„Högschde“ Konzentration (- nochmal was mit Fußball)

Wieder mal ein Beitrag von mir, der mehr Frage an die kundige Leserschaft denn Klärung einer Sache ist. In den letzten Tagen (und Wochen), also zur WM-Zeit, konnte man ganz oft lesen, wie der Bundestrainer erst „högschde Disziplin“ und „högschde Konzentration“ forderte und dann nach dem großen Erfolg vom „högschden aller Gefühle“ schwärmte. Einer seiner Leistungsträger wird in einem Interview mit den Worten „Der Scheißdregg intressiert mi ned“ wiedergegeben. Auf den ersten Blick ist ganz klar, was die jeweilige Schreibweise in all den Fällen soll: Löw und Müller werden als Dialektsprecher charakterisiert, ja fast vorgeführt. Löw als Alemannisch-Sprecher (er ist kein Schwabe, sondern stammt aus Baden, was für die meisten außerhalb vom „Ländle“ keinen großen Unterschied macht) und Müller als Bairisch-Sprecher (mit ai), also als jemand, dem man anhört, dass er aus Bayern (mit ay) kommt. In beiden sogenannten oberdeutschen Dialekten macht man keinen großen Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Verschlusslauten. Insofern wundert es nicht gänzlich, wenn man, um das schriftbildlich einzufangen, b statt p und d statt t – oder auch umgekehrt(!) – schreibt. Trotzdem ist mir nicht ganz klar, warum das g in „högschde“ und das (gar verdoppelte) in „Dregg“ erscheint. Hier wird beim Sprechen nicht im geringsten eine stimmhafte Variante des velaren Plosivs artikuliert. Der Laut ist jeweils am Ende der Silbe, bildet die sogenannte Coda, und da werden diese Laute nicht stimmhaft realisiert. Nicht, wenn ein stimmloses sch [∫] folgt und schon gar nicht im absoluten Auslaut wie bei „Dregg“. Das gleiche gilt eigentlich auch für das d in „ned“ als süddeutsche Version von „nicht“.

Auch wenn man das morphematische Prinzip als ausschlaggebend annehmen möchte – „Lug und Trug“ werden hinten ja auch mit g geschrieben, obwohl man k spricht oder sprechen soll – kommt man der Lösung nicht viel näher. Denn Varianten des alemannischen „hoch“, wo ein g artikuliert würde, finden sich nicht recht; auch der bayerische oder besser bairische „Dreck“ ist schwierig. Beim „Dregg“ könnte man an das Adjektiv „dreckert“ denken und an eine Aussprache, die man schriftlich mit „dreggert“ einzufangen versuchte. In der Tat klingt das Wort nicht so, dass man es unbedingt mit einem k schreiben wollte. Andererseits ist die Aussprache genau wie bei dem häufigeren Wort „nackert“ für „nackt“ oder „nackig“ – aber das schreibt man meist „nackert“ und nicht „naggert“ (sogar im Duden).

Ein Grund für die g- statt k-Schreibung kann die ziemlich schwache, phonologisch-orientierte Rechtschreibregel sein, nach der es ein Prinzip ist, dass die „stimmhaft-weichen“ Konsonatenbuchstaben b, d und eben auch g anzeigen, dass der vorhergehende Vokal lang gesprochen wird. Dieses Prinzip erklärt, beziehungsweise macht begreiflich, warum man „Magd“ und „Jagd“ mit langem a und „Akt“ un d „Pakt“ mit kurzem a spricht, oder „Obst“ und „Krebs“ lang und „Mops“ und „Sekt“ kurz. Es erklärt auch, warum viele Leute gern „Pabst“ schreiben, wenn sie den Stellvertreter Gottes auf Erden meinen. Gerade an diesem vieldiskutierten Beispiel sieht man sehr schön, dass dieses Prinzip durchaus wirkt – ein schwaches und eins mit unzähligen Ausnahmen bleibt es dennoch. Außerdem kommt noch hinzu, dass gerade bei Jogi oft gar kein langes ö wahrgenommen wird, sondern ein kurzes und offenes, denn gar nicht so selten wird beim Persiflieren auch „höggschde“ geschrieben; und die Verdopplung des Konsonanten ist in der deutschen Rechtschreibung ein ganz starkes Indiz für die Kürze des vorausgehenden Vokals – anders als in fast allen anderen Sprachen, wo nämlich der doppelte Konsonant wirklich für einen länger angehaltenen Konsonanten steht.
Also: Viele wird dieses Problem „an Scheißdregg indressiern“, aber die Meinung derer, die eine gute Geschichte dazu haben, ist högschd (oder högscht?) willkommen…

