Bastian Sicks ß-Regeln entpuppen sich als Katzengold

Noch vor gut einer Woche habe ich auf einer Tagung behauptet, dass die Sprachglossen von Sick in der letzten Zeit kompetenter geworden seien. Inzwischen macht der neuste Kolumnenbeitrag “Werbung mit Spliss” diesen Eindruck zunichte. Hoffentlich sogar mehr: er entlarvt Sick als jemanden, der die ß-Schreibung nicht beherrscht, denn der schreibt:

Auch die Kampagne für die Zigarettenmarke American Spirit dürfte viel Geld gekostet haben. „Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen“ heißt es dort reichlich verschwurbelt – und grammatisch entstellt. Statt der Konjunktion „dass“ wäre nämlich das Relativpronomen „das“ richtig gewesen. Denn die Tatsache, dass Raucher rauchen, steht außer Frage. Vielmehr geht es hier doch wohl um das Kraut, welches (also: das) sie rauchen.

Gemeint war diese Werbung:

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass sprachbewegte Leute allenthalben an der Formulierung des Werbeslogans Anstoß genommen haben. So wird die Formulierung vom Facebook-Vertreter der Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ als missglückt betrachtet, und Spießer Alfons vom Blog Marketing, Werbung und Medien fühlt sich gar vom Schlag getroffen. Spießer Alfons gibt allerdings eine wunderbare Erklärung, was der Satz bedeuten soll, denn nicht alle verstehen den Satz-Slogan auf Anhieb:

Ausgesagt werden soll, dass die meisten Raucher denken, dass sie nur reinen Tabak rauchen, also keine Zusatzstoffe wie beispielsweise Ammoniak und Honig, Vanillin und Soda, Zucker und Harnstoff. Und wer die Zigarette mit dem Indianer-Kopf raucht, der denkt richtig, weil in „American Spirit“ angeblich nur  reiner Tabak steckt.

Wie kann man sich die grammatische Struktur des Satzes verdeutlichen. Rauchen kann als transitives Verb – also als Verb mit direktem Objekt – gebraucht werden, das ist auch der Fall im Werbesatz. Aber fangen wir langsam an: Er raucht amerikanische Zigaretten. Das Objekt ist hier amerikanische Zigaretten. Man kann auch ein Pronomen wie etwas, diesen (=Tabak) welche, solche (=Zigaretten), so was, nichts oder alles als Objekt haben: jeder raucht welche, er raucht  ihn gern. In manchen Fällen kann das Objekt durch einen Relativsatz bestimmt sein: Er raucht Zigarren, die aus Kuba kommen oder Du rauchst aber auch alles, was er dir andreht. Nun gibt es auch so genannte kopflose Relativsätze, da fällt praktisch das Bezugsnomen weg und der Relativsatz drückt allein aus, was geraucht wird: Ich rauche, was er empfiehlt. Der Werbetextersatz ist nun noch um ein entscheidendes Merkmal komplexer. Im letzten Beispielsatz gehört das Relativpronomen als Objekt zum Verb empfehlen, welches das Prädikat innerhalb des Relativsatzes ist. Man findet jedoch bisweilen auch Relativsätze, wo das Relativpronomen zu einem Verb gehört, das nicht im „eigentlichen Relativteilsatz“ auftaucht. Ein in der linguistischen Literatur diskutiertes, aber aus einem „unschuldig“ produzierten Text stammendes Beispiel ist: Das dritte Gebiet, auf dem wir meinen…, dass mehr und anderes getan werden sollte, ist das Gebiet der innerdeutschen Beziehungen. Und hier sind wir im Prinzip bei der einschlägigen Struktur. Zugegeben: diese Sätze kommen selten vor, und in den Ohren sprachbewusster Menschen klingen sie „verschwurbelt“, aber das Muster ist (mehr oder weniger) klar und deutlich. Der letzte (kursive) Satz ist einer der ganz seltenen Relativsätze mit Bezugsnomen. Ähnlich auch: Das ist ein Ort, wo man will, dass seine Kinder aufwachsen. Bei freien Relativsätzen lassen sich mehr Beispiele in Texten finden und die Akzeptabilität steigt: Ich gehe, wohin Sie wollen, dass ich gehe. Er arbeitet, mit wem du möchtest, dass er arbeitet. Im vorletzten Satz ist wohin das Relativpronomen, das sich auf ein „stummes“ dahin im Hauptsatz bezieht, semantisch aber zum Verb gehen des letzten Teilsatzes gehört. Ganz genau so im nächsten Satz: der Relativausdruck mit wem, bezieht sich auf ein gedachtes „mit demjenigen“ im Hauptsatz, semantisch ist es allerdings eine Adverbialbestimmung zu arbeitet des eingebetteten Satzes. Das wird deutlich in einem Satz wie Sie schläft, mit wem ich eigentlich will, dass sie sich streitet. In diesem Satz bezieht mit wem sich als Relativausdruck auf den „Verschwiegenen“, mit dem sie schläft, semantisch ist es aber derjenige, mit dem sie sich meiner Meinung nach streiten soll. (Klar ist die Aussage des Satzes, dass sich beide Ausdrücke auf dieselbe Person beziehen.) In all meinen zur Illustration ausgewählten Beispielen ist nun unstrittig, dass der jeweils letzte (und am tiefsten eingebettete) Satz ein abhängiger Satz ist, der von der Konjunktion dass eingeleitet wird. Hier käme kaum einer auf die Idee, dieses dass sei ein Pronomen, genauer gesagt das Pronomen das. Das aber behauptet Bastian Sick für genau dasselbe Vorkommen des Wörtchens in: Rauchen, was die meisten denken, dass sie rauchen. Und das ist eben FALSCH! Denn dann müsste es einen Satz derart geben: Raucher denken das (Kraus), das sie rauchen… – was Unsinn ist. Sick hat aller Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten mit dem Satz, weil hier eine – wie der Grammatiker sagt – lange Extraktion aus einem dass-Satz vorliegt. So eine Struktur ist für Norddeutsche schwer akzeptabel.

