Internationale Linguistik-Olympiade (II)

Vor gut einem Jahr, im Juli 2012, habe ich einen sehr ähnlichen Beitrag hier im Blog veröffentlicht.

Es ging und geht mir heute wieder um die Internationale Linguistik-Olympiade. Ich kann und will nicht verstehen, dass man sich in Deutschland so schwer tut damit. Ähnlich wie mein letzter Beitrag zum Schimpfen ist dieser hier wieder eine Art Aufruf an die Blog-Leserschaft, mit Ideen aufzuwarten.

Auf der Homapage der Linguistik-Olympiade stehen mittlerweile 35 Länder. Das ist viel und wenig zugleich. Wenig ist es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es um die 200 Länder auf der Erde gibt und dass auch fast so viele an den Olympischen Sommerspielen teilnehmen. Bei den Winterspielen sind es schon deutlich weniger. Der einschlägigere Vergleich ist allerdings derjenige mit den Wissenschaftsolympiaden. Davon gibt es zwölf. Die Internationale Mathematikolympiade mit derzeit ca. 100 Teilnehmerländern beispielsweise. Die Philosophie-Olympiade, die neben der Biologie-, Chemie-, Geographie-Olympiade und anderen auch dazu gehört, wartet mit ungefähr 40 Teilnehmerländern auf. Viel ist es allerdings, wenn man die sich die Länder anschaut und dabei feststellt, dass flächengroße und bevölkerungsreiche Saaten dabei sind: Russland, USA, China, Indien, Brasilien, Australien, Kanada. Das Spannende an der Linguistik-Olympiade ist auf jeden Fall ihr rasantes Wachstum. Noch im Jahre 2007, das war das Jahr vor dem, in dem Deutschland zum ersten Mal teilgenommen hat, gab es lediglich neun Wettkampfländer. 2010 waren es doppelt so viele: 18. Und weitere drei Jahre später, also dieses Jahr (2013) gab quasi wieder doppelt so viele Mannschaften. Der Enthusiasmus ist groß. Ich saß in Sitzungen des Komitees, in den von neu hinzugekommenden Ländern darum gerungen wurde, ein zweites Team starten lassen zu dürfen. Das ist oder war ein Anrecht der „alten“ Gründernationen: Russland hatte schon immer ein Team Moskau und ein Team St. Petersburg; und Lettland war quasi Team 3; die Amts- – will heißen die Sprache, in der die Aufgaben bestellt werden und in der die Mitglieder kommunizieren – ist Russisch. Polen und Bulgarien schicken genauso traditionell zwei Mannschaften, auch die USA. Jetzt hat China zwei, so auch Südkorea, Australien und Schweden. Die Insel(n) macht bzw. machen es ähnlich wie beim Fußball, und so kommt man jetzt auf drei Mannschaften: UK1, UK2 und sogar Isle of Man. Irland gibt es ohnehin extra. Das Spektakuläre ist, dass „arme“ Länder aufs Parkett drängen: so Rumänien und Vietnam zum Beispiel. Auch die Schwellenländer Brasilien und Indien gelten nicht als besonders reich im klassischen Sinne. (Das Verrückte ist, dass sich Brasilien sogar aktiv dafür eingesetzt hat, Gelder für eine deutsche Teilnahme zu akquirieren.) Dennoch schaffen es diese Länder, für die Finanzierung ihrer Teams zu sorgen. Das ist derzeit auch noch nicht so teuer. Die Kosten, die für Deutschland anfielen, lagen nie über 4000 Euro für alles! Einmal sogar unter 2000 Euro beim ersten Mal. Damals übernahm die Kosten der Bundeswettbewerb Fremdsprachen (Bildung und Begabung). Später, als es von dort kein Geld mehr dafür gab, sprang die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) ein. Aber auch da ging für das Projekt Linguistik-Olympiade das Geld aus. Wir (also ich und ein paar Kollegen vom ZAS) haben uns an zig Unternehmen und potentielle Sponsoren gewandt. Die Sätze aus meinem früheren Beitrag sind weiterhin gültig: „Unzählige Vereine, Stiftungen, Träger, private und öffentliche Mäzene, Geld gebende Landes- und Bundesbehörden sind von uns angeschrieben worden. Nur Absagen. Nirgends scheint man eine Möglichkeit zu sehen, die Linguistik-Olympiade auch nur teilweise zu fördern.“ Zwar wird oft beteuert, wie gut, sinnvoll, interessant und vieles mehr man das Unterfangen finde, wie wichtig es sei, die Olympiade zu unterstützen, man selbst sei aber nicht der „richtige“ Geldgeber.

