Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den „Niedergang der deutschen Sprache“ zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Mit „unserer Sprache“ meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau „unser“, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob „die deutsche Sprache“ verfällt, es wird plump vorausgesetzt, „Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst“ – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: „Business-Englisch“ (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie „deutsche Sprache“.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein „Linguistik-Experte“ (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er „Relevanz“ ab, erkennt „Verblödung“ und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was „die deutsche Sprache“ aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die „eingedeutschte“ Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an „Sprache und ihrer Entwicklung an sich“ steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht „die deutsche Sprache“ verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

Advertisements

Der DFB auf dünnem Eis

Bei den vielen filigranen Technikern der Herren-Nationalmannschaft des DFB sollte das Bewegen auf dünnem Eis eigentlich kein Problem sein. Auf der Facebook-Seite des DFB-Teams und in vielen Fußballforen sorgte aber gestern eine kleine unbedachte Aktion des DFB für einen großen Aufschrei vieler Fußballfans, der Shitstorm auf der Facebook-Seite hält weiterhin an, auch Onlinemedien wie Spiegel OnlineFOCUS Online, Zeit.de und Sueddeutsche.de und auch Sport1.de und Kicker.de berichteten schon. Was war passiert, hat jemand etwas Falsches gesagt? Nicht wirklich. Es war nicht das Schreiben oder Aussprechen von etwas Unschreib- oder Unsagbarem, vielmehr war es das Abkleben bzw. Durchstreichen von etwas absolut Sagbarem, das man im Konsens unserer demokratischen Gesellschaft nicht streichen oder abkleben sollte, wenn man nicht eine, zurecht, hochemotionale Diskussion führen will, in der man nicht gut wegkommen kann.

Die Nationalmannschaft spielt heute in Hamburg an einem Abend im Mai gegen Polen. Ausgerechnet im Mai, ausgerechnet gegen Polen – eigentlich ein gutes Zeichen der Völkerverständigung und der Friedensbemühung. Der DFB hat für das Abschlusstraining das Stadion des FC St. Pauli gemietet, eines Vereins, der sich klar, klarer als viele andere große Vereine, gegen Faschismus und Rassismus positioniert und dies auch mit einem Banner an der Gegentribüne klarstellt: Kein Fußball den Faschisten. Der DFB hat diesen Spruch beim Abschlusstraining, als Fotos gemacht werden durften, abgehängt, zu lesen war dort nur noch: Kein Fußball. Aus den Berichterstattungen über dieses Phänomen geht hervor, dass wohl das Argument für das Streichen des Begriffs Faschisten war, dass man als DFB keine politische Werbung machen dürfe, der Slogan wurde, mit den Worten des Pressesprechers des DFB, „neutralisiert“. Was ist der Kern des Problems? Hat es was mit Sprache zu tun? Ja!

Egal wer den Begriff Faschismus oder Faschist/-in/-en benutzt und was er oder sie mit dem Begriff bezeichnet, es ist immer etwas Verdammenswertes, man kann sich nicht für Faschismus oder Faschisten mittels dieser Begriffe einsetzen. Die negative Bedeutungskomponente ist immer Teil der Bedeutung, egal wie vage das eigentliche Denotat sein mag. Der Begriff Faschismus bzw. Faschist/-in/-en ist das, was man ein Unwertwort nennt, es ist in dem Sinne Teil der Ideologie aller demokratischen Parteien oder Gruppierungen, als dass nur eine Ablehnung in Frage kommt. Das Argument, man wolle keine politische Werbung machen, kann daher nicht zählen: Alle demokratischen (!) Parteien sind sich in diesem Punkt einig, es gibt schlichtweg nichts zu bewerben, eben nichts zu „neutralisieren“, eine Streichung führt zum Gegenteil einer Neutralisierung. Die zentralen politischen Texte der BRD sind durchzogen von der Ablehnung jeglicher faschistischer Tendenzen – genau deswegen kann man die öffentliche Ablehnung auch nicht einfach streichen oder abhängen: Man rüttelt somit, ob man will oder nicht, an den zentralen Hochwert- und Unwertwörtern wie Frieden, Demokratie, Freiheit und auf der anderen Seite Krieg, Rassismus und Unfreiheit. Sie sind eben als Begriffe Teil demokratischer Ideologien aller Couleur. Aus diesem Grund geht auch der Hinweis in solchen Kontexten auf den ´unpolitischen Fußball´ völlig an der Sache vorbei. Pointiert könnte man sogar sagen, dass es erst dann politische Agitation ist, den Spruch, ist er einmal da, abzuhängen.

