Bastian Sick, die Indianer – und eine wirklich gute Sache!

Helau, Allaaf und Aloha aus Aachen! Es ist Altweiber (oder wie auch immer man den Tag des Übergangs vom Sitzungs- zum Straßenkarneval nennen mag – in Aachen Fettdonnerstag …), Närrinnen und Narren verkleidet euch! Als Kind (Ender der 80er, gegen Anfang der 90er, *schluck*) waren die meisten meiner Mitschülerinnen und -schüler bzw. die anderen Kindergartenkinder zumeist als Cowboy und -girl und/oder Indianer bzw. Indianerin verkleidet. Ich war Marienkäfer, auch ganz cool, nicht. Wie ich darauf komme? Ich muss ausholen: Ich habe den Tag nicht mit Karnevalsfreu(n)den verbracht, stattdessen habe ich mich für eine Auseinandersetzung mit Kopperschmidts Ausführungen zu Begründungssprachen entschieden. Der Effekt ist vermutlich vergleichbar: Ich werde morgen Kopfschmerzen haben. Um mein Hirn ein wenig zu vergnügen – vergnügte Hirne lernen besser, danke liebe Katrin – , habe ich mich durch das Netz geklickt und bin mal wieder bei Bastian Sick hängengeblieben. Bastian Sick versteigert momentan einen handgeschriebenen Zettel bei Ebay, auf dem er in Schreibschrift für die Erhaltung der Schreibschrift auf dem Lehrplan in Grundschulen plädiert. In diese Diskussion will ich mich hier nicht einmischen, ich verstehe beide Positionen irgendwie (Kopperschmidt, Begründungsprachen, egal.). Jetzt komme ich wieder zu den Indianern und Indianerinnen. Der Sick´sche Zettel endet mit dem Absatz:

Wie soll er als Kunde je einen Vertrag unterschreiben oder als Star Autogramme geben? Mit drei Kreuzen, so wie einst die Indianer?

Eine kleine Bemerkungen, bevor es mir um die Indianer und Indianerinnen geht: Dieser Absatz zeigt wunderbar, warum es sinnvoll ist, über geschlechtergerechten Sprachgebrauch zu reflektieren, bevor man losschreibt (es sei denn, Sick meint hier tatsächlich nur männliche Menschen, das wär allerdings noch schlimmer): Sick nutzt das Pronomen er, allerdings ohne vorher ein Bezugswort für die Proform zu formulieren, es existieren nur die (Pro-)Formen Wer und der und dann das Er. Gefangen im Maskulin. Aber stilistisch auf dem Zettelchen schon irgendwie schön.

Jetzt zu den Indianern: Ich hatte am 10.7.2013 das große Vergnügen einen großartigen Vortrag von Prof. Dr. Peters Schlobinski in Aachen zu hören. Das Thema waren die „Schriften der Welt“. Ich hätte Herrn Sick einladen sollen, er hätte sehr viel gelernt. Es ist bekannt, dass es unterschiedliche Schriftsysteme gibt. Keine natürliche Sprache, bzw. ihre Schrift, kann genuin einem System zugeordnet werden (nein, auch das Deutsche – erst recht – nicht. Nein, AUS!). Eine Großzahl der Sprachen hat sogar gar keine Schrift – das interessiert aber den fortschrittlichen Europäer nicht, so kann ja niemand Verträge unterschreiben, wo kämen wir denn da hin? Die existierenden Schriftsysteme können wiederum aus unterschiedlichen Zeichentypen bestehen. Wenn man einer Sprachgemeinschaft ein Schriftsystem (bspw. eine Alphabetschrift) aufzwängt, das den Basiskategorien des anderen Schriftsystems (bspw. eine Wortschrift oder Ideenschrift) nicht entspricht bzw. bislang eine bloß orale Tradition vorlag (und damit das komplette Sprachspiel des schriftlich fixierten Vertrags als Textsorte nicht bekannt sein kann), dann darf man sich nicht wundern, wenn die betreffenden Schreiberinnen und Schreiber einen Strich durch die Rechnung und Kreuze unter Verträge machen. Das ist erstmal nichts Schlimmes. Schlimm ist, dass das sehr, sehr eng mit ziemlich stumpfer Kolonialisierung zusammenhängt. Ich will es Bastian Sick nicht unterstellen und distanziere mich vom Vorwurf, er schriebe hier aus Versehen kulturchauvinistischen Kram. [Bitte, bitte keine Kommentare, die behaupten, der Zettel von Sick wäre Satire, er ist höchstens unbedacht und nicht ernst gemeint, das ist aber nicht dasselbe wie Satire.]

Sprachkritik und ihr Verhältnis zu Schriften, ich hab´s noch nicht ganz verstanden: Keine Schrift haben – doof, muss geändert werden, von uns. Eigene Schrift soll oberflächlich verändert werden – auch doof, darf nicht geändert werden. Wenn schon Schrift haben – dann bitte die richtige. Die richtige Schrift „falsch“ benutzen – wieder doof.