Mein Eindruck ist, dass man wie so oft im Leben am besten über persönliche Beziehungen einen Sponsoren oder eine sonstige Unterstützerin gewinnen könnte. Deswegen frage ich auf diese Weise  in die Runde: Kennt jemand einflussreiche Leute, an die man mit einer entsprechenden Bitte herantreten kann. Hat jemand einen konkreten Tipp, wohin sich man mit einer entsprechenden Anfrage wenden kann?

Die weniger dringliche, aber durchaus sehr interessante Frage ist, wieso sich Deutschland so schwer damit tut. Warum hier wenig Engagement gezeigt wird und sich die Unterstützung in sehr engen Grenzen hält? Ähnliches trifft auch auf Frankreich und Italien zu. Diese Länder zeigen (bislang) keine Ambitionen. Die Niederlande sind aktiv und erfolgreich, der Nachbar Belgien nicht. Schweden ja, Norwegen nein; Tschechien ja, die Slowakei nein… Manches ist sicher Zufall, oft stecken konkrete Persönlichkeiten dahinter, manches aber könnte spezielle Gründe haben. Und vielleicht kann ein Einblick in bestimmte Ursächlichkeiten dabei helfen, erst strukturelle und dann finanzielle Probleme zu lösen.

Gedanken und Bemerkungen zum Schimpfen

Heute kommen zwei Sachen zusammen, die in mir das Bedürfnis auslösen und den Anlass geben, mich seit längerer Zeit wieder einmal mit einem Beitrag hier im geschätzen Blog zu Wort zu melden. Zum einen habe ich gerade gestern einen kleinen populärwissenschaftlichen Aufsatz zum Thema Schimpfen beendet, und zum anderen erschien gestern eine Martenstein-Kolumne in der Zeit – ebenfalls zum Schimpfen. Beide Beiträge stellen eine Lücke fest – Martenstein eine andere als ich. Möglicherweise aber liegen wir beide falsch. Im Moment scheint mir allerdings, tendenziell haben wir beide recht. Eigentlich ist dieser Beitrag meinerseits auch kein typischer Blog-Text, in dem eine Aussage getroffen wird. Das schon, aber er ist viel mehr noch als sonst eine Einladung oder gar ein Aufruf zur Diskussion. Ich möchte in den hoffentlich eingehenden Kommentaren Bestätigung bekommen oder aber von mir aus auch widerlegt werden. In beiden Fällen gäbe es einen Erkenntnisgewinn.
Zuerst zu Martenstein. Der Kolumnist mit Kultstatus stellt eine für ihn typische Geschlechterungerechtigkeit fest: Frauen seien in Bezug auf das deutsche Schimpfwortinventar „benachteiligt“, weil quasi unsichtbar. Die Unterüberschrift lautet: „Schimpfwörter sind fast immer männlich. Wie ungerecht! Immerhin beim Wort Hure findet Geschlechtergerechtigkeit statt…“. Martenstein nennt ein paar männliche Schimpfwörter, die tatsächlich kein weibliches Pendant haben. Könnte man sich zu Geizhals und Schweinehund theoretisch noch eine Geizhälsin bzw. eine Schweinehündin vorstellen, so geht das für Mistkerl oder Taugenichts nicht mehr. Martenstein behauptet allerdings auch, dass Arschloch für Männer reserviert sei. Das, denke ich, kann man bestreiten. Arschloch ist weniger männlich. Erstens ist es grammatikalisch sächlich: DAS Arschloch. Und zweitens habe ich die Wortkette “sie ist ein Arschloch” gegoogelt – das Ergebnis ist interessant. Es kommen wirklich nur wenige Belege, aber die Suchmaschine findet welche. Vor allem ein Eintrag ist relativ häufig belegt: Lillifee denkt, sie ist ein Arschloch. Und Lillifee ist nun allerdings ein extrem weibliches Wesen. Ich habe an Martensteins These gezweifelt und zweifle immer noch, weil ich eben gerade in der letzten Woche bei meiner malediktologischen Lektüre auf viele