Das alles hat der oder die Verantwortliche des DFB offensichtlich nicht bedacht, auf eine Stellungnahme des DFB selbst warte ich gespannt, aber ich bezweifele, leider, dass es eine geben wird. Wie oben bereits angedeutet, kann man in dieser Diskussion, ist sie einmal entbrannt, eigentlich nicht mehr gut aussehen. Problematisch ist aber jetzt, dass die soziale und kommunikative Konvention eigentlich eine Äußerung des DFB verlangt, aber stattdessen werden stündlich neue Informationen zum Spiel gepostet, was wiederum von Kommentierenden mit Häme bedacht wird, mit anderen Worten: Aussitzen ist nicht, das wäre schlechtes Krisenmanagement. Es bleibt in diesem Punkt spannend.

Einige wenige User äußern auf der Facebook-Seite des DFB ihr Unverständnis über die Aufregung. Viele, viele andere zeigen sich bestürzt und empört, andere lassen der allgemeinen Unzufriedenheit freien Lauf. Ein User kommentiert den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Satzung des DFB, in Paragraph 2 steht klar und deutlich, dass der DFB „rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen“ tritt, geistreich pointiert: „dfb für gegen rassismus aber gegen gegen faschismus?“. Auch hier ist es klar, dass die den Faschismus ablehnende Haltung die Satzung des DFB durchzieht, der Slogan also eigentlich völlig konform ist, so sehr ist das Unwertwort Faschismus Teil der demokratischen Ideologie. Es ist zwar nur ein Wort, aber es steht als zentrales Unwertwort für eine komplette politische Argumentation, die sich zu großen Teilen eben aus der Ablehnung von Faschismus ergibt – dafür steht das Wort selbst repräsentativ, diese Argumentation gegen das Denotat ist Teil des Wortes selbst geworden.

Ob die Reaktion der Kommentierenden überzogen ist oder nicht, möchte ich gar nicht groß kommentieren, das ist auch nicht Aufgabe des SprAACHENblogs, aber klar ist: Die kritischen Kommentare und Reaktionen hat sich der DFB mit dieser Aktion völlig selbst eingebrockt und mit ein wenig Empathie wäre es auch voraussehbar gewesen. Wie wichtig der Fall ist oder nicht, entscheidet sich im Endeffekt diskursiv – und das ist auch genau richtig so. Hätte die Nationalmannschaft in einem anderen Stadion trainiert, wäre das wohl erst gar nicht passiert.

Was lernt man daraus? Man muss nicht nur aufpassen, was man in der Öffentlichkeit sagt, man muss auch aufpassen, was man nicht sagt – und was man aktiv, intentional – und damit irgendwie begründet – durchstreicht. Auf die Gründe, bzw. ob welche genannt werden, bin ich gespannt.

Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

Kurzmitteilung

Alternativen zum Elfenbeinturm
Die Linguistik will stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken

Von Jochen A. Bär und Thomas Niehr

Seit ihrer Begründung vor 200 Jahren sieht sich die Sprachwissenschaft in einem problematischen Verhältnis zur Sprachkritik – und umgekehrt. Obwohl beide die Sprache zu ihrem Gegenstand haben, waren sie zumeist eher auf Abgrenzung denn auf das Finden von Gemeinsamkeiten bedacht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Konflikt zwischen einer sprachwissenschaftlichen und einer sprachkritischen Betrachtungsweisen noch verschärft. Die Sprachwissenschaft zog sich auf den Standpunkt zurück, dass sie als Wissenschaft die Sprache ausschließlich zu beschreiben, nicht aber zu bewerten habe. Die Sprachkritik überließ man der Öffentlichkeit. Wechselseitige Schuldzuweisungen trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. So wurde den „Sprachfreunden“ oder „selbsternannten Sprachpflegern“ seitens der Linguistik etwa vorgeworfen, dass sie fundamentale wissenschaftliche Einsichten nicht zur Kenntnis nähmen bzw. missachteten. Sprachkritiker dagegen monierten, dass die Sprachwissenschaft ihren Elfenbeinturm nicht verlassen wolle und die tatsächlichen Probleme unberücksichtigt lasse oder gar leugne.

