Der DFB auf dünnem Eis

Bei den vielen filigranen Technikern der Herren-Nationalmannschaft des DFB sollte das Bewegen auf dünnem Eis eigentlich kein Problem sein. Auf der Facebook-Seite des DFB-Teams und in vielen Fußballforen sorgte aber gestern eine kleine unbedachte Aktion des DFB für einen großen Aufschrei vieler Fußballfans, der Shitstorm auf der Facebook-Seite hält weiterhin an, auch Onlinemedien wie Spiegel OnlineFOCUS Online, Zeit.de und Sueddeutsche.de und auch Sport1.de und Kicker.de berichteten schon. Was war passiert, hat jemand etwas Falsches gesagt? Nicht wirklich. Es war nicht das Schreiben oder Aussprechen von etwas Unschreib- oder Unsagbarem, vielmehr war es das Abkleben bzw. Durchstreichen von etwas absolut Sagbarem, das man im Konsens unserer demokratischen Gesellschaft nicht streichen oder abkleben sollte, wenn man nicht eine, zurecht, hochemotionale Diskussion führen will, in der man nicht gut wegkommen kann.

Die Nationalmannschaft spielt heute in Hamburg an einem Abend im Mai gegen Polen. Ausgerechnet im Mai, ausgerechnet gegen Polen – eigentlich ein gutes Zeichen der Völkerverständigung und der Friedensbemühung. Der DFB hat für das Abschlusstraining das Stadion des FC St. Pauli gemietet, eines Vereins, der sich klar, klarer als viele andere große Vereine, gegen Faschismus und Rassismus positioniert und dies auch mit einem Banner an der Gegentribüne klarstellt: Kein Fußball den Faschisten. Der DFB hat diesen Spruch beim Abschlusstraining, als Fotos gemacht werden durften, abgehängt, zu lesen war dort nur noch: Kein Fußball. Aus den Berichterstattungen über dieses Phänomen geht hervor, dass wohl das Argument für das Streichen des Begriffs Faschisten war, dass man als DFB keine politische Werbung machen dürfe, der Slogan wurde, mit den Worten des Pressesprechers des DFB, „neutralisiert“. Was ist der Kern des Problems? Hat es was mit Sprache zu tun? Ja!

Egal wer den Begriff Faschismus oder Faschist/-in/-en benutzt und was er oder sie mit dem Begriff bezeichnet, es ist immer etwas Verdammenswertes, man kann sich nicht für Faschismus oder Faschisten mittels dieser Begriffe einsetzen. Die negative Bedeutungskomponente ist immer Teil der Bedeutung, egal wie vage das eigentliche Denotat sein mag. Der Begriff Faschismus bzw. Faschist/-in/-en ist das, was man ein Unwertwort nennt, es ist in dem Sinne Teil der Ideologie aller demokratischen Parteien oder Gruppierungen, als dass nur eine Ablehnung in Frage kommt. Das Argument, man wolle keine politische Werbung machen, kann daher nicht zählen: Alle demokratischen (!) Parteien sind sich in diesem Punkt einig, es gibt schlichtweg nichts zu bewerben, eben nichts zu „neutralisieren“, eine Streichung führt zum Gegenteil einer Neutralisierung. Die zentralen politischen Texte der BRD sind durchzogen von der Ablehnung jeglicher faschistischer Tendenzen – genau deswegen kann man die öffentliche Ablehnung auch nicht einfach streichen oder abhängen: Man rüttelt somit, ob man will oder nicht, an den zentralen Hochwert- und Unwertwörtern wie Frieden, Demokratie, Freiheit und auf der anderen Seite Krieg, Rassismus und Unfreiheit. Sie sind eben als Begriffe Teil demokratischer Ideologien aller Couleur. Aus diesem Grund geht auch der Hinweis in solchen Kontexten auf den ´unpolitischen Fußball´ völlig an der Sache vorbei. Pointiert könnte man sogar sagen, dass es erst dann politische Agitation ist, den Spruch, ist er einmal da, abzuhängen.

Das alles hat der oder die Verantwortliche des DFB offensichtlich nicht bedacht, auf eine Stellungnahme des DFB selbst warte ich gespannt, aber ich bezweifele, leider, dass es eine geben wird. Wie oben bereits angedeutet, kann man in dieser Diskussion, ist sie einmal entbrannt, eigentlich nicht mehr gut aussehen. Problematisch ist aber jetzt, dass die soziale und kommunikative Konvention eigentlich eine Äußerung des DFB verlangt, aber stattdessen werden stündlich neue Informationen zum Spiel gepostet, was wiederum von Kommentierenden mit Häme bedacht wird, mit anderen Worten: Aussitzen ist nicht, das wäre schlechtes Krisenmanagement. Es bleibt in diesem Punkt spannend.

