Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„“Ein Baby!“, riefen alle überrascht, „ein schwarzes Baby!“ – „Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein“, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

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5 Gedanken zu „Pippi, die Südseeprinzessin?

  1. Ich finde diese Änderungswut und dieses Streben nach Political Correctness um jeden Preis schlimm, man kommt sich ja vor wie bei George Orwell. Davon abgesehen ändert es rein gar nichts an der Denkweise von wirklich rassistischen Menschen, im Gegenteil, die neuen sterilen Wörter bieten ihnen viel mehr eine Möglichkeit, das Gefürchtete Andersartige auf Abstand zu halten und sich gar nicht erst weiter damit konfrontieren zu müssen.

    • Ich finde, dass sich anhand der aktuellen Debatte zeigt, dass es immer auf den ganz konkreten Fall ankommt. PC ist mir persönlich wichtig, weil ich niemanden beleidigen möchte. In den Fällen, die Herr Greiner vorführt, zeigt sich aber recht klar, was es zu beachten gilt. Aber zwei Dinge zum Orwell-Vergleich, ich möchte da zur Vorsicht mahnen: Bei Orwell geht es um die Tilgung der Vergangenheit bzw. der Geschichte und nicht um politisch korrekten Sprachgebrauch. Außerdem können wir herrlich und differenziert öffentlich diskutieren – auch das ist bei Orwell nicht der Fall. Orwell ist in meinen Augen ein plakativer argumentativer Hammer, der hier hohe Wellen schlägt, aber nicht den Kern trifft. Gerade die öffentliche Diskussion ist hier wichtig, nicht die Tatsache, dass oder ob der Verlag Wörter geändert hat.

      Der letzte Punkt, den Sie ansprechen, ist der Grund dafür, dass ich für eine metasprachliche Thematisierung bin. Sie sehen an einem anderen Kommentar zu diesem Artikel, dass sich anscheinend eben nicht jeder in einem gewünschten Maße über die Komplexität des Begriffes „Neger“ bewusst ist. Dieses Bewusstsein wird aber natürlich nicht über Verbote erlangt – keine Frage.

  2. „Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.“ Eine Praemunitio…wie schön. Ich machs trotzdem: niger nigra nigrum – Schwarz, Dunkel. Was ist also ein Neger? Ein schwarzer Mensch, ergo ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe?

    • Ich habe lange überlegt, ob ich Ihren „Beitrag“ tatsächlich kommentieren soll. Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass ich solch einen Kommentar nicht unkommentiert unter einem meiner Beiträge lesen möchte. Im Folgenden gehe ich im Übrigen davon aus, dass Sie den Kommentar ernst gemeint haben.

      Wenn Sie das Wort „Neger“ unbedingt etymologisch ableiten wollen, muss ich Sie darum bitten, es auch korrekt zu tun. Das Wort kam über das Französische ins Deutsche. Unsere Form „Neger“ ist aus nègre (frz.) abgeleitet – dies können Sie in jedem etymologischen Wörterbuch nachlesen. Zur Geschichte Frankreichs im Zusammenhang mit diesem Wort möchte ich hier kein Wort verlieren. Außerdem übersehen Sie mehrere Dinge:

      Wörter sind keine Etiketten, mit denen man Dinge in der Welt einfach nur benennt. Ich habe mir eben das Vergnügen gemacht, mir deutsche Wörterbücher vom Beginn des 19. bis ins 21. Jahrhundert anzugucken. Von Adelung über Campe, Duden, Grimm, Wahrig usw. Während in den älteren Werken noch keine Gebrauchsempfehlung zu finden ist, verzeichnet jedes aktuelle Wörterbuch unter dem Eintrag „Neger“, dass dieses Wort nicht mehr neutral gebraucht werden kann. Ich zitiere mal aus dem Duden: „Die Bezeichnung „Neger“ gilt im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend und wird deshalb meist vermieden.“ Das Wort hat neben seiner Denotation zahlreiche Konnotationen und Nebenbedeutungen im Laufe der Zeit erlangt, die es nicht mehr erlauben, das Wort öffentlich als neutrale Bezeichnung zu benutzen. Mitte der 50er findet sich im Brockhaus sogar die Zweitdefinition „schmutziger Mensch“. Das Wort hat einen Bedeutungswandel erlebt, der sich an einem Vergleich der Wörterbücher der letzten 250 Jahre ablesen lässt. Das Denotat ist dasselbe geblieben, die Konnotation aber nicht.

      Wenn Sie dieses Wort neutral einer/-m Schwarzen gegenüber benutzen, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn er oder sie Ihnen Rassismus vorwirft. Und sagen Sie dann nicht, Sie hätten es nicht gewusst.

  3. Hallo Frank,

    danke für die ausführliche, bedächtige und nicht-alarmistische Argumentation, aber ich stimme deiner Ausgangsprämisse nicht zu:

    „In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff N**** noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden“

    Wie kommst du auf die Idee, es handele sich bei N** um einen ’neutralen‘ Ausdruck?? Er wurde jahrhundertelang zur Rechtfertigung, Manifestation und Reproduktion von Unterdrückungsverhältnissen verwendet und transportiert damit diesen Diskurs, ob es nun von der AutorIn beabsichtigt war oder nicht (intent is not magical!, http://genderbitch.wordpress.com/2010/01/23/intent-its-fucking-magic/ , http://www.shakesville.com/2011/12/harmful-communication-part-one-intent.html).
    Durchsuch doch nur mal Google Books nach „dummer n****“ oder N*** allgemein mit zeitlicher Einschränkung.

    M.E. ist es white privilege, den Ausdruck als ’schon nicht so schlimm, den kann man schon in den Mund nehmen, solange man nur ausreichend Distanz dazu wahrt‘ wahrzunehmen – oder es besteht zumindest die Möglichkeit, dass einem hier white privilege den Blick vestellt, weswegen man vielleicht noch mal innehalten sollte.

    „Dieses Bewusstsein wird aber natürlich nicht über Verbote erlangt – keine Frage.“

    Natürlich nicht, aber ein verletztendes Wort nicht zu verwenden, gehört ja mal zu den Grundvoraussetzungen dafür, ein kritisches Bewusstsein darüber zu schaffen.
    Als ob man ein Kinderbuch benötigte, um Rassismus (und Alltagsrassimus zumal) gegenüber Kindern zu thematisieren!
    (Auch sich mal die Frage zu stellen, welche Kinder man eigentlich vor Augen hat, wenn man so argumentiert – und was, wenn man diesen Prototyp mal probeweise durch ein Kind, das selbst PoC ist, ersetzt??)

    M.E. überzeugende Debattenbeiträge:
    http://maedchenmannschaft.net/rassismus-raus-aus-kinderbuechern/
    http://drmutti.wordpress.com/2012/09/10/man-muss-nur-reden-mit-den-kindern/
    http://maedchenmannschaft.net/hamsterrad-der-ignoranz-wenn-weisse-mit-sich-selber-ueber-rassismus-reden/
    http://maedchenmannschaft.net/political-correctness-fleischhauers-trottelargumentation/
    http://stoptalk.wordpress.com/2012/05/29/reflection-its-a-thing/

    VG

    Jana

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