Gedanken und Bemerkungen zum Schimpfen

Heute kommen zwei Sachen zusammen, die in mir das Bedürfnis auslösen und den Anlass geben, mich seit längerer Zeit wieder einmal mit einem Beitrag hier im geschätzen Blog zu Wort zu melden. Zum einen habe ich gerade gestern einen kleinen populärwissenschaftlichen Aufsatz zum Thema Schimpfen beendet, und zum anderen erschien gestern eine Martenstein-Kolumne in der Zeit – ebenfalls zum Schimpfen. Beide Beiträge stellen eine Lücke fest – Martenstein eine andere als ich. Möglicherweise aber liegen wir beide falsch. Im Moment scheint mir allerdings, tendenziell haben wir beide recht. Eigentlich ist dieser Beitrag meinerseits auch kein typischer Blog-Text, in dem eine Aussage getroffen wird. Das schon, aber er ist viel mehr noch als sonst eine Einladung oder gar ein Aufruf zur Diskussion. Ich möchte in den hoffentlich eingehenden Kommentaren Bestätigung bekommen oder aber von mir aus auch widerlegt werden. In beiden Fällen gäbe es einen Erkenntnisgewinn.
Zuerst zu Martenstein. Der Kolumnist mit Kultstatus stellt eine für ihn typische Geschlechterungerechtigkeit fest: Frauen seien in Bezug auf das deutsche Schimpfwortinventar „benachteiligt“, weil quasi unsichtbar. Die Unterüberschrift lautet: „Schimpfwörter sind fast immer männlich. Wie ungerecht! Immerhin beim Wort Hure findet Geschlechtergerechtigkeit statt…“. Martenstein nennt ein paar männliche Schimpfwörter, die tatsächlich kein weibliches Pendant haben. Könnte man sich zu Geizhals und Schweinehund theoretisch noch eine Geizhälsin bzw. eine Schweinehündin vorstellen, so geht das für Mistkerl oder Taugenichts nicht mehr. Martenstein behauptet allerdings auch, dass Arschloch für Männer reserviert sei. Das, denke ich, kann man bestreiten. Arschloch ist weniger männlich. Erstens ist es grammatikalisch sächlich: DAS Arschloch. Und zweitens habe ich die Wortkette „sie ist ein Arschloch“ gegoogelt – das Ergebnis ist interessant. Es kommen wirklich nur wenige Belege, aber die Suchmaschine findet welche. Vor allem ein Eintrag ist relativ häufig belegt: Lillifee denkt, sie ist ein Arschloch. Und Lillifee ist nun allerdings ein extrem weibliches Wesen. Ich habe an Martensteins These gezweifelt und zweifle immer noch, weil ich eben gerade in der letzten Woche bei meiner malediktologischen Lektüre auf viele weibliche Bezeichnungen gestoßen war: Schlampe, Fotze, dumme/blöde Kuh/Gans/Pute, Nebeklkrähe, Planschkuh, Hexe, Schickse, Spinatwachtel, Flittchen, Klatschbase, Tratschtante, alte Jungfer, Schnepfe, Dorfmatratze, Kratzbürste – und obwohl grammatisch männlich: Besen und (Haus-) Drache. Nicht ganz so derb, aber auf jeden Fall auch abwertend gebraucht findet man Blondine, Diva, Luder, Betschwester. Interessant ist auch die Internet-Schimpfwort-Seite http://www.rindvieh.com. Dort sind Negativ-Kraftausdrücke kategorisiert abrufbar, unter anderem solche für Männer und solche für Frauen. Bei den männlichen Schimpfwörtern sind derzeit 96 aufgelistet, bei den weiblichen mit 152 mehr als anderthalbmal so viele! Mein Zweifel hält sich allerdings in Grenzen. Möglicherweise hat Martenstein in der Tendenz recht.
Meine Beobachtung ist eine ganz andere, und zwar die folgende. Schimpfwörter scheinen sich als ein Problem für die sogenannte Pollyanna-Hypothese zu erweisen. Diese wurde 1969 von den linguistisch orientierten Psychologen Boucher und Osgood aufgestellt. Nach dieser besteht eine universale menschliche Tendenz, beim Sprechen häufiger über Positives zu reden als über Negatives. Diese Hypothese ist nicht sonderlich populär; aber etliche namhafte Linguisten haben sich auf sie gestützt. Hin und wieder liest man über Forschungsergebnisse, die sie (angeblich) bestätigen. Nach dieser Hypothese überwiegen in der menschlichen Kommunikation Wörter, die Gutes und Schönes bezeichnen. Mein Eindruck ist nun, dass es zu Schimpf- und Fluchwörtern aber keinen positiven Gegenpart gibt. Kosewörter kommen einem in den Sinn. Aber selbst diese sind seltener, unregelmäßiger und unsystematischer. Das eigentliche Gegenteil sollten Lobeswörter oder Lobpreis-Ausdrücke sein. Da scheint es aber praktisch (im Deutschen) kaum welche zu geben. Wenn jemand gelobt, gerühmt, gepriesen wird, heißt es Gut gemacht! Toll! Ein Substantiv fällt mir nicht ein. Jedenfalls kein deutsches. Aus meiner Studienzeit erinnere ich mich, dass wir von unseren russischen Lehrkräften damals mit „molodez!“ (sprich: maladjets) gelobt wurden. Das ist als Appellativum ein eher ungebräuchliches Wort für junger Mann. Als Lob für jemanden, der etwas gut und richtig gemacht hatte, besonders wenn es unerwartet kam, war es extrem frequent. Es konnte sich meines Wissens auch ziemlich gut auf Frauen anwenden lassen. Ein anderer Fall kommt mir als passioniertem Opernbesucher in den Sinn. Nach einer besonders guten Gesangsleistung wird einem Sänger lautstark Bravo zugerufen. Das ist auch kein „echtes“ deutsches Wort. Und diejenigen, die sich für die richtigen Kenner halten, rufen Bravo auch nur bei einem Mann. Bei einer Frau wird Brava gerufen, beim Lob für das gesamte Ensemble oder schon ab zwei Sängern schreit man Bravi. Die verschiedenen Formen zeigen, dass hier etwas Nominales im Spiel ist, dass es sich also gut möglich um ein (deadjektivisches) Substantiv handeln kann. Wäre es immer bravo (die Groß- oder Kleinschreibung hört man ja nicht), könnte es ein Wort sein wie hallo oder danke. So sieht es doch nach einem Nomen aus. Damit erschöpft sich, was mir zu Lobeswörtern einfällt. Kann es sein, dass mehr geschimpft und geflucht, als gelobt und gerühmt wird? Gibt es viel mehr Schimpfwörter als Lobausdrücke? Ist das eine Ausnahme, die die Pollyanna-Hypothese (nicht) bestätigt? Oder übersehe ich etwas? … ähnlich wie Martenstein?

