmen einer Tagung in Aachen, zu der wir kürzlich etliche der mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen eingeladen haben, bestand Einigkeit: Die Sprachwissenschaft sollte nach Mitteln suchen, dieses Interesse in sinnvoller Weise zu bedienen. „Sinnvoll“ ist dabei erstens inhaltlich gemeint: Es geht dar­um, wissenschaftlich fundierte Infor­mationen über Sprache zu vermitteln, wobei das, was die Öffentlichkeit an Sprache hauptsächlich interessiert, bestimmend sein darf, aber nicht muss. Zweitens zielt „sinnvoll“ auf die Präsentationsform: Es geht darum, so zu reden und die Dinge so darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Als Ergebnis der Tagung präsentieren wir die folgende

 Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.
Es wird immer Gegenstände unserer Disziplin geben, die für eine größere Öffentlichkeit von geringerem Interesse sind. Ihnen stehen jedoch solche gegenüber, an denen bereits ein öffentliches Interesse besteht, aber auch solche, an denen ein öffentliches Interesse geweckt werden sollte. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Nutzen für die Allgemeinheit deutlich zu machen. Gemeint ist also nicht, dass wir Kommunikationsformen ent­wickeln, die beliebige Gegenstände unserer Disziplin als irgendwie progressiv, spannend, über­raschend usw. erscheinen lassen, sondern dass wir ernsthaft fragen, was angesichts der bestehenden Verhältnisse gebraucht wird.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.
Sprache wird unter anderem dann zu einem öffentlichen Thema, wenn ganze Gruppen von Sprecherinnen und Sprechern sich neue Gebrauchsweisen der Sprache angewöhnen und diese neuen ,Sprachen in der Sprache‘ als in irgendeiner Weise fehlerhaft oder unzureichend bewertet werden (von neuen fachsprachlichen Gebräuchen bis hin zum so genannten Kiezdeutsch). Mit dem massenhaften Gebrauch von elektronischen Arbeits- und Kommunikationsmedien bildet sich eine spezielle, in ihrer Art neue Lese- und Schreibfähigkeit heraus, und viele Menschen haben den Eindruck, dass die traditionelle Schriftsprache dabei ins Hintertreffen gerät. Die Sprachwissenschaft kann auf diese Entwicklung reagieren, etwa indem sie die neuen Sprachformen nicht einfach abwertet, sondern zum angestrebten Standard, der sich ja ebenfalls im Laufe der Zeit verändert, in Beziehung setzt. Das reicht vom kon­struktiven Umgang mit Normbegriffen in der Schule bis zur Beschäftigung mit der Rechtschreibreform.