Aber: Die Auktion endet morgen nachmittags, der Erlös geht an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. – eine sehr, sehr gute Sache Herr Sick, finde ich stark! Ich plädiere hiermit dafür, dass man auf den Zettel viel Geld bietet und ihn dann nie wieder vorzeigt. Ich wünsche allen Lesenden schöne Karnevalstage, viele Küsse, Kamelle, Blumen, Liebe, Sonne und Kuchen!

Kulturpessimistische Veröffentlichung zur deutschen Sprache – Klappe, die 789365! Eine Polemik zur Polemik …

Was habe ich mir für dieses Wochenende nicht alles vorgenommen: Sport, ein gutes Buch, Zerstreuung, kochen und dann essen und lümmeln auf der Couch! Aber dann bin ich zufällig über ein Interview mit Herrn Andreas Hock gestoßen. Andreas Hock war mal Pressesprecher in der CSU-Landesleitung (natürlich in Bayern, wo auch sonst …) und fühlte sich nun auserkoren, ein Buch über den “Niedergang der deutschen Sprache” zu schreiben, eine Polemik: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache”. Mit “unserer Sprache” meint der Autor wohl die deutsche Sprache, wer aber genau “unser”, also die adressierte Sprachgemeinschaft, ist, das ist nicht klar, aber auch eigentlich gar nicht wichtig (ich zähle mich aber nicht (!) dazu). Mir geht es hier nicht um das Buch, vielleicht werde ich das mal lesen, aber kaufen will ich es mir eigentlich nicht, eigentlich will ich sogar, dass niemand für das Buch Geld bezahlt, deshalb verlinke ich es hier auch nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben. Bücher dieser Art gibt es wie Strand am Meer. Seitdem es Sprache(n) gibt, wird auch über diese gesprochen oder eben geschrieben, werden diese bewertet und die Bewertungen werden dann benutzt, um Gesellschaften, Subkulturen, Minderheiten oder Berufsgruppen zu diskreditieren oder sich über diese lustig zu machen: Alles verfällt, vor allem die Sprache. Dass die Qualität der Sprache aber noch reicht, um über die Sprache anderer zu urteilen, nun gut, das muss ein Zufall sein. Dass es dem Sprachbegriff dieser Publikationen an den minimalsten Differenzierungen fehlt, das wurde schon oft genug bemängelt und kritisiert. Aber, das ist jetzt nur eine Vermutung, selten wurde es so sehr demonstriert wie in diesem kleinen Interview.

Eines vorweg: Es wird erst gar nicht die Frage gestellt, ob “die deutsche Sprache” verfällt, es wird plump vorausgesetzt, “Jetzt hat er [A. Hock, F.S.] eine Polemik zum Verfall der Deutschen (sic!!!) Sprache verfasst” – erster ziemlicher Bock, der recht einfach zu widerlegen wäre, spare ich mir aber, ist schon oft genug passiert. In den 14 Fragen werden folgende Phänomene in einen Topf geschmissen:
1.) Anglizismen(kritik) auf pragmatischer und sprachsytematischer Ebene
2.1) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 1: Werbung
2.2) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 2: Politik
2.3) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 3: “Business-Englisch” (gloreich kombiniert mit Anglizismenkritik)
2.4) Domänenspezifischer Sprachgebrauch 4: Beamtendeutsch (In all den Fällen zu domänenspezifischem Sprachgebrauch befindet sich auch ein nicht unerheblicher Anteil Fachsprache)
3.1) Medienspezifik 1: TV, nee, öh, Fernsehen
3.2) Medienspezifik 2: Sprache in sozialen Netzwerken
3.3) Medienspezifik 3: Sprache in Boulevardzeitungen
4.) Jugendsprache in verschiedensten Facetten
5.) Klagen über Sprachkompetenzverfall (bezogen auf Jugendsprache aber auch so generell so).
6.) Versteckt im Buchtitel: Kritik an dialektalem bzw. mündlichem Sprachgebrauch

11 (!) zu differenzierende Phänomene, sofern man sie aufeinander beziehen möchte, aber richtig, das ist schon irgendwie “deutsche Sprache”.

Herr Hock möchte nach eigenen Angaben niemanden belehren, denn er ist kein “Linguistik-Experte” (stimmt, ich schreibe auch kein Buch über Pferde, Pappeln, Finanzspekulationen oder Statik). Dennoch spricht er “Relevanz” ab, erkennt “Verblödung” und trifft eine ganze Menge Urteile darüber, was die Sprache braucht – oder nicht. Was “die deutsche Sprache” aber vor allem nicht braucht, das ist jemand, der sie überwacht und totschreibt.

Am besten gefällt mir Hocks Gebrauch des Wortes linguistisch in dem Interview: Soll hier mit einem Fachwort geprahlt werden oder nutzt Herr Hock hier die “eingedeutschte” Form von linguistical für sprachlich? Nicht zynisch werden …

Ich möchte zusammenfassen: Diese Form der Kritik an “Sprache und ihrer Entwicklung an sich” steht in einer langen Tradition, alle angesprochenen Punkte formuliert auch Wolf Schneider seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig neu, die Kritik scheint ihrem Ende nahe. Nicht “die deutsche Sprache” verfällt, sondern eher die Qualität der Sprachverfallsklage. Vom Sprachverfallsklagenverfall bin ich großer Fan, i like it!