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Internationale Linguistik-Olympiade (II)

Vor gut einem Jahr, im Juli 2012, habe ich einen sehr ähnlichen Beitrag hier im Blog veröffentlicht.

Es ging und geht mir heute wieder um die Internationale Linguistik-Olympiade. Ich kann und will nicht verstehen, dass man sich in Deutschland so schwer tut damit. Ähnlich wie mein letzter Beitrag zum Schimpfen ist dieser hier wieder eine Art Aufruf an die Blog-Leserschaft, mit Ideen aufzuwarten.

Auf der Homapage der Linguistik-Olympiade stehen mittlerweile 35 Länder. Das ist viel und wenig zugleich. Wenig ist es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es um die 200 Länder auf der Erde gibt und dass auch fast so viele an den Olympischen Sommerspielen teilnehmen. Bei den Winterspielen sind es schon deutlich weniger. Der einschlägigere Vergleich ist allerdings derjenige mit den Wissenschaftsolympiaden. Davon gibt es zwölf. Die Internationale Mathematikolympiade mit derzeit ca. 100 Teilnehmerländern beispielsweise. Die Philosophie-Olympiade, die neben der Biologie-, Chemie-, Geographie-Olympiade und anderen auch dazu gehört, wartet mit ungefähr 40 Teilnehmerländern auf. Viel ist es allerdings, wenn man die sich die Länder anschaut und dabei feststellt, dass flächengroße und bevölkerungsreiche Saaten dabei sind: Russland, USA, China, Indien, Brasilien, Australien, Kanada. Das Spannende an der Linguistik-Olympiade ist auf jeden Fall ihr rasantes Wachstum. Noch im Jahre 2007, das war das Jahr vor dem, in dem Deutschland zum ersten Mal teilgenommen hat, gab es lediglich neun Wettkampfländer. 2010 waren es doppelt so viele: 18. Und weitere drei Jahre später, also dieses Jahr (2013) gab quasi wieder doppelt so viele Mannschaften. Der Enthusiasmus ist groß. Ich saß in Sitzungen des Komitees, in den von neu hinzugekommenden Ländern darum gerungen wurde, ein zweites Team starten lassen zu dürfen. Das ist oder war ein Anrecht der „alten“ Gründernationen: Russland hatte schon immer ein Team Moskau und ein Team St. Petersburg; und Lettland war quasi Team 3; die Amts- – will heißen die Sprache, in der die Aufgaben bestellt werden und in der die Mitglieder kommunizieren – ist Russisch. Polen und Bulgarien schicken genauso traditionell zwei Mannschaften, auch die USA. Jetzt hat China zwei, so auch Südkorea, Australien und Schweden. Die Insel(n) macht bzw. machen es ähnlich wie beim Fußball, und so kommt man jetzt auf drei Mannschaften: UK1, UK2 und sogar Isle of Man. Irland gibt es ohnehin extra. Das Spektakuläre ist, dass „arme“ Länder aufs Parkett drängen: so Rumänien und Vietnam zum Beispiel. Auch die Schwellenländer Brasilien und Indien gelten nicht als besonders reich im klassischen Sinne. (Das Verrückte ist, dass sich Brasilien sogar aktiv dafür eingesetzt hat, Gelder für eine deutsche Teilnahme zu akquirieren.) Dennoch schaffen es diese Länder, für die Finanzierung ihrer Teams zu sorgen. Das ist derzeit auch noch nicht so teuer. Die Kosten, die für Deutschland anfielen, lagen nie über 4000 Euro für alles! Einmal sogar unter 2000 Euro beim ersten Mal. Damals übernahm die Kosten der Bundeswettbewerb Fremdsprachen (Bildung und Begabung). Später, als es von dort kein Geld mehr dafür gab, sprang die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) ein. Aber auch da ging für das Projekt Linguistik-Olympiade das Geld aus. Wir (also ich und ein paar Kollegen vom ZAS) haben uns an zig Unternehmen und potentielle Sponsoren gewandt. Die Sätze aus meinem früheren Beitrag sind weiterhin gültig: „Unzählige Vereine, Stiftungen, Träger, private und öffentliche Mäzene, Geld gebende Landes- und Bundesbehörden sind von uns angeschrieben worden. Nur Absagen. Nirgends scheint man eine Möglichkeit zu sehen, die Linguistik-Olympiade auch nur teilweise zu fördern.“ Zwar wird oft beteuert, wie gut, sinnvoll, interessant und vieles mehr man das Unterfangen finde, wie wichtig es sei, die Olympiade zu unterstützen, man selbst sei aber nicht der „richtige“ Geldgeber.