Unumgänglich ist es, zwischen gesproche­nem und geschriebenem Standard zu differenzieren, denn gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich erheblich voneinander. In spontaner Mündlichkeit erfolgt die Sprachverarbeitung ‚online‘, d. h., man hat keine Zeit, die jeweiligen Formulierungen genau zu planen, und dies führt zu typisch mündlichen syntaktischen Konstruktionen. In der geschriebenen Sprache dagegen hat man – medial bedingt – die Möglichkeit, die Textgestalt zu planen und zu überarbeiten. Bei der Planung von Standardsprachlichkeit müs­sen diese medialen Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin be­schäftigen.
Sprache schafft Identität zum einen im sozialen Raum: Meine Sprache lässt erkennen, zu welcher gesellschaft­lichen Gruppe ich gehöre, signalisiert meine Stellung in der Gesellschaft. Ein öffentliches Interesse daran schlägt sich oft in Fragen nach ,gutem‘ oder ,schlechtem‘ Deutsch nieder. Die Linguistik sollte sich dem nicht mit bloßem Verweis auf die Relativität solcher Bewertungen entziehen, sollte sich aber auch nicht in den Dienst einer ,neuen Bürgerlichkeit‘ nehmen lassen, die nach einem ,richtigen Umgang‘ mit Sprache wie nach dem ,richtigen Umgang‘ mit dem Essbesteck verlangt. – Identität schafft Sprache aber auch durch Abgrenzung von anderen Sprachen. Aktuell geht es in Deutschland dabei vor allem um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Deut­schen und dem Englischen, eine Frage, die die Spannung zwischen Nationalstaatlichkeit und Globalisierung spiegelt. Auch hier wird es für die Linguistik entscheidend darum gehen, den richtigen Ton zu treffen. Noch stärker als bisher müssen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik dazu beitragen, die mit kultureller Diversität und intrakulturellen Sprachdifferenzen verbundenen gesell­schaftlichen Herausforderungen zu gestalten.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.
Die Sprachwissenschaft kann zu einer positiven Spracheinstellung beitragen, indem sie beispielsweise bestimmte Formen destruktiver Sprachkritik als unhaltbar erweist. Wie manche anderen Sprachen hat sich das Deutsche einer solchen Sprachkritik zu erwehren, wobei sich diese bei uns in den vergangenen etwa zwanzig Jahren eher verstärkt hat. Der Typus ist viel älter, hat sich aber seit der Wiedervereinigung im Rahmen der deutschen Identitätsdebatten deutlich ausgeprägt. Dazu gehören Themen wie der allgemeine ,Verfall‘ des Deutschen, der Fremdwort- und Normdiskurs oder generell Zweifel an den Sprachfähigkeiten unserer jungen Generation. Es geht nicht um einen Versuch, vor unbestreitbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern darum, bestehende Probleme mit (u. a.) sprachwissenschaftlichen Mitteln auf ihr rechtes Maß zu bringen und praktische Beiträge zu ihrer Bearbeitung zu liefern.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den ent­sprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.
Sprachkritik ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung von sprachlichen Äußerungen. Die allermeisten Äußerungen in Alltag, Beruf und Wissenschaft erfolgen unreflektiert, gewissermaßen „blind“ (Wittgenstein), routinemäßig und automatisch, und zwar notwendigerweise, da man beim Sprechen und Schreiben nicht ständig innehalten kann. Innehalten zum Zwecke der Reflexion erfolgt aufgrund von Anlässen, die vielfältig sein können, z. B. Unsicherheit, Nicht-Verstehen, Zweifel der verschiedensten Art. Der Sprachgebrauch eines Menschen ist reflektiert, wenn er/sie in der Lage ist, die Art und Weise des eigenen Sprachgebrauchs zu begründen bzw. zu rechtfertigen. Maßstäbe für eine Rechtfertigung sind die Wahrhaftigkeit, Relevanz und Verständlichkeit des Gesagten.

Die Korrektheit und Angemessenheit einer sprachlichen Äußerung kann immer nur mit Bezug auf die jeweilige Sprachvarietät (Standardsprache, Dialekt, Fachsprache …), die jeweilige kommunikative Praktik und individuelle Kommunikationssituation sowie die jeweilige Sprachmedialität (mündlich, schriftlich, computervermittelt …) beurteilt werden.

Aufgabe der Linguistik ist es, diesen Zusammenhang in öffentlichen Diskur­sen über Sprachkompetenz und ‚Sprachverfall‘ immer wieder anhand konkreter Beispiele zu verdeut­lichen und auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Alternativen zur populären Sprachkritik aufzuzeigen. Die Gesellschaft braucht weder Sprachgesetze noch eine Sprachpolizei, aber sie hat Anspruch auf Rat von Fachleuten.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.
Eine Annäherung kann nur über ein besseres Verständnis der jeweils anderen Perspektive erreicht werden. Der Wunsch vieler Schreiber und Sprecher nach Normierung und damit Orientierung muss als wichtiges Bedürfnis  wahrgenommen und akzeptiert werden. Die sprachbezogenen Theorien, wie sie der öffentlichen, nicht-wissenschaftlichen Sprachkritik zugrunde liegen, sollten nicht länger als defizitäre Vorstufen linguistischer Sprachtheorien betrachtet werden, sondern als Sprachreflexionen, die aus spezifischen Bedürfnissen erwachsen.