Advertisements

8 Gedanken zu „Gedanken und Bemerkungen zum Schimpfen

  1. Wenn ich nach „Sie ist ein Arschloch“ google, kommen mehr Treffer als für „Er ist ein Arschloch“. Aber Google ist da auch unberechenbar. Als lobmeinendes Substantiv ist mir „Respekt“ eingefallen, als Wortgruppe evtl. „Alle Achtung“. Aus dem Frz. noch „chapeau!“ als desubst. Interjektion.
    Ich bezweifle aber, ob das Gegenstück zu Schimpfwörtern wirklich Lobausdrücke sind. Wenn in der Oper „Bravo“ gerufen wird, ist das Gegenstück dazu doch eher „Buh“ und nicht „Arschloch“; und genauso würde ich zu jemandem, den ich als das Gegenteil eines „Arschlochs“ bezeichnen will, nicht „Bravo“ oder „Respekt“ sagen, sondern so etwas wie „Er ist ein (wahrer/echter) Freund, ein guter Mensch, ein netter Kerl“ o.Ä. Viele Substantive, die so etwas ohne Hinzugabe eines Adjektivs ausdrücken würden, fallen mir jedoch auch nicht ein. Es scheint kein Zufall zu sein, dass „Malediktologie“ im (Fremdwörter-)Duden steht, „Benediktologie“ aber nicht mal einen Google-Treffer produziert. Hiermit schaffe ich dieses Wort und stelle es der Wissenschaft und der Allgemeinheit zur Verfügung.