Mein Eindruck ist, dass man wie so oft im Leben am besten über persönliche Beziehungen einen Sponsoren oder eine sonstige Unterstützerin gewinnen könnte. Deswegen frage ich auf diese Weise  in die Runde: Kennt jemand einflussreiche Leute, an die man mit einer entsprechenden Bitte herantreten kann. Hat jemand einen konkreten Tipp, wohin sich man mit einer entsprechenden Anfrage wenden kann?

Die weniger dringliche, aber durchaus sehr interessante Frage ist, wieso sich Deutschland so schwer damit tut. Warum hier wenig Engagement gezeigt wird und sich die Unterstützung in sehr engen Grenzen hält? Ähnliches trifft auch auf Frankreich und Italien zu. Diese Länder zeigen (bislang) keine Ambitionen. Die Niederlande sind aktiv und erfolgreich, der Nachbar Belgien nicht. Schweden ja, Norwegen nein; Tschechien ja, die Slowakei nein… Manches ist sicher Zufall, oft stecken konkrete Persönlichkeiten dahinter, manches aber könnte spezielle Gründe haben. Und vielleicht kann ein Einblick in bestimmte Ursächlichkeiten dabei helfen, erst strukturelle und dann finanzielle Probleme zu lösen.

Gedanken und Bemerkungen zum Schimpfen

Heute kommen zwei Sachen zusammen, die in mir das Bedürfnis auslösen und den Anlass geben, mich seit längerer Zeit wieder einmal mit einem Beitrag hier im geschätzen Blog zu Wort zu melden. Zum einen habe ich gerade gestern einen kleinen populärwissenschaftlichen Aufsatz zum Thema Schimpfen beendet, und zum anderen erschien gestern eine Martenstein-Kolumne in der Zeit – ebenfalls zum Schimpfen. Beide Beiträge stellen eine Lücke fest – Martenstein eine andere als ich. Möglicherweise aber liegen wir beide falsch. Im Moment scheint mir allerdings, tendenziell haben wir beide recht. Eigentlich ist dieser Beitrag meinerseits auch kein typischer Blog-Text, in dem eine Aussage getroffen wird. Das schon, aber er ist viel mehr noch als sonst eine Einladung oder gar ein Aufruf zur Diskussion. Ich möchte in den hoffentlich eingehenden Kommentaren Bestätigung bekommen oder aber von mir aus auch widerlegt werden. In beiden Fällen gäbe es einen Erkenntnisgewinn.
Zuerst zu Martenstein. Der Kolumnist mit Kultstatus stellt eine für ihn typische Geschlechterungerechtigkeit fest: Frauen seien in Bezug auf das deutsche Schimpfwortinventar „benachteiligt“, weil quasi unsichtbar. Die Unterüberschrift lautet: „Schimpfwörter sind fast immer männlich. Wie ungerecht! Immerhin beim Wort Hure findet Geschlechtergerechtigkeit statt…“. Martenstein nennt ein paar männliche Schimpfwörter, die tatsächlich kein weibliches Pendant haben. Könnte man sich zu Geizhals und Schweinehund theoretisch noch eine Geizhälsin bzw. eine Schweinehündin vorstellen, so geht das für Mistkerl oder Taugenichts nicht mehr. Martenstein behauptet allerdings auch, dass Arschloch für Männer reserviert sei. Das, denke ich, kann man bestreiten. Arschloch ist weniger männlich. Erstens ist es grammatikalisch sächlich: DAS Arschloch. Und zweitens habe ich die Wortkette „sie ist ein Arschloch“ gegoogelt – das Ergebnis ist interessant. Es kommen wirklich nur wenige Belege, aber die Suchmaschine findet welche. Vor allem ein Eintrag ist relativ häufig belegt: Lillifee denkt, sie ist ein Arschloch. Und Lillifee ist nun allerdings ein extrem weibliches Wesen. Ich habe an Martensteins These gezweifelt und zweifle immer noch, weil ich eben gerade in der letzten Woche bei meiner malediktologischen Lektüre auf viele