Einige wenige User äußern auf der Facebook-Seite des DFB ihr Unverständnis über die Aufregung. Viele, viele andere zeigen sich bestürzt und empört, andere lassen der allgemeinen Unzufriedenheit freien Lauf. Ein User kommentiert den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Satzung des DFB, in Paragraph 2 steht klar und deutlich, dass der DFB „rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen“ tritt, geistreich pointiert: „dfb für gegen rassismus aber gegen gegen faschismus?“. Auch hier ist es klar, dass die den Faschismus ablehnende Haltung die Satzung des DFB durchzieht, der Slogan also eigentlich völlig konform ist, so sehr ist das Unwertwort Faschismus Teil der demokratischen Ideologie. Es ist zwar nur ein Wort, aber es steht als zentrales Unwertwort für eine komplette politische Argumentation, die sich zu großen Teilen eben aus der Ablehnung von Faschismus ergibt – dafür steht das Wort selbst repräsentativ, diese Argumentation gegen das Denotat ist Teil des Wortes selbst geworden.

Ob die Reaktion der Kommentierenden überzogen ist oder nicht, möchte ich gar nicht groß kommentieren, das ist auch nicht Aufgabe des SprAACHENblogs, aber klar ist: Die kritischen Kommentare und Reaktionen hat sich der DFB mit dieser Aktion völlig selbst eingebrockt und mit ein wenig Empathie wäre es auch voraussehbar gewesen. Wie wichtig der Fall ist oder nicht, entscheidet sich im Endeffekt diskursiv – und das ist auch genau richtig so. Hätte die Nationalmannschaft in einem anderen Stadion trainiert, wäre das wohl erst gar nicht passiert.

Was lernt man daraus? Man muss nicht nur aufpassen, was man in der Öffentlichkeit sagt, man muss auch aufpassen, was man nicht sagt – und was man aktiv, intentional – und damit irgendwie begründet – durchstreicht. Auf die Gründe, bzw. ob welche genannt werden, bin ich gespannt.

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9 Gedanken zu „Der DFB auf dünnem Eis

  1. Pingback: Wer Scheiße säht, wird Sturm ernten | Grenzenlos Sankt Pauli

  2. Dass sie die beiden letzten Wörter von „Kein Fußball den Faschisten“ abgehängt haben, ist politisch gesehen natürlich äußerst armselig. Vom Standpunkt des Fußballs – den der DFB und seine Armee von Medien- und Kommunikationsbeauftragten doch unbedingt einnehmen sollte – ist es aber ein noch viel größeres Armutszeugnis, die Losung so zu „neutralisieren“, dass ausgerechnet die Worte „Kein Fußball“ übrig bleiben. Mindestens dieser Lapsus muss doch beim DFB die Alarmglocken schrillen lassen.

    So wird das nix mit Brasilien.

    • Sehr geehrter Herr Elver,

      in der Tat: Eine nette Anekdote am Rande. Dass dieser Lapsus nicht aufgefallen ist, scheint mit Teil des fehlenden Sprachgefühls zu sein, das sich in den angesprochenen Punkten offenbart.

  3. „Faschismus ist heute der Sammelbegriff für alle antiliberalen und antisozialistischen totalitären Ideologien.“ – Dieser Begriffsbestimmung nach ist der Slogan „Kein Fußball den Faschisten“ faschistisch. Hm?^^ Außerdem wäre Fußball für Faschisten vielleicht ne verdammt gute Therapie, aus der sie ’n bisken weniger faschistisch geworden hervorgehen. Hm? 🙂

  4. Sie nehemen es ja sehr genau mit dem Faschismus. Gut so!
    Doch den Faschisten auch noch eine geschlechtsneutrale Sprache angedeihen zu lassen,ist mindestens so verwerflich wie die Aktion des DFB!
    Was treibt Sie denn um? Ich muss also zukünftig sagen: Lieber Nazi(w/m),liebe Faschist/-in?

    • Sehr geehrter Herr Schmitz,

      zuerst möchte ich Ihnen sagen, dass ich Ihren Vorwurf als völlig absurd empfinde.

      Zu keiner Stelle geht es in der Glosse um geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Allerdings existiert im Deutschen die Möglichkeit, die Wörter Faschistin bzw. Faschistinnen zu benutzen – bspw. wenn es sich um eine Gruppe weiblicher Faschisten oder um eine einzelne weibliche Faschistin gibt. Ich sehe da Ihr Problem absolut nicht. Wenn man die weiblich markierten Formen benutzt, gilt aber genau dasselbe, was ich in meinem Beitrag ausführe, uneingeschränkt. Es geht nicht darum (obwohl die Frage interessant wäre), wann es angebracht ist, in diesem Falle geschlechtergerecht zu schreiben oder zu sprechen. Mir fällt allerdings häufig auf, dass bei generellen Täterbeschreibungen geschlechtergerechte Sprache (noch) keine große Rolle in der öffentlichen Diskussion spielt – ein interessanter Punkt. In meiner Glosse geht es aber um die lexikalische Wurzel *faschist*, eben mit all ihren Ausprägungen.

      • Danke für Ihre Antwort.
        Vielleicht greifen Sie meinen Einwand einmal auf,wenn Sie das zum Gegenstand Ihres nächstes Themas machen. Interessant ist ja die Frage allemal,ob es Nazis, die weiblich sind, zusteht in geschlechterneutraler Sprache angesprochen zu werden. Viele vertreten auch die Ansicht, dass es besser ist mit solchen Leuten überhaupt nicht zu reden.

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