Eine Sprache namens “Horst”

Im Rahmen der Nacht der Wissenschaft 2015, die alljährlich von der RWTH Aachen veranstaltet wird, boten der Lehrstuhl für Deutsche Philologie und das Lehr- und Forschungsgebiet Germanistische Sprachwissenschaft einen Erlebnisparcours zum Thema „Was ist eigentlich DEUTSCH?“ an. Ziel des Parcours war es, die BesucherInnen mit Hilfe eines Hörquiz dazu zu bewegen ihre eigene Sprachwahrnehmung zu reflektieren und sie für das breite Variationsspektrum der deutschen Sprache zu sensibilisieren.

Wie im Beitrag der letzten Woche angekündigt worden ist, haben wir die Hörquiz-Antworten der BesucherInnen des Erlebnisparcours anonymisiert und einer kleinen Auswertung unterzogen. Für diejenigen, die beim Erlebnisparcours nicht selbst mit dabei waren, aber trotzdem gespannt sind, welche Antworten gegeben wurden, kommt hier zur besseren Nachvollziehbarkeit zuerst eine kurze Zusammenfassung des Quiz.

Die Besucher und Besucherinnen wurden dazu eingeladen insgesamt drei verschiedenen Hörproben zu lauschen und dazu jeweils einen kurzen Quizbogen auszufüllen. Bei jeder Sprachprobe ging es darum, den oder die Sprecherin individuell einzuordnen und ein Urteil über die Sprache der Probanden abzugeben. Die Sprachproben waren natürlich nicht willkürlich gewählt, sondern stellten jede für sich einen Ausschnitt aus dem Varietätenraum der deutschen Sprache dar. Ohne jetzt einen tieferen Sprung in die Linguistik zu wagen und ein Fass aufzumachen, das selbst in der Wissenschaft noch nicht vollständig gelehrt wurde, sei hier nur kurz erwähnt, dass es sich bei Varietäten um sprachliche Subsysteme einer Sprache, wie z.B. des Deutschen, handelt, die mit einem bestimmten außersprachlichen Faktor (z.B. der Region, dem Alter, dem Beruf) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit regelmäßig gemeinsam auftreten. Besonders anschaulich ist das z.B. bei Dialekten, die ja bekanntermaßen immer in Verbindung mit einem bestimmten geografischen Gebiet stehen. Für unser Quiz haben wir uns für die Faktoren Sprache und Raum (Hörquiz 1: Dialekt), Sprache und Beruf (Hörquiz 2: Medizin) sowie Sprache und mehrsprachige Jugendliche (Hörquiz 3: Kiezdeutsch) entschieden.

Foto 1

Foto 1: Hörstation

Ganz konkret ging es im ersten Teil des Quiz um eine persönliche Einschätzung des Sprechers oder der Sprecherin. So waren die BesucherInnen aufgerufen, das Alter, den Beruf und die Herkunft der SprecherInnen zu erraten. Außerdem sollten die Befragten der gehörten Sprache einen Namen geben. Im zweiten Teil des Quiz sollten sie bewerten, ob ihnen die Sprache des jeweiligen Sprechers gefallen hat oder nicht, ob sie glauben, dass die SprecherInnen auch anders sprechen können und was ihnen ganz besonders an der jeweiligen Sprache aufgefallen ist. Damit die QuizteilnehmerInnen ihren Ideen und Assoziationen möglichst freien Lauf lassen konnten, haben wir bewusst keine Antworten zum Ankreuzen vorgegeben, sondern uns schon bei der Vorbereitung auf die kreativen Begründungen der QuizteilnehmerInnen gefreut. Und wie sich gezeigt hat, sollten wir nicht enttäuscht werden! :)

Beim Vergleich mit der „Auflösung“ des Hörquiz erlebten so manche ungeahnte Überraschungen oder sogar starke Erschütterungen des eigenen sprachlichen Weltbildes. Denn wieder einmal bewahrheitete sich die sprachwissenschaftliche Erkenntnis, dass wir aus der Art und Weise wie jemand spricht auf die Person dahinter schließen, dass wir uns ein Bild von ihr bezüglich ihres Alters, ihrer geografischen und sozialen Herkunft, ihres Berufs und sogar ihrer charakterlichen Qualitäten und momentanen Gefühlslage machen. Dabei sind auch einige BesucherInnen – und es hat uns sehr gefreut, dass unser Plan aufgegangen ist –gängigen Vorurteilen und Klischees auf den Leim gegangen. Der Abgleich mit der Realität zeigte nämlich, dass unser sprachliches Urteil auch trügen kann! Diese Diskrepanz zwischen sprachlicher Erscheinung und lebensweltlicher Realität wurde von unserer Seite natürlich absichtlich in das Quiz integriert und firmierte intern nur unter der Bezeichnung „Der Björn-Effekt“ (benannt nach dem Sprecher des Hörquiz 1). Wir hoffen, dass sich dieser Begriff in naher Zukunft auch in der Fachliteratur durchsetzen wird. ;)