weibliche Bezeichnungen gestoßen war: Schlampe, Fotze, dumme/blöde Kuh/Gans/Pute, Nebeklkrähe, Planschkuh, Hexe, Schickse, Spinatwachtel, Flittchen, Klatschbase, Tratschtante, alte Jungfer, Schnepfe, Dorfmatratze, Kratzbürste – und obwohl grammatisch männlich: Besen und (Haus-) Drache. Nicht ganz so derb, aber auf jeden Fall auch abwertend gebraucht findet man Blondine, Diva, Luder, Betschwester. Interessant ist auch die Internet-Schimpfwort-Seite http://www.rindvieh.com. Dort sind Negativ-Kraftausdrücke kategorisiert abrufbar, unter anderem solche für Männer und solche für Frauen. Bei den männlichen Schimpfwörtern sind derzeit 96 aufgelistet, bei den weiblichen mit 152 mehr als anderthalbmal so viele! Mein Zweifel hält sich allerdings in Grenzen. Möglicherweise hat Martenstein in der Tendenz recht.
Meine Beobachtung ist eine ganz andere, und zwar die folgende. Schimpfwörter scheinen sich als ein Problem für die sogenannte Pollyanna-Hypothese zu erweisen. Diese wurde 1969 von den linguistisch orientierten Psychologen Boucher und Osgood aufgestellt. Nach dieser besteht eine universale menschliche Tendenz, beim Sprechen häufiger über Positives zu reden als über Negatives. Diese Hypothese ist nicht sonderlich populär; aber etliche namhafte Linguisten haben sich auf sie gestützt. Hin und wieder liest man über Forschungsergebnisse, die sie (angeblich) bestätigen. Nach dieser Hypothese überwiegen in der menschlichen Kommunikation Wörter, die Gutes und Schönes bezeichnen. Mein Eindruck ist nun, dass es zu Schimpf- und Fluchwörtern aber keinen positiven Gegenpart gibt. Kosewörter kommen einem in den Sinn. Aber selbst diese sind seltener, unregelmäßiger und unsystematischer. Das eigentliche Gegenteil sollten Lobeswörter oder Lobpreis-Ausdrücke sein. Da scheint es aber praktisch (im Deutschen) kaum welche zu geben. Wenn jemand gelobt, gerühmt, gepriesen wird, heißt es Gut gemacht! Toll! Ein Substantiv fällt mir nicht ein. Jedenfalls kein deutsches. Aus meiner Studienzeit erinnere ich mich, dass wir von unseren russischen Lehrkräften damals mit „molodez!“ (sprich: maladjets) gelobt wurden. Das ist als Appellativum ein eher ungebräuchliches Wort für junger Mann. Als Lob für jemanden, der etwas gut und richtig gemacht hatte, besonders wenn es unerwartet kam, war es extrem frequent. Es konnte sich meines Wissens auch ziemlich gut auf Frauen anwenden lassen. Ein anderer Fall kommt mir als passioniertem Opernbesucher in den Sinn. Nach einer besonders guten Gesangsleistung wird einem Sänger lautstark Bravo zugerufen. Das ist auch kein „echtes“ deutsches Wort. Und diejenigen, die sich für die richtigen Kenner halten, rufen Bravo auch nur bei einem Mann. Bei einer Frau wird Brava gerufen, beim Lob für das gesamte Ensemble oder schon ab zwei Sängern schreit man Bravi. Die verschiedenen Formen zeigen, dass hier etwas Nominales im Spiel ist, dass es sich also gut möglich um ein (deadjektivisches) Substantiv handeln kann. Wäre es immer bravo (die Groß- oder Kleinschreibung hört man ja nicht), könnte es ein Wort sein wie hallo oder danke. So sieht es doch nach einem Nomen aus. Damit erschöpft sich, was mir zu Lobeswörtern einfällt. Kann es sein, dass mehr geschimpft und geflucht, als gelobt und gerühmt wird? Gibt es viel mehr Schimpfwörter als Lobausdrücke? Ist das eine Ausnahme, die die Pollyanna-Hypothese (nicht) bestätigt? Oder übersehe ich etwas? … ähnlich wie Martenstein?