Den Satz richtig verstanden hat der Facebooker von „Deutsche Sprachwelt“. Der löst dieses angeblich schlechte Werbedeutsch in vorgeblich besseres Deutsch auf: „Rauchen, wovon die meisten denken, dass sie es rauchen“. Das ist tatsächlich eine standardsprachliche Möglichkeit, eine etwas andere Konstruktion als der Texter zu wählen. Was Spießer Anton Alfons (Entschuldigung) macht, ist allerdings nicht normgerecht im Sinne der Erlaubnis oder Empfehlung durch den Duden. Spießer Anton Alfons schlägt vor: „Rauchen, was die meisten denken, dass sie es rauchen“. Die Wiederaufnahme des Relativpronomens durch das Pronomen es im tief eingebetteten Satz ist – nun nicht falsch oder ungrammatisch, aber – stark süddeutsch dialektal.

Also: liebe Kritiker – Sick und Spießer – der Werbetexter ist sprachlich versierter als Sie!

Was jedoch ganz unabhängig von der grammatikalischen Wohlgeformtheit mit dieser ganzen Diskussion einmal mehr bestätigt wurde: Werbesprache irritiert und löst somit Aufmerksamkeit aus. Das ist wohl das oberste Ziel von Werbetextern; und auch das scheint dem Reklame-Autor oder der Texterin bestens gelungen zu sein…

9 Gedanken zu „Bastian Sicks ß-Regeln entpuppen sich als Katzengold

  1. Weil aber der Spießer gar nicht “Anton” heißt, und die Zigarettenfirma ihren Text schon lange korrigiert hat, ist diese hübsche Kolumne auch nicht grade das Gelbe vom Ei, sondern das Grüne. ;–)

    • Allein die Tatsache, dass der Werbespruch nun von der Firma geändert wurde, bedeutet nicht automatisch, dass dort ein Fehler tatsächlich korrigiert wurde. Es bestätigt vielmehr den Eindruck, dass die Öffentlichkeit dem Urteil eines Bastian Sick mehr vertraut als dem Urteil von Linguisten. Dieser kleine Text von Herrn Meinunger ist ein schönes Beispiel dafür, dass hier eine kurze Frage an einen Linguisten gereicht hätte, um die von Herrn Meinunger gegebene, professionelle und – auch völlig korrekte – Antwort zu bekommen…

    • Schon gut – die Hälfte des Namens war ja korrekt ;–)

      Ich sah später ein Plakat, wo aus dem “dass” ein “das” geworden ist.

  2. “Werbesprache irritiert und löst somit Aufmerksamkeit aus. Das ist wohl das oberste Ziel von Werbetextern; und auch das scheint dem Reklame-Autor oder der Texterin bestens gelungen zu sein…” Dieses Fazit ist zutreffend. Es erinnert mich an eine Anfrage, die ich einmal zur grammatischen Richtigkeit des Slogans “König-Pilsener – das König der Biere” zu beantworten hatte; vgl. http://www.sprachauskunft-vechta.de/grammatik/koenig_der_biere.htm . Dort bin ich zu genau der gleichen Einschätzung gekommen.

    • Du vergleichst hier Äpfel mit Glühbirnen. Ein bewusster sprachlicher Gag wie “das König” – nämlich Pilsener – ist ein anderes Thema als eine unbedachte Sprachschludrigkeit.

      • …die vielleicht doch weniger unbedacht war als die vorschnelle Kritik

      • Die Sprachschludrigkeit kann ich bei dem Raucher-Slogan beim besten Willen nicht finden. Zugegeben: Er ist tendenziell umgangssprachlich gehalten; “Rauchen, was die meisten zu rauchen denken” wäre vermutlich stilistisch gehobener. Dabei ginge dann aber die pointierte Amplexionsstellung des Verbs “rauchen” verloren. “Das König” ist zwar in der Tat wesentlich raffinierter, aber eingängig ist der Raucher-Slogan am Ende dann doch immerhin (und leistet damit im Meinunger’schen Sinne, was er soll). — Übrigens fände ich eine ganz andere Diskussion auch interessant: Gilt es nicht (mehr) als Sprachschludrigkeit, jemanden zu duzen, den man gar nicht persönlich kennt?

      • Die Diskussion fände ich in der Tat auch interessant! Es gibt hierzu in der Blogosphäre bereits einige Ansätze: Anatol Stefanowitsch hat sich mit der Frage nach “Du oder Sie?” schon vor etwa 5 Jahren im Bremer Sprachblog auseinandergesetzt (http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/03/29/tv-total/) und neulich noch einmal in seinem Sprachlog aufgegriffen (http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachgebrauch/2012-05-02/sag-mir-was-du-siezt).

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