In jüngerer Zeit lassen sich Tendenzen einer ersten vorsichtigen Annäherung erkennen. Einige namhafte Fachvertreter beschäftigen sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es für die Sprachwissenschaft gibt, das berechtigte und aus linguistischer Sicht durchaus wünschenswerte Interesse der Öffentlichkeit an Sprache ernst zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die komplexen Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen.

Im Rahmen einer Tagung in Aachen, zu der wir kürzlich etliche der mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen eingeladen haben, bestand Einigkeit: Die Sprachwissenschaft sollte nach Mitteln suchen, dieses Interesse in sinnvoller Weise zu bedienen. „Sinnvoll“ ist dabei erstens inhaltlich gemeint: Es geht dar­um, wissenschaftlich fundierte Infor­mationen über Sprache zu vermitteln, wobei das, was die Öffentlichkeit an Sprache hauptsächlich interessiert, bestimmend sein darf, aber nicht muss. Zweitens zielt „sinnvoll“ auf die Präsentationsform: Es geht darum, so zu reden und die Dinge so darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Als Ergebnis der Tagung präsentieren wir die folgende

 Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.
Es wird immer Gegenstände unserer Disziplin geben, die für eine größere Öffentlichkeit von geringerem Interesse sind. Ihnen stehen jedoch solche gegenüber, an denen bereits ein öffentliches Interesse besteht, aber auch solche, an denen ein öffentliches Interesse geweckt werden sollte. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Nutzen für die Allgemeinheit deutlich zu machen. Gemeint ist also nicht, dass wir Kommunikationsformen ent­wickeln, die beliebige Gegenstände unserer Disziplin als irgendwie progressiv, spannend, über­raschend usw. erscheinen lassen, sondern dass wir ernsthaft fragen, was angesichts der bestehenden Verhältnisse gebraucht wird.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.
Sprache wird unter anderem dann zu einem öffentlichen Thema, wenn ganze Gruppen von Sprecherinnen und Sprechern sich neue Gebrauchsweisen der Sprache angewöhnen und diese neuen ,Sprachen in der Sprache‘ als in irgendeiner Weise fehlerhaft oder unzureichend bewertet werden (von neuen fachsprachlichen Gebräuchen bis hin zum so genannten Kiezdeutsch). Mit dem massenhaften Gebrauch von elektronischen Arbeits- und Kommunikationsmedien bildet sich eine spezielle, in ihrer Art neue Lese- und Schreibfähigkeit heraus, und viele Menschen haben den Eindruck, dass die traditionelle Schriftsprache dabei ins Hintertreffen gerät. Die Sprachwissenschaft kann auf diese Entwicklung reagieren, etwa indem sie die neuen Sprachformen nicht einfach abwertet, sondern zum angestrebten Standard, der sich ja ebenfalls im Laufe der Zeit verändert, in Beziehung setzt. Das reicht vom kon­struktiven Umgang mit Normbegriffen in der Schule bis zur Beschäftigung mit der Rechtschreibreform.

