Angenehmes Kondom: Fremdsprachen bei der Deutschen Bahn

Wie arm wäre die Globalisierung ohne die Beiträge der Deutschen Bahn. Die Rede ist freilich nicht vom internationalen Güter- und auch Personentransfer, sondern von den Beiträgen des Bahnpersonals zur lingualen Bereicherung, die insonderheit den Fernverkehrsreisenden immer wieder erfreuen.

„Inglisch ruuls de wörlt – sou wie häff tu ruul de Inglisch“, hat man sich offenbar irgendwann in der Konzernzentrale gesagt und folglich alle – heutzutage automatisch generierten – Lautsprecheransagen in den Bahnhöfen zusätzlich zum deutschen Text mit einer englischen Fassung ausgestattet. Das klingt dann ungefähr so: „Auf Gleis vier fährt in Kürze ein: Intercity Zwanzig-null-null nach Bremen. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges. – On track four is now arriving: Intercity Twenty-oh-oh to Bremen. Please take care while the train is approaching.“ Wohlgemerkt: in Kürze; vom Zug selbst ist noch gar nichts zu sehen. Present Progressive als Futurform? Oh, oh …

Ebenso wurden anscheinend alle Zugchefs des Fernverkehrs angewiesen, ihre Durchsagen jeweils auf Englisch zu wiederholen. Das Problem: Wenn man es schon als Riesenkonzern nicht fertigbringt, in die Maschine korrekte englische Sprachbausteine einzufüttern, dann machen einzelne Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht richtig Englisch gelernt haben, natürlich noch weitaus mehr falsch: „Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord des Intercity auf der Fahrt nach Hamburg Altona. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise. – Lehdis än dschendlmeng, wi wellkamm ju on boad de Intercity to Hamburg Altona. Wi wisch ju a plesnt dschonni.“ – A pleasant Johnny?? Offensichtlich weiß der gute Mann nicht, dass Johnny ein englisches Slangwort ist und ›Kondom‹ bedeutet. So was nennt man BSE (Bad Simple English). Warum dann nicht gleich: „We wish you a good fart“?

Dass sie in Deutschland sind, merken anglophone Reisende nicht nur an der perfekten Aussprache und den diversen Main Stations, die allenthalben angekündigt werden – „… in ä fju minits wie ärraif in Mjunik mäin stäischn …“ usw. – und die es vermutlich nur hierzulande gibt (die englische Entsprechung für Hauptbahnhof wäre central station), sondern auch an der herzlich-zupackenden Direktheit. Zwar besteht, wie allgemein bekannt, kein Zusammenhang zwischen Bindehautentzündung (Konjunktivitis) und der Vermeidung des Indikativs, umgekehrt aber besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen dem Gebrauch des Konjunktivs und sprachlicher Höflichkeit: „Könnten Sie mir bitte die Butter geben?“ ist höflicher als „Können Sie mir bitte die Butter geben?“, und wenn man das Ganze dann noch nicht einmal als Frage, sondern gleich als Aufforderung formuliert („Bitte geben Sie mir die Butter!“), dann nimmt die Höflichkeit noch weiter ab. Ganz verloren geht sie aber erst, wenn man auch noch auf das Bitte verzichtet: „Geben Sie mir die Butter!“

Nun erwartet vermutlich sowieso kaum noch jemand in Deutschland einen Höflichkeitskonjunktiv; aber ein Bitte hier und da? Never ever: „In wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. – In a few minutes we arrive in Leipzig main station. Get out left side.“ – Man weiß: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“ (Goethe, Faust II); und anscheinend bleibt der Deutsche eben auch dann Deutscher, wenn er Englisch spricht.

Es ist aber keineswegs alles schlecht, was spricht. Auf manchen Strecken, zum Beispiel nach Amsterdam oder nach Brüssel, legt sich die Deutsche Bahn richtig europäisch ins Zeug und bringt die Ansagen gleich in vier Sprachen: Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch. Vorgetragen werden sie hier in der Regel von Bahnangestellten, die alle oder fast alle diese Sprachen fließend beherrschen. Nur hören die sich dann bisweilen so gern selbst reden, dass sie nicht nur die Stationen, sondern in allen ihren vier Sprachen das gesamte Speisewagenmenü aufsagen. Auch eine Art der akustischen Umweltverschmutzung. Dann ja vielleicht doch lieber kurz BSE und ansonsten Ruhe …

Nach wie vor wird bei der Deutschen Bahn übrigens auch Deutsch gesprochen. Einige der schönsten Leistungen auf diesem Gebiet haben wir schon an anderer Stelle kommentiert (http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/planabfahrt.htm, http://www.baer-linguistik.de/beitraege/sprachglossen/db_innovationen.htm). Es sei daher hier erlaubt, einmal die Tatsache hervorzuheben, dass man bisweilen auch nichts zu kritisieren findet (sprachlich jedenfalls): „Meine Damen und Herren, leider haben wir derzeit eine Verspätung von fünfzig Minuten. Diese Verspätung resultiert aus einer Störung des Triebfahrzeugs. Des Zuges nächster Halt: Bensheim.“ – Boah ej! Das sollte Bastian Sick mal hören: „Des Zuges nächster Halt“! Von wegen, der Genitiv stirbt aus …

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4 Gedanken zu „Angenehmes Kondom: Fremdsprachen bei der Deutschen Bahn