Jetzt kann ich mich meinem eigentlichen Wochenendplan widmen, zum Glück ist noch genug Wochenende übrig.

„Högschde“ Konzentration (- nochmal was mit Fußball)

Wieder mal ein Beitrag von mir, der mehr Frage an die kundige Leserschaft denn Klärung einer Sache ist. In den letzten Tagen (und Wochen), also zur WM-Zeit, konnte man ganz oft lesen, wie der Bundestrainer erst „högschde Disziplin“ und „högschde Konzentration“ forderte und dann nach dem großen Erfolg vom „högschden aller Gefühle“ schwärmte. Einer seiner Leistungsträger wird in einem Interview mit den Worten „Der Scheißdregg intressiert mi ned“ wiedergegeben. Auf den ersten Blick ist ganz klar, was die jeweilige Schreibweise in all den Fällen soll: Löw und Müller werden als Dialektsprecher charakterisiert, ja fast vorgeführt. Löw als Alemannisch-Sprecher (er ist kein Schwabe, sondern stammt aus Baden, was für die meisten außerhalb vom „Ländle“ keinen großen Unterschied macht) und Müller als Bairisch-Sprecher (mit ai), also als jemand, dem man anhört, dass er aus Bayern (mit ay) kommt. In beiden sogenannten oberdeutschen Dialekten macht man keinen großen Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Verschlusslauten. Insofern wundert es nicht gänzlich, wenn man, um das schriftbildlich einzufangen, b statt p und d statt t – oder auch umgekehrt(!) – schreibt. Trotzdem ist mir nicht ganz klar, warum das g in „högschde“ und das (gar verdoppelte) in „Dregg“ erscheint. Hier wird beim Sprechen nicht im geringsten eine stimmhafte Variante des velaren Plosivs artikuliert. Der Laut ist jeweils am Ende der Silbe, bildet die sogenannte Coda, und da werden diese Laute nicht stimmhaft realisiert. Nicht, wenn ein stimmloses sch [∫] folgt und schon gar nicht im absoluten Auslaut wie bei „Dregg“. Das gleiche gilt eigentlich auch für das d in „ned“ als süddeutsche Version von „nicht“.

Auch wenn man das morphematische Prinzip als ausschlaggebend annehmen möchte – „Lug und Trug“ werden hinten ja auch mit g geschrieben, obwohl man k spricht oder sprechen soll – kommt man der Lösung nicht viel näher. Denn Varianten des alemannischen „hoch“, wo ein g artikuliert würde, finden sich nicht recht; auch der bayerische oder besser bairische „Dreck“ ist schwierig. Beim „Dregg“ könnte man an das Adjektiv „dreckert“ denken und an eine Aussprache, die man schriftlich mit „dreggert“ einzufangen versuchte. In der Tat klingt das Wort nicht so, dass man es unbedingt mit einem k schreiben wollte. Andererseits ist die Aussprache genau wie bei dem häufigeren Wort „nackert“ für „nackt“ oder „nackig“ – aber das schreibt man meist „nackert“ und nicht „naggert“ (sogar im Duden).

Ein Grund für die g- statt k-Schreibung kann die ziemlich schwache, phonologisch-orientierte Rechtschreibregel sein, nach der es ein Prinzip ist, dass die „stimmhaft-weichen“ Konsonatenbuchstaben b, d und eben auch g anzeigen, dass der vorhergehende Vokal lang gesprochen wird. Dieses Prinzip erklärt, beziehungsweise macht begreiflich, warum man „Magd“ und „Jagd“ mit langem a und „Akt“ un d „Pakt“ mit kurzem a spricht, oder „Obst“ und „Krebs“ lang und „Mops“ und „Sekt“ kurz. Es erklärt auch, warum viele Leute gern „Pabst“ schreiben, wenn sie den Stellvertreter Gottes auf Erden meinen. Gerade an diesem vieldiskutierten Beispiel sieht man sehr schön, dass dieses Prinzip durchaus wirkt – ein schwaches und eins mit unzähligen Ausnahmen bleibt es dennoch. Außerdem kommt noch hinzu, dass gerade bei Jogi oft gar kein langes ö wahrgenommen wird, sondern ein kurzes und offenes, denn gar nicht so selten wird beim Persiflieren auch „höggschde“ geschrieben; und die Verdopplung des Konsonanten ist in der deutschen Rechtschreibung ein ganz starkes Indiz für die Kürze des vorausgehenden Vokals – anders als in fast allen anderen Sprachen, wo nämlich der doppelte Konsonant wirklich für einen länger angehaltenen Konsonanten steht.
Also: Viele wird dieses Problem „an Scheißdregg indressiern“, aber die Meinung derer, die eine gute Geschichte dazu haben, ist högschd (oder högscht?) willkommen…

Der DFB auf dünnem Eis

Bei den vielen filigranen Technikern der Herren-Nationalmannschaft des DFB sollte das Bewegen auf dünnem Eis eigentlich kein Problem sein. Auf der Facebook-Seite des DFB-Teams und in vielen Fußballforen sorgte aber gestern eine kleine unbedachte Aktion des DFB für einen großen Aufschrei vieler Fußballfans, der Shitstorm auf der Facebook-Seite hält weiterhin an, auch Onlinemedien wie Spiegel OnlineFOCUS Online, Zeit.de und Sueddeutsche.de und auch Sport1.de und Kicker.de berichteten schon. Was war passiert, hat jemand etwas Falsches gesagt? Nicht wirklich. Es war nicht das Schreiben oder Aussprechen von etwas Unschreib- oder Unsagbarem, vielmehr war es das Abkleben bzw. Durchstreichen von etwas absolut Sagbarem, das man im Konsens unserer demokratischen Gesellschaft nicht streichen oder abkleben sollte, wenn man nicht eine, zurecht, hochemotionale Diskussion führen will, in der man nicht gut wegkommen kann.