Die Sprachwissenschaft sieht sich dem Vorurteil gegenüber, ihre Aussagen zum öffentlich gefühlten Sprachverfall seien nichts als Beschwichtigungen, die dazu dienten, im Sinne von politischer Überkorrektheit abweichendes Deutsch zur guten Sprache schönzureden. Dieses Vorurteil ist zu widerlegen: Sprachwissenschaftler bewerten bisweilen sprachliche Strukturen durchaus – entgegen land­läufiger Meinung. Sprachwissenschaftler können und dürfen bewerten – entgegen mancher akademischen Meinung. Eine wichtige Aufgabe der Linguistik besteht darin, der Öffentlichkeit linguistisch begründete Bewertungsmaßstäbe vorzustellen, wie sie z. B. in der Sprachkritikforschung mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entwickelt wurden. Sprachkritik ist somit ein konstitutiver Baustein der Linguistik sowie der alltäglichen Kommunikation.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.
Die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Sprachideologien und Sprachnormenkonzepte ermöglicht eine Reflexion der eigenen fachwissenschaftlichen Perspektive auf Sprache. Erst durch eine eigene Standortreflexion der Linguistik ist eine Annäherung an eine sprachinteressierte Öffentlichkeit möglich, sinnvoll und fruchtbar.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.
Von der OECD wird „Lesekompetenz“ definiert als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Hier geht es ganz offensichtlich um mehr als um die Beherrschung einer technischen Fertigkeit: Der Umgang mit Texten soll dem Leser die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben ermöglichen. Diese Position entspricht der Forderung nach einem stärkeren Praxisbezug der Ausbildung, einer Forderung, die die Schulen (PISA) und Universitäten bereits erreicht hat. Man mag über diese Verschiebung von der Bildung zur (berufsnahen) Ausbildung denken, wie man will: Die Kompetenz zur Rezeption und zur Produktion von Texten wird eine hervorgehobene Rolle in den Lehrplänen spielen, was zu einem besonderen Engagement der Textlinguistik, in Zusammenarbeit mit der Sprachdidaktik führen wird (führen sollte!). Zudem spielt die Vermittlung sozialer Kompetenzen eine immer größere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen, und der Raum des Sozialen ist nun einmal ganz entscheidend durch Sprache strukturiert.

Zentrales Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, die Fähigkeit zum jeweils angemessenen Sprachgebrauch zu verbessern. Hierzu gehört auch die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kommunikativen Praktiken – „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins –, unterschiedlichen Medien sowie unterschiedlichen Varietäten zu wechseln (Code-Switching und Code-Shifting). Das Angemessenheitskriterium schließt das Korrektheitskriterium in gewissem Sinne mit ein, denn das sprachlich Angemessene ist nicht korrekturbedürftig.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.
Eine adressatengerechte Darstellung fachlicher Inhalte ist Voraussetzung für einen gelingenden Dialog über die Fachgrenzen hinaus (aber durchaus auch zwischen einzelnen Teilbereichen des Fachs), und sie muss erlernt werden. Dies sollte künftig verstärkt Ziel akademischer Ausbildung für Linguistinnen und Linguisten sein. Davon sollten nicht zuletzt auch diejenigen unserer Studierenden profitieren, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer werden, denn sie vermitteln ganz wesentlich zwischen Linguistik und Öffentlichkeit.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Kreativität sollten dabei keine Grenzen gesetzt sein. Nachgedacht werden könnte unter anderem über die Einrichtung weiterer Kontaktstellen für (Sprach-)Rat suchende Schreiber und Sprecher nach dem Vorbild bereits bestehender Institutionen (z.B. Aachener Sprachtelefon|www.aachener-sprachtelefon.de|, Sprachberatung an der Universität Chemnitz |www.sprachberatung.tu-chemnitz.de| oder Arbeitsstelle für Sprachauskunft und Sprachberatung an der Universität Vechta |www.sprachauskunft-vechta.de|).

Denkbar wären auch öffentlichkeitswirksame Dokumentationen zum Thema Sprache (sehr erfolgreich war vor einigen Jahren die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ im Berliner Historischen Museum) sowie Kooperationen mit den Medien.