Foto 2

Foto 2: Ausstellungswand mit den beantworteten Hörquizbögen der TeilnehmerInnen

Von den insgesamt 150 ausgeteilten Quizbögen fanden 67 ihren Weg für alle sichtbar an unsere Ausstellungswand. Besonders erfreulich war dabei, dass sich die Anzahl der eingegangenen Bögen gleichmäßig auf die drei Hörproben verteilte, so dass wir 22 bis 23 ausgefüllte Quizbögen pro Hörquiz erhielten. Die Antworten waren manchmal verblüffend und unerwartet, und manchmal entsprachen sie genau dem, was wir im Vorhinein antizipiert hatten. Aber nun möchten wir niemanden länger auf die Folter spannen und kommen zur (gänzlich unwissenschaftlichen) Auswertung unseres Hörquiz. Exemplarisch haben wir dafür das Hörquiz 1 gewählt, in dem der männliche Sprecher mit einem leichten obersächsischen Dialekt spricht.

Auswertung von Hörquiz 1

Unser Sprecher Björn wurde durchschnittlich auf 42 Jahre geschätzt. Damit wurde er charmanter Weise für 5 Jahre jünger gehalten als er tatsächlich ist. Ziemlich einig waren sich die Befragten bezüglich Björns Beruf: Sie hörten in ihm entweder einen Handwerker (Maurer, Baustellenarbeiter, Dachdecker) oder einen Beamten (Lehrer, Verwaltungsangestellter, Polizist). Die Antworten der BesucherInnen decken sich dabei mit sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen, die enthüllen, dass DialektsprecherInnen häufig mit einem niedrigen Bildungshintergrund und einem einfachen sozialen Milieu in Verbindung gebracht werden. Aber in diesem Fall kam der bereits oben angesprochene „Björn-Effekt“ zum Tragen, denn Björn ist im wahren Leben ein studierter Sprechwissenschaftler, der seit vielen Jahren an der Universität unterrichtet!

Auch bei Björns regionaler Herkunft herrschte nahezu Einhelligkeit: Die meisten verorteten ihn entweder in Sachsen oder ganz spezifisch in den Städten Leipzig oder Dresden (s. Foto 3). Und in diesem Fall lagen die Befragten geografisch sogar fast richtig: Björn stammt aus Sachsen-Anhalt! Dass die BesucherInnen ausschließlich Sachsen nannten, lässt sich vielleicht mit ihrem impliziten dialektologischen Vorwissen erklären. So werden die in Björns Heimatregion gesprochenen Dialekte typologisch nämlich zum Obersächsischen gezählt, was zeigt, dass politische Grenzen nicht zwangsläufig auch sprachliche sein müssen und die Übergänge zwischen den verschiedenen Dialekten fließend und nicht klar voneinander abgrenzbar sind. Aber vielleicht bedeutet diese Zuordnung auch, dass wir eine viel konkretere Vorstellung davon haben, wodurch sich Dresdnerinnen und Leipziger sprachlich auszeichnen als z.B. davon wie Menschen, die in Halle aufgewachsen sind, tatsächlich sprechen. Diese „sächsische Prominenz“ im kollektiven Bewusstsein ist natürlich immer auch von der jeweiligen Bedeutung der Städte, ihren BewohnerInnen und ihrer Präsenz in den Medien beeinflusst. Denn mal im Ernst: Wer hier in rheinischen Gefilden weiß schon, wie sich nordthüringische oder vogtländische Mundarten anhören, wenn er oder sie nicht gerade Verwandtschaft dort hat?

Foto 3

Foto 3: Antworten der QuizteilnehmerInnen auf die Frage „aus welcher Region oder Stadt der Sprecher kommt“ (Quelle der Karte: http://geodressing.de/freie-karten/politische-deutschlandkarte; 23.11.2015)

Bei der Frage, welchen Namen die QuizteilnehmerInnen der Sprache des Sprechers geben würden, vielen die Antworten der Befragten interessanterweise sehr unterschiedlich aus und sorgten auf allen Seiten für erhebliche Erheiterung. Neben einer geografisch inspirierten Kategorie, die die Bezeichnung „Sächsisch“ präferierte, etablierte sich auch eine onomastische, in der Namen wie „Paul“, „Horst“, „Manfred“ oder „Jürgen“ vorgeschlagen wurden. Nach anfänglichem Gelächter und der leicht irritierten Nachfrage einer Besucherin („Eins habe ich nicht verstanden. Wie soll ich denn von der Sprache des Sprechers auf seinen Vornamen schließen?“) schrieben wir diese Antworten der Qualität unseres Quizbogens zu. Denn die Konstruktion der Frage „Was glaubst du, welchen Namen die Sprache des Sprechers tragen könnte“ war wohl etwas unglücklich gewählt, da „des Sprechers“ von vielen Befragten kurzer Hand zum Subjekt befördert und die Frage neu interpretiert wurde. :)