weibliche Bezeichnungen gestoßen war: Schlampe, Fotze, dumme/blöde Kuh/Gans/Pute, Nebeklkrähe, Planschkuh, Hexe, Schickse, Spinatwachtel, Flittchen, Klatschbase, Tratschtante, alte Jungfer, Schnepfe, Dorfmatratze, Kratzbürste – und obwohl grammatisch männlich: Besen und (Haus-) Drache. Nicht ganz so derb, aber auf jeden Fall auch abwertend gebraucht findet man Blondine, Diva, Luder, Betschwester. Interessant ist auch die Internet-Schimpfwort-Seite http://www.rindvieh.com. Dort sind Negativ-Kraftausdrücke kategorisiert abrufbar, unter anderem solche für Männer und solche für Frauen. Bei den männlichen Schimpfwörtern sind derzeit 96 aufgelistet, bei den weiblichen mit 152 mehr als anderthalbmal so viele! Mein Zweifel hält sich allerdings in Grenzen. Möglicherweise hat Martenstein in der Tendenz recht.
Meine Beobachtung ist eine ganz andere, und zwar die folgende. Schimpfwörter scheinen sich als ein Problem für die sogenannte Pollyanna-Hypothese zu erweisen. Diese wurde 1969 von den linguistisch orientierten Psychologen Boucher und Osgood aufgestellt. Nach dieser besteht eine universale menschliche Tendenz, beim Sprechen häufiger über Positives zu reden als über Negatives. Diese Hypothese ist nicht sonderlich populär; aber etliche namhafte Linguisten haben sich auf sie gestützt. Hin und wieder liest man über Forschungsergebnisse, die sie (angeblich) bestätigen. Nach dieser Hypothese überwiegen in der menschlichen Kommunikation Wörter, die Gutes und Schönes bezeichnen. Mein Eindruck ist nun, dass es zu Schimpf- und Fluchwörtern aber keinen positiven Gegenpart gibt. Kosewörter kommen einem in den Sinn. Aber selbst diese sind seltener, unregelmäßiger und unsystematischer. Das eigentliche Gegenteil sollten Lobeswörter oder Lobpreis-Ausdrücke sein. Da scheint es aber praktisch (im Deutschen) kaum welche zu geben. Wenn jemand gelobt, gerühmt, gepriesen wird, heißt es Gut gemacht! Toll! Ein Substantiv fällt mir nicht ein. Jedenfalls kein deutsches. Aus meiner Studienzeit erinnere ich mich, dass wir von unseren russischen Lehrkräften damals mit „molodez!“ (sprich: maladjets) gelobt wurden. Das ist als Appellativum ein eher ungebräuchliches Wort für junger Mann. Als Lob für jemanden, der etwas gut und richtig gemacht hatte, besonders wenn es unerwartet kam, war es extrem frequent. Es konnte sich meines Wissens auch ziemlich gut auf Frauen anwenden lassen. Ein anderer Fall kommt mir als passioniertem Opernbesucher in den Sinn. Nach einer besonders guten Gesangsleistung wird einem Sänger lautstark Bravo zugerufen. Das ist auch kein „echtes“ deutsches Wort. Und diejenigen, die sich für die richtigen Kenner halten, rufen Bravo auch nur bei einem Mann. Bei einer Frau wird Brava gerufen, beim Lob für das gesamte Ensemble oder schon ab zwei Sängern schreit man Bravi. Die verschiedenen Formen zeigen, dass hier etwas Nominales im Spiel ist, dass es sich also gut möglich um ein (deadjektivisches) Substantiv handeln kann. Wäre es immer bravo (die Groß- oder Kleinschreibung hört man ja nicht), könnte es ein Wort sein wie hallo oder danke. So sieht es doch nach einem Nomen aus. Damit erschöpft sich, was mir zu Lobeswörtern einfällt. Kann es sein, dass mehr geschimpft und geflucht, als gelobt und gerühmt wird? Gibt es viel mehr Schimpfwörter als Lobausdrücke? Ist das eine Ausnahme, die die Pollyanna-Hypothese (nicht) bestätigt? Oder übersehe ich etwas? … ähnlich wie Martenstein?