Die Nationalmannschaft spielt heute in Hamburg an einem Abend im Mai gegen Polen. Ausgerechnet im Mai, ausgerechnet gegen Polen – eigentlich ein gutes Zeichen der Völkerverständigung und der Friedensbemühung. Der DFB hat für das Abschlusstraining das Stadion des FC St. Pauli gemietet, eines Vereins, der sich klar, klarer als viele andere große Vereine, gegen Faschismus und Rassismus positioniert und dies auch mit einem Banner an der Gegentribüne klarstellt: Kein Fußball den Faschisten. Der DFB hat diesen Spruch beim Abschlusstraining, als Fotos gemacht werden durften, abgehängt, zu lesen war dort nur noch: Kein Fußball. Aus den Berichterstattungen über dieses Phänomen geht hervor, dass wohl das Argument für das Streichen des Begriffs Faschisten war, dass man als DFB keine politische Werbung machen dürfe, der Slogan wurde, mit den Worten des Pressesprechers des DFB, „neutralisiert“. Was ist der Kern des Problems? Hat es was mit Sprache zu tun? Ja!

Egal wer den Begriff Faschismus oder Faschist/-in/-en benutzt und was er oder sie mit dem Begriff bezeichnet, es ist immer etwas Verdammenswertes, man kann sich nicht für Faschismus oder Faschisten mittels dieser Begriffe einsetzen. Die negative Bedeutungskomponente ist immer Teil der Bedeutung, egal wie vage das eigentliche Denotat sein mag. Der Begriff Faschismus bzw. Faschist/-in/-en ist das, was man ein Unwertwort nennt, es ist in dem Sinne Teil der Ideologie aller demokratischen Parteien oder Gruppierungen, als dass nur eine Ablehnung in Frage kommt. Das Argument, man wolle keine politische Werbung machen, kann daher nicht zählen: Alle demokratischen (!) Parteien sind sich in diesem Punkt einig, es gibt schlichtweg nichts zu bewerben, eben nichts zu „neutralisieren“, eine Streichung führt zum Gegenteil einer Neutralisierung. Die zentralen politischen Texte der BRD sind durchzogen von der Ablehnung jeglicher faschistischer Tendenzen – genau deswegen kann man die öffentliche Ablehnung auch nicht einfach streichen oder abhängen: Man rüttelt somit, ob man will oder nicht, an den zentralen Hochwert- und Unwertwörtern wie Frieden, Demokratie, Freiheit und auf der anderen Seite Krieg, Rassismus und Unfreiheit. Sie sind eben als Begriffe Teil demokratischer Ideologien aller Couleur. Aus diesem Grund geht auch der Hinweis in solchen Kontexten auf den ´unpolitischen Fußball´ völlig an der Sache vorbei. Pointiert könnte man sogar sagen, dass es erst dann politische Agitation ist, den Spruch, ist er einmal da, abzuhängen.

Das alles hat der oder die Verantwortliche des DFB offensichtlich nicht bedacht, auf eine Stellungnahme des DFB selbst warte ich gespannt, aber ich bezweifele, leider, dass es eine geben wird. Wie oben bereits angedeutet, kann man in dieser Diskussion, ist sie einmal entbrannt, eigentlich nicht mehr gut aussehen. Problematisch ist aber jetzt, dass die soziale und kommunikative Konvention eigentlich eine Äußerung des DFB verlangt, aber stattdessen werden stündlich neue Informationen zum Spiel gepostet, was wiederum von Kommentierenden mit Häme bedacht wird, mit anderen Worten: Aussitzen ist nicht, das wäre schlechtes Krisenmanagement. Es bleibt in diesem Punkt spannend.

Einige wenige User äußern auf der Facebook-Seite des DFB ihr Unverständnis über die Aufregung. Viele, viele andere zeigen sich bestürzt und empört, andere lassen der allgemeinen Unzufriedenheit freien Lauf. Ein User kommentiert den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Satzung des DFB, in Paragraph 2 steht klar und deutlich, dass der DFB „rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen“ tritt, geistreich pointiert: „dfb für gegen rassismus aber gegen gegen faschismus?”. Auch hier ist es klar, dass die den Faschismus ablehnende Haltung die Satzung des DFB durchzieht, der Slogan also eigentlich völlig konform ist, so sehr ist das Unwertwort Faschismus Teil der demokratischen Ideologie. Es ist zwar nur ein Wort, aber es steht als zentrales Unwertwort für eine komplette politische Argumentation, die sich zu großen Teilen eben aus der Ablehnung von Faschismus ergibt – dafür steht das Wort selbst repräsentativ, diese Argumentation gegen das Denotat ist Teil des Wortes selbst geworden.

