Über Alexander Keus

wiss. Mitarbeiter am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen

16. Ausgabe des Blogspektogramms (Juli)

Von wegen Sommerloch! Auch im (vorlesungsfreien) Hitzemonat Juli gab es in der deutschsprachigen Blogosphäre zum Thema „Sprache“ Interessantes zu lesen. Eine Auswahl der Beiträge hat Kristin für die 16. Ausgabe des Blogspektrogramms kommentiert und auf ihrem Sprachblog [ʃplɔk] zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

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Der SprAACHENblog im 15. Blogspektogramm

Seit Mai 2011 erscheint einmal im Monat das sogenannte Blogspektogramm – eine Auswahl von Blogbeiträgen zum Thema „Sprache“. Die unterschiedlichen Artikel werden von den beteiligten Bloggern nominiert und von einem monatlich wechselnden Herausgeber zusammengestellt und kommentiert. Das durch Anatol Stefanowitsch  (Sprachlog) angeregte Blogspektrogramm erinnert somit an die seit etwa 2006 in der deutschen Blogosphäre entstehenden Blog-Karnevals bzw. Blog-Paraden. Eine Übersicht über alle bisher im Blogspektogramm behandelten Themen findet sich auf dem lexikographieblog von Michael Mann – dem Herausgeber der aktuellen Auflage.

Blogspektrogramm

In dieser 15. Ausgabe des Blogspektogramms findet sich nun erstmals auch ein Artikel unseres SprAACHENblogs. Wir freuen uns sehr über die Möglichkeit, uns auf diese Weise mit anderen sprachinteressierten Bloggern in Verbindung zu setzen und unsere Diskussionsbeiträge auch an anderer Stelle in die Öffentlichkeit zu tragen.

Das Aachener Sprachtelefon

Das Aachener Sprachtelefon hilft seit nunmehr einigen Jahren (bis zum Jahr 2011 noch als „Grammatisches Telefon“) neben Fragen zur Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung auch bei Formulierungsproblemen oder generellen Fragen zur deutschen Sprache.

Weiter heißt es:

„Unser Ansatz der Sprachberatung ist geprägt durch die Idee, dass man durch ein Gespräch die Gründe für das vorhandene Problem aufdeckt, damit ein Lerneffekt eintreten kann. Diese Herangehensweise erscheint uns deswegen sinnvoll, weil es aus linguistischer Perspektive nicht immer ein einfaches „Richtig“ oder „Falsch“ als Antwort auf sprachliche Probleme geben kann. Es lässt sich aber oft unter vielen möglichen Ausdrucksmöglichkeiten eine besonders angemessene finden; dafür ist aber das klärende Gespräch die Voraussetzung.“

Aber nicht nur telefonisch berät das Aachener Sprachtelefon in Sachen „Sprache“, sondern auch auf elektronischem Wege ist Frank Schilden erreichbar und steht beratend zur Seite. So auch in diesem (aktuellen) Fall:

Frage:

Sehr geehrte Damen und Herren, hier in Aachen hängen im Moment Plakate zu einer Anti-Sarrazin-Demo, wo draufsteht „Halt’s Maul“. Ist das grammatisch korrekt? Denn ausformuliert müsste es doch heißen „Halt das Maul“. Und kann man „das“ auch durch “ ’s “ abkürzen?

Beste Grüße,

Antwort:

Sehr geehrter Herr …,

vielen Dank für ihre interessante Frage. In jedem Falle handelt es sich bei Ihrer Frage weniger um ein grammatisches Problem. In diesem Fall muss man zum einen zwischen konzeptionell gesprochener und konzeptionell geschriebener Sprache unterscheiden. Ich habe die Plakate auch gesehen: Wenn ich mich richtig erinnere, ist dieser Satz in einer Sprechblase geschrieben und damit konzeptionell gesprochene Sprache. Gesprochene bzw. geschriebene Sprache unterscheidet sich zum anderen zum Teil im Regelbestand, sodass zum Beispiel die geforderten Kasus in gesprochener Sprache weniger festgesetzt sind als in geschriebener („wegen“ mit Dativ oder Genitiv?). In gesprochener Sprache wird „das“ oft durch „s“ ersetzt: „Ich halte mir einen Lappen vors Gesicht“, „Willst du was aufs Maul“, „Was wollen Sie aufs Brötchen“. Hierbei handelt es sich um Verbindungen von Präpositionen und Artikeln. In diesen Fällen muss standardsprachlich auch das Apostroph nicht mehr gesetzt werden. In Ihrem Falle handelt es sich um eine verkürzte Imperativform: „Halt(e) das Maul“. Hier müsste bei „Halt das Maul“ kein Apostroph mehr hinter dem „Halt“ stehen, die Form „Halt“ ohne „-e“ ist standardsprachlich anerkannt. Ein Apostroph dient in der deutschen Sprache als Auslassungszeichen. Mit seiner Verwendung wird angezeigt, dass man im Vergleich zu einem Wort der konzeptionell geschriebenen Sprache einen oder mehrere Buchstaben weglässt. Genau dies wird auf diesen Plakaten gemacht. In dieser Konzeption und in diesem Kontext ist es sprachlich und stilistisch völlig korrekt zu schreiben „Halt´s Maul“. In einer Seminararbeit würde ich allerdings davon abraten zu schreiben: „Ich halt´s nicht für sinnvoll xyz voneinander zu trennen“. Ich hoffe ich konnte Ihre Frage zu Ihrer Zufriedenheit beantworten. Bei Nachfragen helfe ich gerne weiter.

Ein Vortrag von Frank Schilden über das Aachener Sprachtelefon und linguistische Sprachberatung findet sich hier.