Unumgänglich ist es, zwischen gesproche­nem und geschriebenem Standard zu differenzieren, denn gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich erheblich voneinander. In spontaner Mündlichkeit erfolgt die Sprachverarbeitung ‚online‘, d. h., man hat keine Zeit, die jeweiligen Formulierungen genau zu planen, und dies führt zu typisch mündlichen syntaktischen Konstruktionen. In der geschriebenen Sprache dagegen hat man – medial bedingt – die Möglichkeit, die Textgestalt zu planen und zu überarbeiten. Bei der Planung von Standardsprachlichkeit müs­sen diese medialen Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin be­schäftigen.
Sprache schafft Identität zum einen im sozialen Raum: Meine Sprache lässt erkennen, zu welcher gesellschaft­lichen Gruppe ich gehöre, signalisiert meine Stellung in der Gesellschaft. Ein öffentliches Interesse daran schlägt sich oft in Fragen nach ,gutem‘ oder ,schlechtem‘ Deutsch nieder. Die Linguistik sollte sich dem nicht mit bloßem Verweis auf die Relativität solcher Bewertungen entziehen, sollte sich aber auch nicht in den Dienst einer ,neuen Bürgerlichkeit‘ nehmen lassen, die nach einem ,richtigen Umgang‘ mit Sprache wie nach dem ,richtigen Umgang‘ mit dem Essbesteck verlangt. – Identität schafft Sprache aber auch durch Abgrenzung von anderen Sprachen. Aktuell geht es in Deutschland dabei vor allem um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Deut­schen und dem Englischen, eine Frage, die die Spannung zwischen Nationalstaatlichkeit und Globalisierung spiegelt. Auch hier wird es für die Linguistik entscheidend darum gehen, den richtigen Ton zu treffen. Noch stärker als bisher müssen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik dazu beitragen, die mit kultureller Diversität und intrakulturellen Sprachdifferenzen verbundenen gesell­schaftlichen Herausforderungen zu gestalten.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.
Die Sprachwissenschaft kann zu einer positiven Spracheinstellung beitragen, indem sie beispielsweise bestimmte Formen destruktiver Sprachkritik als unhaltbar erweist. Wie manche anderen Sprachen hat sich das Deutsche einer solchen Sprachkritik zu erwehren, wobei sich diese bei uns in den vergangenen etwa zwanzig Jahren eher verstärkt hat. Der Typus ist viel älter, hat sich aber seit der Wiedervereinigung im Rahmen der deutschen Identitätsdebatten deutlich ausgeprägt. Dazu gehören Themen wie der allgemeine ,Verfall‘ des Deutschen, der Fremdwort- und Normdiskurs oder generell Zweifel an den Sprachfähigkeiten unserer jungen Generation. Es geht nicht um einen Versuch, vor unbestreitbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern darum, bestehende Probleme mit (u. a.) sprachwissenschaftlichen Mitteln auf ihr rechtes Maß zu bringen und praktische Beiträge zu ihrer Bearbeitung zu liefern.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den ent­sprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.
Sprachkritik ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung von sprachlichen Äußerungen. Die allermeisten Äußerungen in Alltag, Beruf und Wissenschaft erfolgen unreflektiert, gewissermaßen „blind“ (Wittgenstein), routinemäßig und automatisch, und zwar notwendigerweise, da man beim Sprechen und Schreiben nicht ständig innehalten kann. Innehalten zum Zwecke der Reflexion erfolgt aufgrund von Anlässen, die vielfältig sein können, z. B. Unsicherheit, Nicht-Verstehen, Zweifel der verschiedensten Art. Der Sprachgebrauch eines Menschen ist reflektiert, wenn er/sie in der Lage ist, die Art und Weise des eigenen Sprachgebrauchs zu begründen bzw. zu rechtfertigen. Maßstäbe für eine Rechtfertigung sind die Wahrhaftigkeit, Relevanz und Verständlichkeit des Gesagten.

Die Korrektheit und Angemessenheit einer sprachlichen Äußerung kann immer nur mit Bezug auf die jeweilige Sprachvarietät (Standardsprache, Dialekt, Fachsprache …), die jeweilige kommunikative Praktik und individuelle Kommunikationssituation sowie die jeweilige Sprachmedialität (mündlich, schriftlich, computervermittelt …) beurteilt werden.