Die Internationale Linguistik-Olympiade und was sie (in) Deutschland wert ist…

Die Internationale Linguistik-Olympiade ist einer der neueren Wettkämpfe innerhalb von anderen, besser bekannten Meisterschaften wie Mathematik- oder Chemie-Olympiade.

Die Idee, sprachliche Fähigkeiten zu trainieren und abzuprüfen, wurde vor allem im ehemaligen Ostblock mit dem Vielvölkerstaat Sowjetunion als führender Kraft gepflegt. Nach wie vor sind die Mannschaften aus Osteuropa sehr erfolgreich (siehe Medaillenspiegel). Inzwischen nehmen aber auch Länder aus quasi allen Kontinenten teil (u.a. USA, Indien, Südkorea, Vietnam, Brasilien, Arabische Emirate, Australien). Getestet werden Sprachgefühl, kulturelle Vorstellungskraft und analytisches Denken, was zur Folge hat, dass nicht nur sprachlich, sondern allgemein und vielfach begabte Schüler die besten Ergebnisse erzielen.

Die olympischen Wettkämpfe, die eine knappe Woche dauern, finden jährlich in einem anderen Land statt, diesmal in Slowenien (29.7.-4.8.).

Generell besteht die Olympiade aus Einzelwettkämpfen (am Tage nach der Ankunft), in denen vier Aufgaben innerhalb von sechs Stunden zu lösen sind. Am freien Folgetag lernt man bei Exkursionen Land und Leute des Gastgeberlandes, aber auch die gegnerischen Mannschaften kennen. Am vierten Tag steht die Teamaufgabe an, wo vier SchülerInnen aus einem Land (= eine Mannschaft) gemeinsam für vier Stunden an einem Problem arbeiten. Die Aufgaben bestehen meist im Herausfinden von Strukturen (Grammatik) oder der Bedeutung von Wörtern/Wortgruppen aus unbekannten Sprachen. 2010 sahen die Aufgaben so aus. Manchmal ist der Lösungsprozess vergleichbar mit dem Entziffern der Hieroglyphen. Am letzten Tag erfolgt die Siegerehrung und es gibt eine Party.

Deutschland nimmt seit 2008 teil. Die Auswahl der Mannschaftsteilnehmer beginnt bei einem Wettkampf innerhalb des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen. Es gilt, eine Aufgabe zu lösen. Die besten Teilnehmer werden in der Regel nach Berlin (und Leipzig) eingeladen und dort an zwei Wochenenden im Frühjahr für die Olympiade im Sommer von Linguisten des ZAS trainiert und zur Nationalmannschaft zusammengestellt. Die erzielten Ergebnisse sind für Deutschland von Jahr zu Jahr besser geworden: beim letzten Mal im vorletzten Jahr sogar eine Bronzemedaille.