Sei authentisch! Ein Ratgeber für politische Kommunikation

Ratgeberliteratur ist sehr beliebt und das nicht ohne Grund. Sie wird als Problemlösehilfe zu Rate gezogen, zu den vielfältigsten Themen. Ob Ehe, Tierhaltung, Energiesparen – die Regale der Buchhandlungen sind gut mit entsprechenden Ratgebern gefüllt. Linguistisch sind Ratgeber aus zwei Gründen interessant. Zum einen kann man untersuchen, mittels welcher sprachlichen Strategien dort versucht wird, Wissen bzw. Problemlösungen zu vermitteln. Zum anderen – und diesen Bereich finde ich persönlich interessanter – gibt es viele Ratgeber, die sich auf verschiedenen Ebenen mit Sprache befassen: Bewerbungsratgeber, Stilratgeber, Briefsteller, Redetrainings etc. Oftmals werden dort intuitiv nachvollziehbare Ratschläge gegeben, die aber auch an Trivialität nicht zu überbieten sind. Zudem verursachen manche Ratschläge mehr Fragen, als sie beantworten, da sich die Ratschläge teilweise widersprechen. Oder die Ratschläge sind so vage, dass sie schlichtweg nicht das zu lösende Problem lösen, sondern auf die tiefer liegenden Probleme aufmerksam machen. Dass die Ausführungen aus linguistischer Sicht oft Humbug am Rande des Hokuspokus sind, muss wohl eigentlich nicht erwähnt werden. Ein Beispiel? Social Media. Leitfaden 2013. Soziale Medien in der politischen Kommunikation von Peter Tauber (MdB/CDU, Selbstverlag).

Ein spannendes und hoch relevantes Thema, vor allem im Wahljahr 2013. Sprach-, medien- und kommunikationswissenschaftlich lässt sich zum Thema auch eine ganze Menge sagen. Zugegeben: Meine Erwartungen waren hoch, da Peter Tauber auch Germanistik studiert hat. Das Bild und die Thematisierungen von Sprache lassen dies aber leider selten erkennen. Als „Werkzeug“ (S. 7) erkennt Tauber Sprache zwar, widmet ihr allerdings in einem separaten Kapitel ganze 7 Zeilen und die erscheinen in Schneider´scher Manier:

Sprich (bzw. schreibe) so, dass die Zielgruppe es auch versteht. Einfache Sätze, eindeutige Formulierungen und Vermeidung von Fremdwörtern sind wichtig für klare Botschaften, die in appetitlichen Häppchen verpackt effektiver sind als aneinander gewurstelte Bandwurmsätze oder Amts- und Juristendeutsch. (S. 17)

Wie schon erwähnt, dies ist auf den ersten Blick plausibel. Aber würde dies nicht auch auf ein Kochrezept, eine Bastelanleitung oder eine Gebrauchsanweisung zutreffen? Was ist ein „einfacher Satz“? Ist hier bspw. die semantische Ebene oder die syntaktische Ebene gemeint? Ab wann ist ein Satz ein Bandwurm und wann ist dieser appetitlich? Was ist denn nun ein Fremdwort? Ist Fraktion ein Fremdwort und sollte deswegen von Politikern im Netz nicht benutzt werden? Und die Königsfrage: Wer oder was ist denn die Zielgruppe eines Politikers im Netz? Und wie versteht diese was am besten? Wenn Politiker sprechen oder schreiben, soll die Zielgruppe denn dann wirklich alles verstehen? Was soll Sie genau verstehen? Die Intention des Textes? Die bloße Botschaft? Fragen über Fragen, die sich aus diesen zwei Sätzen ergeben, die vielleicht gar nicht gestellt worden wären.

Der wichtigste Ratschlag wird übrigens mehrfach wiederholt (S. 12, 16, 22): „Sei authentisch!“ Dazu möchte ich gar nicht so viel sagen. Auch dieser Ratschlag eröffnet mehr Fragen, als tatsächlich beantwortet werden, und zwar allgemeiner und linguistischer Natur: Wie ist man denn authentisch? Wie merkt man, dass man gerade nicht authentisch ist und auf welchen Ebenen kann man sprachlich authentisch oder nicht authentisch sein? Und wie stellt dies alles die Zielgruppe fest? Jetzt bitte alle mal recht authentisch! Hier spricht Peter Tauber das wohl größte Problem (deutscher) Politiker an – Glaubwürdigkeit. Dieses Problem hat sehr, sehr viel mit Sprache und dem Sprachgebrauch von Politikern zu tun. Tauber löst das Problem: Man muss halt einfach glaubwürdig sein!