Ob die Reaktion der Kommentierenden überzogen ist oder nicht, möchte ich gar nicht groß kommentieren, das ist auch nicht Aufgabe des SprAACHENblogs, aber klar ist: Die kritischen Kommentare und Reaktionen hat sich der DFB mit dieser Aktion völlig selbst eingebrockt und mit ein wenig Empathie wäre es auch voraussehbar gewesen. Wie wichtig der Fall ist oder nicht, entscheidet sich im Endeffekt diskursiv – und das ist auch genau richtig so. Hätte die Nationalmannschaft in einem anderen Stadion trainiert, wäre das wohl erst gar nicht passiert.

Was lernt man daraus? Man muss nicht nur aufpassen, was man in der Öffentlichkeit sagt, man muss auch aufpassen, was man nicht sagt – und was man aktiv, intentional – und damit irgendwie begründet – durchstreicht. Auf die Gründe, bzw. ob welche genannt werden, bin ich gespannt.

Internationale Linguistik-Olympiade (II)

Vor gut einem Jahr, im Juli 2012, habe ich einen sehr ähnlichen Beitrag hier im Blog veröffentlicht.

Es ging und geht mir heute wieder um die Internationale Linguistik-Olympiade. Ich kann und will nicht verstehen, dass man sich in Deutschland so schwer tut damit. Ähnlich wie mein letzter Beitrag zum Schimpfen ist dieser hier wieder eine Art Aufruf an die Blog-Leserschaft, mit Ideen aufzuwarten.

Auf der Homapage der Linguistik-Olympiade stehen mittlerweile 35 Länder. Das ist viel und wenig zugleich. Wenig ist es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es um die 200 Länder auf der Erde gibt und dass auch fast so viele an den Olympischen Sommerspielen teilnehmen. Bei den Winterspielen sind es schon deutlich weniger. Der einschlägigere Vergleich ist allerdings derjenige mit den Wissenschaftsolympiaden. Davon gibt es zwölf. Die Internationale Mathematikolympiade mit derzeit ca. 100 Teilnehmerländern beispielsweise. Die Philosophie-Olympiade, die neben der Biologie-, Chemie-, Geographie-Olympiade und anderen auch dazu gehört, wartet mit ungefähr 40 Teilnehmerländern auf. Viel ist es allerdings, wenn man die sich die Länder anschaut und dabei feststellt, dass flächengroße und bevölkerungsreiche Saaten dabei sind: Russland, USA, China, Indien, Brasilien, Australien, Kanada. Das Spannende an der Linguistik-Olympiade ist auf jeden Fall ihr rasantes Wachstum. Noch im Jahre 2007, das war das Jahr vor dem, in dem Deutschland zum ersten Mal teilgenommen hat, gab es lediglich neun Wettkampfländer. 2010 waren es doppelt so viele: 18. Und weitere drei Jahre später, also dieses Jahr (2013) gab quasi wieder doppelt so viele Mannschaften. Der Enthusiasmus ist groß. Ich saß in Sitzungen des Komitees, in den von neu hinzugekommenden Ländern darum gerungen wurde, ein zweites Team starten lassen zu dürfen. Das ist oder war ein Anrecht der „alten“ Gründernationen: Russland hatte schon immer ein Team Moskau und ein Team St. Petersburg; und Lettland war quasi Team 3; die Amts- – will heißen die Sprache, in der die Aufgaben bestellt werden und in der die Mitglieder kommunizieren – ist Russisch. Polen und Bulgarien schicken genauso traditionell zwei Mannschaften, auch die USA. Jetzt hat China zwei, so auch Südkorea, Australien und Schweden. Die Insel(n) macht bzw. machen es ähnlich wie beim Fußball, und so kommt man jetzt auf drei Mannschaften: UK1, UK2 und sogar Isle of Man. Irland gibt es ohnehin extra. Das Spektakuläre ist, dass „arme“ Länder aufs Parkett drängen: so Rumänien und Vietnam zum Beispiel. Auch die Schwellenländer Brasilien und Indien gelten nicht als besonders reich im klassischen Sinne. (Das Verrückte ist, dass sich Brasilien sogar aktiv dafür eingesetzt hat, Gelder für eine deutsche Teilnahme zu akquirieren.) Dennoch schaffen es diese Länder, für die Finanzierung ihrer Teams zu sorgen. Das ist derzeit auch noch nicht so teuer. Die Kosten, die für Deutschland anfielen, lagen nie über 4000 Euro für alles! Einmal sogar unter 2000 Euro beim ersten Mal. Damals übernahm die Kosten der Bundeswettbewerb Fremdsprachen (Bildung und Begabung). Später, als es von dort kein Geld mehr dafür gab, sprang die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) ein. Aber auch da ging für das Projekt Linguistik-Olympiade das Geld aus. Wir (also ich und ein paar Kollegen vom ZAS) haben uns an zig Unternehmen und potentielle Sponsoren gewandt. Die Sätze aus meinem früheren Beitrag sind weiterhin gültig: „Unzählige Vereine, Stiftungen, Träger, private und öffentliche Mäzene, Geld gebende Landes- und Bundesbehörden sind von uns angeschrieben worden. Nur Absagen. Nirgends scheint man eine Möglichkeit zu sehen, die Linguistik-Olympiade auch nur teilweise zu fördern.“ Zwar wird oft beteuert, wie gut, sinnvoll, interessant und vieles mehr man das Unterfangen finde, wie wichtig es sei, die Olympiade zu unterstützen, man selbst sei aber nicht der „richtige“ Geldgeber.