Fast die Hälfte der Befragten konnte Björns Sprache übrigens überhaupt nichts abgewinnen. Als Begründung wurde angeführt, dass sie „bäuerlich“, „dümmlich“ oder sogar „gruselig“ klinge, „primitiv“ wirke und Zeichen eines „schlechten sprachlichen Ausdruckvermögens“ sei. In einem Fall genügte allein das Label „Sächsisch“ als Begründung für die ablehnende Haltung des Quizteilnehmers. Etwas mehr als ein Drittel war sich unsicher, ob ihnen die Sprache gefiele, weil „man sich so konzentrieren muss“, um „folgen zu können“, oder weil seine Sprache zwar „lustig“, aber auch „anstrengend“ sei oder er sich „leicht gelangweilt“ anhöre, aber dafür „auf dem Boden geblieben“ zu sein scheine, was offensichtlich eine positiv bewertete Eigenschaft ist. Nur 1/5 der QuizteilnehmerInnen fand Gefallen an Björns Sprache und bezeichnete sie als „gemütlich/heimatlich/deutsch“, „entspannt“ oder „unterhaltend“. Und sogar eine Teilnehmerin hält das Sächsische prinzipiell für „nett“ und wollte damit scheinbar keineswegs an des Adjektivs kleine Schwester erinnern…

Übrigens war sich nur ein knappes Drittel der Befragten sicher, dass Björn auch anders sprechen könne, z.B. wenn er „auf dem Amt“ zu tun habe oder er „sich anstrenge Hochdeutsch zu sprechen, das er wahrscheinlich zumindest aus dem Fernsehen“ kenne. Wer Björn kennt, weiß, dass er sehr wohl in der Lage ist Standarddeutsch zu sprechen und der Dialekt für ihn mittlerweile eher die Ausnahme darstellt. Dieser kommt nämlich nur noch dann zum Vorschein, wenn er sich in seiner Heimatregion im Kreise seiner Familie und FreundInnen aufhält. Wer hätte das gedacht? :) Offensichtlich die Wenigsten, was uns ziemlich erstaunt hat. Denn in der Soziolinguistik besteht Konsens darüber, dass wir alle über ein individuell ausgeprägtes Variantenrepertoire verfügen. Für die meisten TeilnehmerInnen war diese Tatsache bei der Beurteilung von Björns muttersprachlicher Variationskompetenz jedoch kaum oder gar nicht relevant. Diese angenommene „Einsprachigkeit“ Björns bestätigt ein gängiges Vorurteil – welches durch Schule und selbst ernannte Sprachautoritäten immer wieder genährt wird – , das besagt, dass wir alle immer und überall gleich sprechen. Dabei hat die Sprachwissenschaft gezeigt, dass wir uns sprachlich immer auf unser Gegenüber, das Thema, die Situation und unsere Intentionen einstellen, unsere sprachlichen Ausdrucksmittel anpassen und variieren. Wir sind also mitnichten so „einsprachig“ wie wir häufig annehmen!

Interessanterweise zeigte der Vergleich der Sprachproben untereinander, dass die meisten TeilnehmerInnen dem jungen Mann mit Migrationshintergrund aus Hörquiz 3 viel eher als Björn zutrauen würden anders sprechen zu können. Mit anderen Worten: Menschen mit mehrsprachigem Hintergrund scheint eher zugestanden zu werden, dass sie sprachlich variieren und ihre Sprache kontextuell ausrichten können als deutschen MuttersprachlerInnen, die dialektal gefärbt sprechen. Ob dieses Ergebnis auf die Vermutung der QuizteilnehmerInnen, dass es sich bei der Sprachprobe 3 um „Satire“ handele und sich die Sprache „nachgestellt“ oder „gespielt“ anhöre, zurückzuführen ist, müssten weitere Untersuchungen klären. Aber unabhängig von den angeführten Begründungen zeichnen die Antworten die sprachwissenschaftlich erhobene Tendenz nach, dass DialektsprecherInnen einer Form von sprachlicher Diskriminierung ausgesetzt sind und unter der gesellschaftlich stark verbreiteten Standardideologie zu leiden haben.

Foto 4

Foto 4: Ein Beispiel für die gesellschaftlich stark verbreitete Standardideologie (Quelle der Abbildung: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Themen/Op-Platt/Warum-haben-wir-das-verlernt; 23.11.2015)

Bei der Frage nach Björns sprachlichen Auffälligkeiten hat uns sehr verwundert, dass über die Hälfte der TeilnehmerInnen die dialektalen Besonderheiten mit seinem Temperament in Beziehung setzte. So hielten ihn viele für „emotions- oder leidenschaftslos“, „wenig begeistert“, „gelangweilt“ oder aber „für ein ausgesprochenes ruhiges Kerlchen“, das „besonnen“ wirke. Diese Einschätzung wurde z.T. mit der auditiv wahrgenommenen „monotonen“, „nicht sehr betonten“ Stimmführung begründet. Auch hier scheint sich die negative Wahrnehmung und Bewertung des Dialektsprechers aufgrund seiner Sprache fortzusetzen.