Am meisten musste ich mich aber die Darstellung der konkreten Kommunikationssituation in diesem Ratgeber wundern:

Über Soziale Medien [gemeint sind hier vor allem Twitter und Facebook, F.S.] können die Menschen direkt und ohne Filter mit den Abgeordneten bzw. Kandidaten kommunizieren. (S. 3, 6, 23)

Was ist hier mit Filter gemeint? Ich bin mir nicht sicher. Viel wichtiger aber ist, dass hier etwas behauptet wird, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es auch Politiker, meinetwegen auch Tauber selbst, gibt, die ihre Seiten selbst betreuen. In der Regel arbeitet aber im Hintergrund ein ganzes Team. Die Diskussionen um die Facebook- und Twitter-Profile von Peer Steinbrück und Cem Özdemir belegen dies eindrucksvoll. Ist so etwas, was auch immer genau damit gemeint ist, ungefiltert? Ich gebe Peter Tauber Recht: Menschen könn(t)en (!) mit Abgeordneten via Facebook kommunizieren, die Plattform lässt es potenziell zu, aber entspricht dieses Szenario auch der Realität? Der Autor hat hier die Antwort parat und widerspricht sich vehement selbst:

Die “Facebook Page” hat den unschlagbaren Vorteil, dass sie von mehreren Administratoren (auch mit verschiedenen Berechtigungsebenen) betreut werden kann“ (S. 7) und „die ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer werden zu Übermittlern der Botschaft. (S. 10)

Sei authentisch!

Der Ratgeber von Herrn Tauber erscheint intuitiv durchaus sinnvoll, so soll man nur nüchtern Botschaften verschicken und Kommentare schreiben (vgl. S. 18, 22).  Einer intensiveren Auseinandersetzung kann er aber kaum standhalten. Die Widersprüche und vagen Phrasen sind zu offenkundig, auch wissenschaftlich gesehen gibt es zu viele Ungereimtheiten. Am kritischsten sehe ich aber einen Textsortenfehler: Ein Ratgeber oder Leitfaden sollte helfen, Probleme zu lösen, das sollte seine primäre Funktion sein. Hier werden aber eher Fragen aufgeworfen, die dann nicht beantwortet werden (können), wenn man kurz über die gegebenen Ratschläge nachdenkt. Schade.

Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

Kurzmitteilung

Alternativen zum Elfenbeinturm
Die Linguistik will stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken

Von Jochen A. Bär und Thomas Niehr

Seit ihrer Begründung vor 200 Jahren sieht sich die Sprachwissenschaft in einem problematischen Verhältnis zur Sprachkritik – und umgekehrt. Obwohl beide die Sprache zu ihrem Gegenstand haben, waren sie zumeist eher auf Abgrenzung denn auf das Finden von Gemeinsamkeiten bedacht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Konflikt zwischen einer sprachwissenschaftlichen und einer sprachkritischen Betrachtungsweisen noch verschärft. Die Sprachwissenschaft zog sich auf den Standpunkt zurück, dass sie als Wissenschaft die Sprache ausschließlich zu beschreiben, nicht aber zu bewerten habe. Die Sprachkritik überließ man der Öffentlichkeit. Wechselseitige Schuldzuweisungen trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. So wurde den „Sprachfreunden“ oder „selbsternannten Sprachpflegern“ seitens der Linguistik etwa vorgeworfen, dass sie fundamentale wissenschaftliche Einsichten nicht zur Kenntnis nähmen bzw. missachteten. Sprachkritiker dagegen monierten, dass die Sprachwissenschaft ihren Elfenbeinturm nicht verlassen wolle und die tatsächlichen Probleme unberücksichtigt lasse oder gar leugne.

In jüngerer Zeit lassen sich Tendenzen einer ersten vorsichtigen Annäherung erkennen. Einige namhafte Fachvertreter beschäftigen sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es für die Sprachwissenschaft gibt, das berechtigte und aus linguistischer Sicht durchaus wünschenswerte Interesse der Öffentlichkeit an Sprache ernst zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die komplexen Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen.