Mein Eindruck ist, dass man wie so oft im Leben am besten über persönliche Beziehungen einen Sponsoren oder eine sonstige Unterstützerin gewinnen könnte. Deswegen frage ich auf diese Weise  in die Runde: Kennt jemand einflussreiche Leute, an die man mit einer entsprechenden Bitte herantreten kann. Hat jemand einen konkreten Tipp, wohin sich man mit einer entsprechenden Anfrage wenden kann?

Die weniger dringliche, aber durchaus sehr interessante Frage ist, wieso sich Deutschland so schwer damit tut. Warum hier wenig Engagement gezeigt wird und sich die Unterstützung in sehr engen Grenzen hält? Ähnliches trifft auch auf Frankreich und Italien zu. Diese Länder zeigen (bislang) keine Ambitionen. Die Niederlande sind aktiv und erfolgreich, der Nachbar Belgien nicht. Schweden ja, Norwegen nein; Tschechien ja, die Slowakei nein… Manches ist sicher Zufall, oft stecken konkrete Persönlichkeiten dahinter, manches aber könnte spezielle Gründe haben. Und vielleicht kann ein Einblick in bestimmte Ursächlichkeiten dabei helfen, erst strukturelle und dann finanzielle Probleme zu lösen.

Gedanken und Bemerkungen zum Schimpfen

Heute kommen zwei Sachen zusammen, die in mir das Bedürfnis auslösen und den Anlass geben, mich seit längerer Zeit wieder einmal mit einem Beitrag hier im geschätzen Blog zu Wort zu melden. Zum einen habe ich gerade gestern einen kleinen populärwissenschaftlichen Aufsatz zum Thema Schimpfen beendet, und zum anderen erschien gestern eine Martenstein-Kolumne in der Zeit – ebenfalls zum Schimpfen. Beide Beiträge stellen eine Lücke fest – Martenstein eine andere als ich. Möglicherweise aber liegen wir beide falsch. Im Moment scheint mir allerdings, tendenziell haben wir beide recht. Eigentlich ist dieser Beitrag meinerseits auch kein typischer Blog-Text, in dem eine Aussage getroffen wird. Das schon, aber er ist viel mehr noch als sonst eine Einladung oder gar ein Aufruf zur Diskussion. Ich möchte in den hoffentlich eingehenden Kommentaren Bestätigung bekommen oder aber von mir aus auch widerlegt werden. In beiden Fällen gäbe es einen Erkenntnisgewinn.
Zuerst zu Martenstein. Der Kolumnist mit Kultstatus stellt eine für ihn typische Geschlechterungerechtigkeit fest: Frauen seien in Bezug auf das deutsche Schimpfwortinventar „benachteiligt“, weil quasi unsichtbar. Die Unterüberschrift lautet: „Schimpfwörter sind fast immer männlich. Wie ungerecht! Immerhin beim Wort Hure findet Geschlechtergerechtigkeit statt…“. Martenstein nennt ein paar männliche Schimpfwörter, die tatsächlich kein weibliches Pendant haben. Könnte man sich zu Geizhals und Schweinehund theoretisch noch eine Geizhälsin bzw. eine Schweinehündin vorstellen, so geht das für Mistkerl oder Taugenichts nicht mehr. Martenstein behauptet allerdings auch, dass Arschloch für Männer reserviert sei. Das, denke ich, kann man bestreiten. Arschloch ist weniger männlich. Erstens ist es grammatikalisch sächlich: DAS Arschloch. Und zweitens habe ich die Wortkette “sie ist ein Arschloch” gegoogelt – das Ergebnis ist interessant. Es kommen wirklich nur wenige Belege, aber die Suchmaschine findet welche. Vor allem ein Eintrag ist relativ häufig belegt: Lillifee denkt, sie ist ein Arschloch. Und Lillifee ist nun allerdings ein extrem weibliches Wesen. Ich habe an Martensteins These gezweifelt und zweifle immer noch, weil ich eben gerade in der letzten Woche bei meiner malediktologischen Lektüre auf viele weibliche Bezeichnungen gestoßen war: Schlampe, Fotze, dumme/blöde Kuh/Gans/Pute, Nebeklkrähe, Planschkuh, Hexe, Schickse, Spinatwachtel, Flittchen, Klatschbase, Tratschtante, alte Jungfer, Schnepfe, Dorfmatratze, Kratzbürste – und obwohl grammatisch männlich: Besen und (Haus-) Drache. Nicht ganz so derb, aber auf jeden Fall auch abwertend gebraucht findet man Blondine, Diva, Luder, Betschwester. Interessant ist auch die Internet-Schimpfwort-Seite http://www.rindvieh.com. Dort sind Negativ-Kraftausdrücke kategorisiert abrufbar, unter anderem solche für Männer und solche für Frauen. Bei den männlichen Schimpfwörtern sind derzeit 96 aufgelistet, bei den weiblichen mit 152 mehr als anderthalbmal so viele! Mein Zweifel hält sich allerdings in Grenzen. Möglicherweise hat Martenstein in der Tendenz recht.