Wir könnten jetzt noch viele Seiten darüber schreiben, welche weiteren interessanten Ergebnisse die Antworten zu Björns Sprachprobe aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu Tage gefördert haben, aber das würde vermutlich den Rahmen eines Blogeintrags und die Geduld der Leserschaft gehörig überstrapazieren. ;) Es sei nur so viel gesagt: Auch die Antworten zu Hörquiz 2 und 3 versprechen spannende Anknüpfungspunkte für linguistische Forschungsarbeiten. Zum Beispiel ließe sich untersuchen, welche Aspekte muttersprachlicher Variationskompetenz im kollektiven Bewusstsein verankert sind, wann sie relevant werden und welcher Bewertung sie unterliegen. Oder es könnte näher betrachtet werden, inwiefern fachsprachliche Performanz die Wahrnehmung der Sprachkompetenz der SprecherIn beeinflusst. Oder aber es ließe sich danach forschen, an welchen sprachstrukturellen Merkmalen wir festmachen, ob es sich um authentische oder stilisierte Sprache handelt oder oder oder…

Bevor wir uns an dieser Stelle jedoch in linguistischen Visionen verlieren, sei noch mal allen BesucherInnen ganz herzlich für die rege Teilnahme an unserem Erlebnisparcours und die vielen tollen Fragen, die kritischen Anregungen und die ausführlichen Gespräche gedankt! Wir hatten einen wunderbaren und inspirierenden Abend und hoffen, dass auch Ihr neue Einblicke in die Vielfalt der deutschen Sprachwirklichkeit gewonnen habt!

Sprachliche Vielfalt erlebbar gemacht

Ein Science Slam, Technik-Vorführungen, mehr oder weniger lehrreiche Shows und Experimente, die den Forschergeist der großen und kleinen BesucherInnen wecken sollen: auf der Wissenschaftsnacht 5 vor 12 präsentiert sich die RWTH von ihrer besten Seite. Dass es den teilnehmenden Instituten dabei um mehr als „Exzellente Unterhaltung“ geht, ist klar. Freiwillige vor!
Am Lehrstuhl für Deutsche Philologie fahren allerdings keine Roboter durch die Gänge und im Lehr- und Forschungsgebiet Germanistische Sprachwissenschaft werden keine Rennwagen gebaut. Was lässt sich also publikumswirksam inszenieren, möchte man fragen, wenn der eigene Arbeitsplatz keine beeindruckend ausgestattete Werkhalle sondern ein simpler Schreibtisch ist, wo statt Präzisionslasern Tastatur und Mouse bedient werden? Unsere Antwort: die Vielfalt der deutschen Sprache.

Was ist eigentlich Deutsch Bild

Die BesucherInnen des Erlebnisparcours Was ist eigentlich DEUTSCH? konnten sich an drei Hörstationen Proben verschiedener Sprachvarietäten anhören; die ausgelegten Quizbögen regten dazu an, sich näher mit dem Gehörten auseinanderzusetzen. Was ist das für ein Mensch, der da spricht? Wo kommt er oder sie her? Auf welchen Bildungshintergrund lässt die Probe schließen? Wie könnte diese Sprachvarietät heißen? Aufgelöst wurde das Quiz mit kurzen Steckbriefen der Sprecher, die in thematisch auf die Sprachprobe ausgerichtete Poster integriert waren. So konnten die Besucher nicht nur einen Eindruck von der eigenen Sprachwahrnehmung gewinnen, sondern auch entdecken, was genau LinguistInnen eigentlich erforschen und zu welchen Ergebnissen sie dabei kommen. Etwa 200 Interessierte kamen zum Mitraten, blieben zum Fragen stellen und gingen mit der Erkenntnis: Deutsch ist viel mehr als das, was man in der Schule lernt. Und außerdem: das Bild, das ich mir aufgrund der Sprache von einem Sprecher mache, kann trügen!

Der rege Zulauf, den der Parcours ungeachtet seiner abgeschiedenen Lage hatte, zeigt, dass das Thema sprachliche Vielfalt trotz (oder gerade wegen) seiner alltäglichen Erfahrbarkeit bei vielen Menschen einen Nerv trifft – ganz ohne Roboter und Laser. Die 150 vorbereiteten Quizbögen waren noch vor Ende der Veranstaltung vergriffen. Viele BesucherInnen folgten unserem Vorschlag, die ausgefüllten Bögen an einer Wand aufzuhängen und so im Laufe des Abends eine kleine Ausstellung entstehen zu lassen. Die nachträgliche Betrachtung der gesammelten Antworten hat uns so viel Spaß gemacht, dass wir die Ergebnisse gerne teilen möchten. Die Auswertung wird demnächst im Spraachenblog veröffentlicht.