Im Rahmen einer Tagung in Aachen, zu der wir kürzlich etliche der mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen eingeladen haben, bestand Einigkeit: Die Sprachwissenschaft sollte nach Mitteln suchen, dieses Interesse in sinnvoller Weise zu bedienen. „Sinnvoll“ ist dabei erstens inhaltlich gemeint: Es geht dar­um, wissenschaftlich fundierte Infor­mationen über Sprache zu vermitteln, wobei das, was die Öffentlichkeit an Sprache hauptsächlich interessiert, bestimmend sein darf, aber nicht muss. Zweitens zielt „sinnvoll“ auf die Präsentationsform: Es geht darum, so zu reden und die Dinge so darzustellen, dass sie allgemein verständlich sind.

Als Ergebnis der Tagung präsentieren wir die folgende

 Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.
Es wird immer Gegenstände unserer Disziplin geben, die für eine größere Öffentlichkeit von geringerem Interesse sind. Ihnen stehen jedoch solche gegenüber, an denen bereits ein öffentliches Interesse besteht, aber auch solche, an denen ein öffentliches Interesse geweckt werden sollte. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Nutzen für die Allgemeinheit deutlich zu machen. Gemeint ist also nicht, dass wir Kommunikationsformen ent­wickeln, die beliebige Gegenstände unserer Disziplin als irgendwie progressiv, spannend, über­raschend usw. erscheinen lassen, sondern dass wir ernsthaft fragen, was angesichts der bestehenden Verhältnisse gebraucht wird.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.
Sprache wird unter anderem dann zu einem öffentlichen Thema, wenn ganze Gruppen von Sprecherinnen und Sprechern sich neue Gebrauchsweisen der Sprache angewöhnen und diese neuen ,Sprachen in der Sprache‘ als in irgendeiner Weise fehlerhaft oder unzureichend bewertet werden (von neuen fachsprachlichen Gebräuchen bis hin zum so genannten Kiezdeutsch). Mit dem massenhaften Gebrauch von elektronischen Arbeits- und Kommunikationsmedien bildet sich eine spezielle, in ihrer Art neue Lese- und Schreibfähigkeit heraus, und viele Menschen haben den Eindruck, dass die traditionelle Schriftsprache dabei ins Hintertreffen gerät. Die Sprachwissenschaft kann auf diese Entwicklung reagieren, etwa indem sie die neuen Sprachformen nicht einfach abwertet, sondern zum angestrebten Standard, der sich ja ebenfalls im Laufe der Zeit verändert, in Beziehung setzt. Das reicht vom kon­struktiven Umgang mit Normbegriffen in der Schule bis zur Beschäftigung mit der Rechtschreibreform.

