„Unnützes Sprachwissen“ vom Duden

Im Duden-Verlag ist in diesem Jahr ein kleines Heftchen mit dem Titel „Unnützes Sprachwissen. Erstaunliches über unsere Sprache“ erschienen. Mein erster Eindruck war, dass der Titel paradox klingt: Etwas ist unnütz und erstaunlich zugleich? Allerdings wollen wir dies nicht bierernst nehmen, 17 Maiskolben in 2 Minuten zu essen ist wohl erstaunlich und unnütz zugleich, also bin ich einverstanden.

Auf 80 Seiten wird durch verschiedenste Gebiete des Sprachwissens galoppiert: Man erfährt, dass „die Bcuhstbaenrehenifloge in eneim Wrot eagl ist“, will man es lesen können (S. 9). Man lernt, dass (mindestens) fünf verschiedene Möglichkeiten bestehen, das „Ch“ am Anfang eines Fremdworts auszusprechen, wie in Chaos, Chemie, Check, Chiffre und Chuzpe (S.46). Auch das Missverständnis bzw. der Fehlglaube, dass Friedhof von Frieden käme, wird kurz und knackig ausgeräumt (S. 75). Friedhof leitet sich nämlich aus dem Althochdeutschen frithof ab, was einen abgegrenzten, eben eingefriedeten Platz vor einer Kirche bezeichnete. Soweit ist das alles auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht durchaus korrekt, wenn auch recht knapp zusammengefasst. Für den Alltag ist dieses Wissen aber tatsächlich wohl nicht so nützlich.

Es gibt aber auch problematische Fälle: So werden bspw. 60 (!) Alternativen für Dummkopf aufgezählt – zugegeben eine sehr unterhaltsame Auflistung (S. 52). Darunter auch Pomuchelskopp, Dödel und Weihnachtsmann. Hier haben wir drei unterschiedliche Fälle einer semantischen Entsprechung, die so nebeneinander nicht stehen dürften: Pomuchelskopp ist stark dialektal, Dödel hat mindestens zwei weitere Bedeutungen (ugs. für Penis und fachsprachlich für einen Nagel im Schiffsbau) und Weihnachtsmann betrifft eben auch den Weihnachtsmann. Oder wer wollte sagen, dass Dödel eine Alternative für Weihnachtsmann ist? Auf derselben Seite wird dann noch erklärt, dass der Anglizismus Baby das Wort Säugling verdrängt hätte, diesem Irrtum unterliegt auch regelmäßig der Verein Deutsche Sprache. Ob es im Übrigen für Mitsubishi so unnütz gewesen wäre, zu wissen, dass Pajero im Spanischen ugs. auch „Wichser“ – man entschuldige meine Wortwahl, aber ich hatte keine – bedeutet, da bin ich mir nicht so sicher (S. 46). Man erkennt: Weiß man unnützes Wissen richtig, ist es tatsächlich unnütz. Weiß man aber unnützes Wissen falsch, könnte es problematisch werden.

Zum Schluss noch einen Absatz über nützliches Sprachwissen: So etwas gibt es, sonst würde das Attribut unnütz aus dem Titel des Buchs wenig Sinn machen – dieser Schluss ist erlaubt aufgrund einer Präsupposition. Zu wissen, dass es so heißt, ist außerhalb der Linguistik vielleicht tatsächlich unnütz, aber eine Präsupposition zu erkennen, das ist sicher nützlich. Das könnte man dann wieder als implizites Sprachwissen oder als implizite Sprachkompetenz bei der Rezeption beschreiben – und das kann eben durchaus nützlich sein: Wer auf die Frage „Sperren Sie ihre Kinder eigentlich noch immer im Keller ein?“ mit einem bloßen „Nein!“ antwortet, hat sich nicht wirklich von dem eigentlichen Vorwurf freigemacht. Ein Buch über nützliches Sprachwissen hätte sicherlich mehr als 80 Seiten – und ich möchte nicht derjenige sein, der entscheidet, welches (Sprach-)Wissen nützlich ist und welches nicht.

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Ein Gedanke zu „„Unnützes Sprachwissen“ vom Duden

  1. Vielen Dank für den Artikel! Eine weitere etwas merkwürdige Stelle in dem Heftchen betrifft m.E. die Verdeutschung von Fremdwörtern: Hier werden 14 fehlgeschlagene Versuche 28 erfolgreicheren Verdeutschungsversuchen gegenübergestellt; das Verhältnis sollte wohl eher umgedreht werden. Aber: Immerhin wird anhand schöner Beispiele darauf aufmerksam gemacht, dass Verdeutschungsversuche oftmals nicht mehr als kurios sind.

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