Studierendentagung: “Grammatik verstehen und vermitteln” am 17.7. in Aachen

„Entspannen Sie sich, wir wissen, dass Grammatik nie das Fach der Herzen war – auch für uns nicht!“ So (oder so ähnlich) beginnen meine werte Kollegin Katrin Beckers und ich in der Regel unsere Grammatik-Seminare am LuF Germanistische Sprachwissenschaft der RWTH Aachen. Allerdings haben wir den heimlichen (und jetzt nicht mehr heimlichen) Anspruch, genau diese Einstellung bei unseren Studierenden zu ändern. Manch eine oder einer mag sagen wollen, dies käme der Quadratur des Kreises gleich – unsere Erfahrungen sind aber ganz andere: Dies zeigt sich in den vielen exzellenten und spannenden Hausarbeiten der letzten Semester, die jedes andere thematische Seminar an Facettenreichtum um Längen schlagen, ischwör!

Warum das so ist? Grammatik, verstanden als Grammatik-Theorien, aber auch als phonologische, morphologische und syntaktische Beschreibungsebene, ist als umfangreiches formales und funktionales Analyseinstrumentarium die Basis für zahlreiche ‚moderne’ Forschungsfelder der Linguistik – ohne geht es eben nicht oder kaum vollständig. Das ist der Vorteil, wenn man sich im Thema Grammatik wohl fühlt, aber auch der Grund für den schlechten Ruf der Grammatik. Außerdem ist nicht zu vernachlässigen, dass Grammatik auf den Lehrplänen der weiterführenden Schulen steht, deshalb müssen angehende Deutsch-Lehrerinnen und -Lehrer an der RWTH ein entsprechendes Seminar belegen. Angehende Lehrkräfte müssen Grammatikkenntnisse nicht leidlich irgendwie können, sie müssen die absoluten Experten sein – das ist unser Eigenanspruch an unsere Grammatik-Seminare und die Absolventen. Uff, Ansprüche sind dazu da, um an ihnen zu scheitern! Um an unserem Anspruch möglichst knapp zu scheitern, haben wir ein neues Seminarmodell entwickelt, das sich vor allem durch zwei Merkmale auszeichnet: Nach dem ersten Teil, in dem die linguistischen Grundlagen der klassischen grammatischen Beschreibungsebenen und ausgesuchte Grammatiktheorien (Valenz- bzw. Dependenzgrammatik, Stellungsfeldermodell und Phrasenstrukturgrammatik) vermittelt und an Beispielen kritisch reflektiert wurden, erarbeiteten die Studierenden im zweiten Teil des Semesters in Kleingruppen mediale Vermittlungsformate – Blended Learning!

Am 17.7.2015 findet an der RWTH Aachen (LuF Germanistische Sprachwissenschaft) eine Studierendentagung statt, bei der die Studierendengruppen die erarbeiteten Formate vorstellen und diskutieren: Grammatik verstehen und vermitteln. Die Wahl der Themen, der Formate und die Adäquatheit der Vermittlung kann sich sehen lassen: Wir hatten schon das Vergnügen, manche Formate zu begutachten – es wurde sehr gut und mit Spaß am Grammatik – wer hätte DAS gedacht!!! – gearbeitet! Zudem konnten wir Prof. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) für einen eröffnenden Vortrag zum Thema Grammatik in der Schule gewinnen.

Interessierte finden hier den Flyer und das Programm der Tagung. Sollten Sie Interesse haben, melden Sie sich bitte an unter:
k.beckers@isk.rwth-aachen.de oder f.schilden@isk.rwth-aachen.de

Demnächst werden wir das Semester hier nochmal mit etwas mehr Distanz reflektieren, bislang sind wir sehr zufrieden mit dem Format, aber vor allem mit dem Engagement der Studierenden! Ob Grammatik das Fach der Herzen werden wird, wer weiß das schon, aber vielleicht konnte die Grammatik durch das Seminar die Abstiegsränge verlassen und kann im weiteren Studien- und Berufsleben der Teilnehmenden um die Champions-League-Plätze mitspielen. Schön wär´s.

Satire 2.0? NEO MAGAZIN ROYALE zeigt, wie es gehen kann!

Ich hätte heute Morgen frohlocken können und danke meiner lieben Kollegin Eva Dickmeis. Ich schreibe gerade Aufsätze zum Thema Kabarett bzw. Satire und suche nach schönen Beispielen, an denen man verdeutlichen kann, was den Kern von Satire ausmacht. In dem Streit darum, was denn nun Satire dürfe, wird häufig der berühmt-berüchtigte Text, „Was darf die Satire?“, von Tucholsky in der Diskussion – samt Tucholskys Antwort, „Alles.“, – angeführt. Dabei ist eine grundlegendere Frage viel wichtiger: Was ist überhaupt Satire? Ich möchte Tucholskys Antwort hier neu formulieren: Was darf die Satire? Alles – wenn es denn dann auch Satire ist.

Eines vorweg: „Satire“ gibt es für mich nicht als fassbare Menge oder feste Form. Nach Meyer-Sickendieck ist Satire keine Gattungsbezeichnung, sondern vielmehr die Oberbezeichnung für „von aggressiv-ironischer Rhetorik geprägte ästhetische Werke“, die der „Verspottung des Lasters, im Unterschied zur Verspottung konkreter Einzelpersonen“, dient. Sie definiert sich also vom Zweck – der sozialen Funktion – her. Also, nochmal auf Anfang, ich suchte Beispiele und Eva zeigte mir dies.