Aufgabe der Linguistik ist es, diesen Zusammenhang in öffentlichen Diskur­sen über Sprachkompetenz und ‚Sprachverfall‘ immer wieder anhand konkreter Beispiele zu verdeut­lichen und auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Alternativen zur populären Sprachkritik aufzuzeigen. Die Gesellschaft braucht weder Sprachgesetze noch eine Sprachpolizei, aber sie hat Anspruch auf Rat von Fachleuten.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.
Eine Annäherung kann nur über ein besseres Verständnis der jeweils anderen Perspektive erreicht werden. Der Wunsch vieler Schreiber und Sprecher nach Normierung und damit Orientierung muss als wichtiges Bedürfnis  wahrgenommen und akzeptiert werden. Die sprachbezogenen Theorien, wie sie der öffentlichen, nicht-wissenschaftlichen Sprachkritik zugrunde liegen, sollten nicht länger als defizitäre Vorstufen linguistischer Sprachtheorien betrachtet werden, sondern als Sprachreflexionen, die aus spezifischen Bedürfnissen erwachsen.

Die Sprachwissenschaft sieht sich dem Vorurteil gegenüber, ihre Aussagen zum öffentlich gefühlten Sprachverfall seien nichts als Beschwichtigungen, die dazu dienten, im Sinne von politischer Überkorrektheit abweichendes Deutsch zur guten Sprache schönzureden. Dieses Vorurteil ist zu widerlegen: Sprachwissenschaftler bewerten bisweilen sprachliche Strukturen durchaus – entgegen land­läufiger Meinung. Sprachwissenschaftler können und dürfen bewerten – entgegen mancher akademischen Meinung. Eine wichtige Aufgabe der Linguistik besteht darin, der Öffentlichkeit linguistisch begründete Bewertungsmaßstäbe vorzustellen, wie sie z. B. in der Sprachkritikforschung mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entwickelt wurden. Sprachkritik ist somit ein konstitutiver Baustein der Linguistik sowie der alltäglichen Kommunikation.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.
Die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Sprachideologien und Sprachnormenkonzepte ermöglicht eine Reflexion der eigenen fachwissenschaftlichen Perspektive auf Sprache. Erst durch eine eigene Standortreflexion der Linguistik ist eine Annäherung an eine sprachinteressierte Öffentlichkeit möglich, sinnvoll und fruchtbar.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.
Von der OECD wird „Lesekompetenz“ definiert als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Hier geht es ganz offensichtlich um mehr als um die Beherrschung einer technischen Fertigkeit: Der Umgang mit Texten soll dem Leser die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben ermöglichen. Diese Position entspricht der Forderung nach einem stärkeren Praxisbezug der Ausbildung, einer Forderung, die die Schulen (PISA) und Universitäten bereits erreicht hat. Man mag über diese Verschiebung von der Bildung zur (berufsnahen) Ausbildung denken, wie man will: Die Kompetenz zur Rezeption und zur Produktion von Texten wird eine hervorgehobene Rolle in den Lehrplänen spielen, was zu einem besonderen Engagement der Textlinguistik, in Zusammenarbeit mit der Sprachdidaktik führen wird (führen sollte!). Zudem spielt die Vermittlung sozialer Kompetenzen eine immer größere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen, und der Raum des Sozialen ist nun einmal ganz entscheidend durch Sprache strukturiert.

Zentrales Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, die Fähigkeit zum jeweils angemessenen Sprachgebrauch zu verbessern. Hierzu gehört auch die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kommunikativen Praktiken – „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins –, unterschiedlichen Medien sowie unterschiedlichen Varietäten zu wechseln (Code-Switching und Code-Shifting). Das Angemessenheitskriterium schließt das Korrektheitskriterium in gewissem Sinne mit ein, denn das sprachlich Angemessene ist nicht korrekturbedürftig.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.
Eine adressatengerechte Darstellung fachlicher Inhalte ist Voraussetzung für einen gelingenden Dialog über die Fachgrenzen hinaus (aber durchaus auch zwischen einzelnen Teilbereichen des Fachs), und sie muss erlernt werden. Dies sollte künftig verstärkt Ziel akademischer Ausbildung für Linguistinnen und Linguisten sein. Davon sollten nicht zuletzt auch diejenigen unserer Studierenden profitieren, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer werden, denn sie vermitteln ganz wesentlich zwischen Linguistik und Öffentlichkeit.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Kreativität sollten dabei keine Grenzen gesetzt sein. Nachgedacht werden könnte unter anderem über die Einrichtung weiterer Kontaktstellen für (Sprach-)Rat suchende Schreiber und Sprecher nach dem Vorbild bereits bestehender Institutionen (z.B. Aachener Sprachtelefon|www.aachener-sprachtelefon.de|, Sprachberatung an der Universität Chemnitz |www.sprachberatung.tu-chemnitz.de| oder Arbeitsstelle für Sprachauskunft und Sprachberatung an der Universität Vechta |www.sprachauskunft-vechta.de|).