Unumgänglich ist es, zwischen gesproche­nem und geschriebenem Standard zu differenzieren, denn gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich erheblich voneinander. In spontaner Mündlichkeit erfolgt die Sprachverarbeitung ‚online‘, d. h., man hat keine Zeit, die jeweiligen Formulierungen genau zu planen, und dies führt zu typisch mündlichen syntaktischen Konstruktionen. In der geschriebenen Sprache dagegen hat man – medial bedingt – die Möglichkeit, die Textgestalt zu planen und zu überarbeiten. Bei der Planung von Standardsprachlichkeit müs­sen diese medialen Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin be­schäftigen.
Sprache schafft Identität zum einen im sozialen Raum: Meine Sprache lässt erkennen, zu welcher gesellschaft­lichen Gruppe ich gehöre, signalisiert meine Stellung in der Gesellschaft. Ein öffentliches Interesse daran schlägt sich oft in Fragen nach ,gutem‘ oder ,schlechtem‘ Deutsch nieder. Die Linguistik sollte sich dem nicht mit bloßem Verweis auf die Relativität solcher Bewertungen entziehen, sollte sich aber auch nicht in den Dienst einer ,neuen Bürgerlichkeit‘ nehmen lassen, die nach einem ,richtigen Umgang‘ mit Sprache wie nach dem ,richtigen Umgang‘ mit dem Essbesteck verlangt. – Identität schafft Sprache aber auch durch Abgrenzung von anderen Sprachen. Aktuell geht es in Deutschland dabei vor allem um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Deut­schen und dem Englischen, eine Frage, die die Spannung zwischen Nationalstaatlichkeit und Globalisierung spiegelt. Auch hier wird es für die Linguistik entscheidend darum gehen, den richtigen Ton zu treffen. Noch stärker als bisher müssen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik dazu beitragen, die mit kultureller Diversität und intrakulturellen Sprachdifferenzen verbundenen gesell­schaftlichen Herausforderungen zu gestalten.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.
Die Sprachwissenschaft kann zu einer positiven Spracheinstellung beitragen, indem sie beispielsweise bestimmte Formen destruktiver Sprachkritik als unhaltbar erweist. Wie manche anderen Sprachen hat sich das Deutsche einer solchen Sprachkritik zu erwehren, wobei sich diese bei uns in den vergangenen etwa zwanzig Jahren eher verstärkt hat. Der Typus ist viel älter, hat sich aber seit der Wiedervereinigung im Rahmen der deutschen Identitätsdebatten deutlich ausgeprägt. Dazu gehören Themen wie der allgemeine ,Verfall‘ des Deutschen, der Fremdwort- und Normdiskurs oder generell Zweifel an den Sprachfähigkeiten unserer jungen Generation. Es geht nicht um einen Versuch, vor unbestreitbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern darum, bestehende Probleme mit (u. a.) sprachwissenschaftlichen Mitteln auf ihr rechtes Maß zu bringen und praktische Beiträge zu ihrer Bearbeitung zu liefern.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den ent­sprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.
Sprachkritik ist die Beschreibung, Analyse und Bewertung von sprachlichen Äußerungen. Die allermeisten Äußerungen in Alltag, Beruf und Wissenschaft erfolgen unreflektiert, gewissermaßen „blind“ (Wittgenstein), routinemäßig und automatisch, und zwar notwendigerweise, da man beim Sprechen und Schreiben nicht ständig innehalten kann. Innehalten zum Zwecke der Reflexion erfolgt aufgrund von Anlässen, die vielfältig sein können, z. B. Unsicherheit, Nicht-Verstehen, Zweifel der verschiedensten Art. Der Sprachgebrauch eines Menschen ist reflektiert, wenn er/sie in der Lage ist, die Art und Weise des eigenen Sprachgebrauchs zu begründen bzw. zu rechtfertigen. Maßstäbe für eine Rechtfertigung sind die Wahrhaftigkeit, Relevanz und Verständlichkeit des Gesagten.

Die Korrektheit und Angemessenheit einer sprachlichen Äußerung kann immer nur mit Bezug auf die jeweilige Sprachvarietät (Standardsprache, Dialekt, Fachsprache …), die jeweilige kommunikative Praktik und individuelle Kommunikationssituation sowie die jeweilige Sprachmedialität (mündlich, schriftlich, computervermittelt …) beurteilt werden.

Aufgabe der Linguistik ist es, diesen Zusammenhang in öffentlichen Diskur­sen über Sprachkompetenz und ‚Sprachverfall‘ immer wieder anhand konkreter Beispiele zu verdeut­lichen und auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Alternativen zur populären Sprachkritik aufzuzeigen. Die Gesellschaft braucht weder Sprachgesetze noch eine Sprachpolizei, aber sie hat Anspruch auf Rat von Fachleuten.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.
Eine Annäherung kann nur über ein besseres Verständnis der jeweils anderen Perspektive erreicht werden. Der Wunsch vieler Schreiber und Sprecher nach Normierung und damit Orientierung muss als wichtiges Bedürfnis  wahrgenommen und akzeptiert werden. Die sprachbezogenen Theorien, wie sie der öffentlichen, nicht-wissenschaftlichen Sprachkritik zugrunde liegen, sollten nicht länger als defizitäre Vorstufen linguistischer Sprachtheorien betrachtet werden, sondern als Sprachreflexionen, die aus spezifischen Bedürfnissen erwachsen.