  2. Ich habe nur eine Bemerkung zu den positiven Gegenstücken von Schimpfwörtern zu machen. Ich habe „Lobeswörter“ gegoogelt und habe eine Seite gefunden, die sich ebenfalls dachte, es sei schwer nominale Lobeswörter zu finden:http://www.fortunarien.de/lob-lobesworte-loben/
    Dort sind überwiegend weiblich/neutrale Lobausdrücke von Alleskönnerin über Genie, Naturtalent und Profi bis hin zum Zauberwesen aufgelistet.
    Dies zeigt, dass es durchaus genug (wenn auch einige komische) Lobausdrücke in unserem Lexikon gibt. Die Frage ist nur: Warum nutzen wir sie so selten?
    Hier meine Hypothese: Wir nutzen Schimpf- und Lobeswörter, um eine (charakterliche) Eigenschaft oder Leistung einer Person zu bewerten. Wir bewerten sie mit der Intention eine Veränderung/Verbesserung an dieser Person hervorzurufen. Und welche Eigenschaften sollten diese Personen im Idealfall ändern? Genau, die schlechten. Also nutzt man zur Bewertung der Person häufiger schlechte Ausdrücke als nette, denn alles, was nicht kritisiert wird, scheint dann in Ordnung zu sein und muss nicht verändert/ verbessert werden. Sie sind aus der Sicht des Kritikers quasi „unrelevant“ für die Person, er hält sie fast schon für „semantisch leer“.
    Mein Fazit: Wir scheinen es wichtiger zu finden Personen mitzuteilen, was uns an ihnen stört, als das, was wir an ihnen mögen. Denn wenn uns das Verhalten einer anderen Person nicht stört, muss sie es auch nicht ändern, also gibt es für uns keinen Grund unsere Artikulationsorgane unnötig in Bewegung zu setzen 😉

  3. Ich weiß noch, dass mein Großvater, wenn ich was gut gemacht hatte, immer sagte: „Bischt en Kerl!“ Und mein früherer Chef sagte bisweilen: „Sie sind’n Hirsch!“ Das war jeweils lobend/anerkennend gemeint. Aber sind „Kerl“ und „Hirsch“ als Lobwörter lexikalisiert? Das scheint eher eine Angelegenheit der Pragmatik zu sein: Man kann letztlich ja alle möglichen Wörter verwenden, um jemanden zu loben (oder auch zu beleidigen): „Du alter Schlawiner!“ (Anerkennung.) — „Sie Beamter!“ (Beleidigung.) Auf den ersten bis zweiten Blick sieht es auch für mich so aus, als ob die Meinunger-Hypothese zutrifft. Ob hier der Gedanke von Jana Tereick greift, dass in manchem Sprachverhalten noch alte sprachmagische Atavismen nachwirken? Schimpfen und Fluchen scheint in früheren Jahrhunderten relevanter gewesen zu sein als Loben.

  4. Das kann man doch pauschal nicht sagen und schon gar nicht auf der Basis von „Google-Abfragen“ und Einzelwortanalysen, wie jabaer anmerkt. Auch die Dichotomie zwischen „Schimpf“ und „Lob“ (Lexikographieblog) auf Einzelwortbasis lässt sich kaum halten, für beide Varianten gibt es zahlreiche Phraseologismen, die in ihrer Bedeutung nicht mehr immer klar sind — ich empfehle wegen des „Hirschen“ mal nach dem ahd. Spruch über „Hirsch und Hinde“ zu suchen 😉 Auch das finde ich irritierend: „Nach dieser [Pollyanna-Hypothese] besteht eine universale menschliche Tendenz, beim Sprechen häufiger über Positives zu reden als über Negatives.“ Klingt für mich nicht sehr plausibel — negative Normabweichung ist immer interessanter, warum sollte man über sie weniger sprechen? Kann man dies beobachten, kommt man eventuell einer Tabuisierung auf die Spur, mehr — knapp gesagt — steckt aber wohl nicht dahinter. Und schließlich, das unvermeidbare Genderthema. Hier kann man es (Ockhams Rasiermesser) einfach halten: Frauen werden genau so beschimpft und gelobt wie Männer, weil Frauen und Männer Gegenstand von Kommunikation von Frauen und Männern sein können. Und damit ist nicht gesagt, dass Frauen nur Frauen und Männer nur Männer schimpfen und loben. Mir würde kein vernünftiger Grund einfallen, warum man das anders sehen sollte. Vielleicht sollte man das Martenstein mal fragen.