Die deutsche Mannschaft von 2010 (Stockholm)

v.l.n.r.: N. Sedlaczek, L. Héjjas, J. Park (mit Medaille), M. König; im Hintergrund A. Meinunger

Im letzten Jahr gab es wegen Finanzierungsschwierigkeiten keine deutsche Teilnahme. Im Jahr davor und nun 2012 wieder unterstützt(e) die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) das Unternehmen finanziell. Das kann und soll aber kein Dauerzustand sein. Hoch sind die Kosten keineswegs: 2000-4000 Euro für Alles! Sponsoren finden sich allerdings dennoch nicht. Unzählige Vereine, Stiftungen, Träger, private und öffentliche Mäzene, Geld gebende Landes- und Bundesbehörden sind von uns angeschrieben worden. Nur Absagen. Nirgends scheint man eine Möglichkeit zu sehen, die Linguistik-Olympiade auch nur teilweise zu fördern. In den meisten anderen Ländern hat der Wettbewerb einen viel prestigeträchtigeren Status. In den USA waren weltbekannte Unternehmen willige und generöse Sponsoren, in osteuropäischen Ländern winken Stipendien oder andere Maßnahmen, erfolgreichen Teilnehmern das Hochschulstudium zu erleichtern. In Deutschland mit seiner großen sprachwissenschaftlichen Tradition scheint sich jedoch niemand für den Nachwuchs engagieren zu wollen…

Bastian Sicks ß-Regeln entpuppen sich als Katzengold

Noch vor gut einer Woche habe ich auf einer Tagung behauptet, dass die Sprachglossen von Sick in der letzten Zeit kompetenter geworden seien. Inzwischen macht der neuste Kolumnenbeitrag „Werbung mit Spliss“ diesen Eindruck zunichte. Hoffentlich sogar mehr: er entlarvt Sick als jemanden, der die ß-Schreibung nicht beherrscht, denn der schreibt:

Auch die Kampagne für die Zigarettenmarke American Spirit dürfte viel Geld gekostet haben. „Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen“ heißt es dort reichlich verschwurbelt – und grammatisch entstellt. Statt der Konjunktion „dass“ wäre nämlich das Relativpronomen „das“ richtig gewesen. Denn die Tatsache, dass Raucher rauchen, steht außer Frage. Vielmehr geht es hier doch wohl um das Kraut, welches (also: das) sie rauchen.

Gemeint war diese Werbung:

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass sprachbewegte Leute allenthalben an der Formulierung des Werbeslogans Anstoß genommen haben. So wird die Formulierung vom Facebook-Vertreter der Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ als missglückt betrachtet, und Spießer Alfons vom Blog Marketing, Werbung und Medien fühlt sich gar vom Schlag getroffen. Spießer Alfons gibt allerdings eine wunderbare Erklärung, was der Satz bedeuten soll, denn nicht alle verstehen den Satz-Slogan auf Anhieb:

Ausgesagt werden soll, dass die meisten Raucher denken, dass sie nur reinen Tabak rauchen, also keine Zusatzstoffe wie beispielsweise Ammoniak und Honig, Vanillin und Soda, Zucker und Harnstoff. Und wer die Zigarette mit dem Indianer-Kopf raucht, der denkt richtig, weil in „American Spirit“ angeblich nur  reiner Tabak steckt.