Denkbar wären auch öffentlichkeitswirksame Dokumentationen zum Thema Sprache (sehr erfolgreich war vor einigen Jahren die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ im Berliner Historischen Museum) sowie Kooperationen mit den Medien.

Verstärkt genutzt werden könnten Blogs, Foren und Soziale Netzwerke. In diesem Sinne haben wir im Anschluss an unsere Aachener Tagung ein linguistisches Weblog eingerichtet (spraachenblog.wordpress.com; http://www.facebook.com/spraachenblog), in dem sprachwissenschaftliche Themen in allgemein verständlicher Form behandelt werden und in dem Interessierte mitdiskutieren können.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.
Ansätze, die „splendid isolation“ der Linguistik zu überwinden, hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie sind in der Regel ohne größere Wirkung geblieben: Meist geriet das Anliegen schon nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Um einer solchen Entwicklung zu begegnen, haben diejenigen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik ins Leben gerufen, der die unterschiedlichen Forschungsansätze und -interessen vernetzen und das Thema „Sprachwissenschaft und Öffentlichkeit“ in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung setzen soll.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.
Niemand sollte sich genötigt sehen, eigene Forschungsinteressen am öffentlichen Interesse auszurichten. Es bedarf auch in Zukunft eines im engeren Sinne wissenschaftlichen Diskurses, der Exklusivität zwar nicht anstreben muss, der sie aber beanspruchen darf. Inhaltlich fatal wäre es, wenn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Tendenzen entstünden, Sprachwissenschaft nur dann für akzeptabel (ggf. sogar für förderungswürdig) zu halten, wenn sie ,PR-fähig‘ ist.

Erstunterzeichner:

Dr. Birte Arendt (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jochen A. Bär (Universität Vechta)
Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen)
Andreas Corr, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Ekkehard Felder (Universität Heidelberg)
Dr. Tobias Heinz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Andreas Gardt (Universität Kassel)
Alexander Keus, M.A. (RWTH Aachen)
Dr. Jana Kiesendahl (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Péter Maitz (Universität Augsburg)
PD Dr. André Meinunger (Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin)
Prof. Dr. Thomas Niehr (RWTH Aachen)
Dr. Falco Pfalzgraf (University of London, Queen Mary)
Dr. Kersten Sven Roth (Vertretungsprofessur Universität Potsdam)
Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Frank Schilden, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Jan Schneider (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Dr. Jürgen Spitzmüller (Universität Zürich)
Jana Tereick, M.A. (Universität Hamburg)
Eva Teubert, M.A. (Institut für deutsche Sprache, Mannheim)
Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier)
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Universität Trier)

Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über „typische“ Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!     

Bastian Sicks Sprachkritik erreicht eine neue Dimension!

Im neuesten Beitrag in seiner Kolumne präsentiert Sick seiner Leserschaft seinen neuesten Sprachskandal: „Einbruch sinnlos, es befindet sich kein Geld in der Kasse“ – so prangte es „kürzlich im Schaufenster eines Geschäftes“.