  1. In Deutschlands Großstädten sind tatsächlich die meisten Hauptbahnhöfe / „main (train) station“ auch Zentrumsbahnhöfe / „central (train) station“ (und wenige sind, wie noch in Stuttgart, “terminals”). Während im Deutschen der zweite Begriff unüblich ist, geht im Englischen beides, wobei der zweite etwas geläufiger sein dürfte – noch geläufiger sind zumindest in Großbritannien arbiträre Bahnhofsnamen („King’s Cross“ etc.). Welche Bezeichnung die DB – oder diejenige ihrer unzähligen Tochtergesellschaften, die für die Bahnhöfe verantwortlich ist – fürs Englische bevorzugt, ist weitgehend ihr überlassen. Bei den Bahnen hat es ja Tradition, die Fahrgäste ungefiltert mit internen, wenig transparenten Fachbegriffen und Konventionen zu konfrontieren: „Person im Gleis“, Zielbahnhof statt Zielort (bspw. „Hamburg Altona“), fehlende oder unfassbar hohe Gleisnummern im Bahnhof, …

    Die Kritik am Progressiv kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen: der Zug ist bereits am Einfahren, zumindest in Bahnerlogik, denn darin zählt in erster Linie das mitunter weit aus dem Bahnhof hinausreichende Gleis und nicht der Bahnsteig samt zugehörigen Gebäuden.

    Immerhin gibt es bei der DB und sogar bei den Regionalbahnen relativ viele Bedienstete, die tatsächlich für ihren Tätigkeitsbereich ausreichend des Englischen mächtig sind. (Gewisse Kompetenz- und Performanzprobleme sind tolerabel.) Ich empfehle jedem den heilsamen Selbstversuch wahlweise in süd(west)lichen oder (süd)östlichen Nachbarländern (ohne eigene Kenntnisse einer romanischen oder slawischen Sprache, versteht sich).

    Warum die Ausstiegsseite sprachlich angekündigt werden muss, egal ob höflich-umständlich oder sachlich-knapp, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Es sei denn, sie ist für die wenigen blinden (kleines „b“) Passagiere gedacht, denn für alle anderen wären farbige Lichter an den Türen (rot: hier nicht, gelb blinkend: gleich hier, grün: jetzt hier) oder Pfeile auf den elektronischen Hinweistafeln viel hilfreicher, weil auch nach der Durchsage noch präsent (und im Gegenzug für die tauben Passagiere geeignet).

    Den stigmatischen Begriff „BSE“ halte ich übrigens für ein verständliches und damit eigentlich vorhersehbares Symptom einer an sich positiven Entwicklung: die englische Sprache wird den Muttersprachen mehr und mehr entrissen und von einer globalen Kultur vereinnahmt, deren Mitglieder sich das Recht herausnehmen, ihre Weiterentwicklung ebenfalls mitzugestalten. Das (im Englischen überraschenderweise durch die „mad cow disease“nicht vorbelastete) Akronym kennzeichnet somit das Pendant zur anhaltenden Anglizismenkritik in (unter anderen) der deutschen Sprachgemeinschaft.

  2. Merkwürdig: Kaum habe ich eine Glosse verfasst, höre ich im Fernverkehr gar keine englischen Ansagen mehr?! Neiin, liebe Deutsche Bahn, so war’s doch nicht gemeint!

  3. Ein Beitrag, auf den jeder Sprachnörgler stolz sein könnte: Voller falscher Behauptungen und schlechter Witzchen und völlig frei von sprachwissenschaftlichen Informationen!

    Present Progressive als Futurform? Oh, oh …

    Das Present Progressive dient im Englischen regelmäßig als Futurform, wie sich problemlos in jeder Schulgrammatik nachlesen ließe. Wenn überhaupt, könnte man sich bei dieser Ansage über das „now“ streiten — das ist aber kein sprachlicher Fehler, sondern ein Trick, um die Wartezeit psychologisch zu verkürzen. Die Ansage „The train is now arriving“ findet man dementsprechend auch in der englischsprachigen Welt häufig.

    Wi wisch ju a plesnt dschonni.“ – A pleasant Johnny?? Offensichtlich weiß der gute Mann nicht, dass Johnny ein englisches Slangwort ist und ›Kondom‹ bedeutet.

    Witzchen über die englische Aussprache von Zugchefs? Ernsthaft? Offensichtlich weiß der Autor nicht, dass Aussprache variabel ist und englischsprachige Fahrgäste problemlos in der Lage sein dürften, bei der Interpretation den Kontext mit einzubeziehen.

    Dass sie in Deutschland sind, merken anglophone Reisende nicht nur an der perfekten Aussprache und den diversen Main Stations, die allenthalben angekündigt werden – „… in ä fju minits wie ärraif in Mjunik mäin stäischn …“ usw. – und die es vermutlich nur hierzulande gibt (die englische Entsprechung für Hauptbahnhof wäre central station)…

    Wie crissov sagt. Erstens benutzt die Deutsche Bahn auch den Begriff central station, zweitens wird das Wort main station im (britischen) Englisch dann verwendet, wenn man in Orten mit mehreren Bahnhöfen den Bahnhof, der nur so heißt, wie der Ort, von denen abgrenzen will, die noch Namenszusätze haben, siehe z.B. hier: http://www.nationalrail.co.uk/stations/fnb/details.html — warum sollte die Deutsche Bahn das nicht dürfen?

    • Ein Kommentar, den man mit Vergnügen liest: relevant, kompetent und mit unvergleichlichem Charme formuliert. Zudem: Es ist der linguistische Star-Blogger in Person, der unserem kleinen SprAACHENblog die Ehre erweist. – Inhaltlich möchte ich nichts erwidern. Wenn eine Parodie nicht als solche erkannt wird, dann war sie entweder zu schlecht oder aber gerade richtig gut … Was nun zutrifft, möge das geneigte Publikum entscheiden. Und auch, ob es eher einen engen oder eher einen weiten Begriff von Linguistik-Blog bevorzugt.

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