Meine Beobachtung ist eine ganz andere, und zwar die folgende. Schimpfwörter scheinen sich als ein Problem für die sogenannte Pollyanna-Hypothese zu erweisen. Diese wurde 1969 von den linguistisch orientierten Psychologen Boucher und Osgood aufgestellt. Nach dieser besteht eine universale menschliche Tendenz, beim Sprechen häufiger über Positives zu reden als über Negatives. Diese Hypothese ist nicht sonderlich populär; aber etliche namhafte Linguisten haben sich auf sie gestützt. Hin und wieder liest man über Forschungsergebnisse, die sie (angeblich) bestätigen. Nach dieser Hypothese überwiegen in der menschlichen Kommunikation Wörter, die Gutes und Schönes bezeichnen. Mein Eindruck ist nun, dass es zu Schimpf- und Fluchwörtern aber keinen positiven Gegenpart gibt. Kosewörter kommen einem in den Sinn. Aber selbst diese sind seltener, unregelmäßiger und unsystematischer. Das eigentliche Gegenteil sollten Lobeswörter oder Lobpreis-Ausdrücke sein. Da scheint es aber praktisch (im Deutschen) kaum welche zu geben. Wenn jemand gelobt, gerühmt, gepriesen wird, heißt es Gut gemacht! Toll! Ein Substantiv fällt mir nicht ein. Jedenfalls kein deutsches. Aus meiner Studienzeit erinnere ich mich, dass wir von unseren russischen Lehrkräften damals mit „molodez!“ (sprich: maladjets) gelobt wurden. Das ist als Appellativum ein eher ungebräuchliches Wort für junger Mann. Als Lob für jemanden, der etwas gut und richtig gemacht hatte, besonders wenn es unerwartet kam, war es extrem frequent. Es konnte sich meines Wissens auch ziemlich gut auf Frauen anwenden lassen. Ein anderer Fall kommt mir als passioniertem Opernbesucher in den Sinn. Nach einer besonders guten Gesangsleistung wird einem Sänger lautstark Bravo zugerufen. Das ist auch kein „echtes“ deutsches Wort. Und diejenigen, die sich für die richtigen Kenner halten, rufen Bravo auch nur bei einem Mann. Bei einer Frau wird Brava gerufen, beim Lob für das gesamte Ensemble oder schon ab zwei Sängern schreit man Bravi. Die verschiedenen Formen zeigen, dass hier etwas Nominales im Spiel ist, dass es sich also gut möglich um ein (deadjektivisches) Substantiv handeln kann. Wäre es immer bravo (die Groß- oder Kleinschreibung hört man ja nicht), könnte es ein Wort sein wie hallo oder danke. So sieht es doch nach einem Nomen aus. Damit erschöpft sich, was mir zu Lobeswörtern einfällt. Kann es sein, dass mehr geschimpft und geflucht, als gelobt und gerühmt wird? Gibt es viel mehr Schimpfwörter als Lobausdrücke? Ist das eine Ausnahme, die die Pollyanna-Hypothese (nicht) bestätigt? Oder übersehe ich etwas? … ähnlich wie Martenstein?

Sei authentisch! Ein Ratgeber für politische Kommunikation

Ratgeberliteratur ist sehr beliebt und das nicht ohne Grund. Sie wird als Problemlösehilfe zu Rate gezogen, zu den vielfältigsten Themen. Ob Ehe, Tierhaltung, Energiesparen – die Regale der Buchhandlungen sind gut mit entsprechenden Ratgebern gefüllt. Linguistisch sind Ratgeber aus zwei Gründen interessant. Zum einen kann man untersuchen, mittels welcher sprachlichen Strategien dort versucht wird, Wissen bzw. Problemlösungen zu vermitteln. Zum anderen – und diesen Bereich finde ich persönlich interessanter – gibt es viele Ratgeber, die sich auf verschiedenen Ebenen mit Sprache befassen: Bewerbungsratgeber, Stilratgeber, Briefsteller, Redetrainings etc. Oftmals werden dort intuitiv nachvollziehbare Ratschläge gegeben, die aber auch an Trivialität nicht zu überbieten sind. Zudem verursachen manche Ratschläge mehr Fragen, als sie beantworten, da sich die Ratschläge teilweise widersprechen. Oder die Ratschläge sind so vage, dass sie schlichtweg nicht das zu lösende Problem lösen, sondern auf die tiefer liegenden Probleme aufmerksam machen. Dass die Ausführungen aus linguistischer Sicht oft Humbug am Rande des Hokuspokus sind, muss wohl eigentlich nicht erwähnt werden. Ein Beispiel? Social Media. Leitfaden 2013. Soziale Medien in der politischen Kommunikation von Peter Tauber (MdB/CDU, Selbstverlag).