Ich war begeistert und freue mich noch immer. Nicht (nur) wegen des Inhalts, was mich vor allem begeistert und mir imponiert, das ist die satirische Wirkkraft des ganzen Beitrags, des ganzen Coups.

Also: Satire ist dann Satire, wenn ästhetisch vermittelte Zeitkritik vorliegt. Dies kann in Texten, Bildern, Musik oder eben in multimodalen Kompositionen aus all diesen realisiert werden – und genau das hat Jan Böhmermann bzw. das Team von NEO MAGAZIN ROYALE gemacht, mit allen folgenden Videos oder Mitteilungen. Außerdem geht es darum, Laster anzuprangern, und nicht um das Beleidigen von Einzelpersonen. Es geht nicht um Jauch oder seine Gäste. Die sind nur die Folie, auf der das Laster vorgeführt und lächerlich gemacht wird. Dies funktioniert vor allem im Zusammenbringen von Widersprüchen: Selbstanspruch, investigativen Journalismus zu betreiben, vs. auf ein vermeintlich manipuliertes Video reinfallen; offene Diskussionsankündigung in gebührenfinanziertem Rahmen vs. Vorführen eines Politikers anhand eines vermeintlich manipulierten Videos; das Missverhältnis zwischen Diskursen, die notwendigerweise geführt werden müssen, und Scheindebatten; deutsche politische Verantwortung vs. Verhalten deutscher Politiker und öffentlicher Mediendiskurs. Zu guter Letzt schießt Böhmermann noch gegen die breite Masse, die nach dem Tatort ein wenig hetzen kann und auch soll. Die Kritik richtet sich also nicht an Jauch in personam, sondern an das Format und die Art und Weise, in dem und wie diskutiert wird – es ist Diskurskritik und Ziel sind verschiedene Ebenen: Sender, Politiker, Durchschnittsbürger – eben Zeitkritik. Satire ist parteiisch, sie muss es sogar sein. Genau das ist Satire, mit Tucholsky: „Nun kann man gewiß über all diese Themen [in unserem Kontext Griechenland im Kontext des Euros, F.S.] denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten“ – das ist doch das Schöne.

Eingebettet ist die Zeitkritik hier in einen spöttischen Beitrag, der sich erst scheinbar lustig macht über Beckmann, Kerner, Jauch usw., das satirische Potenzial steigert sich aber bis zum letzten Monolog Böhmermanns:

„Es trifft aber wirklich ´nen Nerv, ne? So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zweimal Europa verwüstet, aber wenn man uns den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus, dann kennen wir keine sachliche Diskussion mehr. Wenn uns ´n Grieche den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus – denn wir sind Deutsche. Liebe Redaktion von Günther Jauch, Yanis Varoufakis hat Unrecht, ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach nur das Video aus dem Zusammenhang gerissen, und ´nen griechischen Politiker am Stinkefinger durch´s Studio gezogen, damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem Tatort nochma schön aufregen können: “Der Ausländer, raus aus Europa mit dem! Der ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg, das gibts ja wohl gar nich! Wir sind hier die Chefs!” So! Das habt ihr gemacht (07:48-08:29)“.

Die ästetische Vermittlungsform ist am ehesten vielleicht als Collage zu bezeichnen aus Bildern, Schauspiel, Nachahmen von anderen Formaten, Zitation uvm, die sich dem Ziel der Zeitkritik unterordnen. Es geht um Subversion und wenn es stimmt, dass das ominöse Video von dem Magazin selbst manipuliert wurde, dann haben wir hier ein tolles Beispiel für Satire2.0. Und jetzt kommt der Clou: Selbst wenn die Geschichte von NEO MAGAZIN ROYALE um ihre Verantwortlichkeit für das vielleicht oder vielleicht nicht manipulierte Video erstunken und erlogen ist – die Zeit- und Diskurskritik bleibt erhalten. Seit wann wird in Unterhaltungssendungen die Wahrheit gesagt? Böhmermann selbst thematisiert dies in einem weiteren Video, wenn er von einem unterstellten „fake-fake fake-fake-fake“ spricht und die BILD-Redaktion und Jauch auffordert, die Euro-Zone zu verlassen. Die Zeit- und Diskurskritik geht auch dort weiter, das satirische Netz ist gespannt und man ging dem Team voll in die Falle:

Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen 2 Jahre alten aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, der Art skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.

Besser kann man das nicht machen.

Bastian Sick, die Indianer – und eine wirklich gute Sache!