  5. Vielen Dank für die Kommentare! Zu Alexander Lasch möchte ich sagen, dass ich es lange genau so gesehen habe (vielleicht auch immer noch so sehe), dass über Negatives zu reden doch eher der Noramlfall zu sein scheint: „negative Normabweichung ist immer interessanter, warum sollte man über sie weniger sprechen“… Aber die P.-Hypothese stammt nicht von mir. Sie wird durchaus eher akzeptiert, als bestritten. Ich bin kürzlich auf sie gestoßen, als es um was Anderes ging. Bei Dimensionsadjektiven sind groß, breit, alt die „neutralen“: Da heißt es nicht, dass jemand alt oder groß sein muss, wenn man fragt: „Wie alt/groß ist er denn?“, anders eben als bei klein oder jung. Ähnliches gilt meist auch im Zusmamenhang mit gut: „Wie gut kennst du ihn?“ „Wie schmeckt/ gefällt sie dir?“ … Mit „schlecht“ hat man den Präsupposotionseffekt. Dazu kommen weitere Beobachtungen…
    Noch etwas ist interessant. Ich hatte meinen Beitrag bei Facebook verlinkt, dort hat mein Freund und Kollege Gerhard Jäger reagiert und als (Lobversuch?) geschrieben: „Bist scho a Hund!“ Hier ist „Hund“, das, was oben bei Jabaer „Hisch“ ist. Komischerweise ist „Hund“ das älteste belegte Schimpfwort – in der altindischen Rigveda. Nach Amann ist es das „allgemeinste“ oder „Universalste“ Schimpfwort. Gauger hat was Ähnliches für „brav“/“Brabvo“ nachgezeichnet. Eigentlich oder ursprünglich meint es „wild“ im negativen Sinne (barbarisch), als „brav“/“Brabvo“ ist es aber heutzutage eben ein Lob…

    Und zu Lexikographieblog will ich sagen: Es war ja auch gar nicht so gemeint „Schimpfwort“ ist das „Gegenteil“ von „Lobwort“ und (somit) „Arschloch“ das von „Bravo“… Ich habe lediglich überlegt, was denn so das Gegenstück zu Schimpfwörtern wäre…

    • Wegen der P.-Hypothese: Das habe ich auch nicht so verstanden, sie ist ja klar ausgewiesen (1969 // Boucher & Osgood). Nur erscheint sie mir nicht plausibel, vielleicht wird es Zeit, sie zu bestreiten!

  6. Sogar Mathe kann ein Arschloch sein, dann Frauen – und speziell Prinzessinnen – erst recht.

    (Aktives) Beschimpfen einerseits funktioniert allgemein mit (lexikalisierten) Schimpfworten, (passives) Beleidigen andererseits auch sehr individuell, solange die so bezeichnete Person sich durch das Attribut beleidigt fühlt. Der jeweilige performative Akt, vor allem der des bewussten und gezielten Beschimpfend, wird allerdings nur vergleichsweise selten als klassische schriftsprachliche Aussage [X / er / sie] ist [y / ein Z]. Du bist [y / ein Z]. Ihr seid [y / Zs]. [Xs / Sie] sind [y / Zs]. durchgeführt, sondern eher kurz und schlecht googlebar als (X,) [der/die] Z! (Du) Z! (Ihr) Zs! (Xs,) die Zs! Insbesondere funktioniert das montypythoneske ich [beschimpfe / beleidige] dich etc. nicht.

    Loben (oder Preisen) und Schmeicheln könnte man als positive Gegenparts auffassen, aber wie so oft funktioniert solch eine Antonymie – wie schon im Artikel erwähnt – nur in einem arg begrenzten Umfang. Vor allem das verbfreie und direkte (2. Ps.) Loben wirkt auf mich – vielleicht tatsächlich wie vermutet aufgrund der begrenzten Zahl explizit dafür verfügbarer Lexeme – unüblich, dafür „performiert“ ich lobe dich einigermaßen. (Die übliche Floskel ist aber eher: ich will dich (hiermit) (ausdrücklich/explizit) loben.)

    Man lobpreist Leute also scheinbar im Deutschen i.d.R. sprachlich anders als man sie beschimpft. Sie beleidigen und ihnen schmeicheln kann man hingegen auf vielerlei und ähnliche Arten, da dies beides stark rezipientenabhängige Vorgänge sind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s