Verstärkt genutzt werden könnten Blogs, Foren und Soziale Netzwerke. In diesem Sinne haben wir im Anschluss an unsere Aachener Tagung ein linguistisches Weblog eingerichtet (spraachenblog.wordpress.com; http://www.facebook.com/spraachenblog), in dem sprachwissenschaftliche Themen in allgemein verständlicher Form behandelt werden und in dem Interessierte mitdiskutieren können.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.
Ansätze, die „splendid isolation“ der Linguistik zu überwinden, hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie sind in der Regel ohne größere Wirkung geblieben: Meist geriet das Anliegen schon nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Um einer solchen Entwicklung zu begegnen, haben diejenigen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik ins Leben gerufen, der die unterschiedlichen Forschungsansätze und -interessen vernetzen und das Thema „Sprachwissenschaft und Öffentlichkeit“ in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung setzen soll.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.
Niemand sollte sich genötigt sehen, eigene Forschungsinteressen am öffentlichen Interesse auszurichten. Es bedarf auch in Zukunft eines im engeren Sinne wissenschaftlichen Diskurses, der Exklusivität zwar nicht anstreben muss, der sie aber beanspruchen darf. Inhaltlich fatal wäre es, wenn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Tendenzen entstünden, Sprachwissenschaft nur dann für akzeptabel (ggf. sogar für förderungswürdig) zu halten, wenn sie ,PR-fähig‘ ist.

Erstunterzeichner:

Dr. Birte Arendt (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jochen A. Bär (Universität Vechta)
Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen)
Andreas Corr, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Ekkehard Felder (Universität Heidelberg)
Dr. Tobias Heinz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Andreas Gardt (Universität Kassel)
Alexander Keus, M.A. (RWTH Aachen)
Dr. Jana Kiesendahl (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Péter Maitz (Universität Augsburg)
PD Dr. André Meinunger (Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin)
Prof. Dr. Thomas Niehr (RWTH Aachen)
Dr. Falco Pfalzgraf (University of London, Queen Mary)
Dr. Kersten Sven Roth (Vertretungsprofessur Universität Potsdam)
Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Frank Schilden, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Jan Schneider (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Dr. Jürgen Spitzmüller (Universität Zürich)
Jana Tereick, M.A. (Universität Hamburg)
Eva Teubert, M.A. (Institut für deutsche Sprache, Mannheim)
Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier)
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Universität Trier)

Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

Wenn dem Linguisten die Hutschnur platzt

In der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten, des vierteljährlich erscheinenden Publikationsorgans des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS), beschäftigt sich Gerhard Illgner auf den Seiten 14 und 15 mit dem Verhältnis von Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Die (aus unserer Sicht nur schwer nachvollziehbare) Hauptaussage des kurzen Textes ist, dass die letztgenannte angeblich erstere sträflich „missacht[e]“ (14, Sp.1). Allein aufgrund dieser Behauptung ist die Abhandlung Illgners einen längeren Kommentar wert:

Illgner beginnt mit der Einführung eines wissenschaftstheoretischen Topos. Über Sokrates zu Popper führt er den Begriff der Falsifikation ein, der besagt, „dass es grundsätzlich möglich ist, empirisch-wissenschaftliche Theorien zu widerlegen“ (14, Sp. 1). Von diesem Gedanken ausgehend, versucht Illgner zu begründen, dass die Sprachwissenschaft ihre eigenen Theorien widerlegen müsse. Hierfür nennt er vor allem zwei Gründe: Erstens, dass die Sprachwissenschaft nicht dazu bereit sei, „aus ihrer stolzen Hochburg herabzusteigen“, und zweitens, dass die Fachleute darauf „beharren […] das Deutsche nur deskriptiv beschreibend […] zu erforschen“ (14, Sp. 2). Daraus resultiert dann nach Illgner die Missachtung der „zahlreichen Sprachkritiker, die sich seit Jahrzehnten vor allem gegen die Anglisierung des Deutschen öffentlich zu Wort melden und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnten“ (14, Sp.2-3). Der letzte Satz ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

A) Seit etwa Mitte der 90er Jahre reflektiert die germanistische Sprachwissenschaft ihr Verhältnis zur sprachinteressierten Öffentlichkeit stark. Zahlreiche Tagungen und Publikationen zeugen davon.  Willy Sanders publizierte zum Beispiel 1992 (1997 wurde die zweite Auflage veröffentlicht; 2011 kam die dritte Auflage – allerdings unter neuem Titel, ansonsten unverändert – heraus)  bereits das viel beachtete Buch „Sprachkritikastereien und was der ‚Fachler‘ dazu sagt“. Zudem gab es 1997 die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) mit dem Thema „Sprache – Sprachwissenschaft – Öffentlichkeit“. Die nächste Jahrestagung des IDS betrifft übrigens auch dieses Thema: „Sprachverfall? Dynamik – Wandel – Variation“. In Aachen fand in diesem Jahr die Tagung „Einmal Elfenbeinturm und zurück – Das schwierige Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik“ statt. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele für Symposien oder auch Podiumsdiskussionen anführen, die in den letzten Jahren seitens der Sprachwissenschaft zu den Themen ‚Sprachverfall‘ oder ‚öffentliche Sprachwahrnehmung‘ veranstaltet worden sind. Der eigentliche Kern steckt aber im zweiten Teil von Illgners Zitat:

B) „…und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnte“. Hier gilt es doch, zu fragen, warum das so ist – oder nicht? Die Antwort liefert Illgner unfreiwillig dann im Folgenden selbst.

Illgners Argumente sind aus linguistischer und wissenschaftstheoretischer Sicht aus verschiedenen Gründen schlichtweg nicht haltbar.

Punkt 1) Innerhalb der Zeitung ist der Artikel dem Bereich „Denglisch“ zugeordnet, deswegen nimmt es kaum wunder, dass es in Illgners Beitrag hauptsächlich um Anglizismen geht. In seinem ersten Beispiel versucht Illgner zu zeigen, dass das Deutsche früher „verdeutscht“ hat (14, Sp. 4) – was auch immer er damit genau meint: Aus lat. murus wurde das heutige Mauer und aus lat. tegula wurde Ziegel. Mit Dieter E. Zimmer kommt dann Illgner zum Schluss: „Die Kraft der Anverwandlung hat das Deutsche weitgehend verloren“ (ebd.). Die Gegenbeispiele sind dann u.a. abcashen und Wellness. Was vergleicht denn Illgner hier miteinander? Murus wurde im Altgermanischen aus dem Lateinischen entlehnt, im Althochdeutschen heißt es dann mūra. Auch die Entlehnung von tegula ist nicht viel jünger. Auf der anderen Seite stehen zwei Begriffe die im Verhältnis zu tegula und murus nun wirklich sehr, sehr jung sind. Außerdem sind die Umstände der Entlehnung völlig andere. Zudem gibt es mit Keks und Tank wunderbare Gegenbeispiele: In ihrer Schreibung sind sie ins Deutsche integriert, sie werden mit deutscher Lautung gesprochen und die Flexion ist kein Problem: der Keks, des Keks, den Keksen, der Tank, des Tanks, tanken, tankte, getankt, Tanker, Tankschiff usw. Wer kann schon sagen, wie die Formen von Wellness oder abcashen in 1200 Jahren aussehen werden? Niemand; die Voraussetzungen für Prognosen dieser Art sind zu komplex und nicht voraussehbar.

Punkt 2) Illgner behauptet, dass es durch Anglizismen zu Orthographieproblemen käme, außerdem „wagen [Sprachwissenschaftler, F.S.] zu behaupten, dass Anglizismen bereichern, weil sie sich von heimischen, also indigenen Wörtern ein wenig unterscheiden“ (15, Sp. 2). Was die Orthographie betrifft, sei auf Punkt 1 (s.o.) verwiesen. Was Illgners These der Unterscheidung betrifft, nehme ich sein Beispiel Wellness. Im Anglizismen-Index schlägt der VDS Wohlgefühl, Erholung als indigen deutsche (und damit angeblich bessere) Wörter vor. Im Kompositum Wellness-Hotel oder Wellness-Bereich würden nur noch Erholungs-Hotel oder Erholungs-Bereich gerade so funktionieren. Sind aber Wellness und Erholung tatsächlich so bedeutungsähnlich, dass Wellness ruhig wieder aus dem Lexikon getilgt werden könnte? Wer in einen Erholungsurlaub fahren möchte, um zwei Wochen am Pool zu entspannen, und dann ein Wellnesshotel bucht, sollte sich nicht wundern, wenn er mit Gesundheitsratschlägen, Sportprogrammen und Ernährungskuren konfrontiert wird. Linguistisch gesprochen: Wellness und Erholung teilen sich zwar bestimmte Seme, aber eben nicht alle.