Helau, Allaaf und Aloha aus Aachen! Es ist Altweiber (oder wie auch immer man den Tag des Übergangs vom Sitzungs- zum Straßenkarneval nennen mag – in Aachen Fettdonnerstag …), Närrinnen und Narren verkleidet euch! Als Kind (Ender der 80er, gegen Anfang der 90er, *schluck*) waren die meisten meiner Mitschülerinnen und -schüler bzw. die anderen Kindergartenkinder zumeist als Cowboy und -girl und/oder Indianer bzw. Indianerin verkleidet. Ich war Marienkäfer, auch ganz cool, nicht. Wie ich darauf komme? Ich muss ausholen: Ich habe den Tag nicht mit Karnevalsfreu(n)den verbracht, stattdessen habe ich mich für eine Auseinandersetzung mit Kopperschmidts Ausführungen zu Begründungssprachen entschieden. Der Effekt ist vermutlich vergleichbar: Ich werde morgen Kopfschmerzen haben. Um mein Hirn ein wenig zu vergnügen – vergnügte Hirne lernen besser, danke liebe Katrin – , habe ich mich durch das Netz geklickt und bin mal wieder bei Bastian Sick hängengeblieben. Bastian Sick versteigert momentan einen handgeschriebenen Zettel bei Ebay, auf dem er in Schreibschrift für die Erhaltung der Schreibschrift auf dem Lehrplan in Grundschulen plädiert. In diese Diskussion will ich mich hier nicht einmischen, ich verstehe beide Positionen irgendwie (Kopperschmidt, Begründungsprachen, egal.). Jetzt komme ich wieder zu den Indianern und Indianerinnen. Der Sick´sche Zettel endet mit dem Absatz:

Wie soll er als Kunde je einen Vertrag unterschreiben oder als Star Autogramme geben? Mit drei Kreuzen, so wie einst die Indianer?

Eine kleine Bemerkungen, bevor es mir um die Indianer und Indianerinnen geht: Dieser Absatz zeigt wunderbar, warum es sinnvoll ist, über geschlechtergerechten Sprachgebrauch zu reflektieren, bevor man losschreibt (es sei denn, Sick meint hier tatsächlich nur männliche Menschen, das wär allerdings noch schlimmer): Sick nutzt das Pronomen er, allerdings ohne vorher ein Bezugswort für die Proform zu formulieren, es existieren nur die (Pro-)Formen Wer und der und dann das Er. Gefangen im Maskulin. Aber stilistisch auf dem Zettelchen schon irgendwie schön.

Jetzt zu den Indianern: Ich hatte am 10.7.2013 das große Vergnügen einen großartigen Vortrag von Prof. Dr. Peters Schlobinski in Aachen zu hören. Das Thema waren die „Schriften der Welt“. Ich hätte Herrn Sick einladen sollen, er hätte sehr viel gelernt. Es ist bekannt, dass es unterschiedliche Schriftsysteme gibt. Keine natürliche Sprache, bzw. ihre Schrift, kann genuin einem System zugeordnet werden (nein, auch das Deutsche – erst recht – nicht. Nein, AUS!). Eine Großzahl der Sprachen hat sogar gar keine Schrift – das interessiert aber den fortschrittlichen Europäer nicht, so kann ja niemand Verträge unterschreiben, wo kämen wir denn da hin? Die existierenden Schriftsysteme können wiederum aus unterschiedlichen Zeichentypen bestehen. Wenn man einer Sprachgemeinschaft ein Schriftsystem (bspw. eine Alphabetschrift) aufzwängt, das den Basiskategorien des anderen Schriftsystems (bspw. eine Wortschrift oder Ideenschrift) nicht entspricht bzw. bislang eine bloß orale Tradition vorlag (und damit das komplette Sprachspiel des schriftlich fixierten Vertrags als Textsorte nicht bekannt sein kann), dann darf man sich nicht wundern, wenn die betreffenden Schreiberinnen und Schreiber einen Strich durch die Rechnung und Kreuze unter Verträge machen. Das ist erstmal nichts Schlimmes. Schlimm ist, dass das sehr, sehr eng mit ziemlich stumpfer Kolonialisierung zusammenhängt. Ich will es Bastian Sick nicht unterstellen und distanziere mich vom Vorwurf, er schriebe hier aus Versehen kulturchauvinistischen Kram. [Bitte, bitte keine Kommentare, die behaupten, der Zettel von Sick wäre Satire, er ist höchstens unbedacht und nicht ernst gemeint, das ist aber nicht dasselbe wie Satire.]

Sprachkritik und ihr Verhältnis zu Schriften, ich hab´s noch nicht ganz verstanden: Keine Schrift haben – doof, muss geändert werden, von uns. Eigene Schrift soll oberflächlich verändert werden – auch doof, darf nicht geändert werden. Wenn schon Schrift haben – dann bitte die richtige. Die richtige Schrift „falsch“ benutzen – wieder doof.

Aber: Die Auktion endet morgen nachmittags, der Erlös geht an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. – eine sehr, sehr gute Sache Herr Sick, finde ich stark! Ich plädiere hiermit dafür, dass man auf den Zettel viel Geld bietet und ihn dann nie wieder vorzeigt. Ich wünsche allen Lesenden schöne Karnevalstage, viele Küsse, Kamelle, Blumen, Liebe, Sonne und Kuchen!

Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den “Niedergang der deutschen Sprache” zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache”. Mit “unserer Sprache” meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau “unser”, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob “die deutsche Sprache” verfällt, es wird plump vorausgesetzt, “Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst” – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: “Business-Englisch” (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie “deutsche Sprache”.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein “Linguistik-Experte” (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er “Relevanz” ab, erkennt “Verblödung” und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was “die deutsche Sprache” aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die “eingedeutschte” Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an “Sprache und ihrer Entwicklung an sich” steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht “die deutsche Sprache” verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

„Högschde“ Konzentration (- nochmal was mit Fußball)

Wieder mal ein Beitrag von mir, der mehr Frage an die kundige Leserschaft denn Klärung einer Sache ist. In den letzten Tagen (und Wochen), also zur WM-Zeit, konnte man ganz oft lesen, wie der Bundestrainer erst „högschde Disziplin“ und „högschde Konzentration“ forderte und dann nach dem großen Erfolg vom „högschden aller Gefühle“ schwärmte. Einer seiner Leistungsträger wird in einem Interview mit den Worten „Der Scheißdregg intressiert mi ned“ wiedergegeben. Auf den ersten Blick ist ganz klar, was die jeweilige Schreibweise in all den Fällen soll: Löw und Müller werden als Dialektsprecher charakterisiert, ja fast vorgeführt. Löw als Alemannisch-Sprecher (er ist kein Schwabe, sondern stammt aus Baden, was für die meisten außerhalb vom „Ländle“ keinen großen Unterschied macht) und Müller als Bairisch-Sprecher (mit ai), also als jemand, dem man anhört, dass er aus Bayern (mit ay) kommt. In beiden sogenannten oberdeutschen Dialekten macht man keinen großen Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Verschlusslauten. Insofern wundert es nicht gänzlich, wenn man, um das schriftbildlich einzufangen, b statt p und d statt t – oder auch umgekehrt(!) – schreibt. Trotzdem ist mir nicht ganz klar, warum das g in „högschde“ und das (gar verdoppelte) in „Dregg“ erscheint. Hier wird beim Sprechen nicht im geringsten eine stimmhafte Variante des velaren Plosivs artikuliert. Der Laut ist jeweils am Ende der Silbe, bildet die sogenannte Coda, und da werden diese Laute nicht stimmhaft realisiert. Nicht, wenn ein stimmloses sch [∫] folgt und schon gar nicht im absoluten Auslaut wie bei „Dregg“. Das gleiche gilt eigentlich auch für das d in „ned“ als süddeutsche Version von „nicht“.

Auch wenn man das morphematische Prinzip als ausschlaggebend annehmen möchte – „Lug und Trug“ werden hinten ja auch mit g geschrieben, obwohl man k spricht oder sprechen soll – kommt man der Lösung nicht viel näher. Denn Varianten des alemannischen „hoch“, wo ein g artikuliert würde, finden sich nicht recht; auch der bayerische oder besser bairische „Dreck“ ist schwierig. Beim „Dregg“ könnte man an das Adjektiv „dreckert“ denken und an eine Aussprache, die man schriftlich mit „dreggert“ einzufangen versuchte. In der Tat klingt das Wort nicht so, dass man es unbedingt mit einem k schreiben wollte. Andererseits ist die Aussprache genau wie bei dem häufigeren Wort „nackert“ für „nackt“ oder „nackig“ – aber das schreibt man meist „nackert“ und nicht „naggert“ (sogar im Duden).

Ein Grund für die g- statt k-Schreibung kann die ziemlich schwache, phonologisch-orientierte Rechtschreibregel sein, nach der es ein Prinzip ist, dass die „stimmhaft-weichen“ Konsonatenbuchstaben b, d und eben auch g anzeigen, dass der vorhergehende Vokal lang gesprochen wird. Dieses Prinzip erklärt, beziehungsweise macht begreiflich, warum man „Magd“ und „Jagd“ mit langem a und „Akt“ un d „Pakt“ mit kurzem a spricht, oder „Obst“ und „Krebs“ lang und „Mops“ und „Sekt“ kurz. Es erklärt auch, warum viele Leute gern „Pabst“ schreiben, wenn sie den Stellvertreter Gottes auf Erden meinen. Gerade an diesem vieldiskutierten Beispiel sieht man sehr schön, dass dieses Prinzip durchaus wirkt – ein schwaches und eins mit unzähligen Ausnahmen bleibt es dennoch. Außerdem kommt noch hinzu, dass gerade bei Jogi oft gar kein langes ö wahrgenommen wird, sondern ein kurzes und offenes, denn gar nicht so selten wird beim Persiflieren auch „höggschde“ geschrieben; und die Verdopplung des Konsonanten ist in der deutschen Rechtschreibung ein ganz starkes Indiz für die Kürze des vorausgehenden Vokals – anders als in fast allen anderen Sprachen, wo nämlich der doppelte Konsonant wirklich für einen länger angehaltenen Konsonanten steht.
Also: Viele wird dieses Problem „an Scheißdregg indressiern“, aber die Meinung derer, die eine gute Geschichte dazu haben, ist högschd (oder högscht?) willkommen…