An vermeintlichen Fehlern dieser Art meint dann Bastian Sick auch den Sprachverfall wieder einmal ausmachen zu können, schließlich habe er früher Fehler „noch wirklich suchen [müssen]. Heute braucht man sie nicht mehr zu suchen, man wird von ihnen förmlich überrannt.“ Fehler? Wo steckt denn in diesem Aushang der Fehler? Bastian Sick meint hier einen Fehler in der impliziten Bedeutung des Wortes „sinnlos“ innerhalb des kritisierten Aushangs erkennen zu können. Die Argumentation ist, dass der Einbruch also durchaus sinnvoll sein könnte, falls noch Geld in der Kasse und den Automaten wäre – dies kann Bastian Sick so aber nicht hinnehmen. Ab diesem Punkt tritt dann Sick nicht mehr nur als Anwalt der deutschen Sprache auf, sondern auch als Experte und Anwalt „im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten“. Die Unterstellung von Sinn im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten ist für Sick also ein sprachlicher Fehler, da Sinn stets positiv konnotiert sei. Man kann darüber streiten, ob man nicht eine andere Formulierung hätte wählen können – Sick schlägt zwecklos vor – aber ein sprachlicher Fehler liegt hier sicherlich nicht vor. Hier irrt Sick wieder, wie auch schon 2003, als er meinte, dass etwas keinen „Sinn machen“ könne (vgl. hier kritisch J.G. Schneider 2005: Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2, 154-177, als PDF dort verfügbar).

Die Probleme, die sich aus linguistischer Sicht hier ergeben, sind die bei Sick altbekannten: 1.) Er schließt von einzelnen vermeintlichen Fehlern auf einen fortschreitenden Sprachverfall, indem er die Fehler absolut setzt. 2.) Er verkennt die Funktion des Aushangs, vergisst also die Textsortendifferenzierung. 3.) Dieser Aushang ist kein juristischer Text und das Wort sinnlos kein juristischer Fachbegriff, aber so argumentiert er: „Demnach müssten die Diebe, die vor wenigen Tagen aus der Kunsthalle in Rotterdam sieben Gemälde gestohlen haben, von jedem Richter sofort freigesprochen werden, denn ihre Tat war über die Maße sinnvoll, zumal jedes der entwendeten Werke einen Schätzwert von mehreren Millionen Euro hat.“ – Dazu spare ich mir hier hämische Kommentare und füge nur an, dass Sick hier auch nicht zwischen unterschiedlichen Domänen unterscheidet. Was übrig bleibt, ist die Feststellung, dass „Sinn und Zweck […] oft Hand in Hand [gehen], […] aber nicht gleichbedeutend sind“ – Sinn oder Zweck der Erkenntnis? Ich bin mir nicht sicher. Was man aber sieht, ist Folgendes: Viel alter Wein in noch älteren Schläuchen. Gepaart mit einer Ausnahme, denn ab sofort existiert auch eine kriminalethische Ausprägung in Sicks Sprachkritik, die in ihren Ausgangspunkten aber scheitern muss, will sie einer reflektierten, wissenschaftlichen Sprachthematisierung  gerecht werden. Es muss bei Sick also bei der alten Wortklauberei bleiben.

Fazit: Kritik an Sicks Sprachkritik ist anscheinend weiterhin sinnvoll, aber leider zwecklos – oder umgekehrt?

Gutes Deutsch so ganz nebenbei? Eine allzu kurze Stilkunde in ‚ZEIT Wissen‘

Durch Zufall bin ich über einen sehr kurzen Artikel in der aktuellen Ausgabe des Magazins ZEIT Wissen (S.24) gestolpert. Besser schreiben verspricht der Verfasser in der Überschrift, die aufgeworfene Kategorie wird Stilkunde genannt; im Inhaltsverzeichnis des Heftes werden „[e]infache Tipps, wie jeder seinen Schreibstil verbessern kann“, angekündigt. Das Interesse ist schnell geweckt, denn sich in Sachen Sprachstil zu verbessern, kann schließlich nicht die schlechteste Idee sein. Unverkennbar ist jedoch auf den ersten Blick: Bei dem abgedruckten Text handelt es sich lediglich um eine Art Instant-Stilfibel für die Kaffeepause – wobei man während der Lektüre der vier übersichtlichen Spalten kaum mehr als einen Espresso wird runterkippen können. Nicht einmal eine halbe Seite Text wird der Leserschaft zugemutet, damit sie dem versprochenen guten Stil ein Stückchen näher kommen darf! Zugegeben, es wäre ja praktisch, wenn das klappen könnte: Am koffeinhaltigen Heißgetränk nippen und so ganz nebenbei den Schreibstil optimieren; für Menschen mit chronischem Zeitmangel ist das sicher eine verlockende Vorstellung. Allerdings sind Zweifel angebracht: Kann es tatsächlich funktionieren, auf minimalem Raum plausible Tipps, geschweige denn eine vernünftige Anleitung zum besseren Schreiben zu geben? Natürlich nicht, lautet das Fazit nach der Espresso-Lektüre – doch liegt diese Ernüchterung nicht allein in der Kürze des Textes begründet:

Die Patentrezepte, die der Leserin bzw. dem Leser hier aufgetischt werden, sind nicht nur knapp gehalten, sondern auch alles andere als neu. Dies gibt der Verfasser auch unmittelbar zu; Quelle der Stilweisheiten ist einmal mehr Wolf Schneider. Die Leser der zahlreichen Sprachratgeber Schneiders kennen daher die aufgeführten Regeln (Vermeide Adjektive! Sei präzise! etc.) zur Genüge. Und auch die Abonnenten der ZEIT sind im Bilde: Vor wenigen Monaten hat Schneider für die renommierte Wochenzeitung eine Sonderbeilage geschrieben, in der 20 Lektionen schnelle Abhilfe in Stilfragen versprechen und den Weg zum besseren Deutsch weisen sollen. Insgesamt scheint der Artikel in ZEIT Wissen in erster Linie eine Werbeanzeige für Schneiders Bücher zu sein; tatsächlich wird nicht nur im Text, sondern auch zwei Seiten später Schneiders Deutsch fürs Leben als Lektüretipp zum Thema ‚Sprache‘ aufgeführt.

Dabei lohnt es sich kaum, auf die allzu pauschalen, kontextfreien und kaum praktikablen Tipps, die hier gegeben werden, im Einzelnen einzugehen. Bedenklich sind jedoch zwei Dinge: Erstens erhält die Mini-Stilkunde in ZEIT Wissen einen quasi-wissenschaftlichen Anstrich, da sie in einem populärwissenschaftlichen Magazin veröffentlicht und einem (durchaus gelungenen) Text über Sprache und Kognition zur Seite gestellt worden ist. Doch wird hier mit Schneider ein Autor als vermeintlicher Sprachexperte zitiert, dessen Texte sich eindeutig nicht mit den Einsichten der Sprachwissenschaft in Einklang bringen lassen. Zweitens tappt der Verfasser der Espresso-Stilkunde normativen Sprachratgebern à la Schneider in die Falle, wenn er ihre Auffassung übernimmt, dass man lediglich einfachen Allround-Regeln folgen müsse, um besser schreiben zu können.

Gehen wir wenigstens auf diesen letzten Punkt kurz ein. In einer sehr lesenswerten DUDEN-Stilfibel von Ulrich Püschel aus dem Jahr 2000 findet man den folgenden entscheidenden Satz: „Sich um gutes Deutsch zu bemühen, heißt, Formulierungsalternativen auszuprobieren.“ (S.25) Das bedeutet letztlich, dass jeglicher Versuch, gutes Deutsch auf starre Regeln oder immer gültige Patenrezepte zurückführen zu wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sein muss. Die Entscheidung für oder wider eine Formulierung kann man sich im konkreten Einzelfall (leider) nicht durch den Rückgriff auf irgendwelche Pauschalregeln abnehmen lassen, auch wenn dies in populären Sprach- und Stilratgebern immer wieder aufs Neue suggeriert wird. Die Aufgabe eines Ratgebers in Sachen Sprache und Stil kann es daher eigentlich nur sein, mögliche Alternativen aufzuzeigen, für Angemessenheit etwa im Umgang mit unterschiedlichen Textsorten zu sensibilisieren – und so letzten Endes ein Bewusstsein für die Möglichkeiten der Sprache zu fördern. Hier liegt ein Knackpunkt, den mutmaßliche Sprach- und Stilpäpste, die stets nach denselben normativen Mustern verfahren, bis dato nicht sehen wollen.