Ein spannendes und hoch relevantes Thema, vor allem im Wahljahr 2013. Sprach-, medien- und kommunikationswissenschaftlich lässt sich zum Thema auch eine ganze Menge sagen. Zugegeben: Meine Erwartungen waren hoch, da Peter Tauber auch Germanistik studiert hat. Das Bild und die Thematisierungen von Sprache lassen dies aber leider selten erkennen. Als „Werkzeug“ (S. 7) erkennt Tauber Sprache zwar, widmet ihr allerdings in einem separaten Kapitel ganze 7 Zeilen und die erscheinen in Schneider´scher Manier:

Sprich (bzw. schreibe) so, dass die Zielgruppe es auch versteht. Einfache Sätze, eindeutige Formulierungen und Vermeidung von Fremdwörtern sind wichtig für klare Botschaften, die in appetitlichen Häppchen verpackt effektiver sind als aneinander gewurstelte Bandwurmsätze oder Amts- und Juristendeutsch. (S. 17)

Wie schon erwähnt, dies ist auf den ersten Blick plausibel. Aber würde dies nicht auch auf ein Kochrezept, eine Bastelanleitung oder eine Gebrauchsanweisung zutreffen? Was ist ein „einfacher Satz“? Ist hier bspw. die semantische Ebene oder die syntaktische Ebene gemeint? Ab wann ist ein Satz ein Bandwurm und wann ist dieser appetitlich? Was ist denn nun ein Fremdwort? Ist Fraktion ein Fremdwort und sollte deswegen von Politikern im Netz nicht benutzt werden? Und die Königsfrage: Wer oder was ist denn die Zielgruppe eines Politikers im Netz? Und wie versteht diese was am besten? Wenn Politiker sprechen oder schreiben, soll die Zielgruppe denn dann wirklich alles verstehen? Was soll Sie genau verstehen? Die Intention des Textes? Die bloße Botschaft? Fragen über Fragen, die sich aus diesen zwei Sätzen ergeben, die vielleicht gar nicht gestellt worden wären.

Der wichtigste Ratschlag wird übrigens mehrfach wiederholt (S. 12, 16, 22): „Sei authentisch!“ Dazu möchte ich gar nicht so viel sagen. Auch dieser Ratschlag eröffnet mehr Fragen, als tatsächlich beantwortet werden, und zwar allgemeiner und linguistischer Natur: Wie ist man denn authentisch? Wie merkt man, dass man gerade nicht authentisch ist und auf welchen Ebenen kann man sprachlich authentisch oder nicht authentisch sein? Und wie stellt dies alles die Zielgruppe fest? Jetzt bitte alle mal recht authentisch! Hier spricht Peter Tauber das wohl größte Problem (deutscher) Politiker an – Glaubwürdigkeit. Dieses Problem hat sehr, sehr viel mit Sprache und dem Sprachgebrauch von Politikern zu tun. Tauber löst das Problem: Man muss halt einfach glaubwürdig sein!

Am meisten musste ich mich aber die Darstellung der konkreten Kommunikationssituation in diesem Ratgeber wundern:

Über Soziale Medien [gemeint sind hier vor allem Twitter und Facebook, F.S.] können die Menschen direkt und ohne Filter mit den Abgeordneten bzw. Kandidaten kommunizieren. (S. 3, 6, 23)

Was ist hier mit Filter gemeint? Ich bin mir nicht sicher. Viel wichtiger aber ist, dass hier etwas behauptet wird, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es auch Politiker, meinetwegen auch Tauber selbst, gibt, die ihre Seiten selbst betreuen. In der Regel arbeitet aber im Hintergrund ein ganzes Team. Die Diskussionen um die Facebook- und Twitter-Profile von Peer Steinbrück und Cem Özdemir belegen dies eindrucksvoll. Ist so etwas, was auch immer genau damit gemeint ist, ungefiltert? Ich gebe Peter Tauber Recht: Menschen könn(t)en (!) mit Abgeordneten via Facebook kommunizieren, die Plattform lässt es potenziell zu, aber entspricht dieses Szenario auch der Realität? Der Autor hat hier die Antwort parat und widerspricht sich vehement selbst:

Die “Facebook Page” hat den unschlagbaren Vorteil, dass sie von mehreren Administratoren (auch mit verschiedenen Berechtigungsebenen) betreut werden kann“ (S. 7) und „die ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer werden zu Übermittlern der Botschaft. (S. 10)

Sei authentisch!

Der Ratgeber von Herrn Tauber erscheint intuitiv durchaus sinnvoll, so soll man nur nüchtern Botschaften verschicken und Kommentare schreiben (vgl. S. 18, 22).  Einer intensiveren Auseinandersetzung kann er aber kaum standhalten. Die Widersprüche und vagen Phrasen sind zu offenkundig, auch wissenschaftlich gesehen gibt es zu viele Ungereimtheiten. Am kritischsten sehe ich aber einen Textsortenfehler: Ein Ratgeber oder Leitfaden sollte helfen, Probleme zu lösen, das sollte seine primäre Funktion sein. Hier werden aber eher Fragen aufgeworfen, die dann nicht beantwortet werden (können), wenn man kurz über die gegebenen Ratschläge nachdenkt. Schade.