Wie kann man sich die grammatische Struktur des Satzes verdeutlichen. Rauchen kann als transitives Verb – also als Verb mit direktem Objekt – gebraucht werden, das ist auch der Fall im Werbesatz. Aber fangen wir langsam an: Er raucht amerikanische Zigaretten. Das Objekt ist hier amerikanische Zigaretten. Man kann auch ein Pronomen wie etwas, diesen (=Tabak) welche, solche (=Zigaretten), so was, nichts oder alles als Objekt haben: jeder raucht welche, er raucht  ihn gern. In manchen Fällen kann das Objekt durch einen Relativsatz bestimmt sein: Er raucht Zigarren, die aus Kuba kommen oder Du rauchst aber auch alles, was er dir andreht. Nun gibt es auch so genannte kopflose Relativsätze, da fällt praktisch das Bezugsnomen weg und der Relativsatz drückt allein aus, was geraucht wird: Ich rauche, was er empfiehlt. Der Werbetextersatz ist nun noch um ein entscheidendes Merkmal komplexer. Im letzten Beispielsatz gehört das Relativpronomen als Objekt zum Verb empfehlen, welches das Prädikat innerhalb des Relativsatzes ist. Man findet jedoch bisweilen auch Relativsätze, wo das Relativpronomen zu einem Verb gehört, das nicht im „eigentlichen Relativteilsatz“ auftaucht. Ein in der linguistischen Literatur diskutiertes, aber aus einem „unschuldig“ produzierten Text stammendes Beispiel ist: Das dritte Gebiet, auf dem wir meinen…, dass mehr und anderes getan werden sollte, ist das Gebiet der innerdeutschen Beziehungen. Und hier sind wir im Prinzip bei der einschlägigen Struktur. Zugegeben: diese Sätze kommen selten vor, und in den Ohren sprachbewusster Menschen klingen sie „verschwurbelt“, aber das Muster ist (mehr oder weniger) klar und deutlich. Der letzte (kursive) Satz ist einer der ganz seltenen Relativsätze mit Bezugsnomen. Ähnlich auch: Das ist ein Ort, wo man will, dass seine Kinder aufwachsen. Bei freien Relativsätzen lassen sich mehr Beispiele in Texten finden und die Akzeptabilität steigt: Ich gehe, wohin Sie wollen, dass ich gehe. Er arbeitet, mit wem du möchtest, dass er arbeitet. Im vorletzten Satz ist wohin das Relativpronomen, das sich auf ein „stummes“ dahin im Hauptsatz bezieht, semantisch aber zum Verb gehen des letzten Teilsatzes gehört. Ganz genau so im nächsten Satz: der Relativausdruck mit wem, bezieht sich auf ein gedachtes „mit demjenigen“ im Hauptsatz, semantisch ist es allerdings eine Adverbialbestimmung zu arbeitet des eingebetteten Satzes. Das wird deutlich in einem Satz wie Sie schläft, mit wem ich eigentlich will, dass sie sich streitet. In diesem Satz bezieht mit wem sich als Relativausdruck auf den „Verschwiegenen“, mit dem sie schläft, semantisch ist es aber derjenige, mit dem sie sich meiner Meinung nach streiten soll. (Klar ist die Aussage des Satzes, dass sich beide Ausdrücke auf dieselbe Person beziehen.) In all meinen zur Illustration ausgewählten Beispielen ist nun unstrittig, dass der jeweils letzte (und am tiefsten eingebettete) Satz ein abhängiger Satz ist, der von der Konjunktion dass eingeleitet wird. Hier käme kaum einer auf die Idee, dieses dass sei ein Pronomen, genauer gesagt das Pronomen das. Das aber behauptet Bastian Sick für genau dasselbe Vorkommen des Wörtchens in: Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen. Und das ist eben FALSCH! Denn dann müsste es einen Satz derart geben: Raucher denken das (Kraus), das sie rauchen… – was Unsinn ist. Sick hat aller Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten mit dem Satz, weil hier eine – wie der Grammatiker sagt – lange Extraktion aus einem dass-Satz vorliegt. So eine Struktur ist für Norddeutsche schwer akzeptabel.

Den Satz richtig verstanden hat der Facebooker von „Deutsche Sprachwelt“. Der löst dieses angeblich schlechte Werbedeutsch in vorgeblich besseres Deutsch auf: „Rauchen, wovon die meisten denken, dass sie es rauchen“. Das ist tatsächlich eine standardsprachliche Möglichkeit, eine etwas andere Konstruktion als der Texter zu wählen. Was Spießer Anton Alfons (Entschuldigung) macht, ist allerdings nicht normgerecht im Sinne der Erlaubnis oder Empfehlung durch den Duden. Spießer Anton Alfons schlägt vor: „Rauchen, was die meisten denken, dass sie es rauchen“. Die Wiederaufnahme des Relativpronomens durch das Pronomen es im tief eingebetteten Satz ist – nun nicht falsch oder ungrammatisch, aber – stark süddeutsch dialektal.

Also: liebe Kritiker – Sick und Spießer – der Werbetexter ist sprachlich versierter als Sie!

Was jedoch ganz unabhängig von der grammatikalischen Wohlgeformtheit mit dieser ganzen Diskussion einmal mehr bestätigt wurde: Werbesprache irritiert und löst somit Aufmerksamkeit aus. Das ist wohl das oberste Ziel von Werbetextern; und auch das scheint dem Reklame-Autor oder der Texterin bestens gelungen zu sein…