ZEIT-Beilage: Wie Sie besser schreiben

Der 20. Ausgabe der Zeit vom 10.05.2012 liegt ein Sonderbeilage bei, die unser Interesse geweckt hat. Unter dem Titel Wie Sie besser schreiben – Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen verrät uns Autor Wolf Schneider auf diesmal nur 46 Seiten (zum wiederholten Male) wie wir einen „guten Stil“ pflegen bzw. einen „schlechten Stil“ vermeiden.

Wir sind gespannt, was der Sachbuchautor, Journalist, Mitbegründer der Aktion Lebendiges Deutsch und Mitglied des sprachkritischen VDS uns heute zu sagen hat.

Nachtrag 1:

Mein Kollege Andreas Corr hat den kompakten Stilratgeber von Wolf Schneider mittlerweile etwas genauer unter die linguistische Lupe genommen und arbeitet derzeit an einem Vortrag Über die Traditionslinie der praktischen Stilkritik – und was man hier unter ‚Sprache‘ versteht. Im Rahmen der sprachwissenschaftlichen Tagung Einmal Elfenbeinturm und zurück – Das schwierige Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik wird er die in der praktischen Stilkritik vertretenen Position und die hier zugrundeliegenden Maßstäbe nachzeichnen und dabei auch auf den Text von Wolf Schneider in DIE ZEIT zu sprechen kommen. Ein kurzes Abstract zu seinem Vortrag am 01.06.2012 findet Ihr hier, seine Vortragsfolien folgen in Kürze.

Im Anschluss an die Fachvorträge der zweitägigen Tagung wird es übrigens im Generali-Saal der RWTH über den Dächern von Aachen außerdem eine öffentliche Podiumsdiskussion zur Frage Deutsche Sprache in Gefahr? geben. Wenn Euch Antworten auf diese Frage aus (Sprach-)Wissenschaft, Literatur und Politik interessieren, dann kommt doch einfach vorbei!

Nachtrag 2:

In der 22. Ausgabe der Zeit vom 24.05.2012 findet sich auf S. 82 eine Reihe von Leserbriefen zur Sonderbeilage von Wolf Schneider. Darunter auch ein gemeinsamer Leserbrief von Jörg Killian, Thomas Niehr und Jürgen Schiewe.

Leider hat die Redaktion der ZEIT den Leserbrief nur stark gekürzt publiziert. Daher nun an dieser Stelle der Leserbrief noch einmal in seiner vollen Länge:

„Eine ganze Beilage der renommierten ZEIT zum Thema ‚Wie Sie besser schreiben‘. Was können Professorinnen und Professoren, die ganz gewiss die deutsche Sprache lieben und sich sogar beruflich mit Sprache und Sprachkritik beschäftigen, sich Besseres wünschen? Doch ein Blick ins Heft zeigt: Leider wieder nur die Patentrezepte von Wolf Schneider nach altbekanntem Muster – ein Neuaufguss von ‚Wörter machen Leute‘. Zu dieser Art von ‚Sprachlehre‘ kann man einiges sagen, das haben wir an anderer Stelle getan (J. Kilian/Th. Niehr/J. Schiewe: Sprachkritik. Berlin/New York: de Gruyter, 2010). Erfreulich ist aber immerhin, dass Sie, liebe ZEIT-AutorInnen, sich keineswegs an die Ratschläge Schneiders halten. Gut auch, dass Ihre KollegInnen Marietta Slomka, Stefan Niggemeier und Nadine Ahr, die vor wenigen Tagen den Medienpreis der Gesellschaft für deutsche Sprache erhalten haben, sich nicht um derartige Regeln scheren. Wie sollte das auch zusammengehen? Schneiders Rezepte sind meist so allgemein formuliert, dass sie schon wieder trivial sind. Problematisch sind sie aber, weil sie uns als allgemeingültige Regeln verkauft werden: Zwar scheint es auf den ersten Blick plausibel, dass man sich ‚konkret‘ ausdrücken soll (Lektion 3), manchmal gebietet uns aber die Höflichkeit, genau dies nicht zu tun. Dass ein Satz nicht zu lang sein sollte (Lektion 15) – geschenkt. Nur, für welche Sätze gilt das? – Lesen Sie doch einmal den Anfang von Thomas Manns ‚Felix Krull‘: Ganz abgesehen von der Satzlänge werden hier so ziemlich alle von Schneider präsentierten Regeln missachtet. Und gerade dies macht diesen Text ja so amüsant – und stilistisch brillant. Und so könnte man Schneiders Regeln Stück für Stück einmal auf ihre Substanz abklopfen. Viel bliebe da nicht übrig. ‚Guten Stil‘ kann man eben nicht in wenigen ‚Lektionen‘ beschreiben und lehren. Was ihn ausmacht, ist mindestens davon abhängig, was man mit einem Text erreichen möchte und an wen sich dieser Text richtet. Der Stil eines packenden Krimis kann ‚quick and dirty‘ sein, der einer Abiturklausur besser nicht. ‚Hauptsache, Wolf Schneider hört es nicht‘, schreibt Ulrich Stock in der gleichen ZEIT-Beilage. ‚Hauptsache, Sie nehmen die Ratschläge Schneiders und seiner laienlinguistischen Kollegen nicht für bare Münze‘, möchten wir ergänzen.“

Nachtrag 3 (02.06.2012):

Gestern hat Andreas in seinem Vortrag Über die Traditionslinien der praktischen Stilkritik die Positionen Gustav Wustmanns (von 1891) und Wolf Schneiders (2012) miteinander verglichen und deutliche Parallelen herausstellen können. Die Folien seines interessanten Vortrags finden sich hier.

Nachtrag 4 (27.06.2012):

Mittlerweile sind einige Fotos der Tagung sowie die Präsentationsfolien einiger Voträge auf der Webseite des ISK online.