Punkt 3) Illgner wirft der Sprachwissenschaft vor: „Um die schwierige Verständigung innerhalb des deutschen Sprachgebiets zu rechtfertigen, stellen Linguisten die Standardsprache, das Hochdeutsche, infrage.“ (15, Sp. 2). Was Illgner hier wohl meint, ist die linguistische Einteilung in verschiedene Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Dies alles wirft er aber undifferenziert in einen Topf: „Behördendeutsch, Fachsprachen, Jugendsprache, Medien-, Umgangs- und Kiezdeutsch. Somit werde uns innerhalb des Deutschen eine Mehrsprachigkeit zugemutet.“ – Wer „uns“ hier etwas „zumutet“ wird nicht so ganz klar – weil es gar nicht klar ist. Was aber klar ist: Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen ist ein im Sinne Poppers empirisch erforschbares Faktum, eine Falsifikation ist zwar theoretisch möglich (mehr fordert Popper auch nicht; das weiß aber Illgner wohl nicht), aber jegliche Studien bestätigen die Existenz einer inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen, abhängig eben von Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Ganz davon abgesehen bestreitet man ja durch den Verweis auf die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen nicht, dass es auch einen Standard gibt; im Gegenteil: Einen Standard gibt es nur, wenn es eben auch Abweichungen gibt.

Punkt 4) Illgner zeigt sich mit Verweis auf unseren geschätzten Kollegen Jürgen Spitzmüller (Wir sind uns sicher, dass Herrn Spitzmüller der Verweis auf ihn nicht unbedingt gefallen wird.) gegen Ende seiner Ausführungen etwas zuversichtlich gestimmt: „Es scheint, als wollen die Fachleute die Spracheinstellungen der Normalbürger wenigstens zur Kenntnis nehmen“ (15, Sp. 3). Ich traue mich kaum zu fragen: Wer sind denn die „Normalbürger“ und welche Einstellungen vertreten diese? Dass die Sprachwissenschaft sich nicht für die Spracheinstellungen der „Normalbürger“ interessiert, ist übrigens schlichtweg falsch (siehe Hinweis A). Was aber eher stimmen mag, ist die Feststellung, dass die Sprachwissenschaft nicht die Antworten gibt, die den „Normalbürgern“ im Sinne Illgners gefallen. Das liegt zwar zum einen am deskriptiven Vorgehen der Sprachwissenschaft, aber vor allem auch daran, dass sich bspw. Illgner nicht für Anglizismen an sich interessiert, sondern schon von der Annahme einer Verdrängung ausgeht. Ein solches Vorgehen mit derart offensichtlich verinnerlichtem Interesse könnte nicht Grundlage einer sprachwissenschaftlichen Thematisierung sein, selbst wenn sie potentiell wertend wäre. Die Wertung kann am Ende einer Thematisierung stehen, aber nicht die Motivation der Erhebung sein.

Punkt 5) Illgner bezieht sich zu Beginn auf Popper und den Begriff der Falsifikation. Dabei geht es darum, dass Theorien, Methoden oder Thesen widerlegt werden können, die bare Möglichkeit einer Falsifikation sogar Teil einer Theorie, Methode oder These sein sollte – die Überprüfung geschieht dann über empirische Erhebungen. Illgner scheint (14, Sp.1) zu meinen, dass die deskriptive Ausrichtung der Sprachwissenschaft falsifiziert werden müsste. Das wäre aber kaum eine Falsifikation im Sinne Poppers – wie sollte dies denn empirisch überprüfbar sein?

Zusammenfassung: Es ist selbst für Linguisten, die sich aufrichtig für die Interessen der Öffentlichkeit interessieren und Wege suchen, Sprachkritik linguistisch zu fundieren, schwierig, bei einem solchen Artikel wie dem von Herrn Illgner ruhig und sachlich zu bleiben. Wenn jegliche Anstrengungen der Linguistik, auf die Einstellungen und Bedürfnisse der Sprachinteressieren einzugehen, nicht wahrgenommen werden, ist das doch ernüchternd. Eines scheint uns aber sicher: Solange es Artikel wie den von Illgner weiterhin gibt, kann sich die Sprachwissenschaft an diesen auch wertend betätigen – auch wenn diese Art der Wertung dem VDS und Illgner nicht gefällt, sie basiert nämlich auf sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht auf hintergründigen Motivationen.