Die Sprachwissenschaft sieht sich dem Vorurteil gegenüber, ihre Aussagen zum öffentlich gefühlten Sprachverfall seien nichts als Beschwichtigungen, die dazu dienten, im Sinne von politischer Überkorrektheit abweichendes Deutsch zur guten Sprache schönzureden. Dieses Vorurteil ist zu widerlegen: Sprachwissenschaftler bewerten bisweilen sprachliche Strukturen durchaus – entgegen land­läufiger Meinung. Sprachwissenschaftler können und dürfen bewerten – entgegen mancher akademischen Meinung. Eine wichtige Aufgabe der Linguistik besteht darin, der Öffentlichkeit linguistisch begründete Bewertungsmaßstäbe vorzustellen, wie sie z. B. in der Sprachkritikforschung mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entwickelt wurden. Sprachkritik ist somit ein konstitutiver Baustein der Linguistik sowie der alltäglichen Kommunikation.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.
Die Rekonstruktion der zugrundeliegenden Sprachideologien und Sprachnormenkonzepte ermöglicht eine Reflexion der eigenen fachwissenschaftlichen Perspektive auf Sprache. Erst durch eine eigene Standortreflexion der Linguistik ist eine Annäherung an eine sprachinteressierte Öffentlichkeit möglich, sinnvoll und fruchtbar.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.
Von der OECD wird „Lesekompetenz“ definiert als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Hier geht es ganz offensichtlich um mehr als um die Beherrschung einer technischen Fertigkeit: Der Umgang mit Texten soll dem Leser die Teilhabe am gesell­schaftlichen Leben ermöglichen. Diese Position entspricht der Forderung nach einem stärkeren Praxisbezug der Ausbildung, einer Forderung, die die Schulen (PISA) und Universitäten bereits erreicht hat. Man mag über diese Verschiebung von der Bildung zur (berufsnahen) Ausbildung denken, wie man will: Die Kompetenz zur Rezeption und zur Produktion von Texten wird eine hervorgehobene Rolle in den Lehrplänen spielen, was zu einem besonderen Engagement der Textlinguistik, in Zusammenarbeit mit der Sprachdidaktik führen wird (führen sollte!). Zudem spielt die Vermittlung sozialer Kompetenzen eine immer größere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen, und der Raum des Sozialen ist nun einmal ganz entscheidend durch Sprache strukturiert.

Zentrales Ziel des Deutschunterrichts sollte es sein, die Fähigkeit zum jeweils angemessenen Sprachgebrauch zu verbessern. Hierzu gehört auch die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kommunikativen Praktiken – „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins –, unterschiedlichen Medien sowie unterschiedlichen Varietäten zu wechseln (Code-Switching und Code-Shifting). Das Angemessenheitskriterium schließt das Korrektheitskriterium in gewissem Sinne mit ein, denn das sprachlich Angemessene ist nicht korrekturbedürftig.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.
Eine adressatengerechte Darstellung fachlicher Inhalte ist Voraussetzung für einen gelingenden Dialog über die Fachgrenzen hinaus (aber durchaus auch zwischen einzelnen Teilbereichen des Fachs), und sie muss erlernt werden. Dies sollte künftig verstärkt Ziel akademischer Ausbildung für Linguistinnen und Linguisten sein. Davon sollten nicht zuletzt auch diejenigen unserer Studierenden profitieren, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer werden, denn sie vermitteln ganz wesentlich zwischen Linguistik und Öffentlichkeit.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Kreativität sollten dabei keine Grenzen gesetzt sein. Nachgedacht werden könnte unter anderem über die Einrichtung weiterer Kontaktstellen für (Sprach-)Rat suchende Schreiber und Sprecher nach dem Vorbild bereits bestehender Institutionen (z.B. Aachener Sprachtelefon|www.aachener-sprachtelefon.de|, Sprachberatung an der Universität Chemnitz |www.sprachberatung.tu-chemnitz.de| oder Arbeitsstelle für Sprachauskunft und Sprachberatung an der Universität Vechta |www.sprachauskunft-vechta.de|).

Denkbar wären auch öffentlichkeitswirksame Dokumentationen zum Thema Sprache (sehr erfolgreich war vor einigen Jahren die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ im Berliner Historischen Museum) sowie Kooperationen mit den Medien.

Verstärkt genutzt werden könnten Blogs, Foren und Soziale Netzwerke. In diesem Sinne haben wir im Anschluss an unsere Aachener Tagung ein linguistisches Weblog eingerichtet (spraachenblog.wordpress.com; http://www.facebook.com/spraachenblog), in dem sprachwissenschaftliche Themen in allgemein verständlicher Form behandelt werden und in dem Interessierte mitdiskutieren können.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.
Ansätze, die „splendid isolation“ der Linguistik zu überwinden, hat es in den zurückliegenden Jahren mehrfach gegeben. Sie sind in der Regel ohne größere Wirkung geblieben: Meist geriet das Anliegen schon nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Um einer solchen Entwicklung zu begegnen, haben diejenigen, die diese Erklärung unterzeichnet haben, einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik ins Leben gerufen, der die unterschiedlichen Forschungsansätze und -interessen vernetzen und das Thema „Sprachwissenschaft und Öffentlichkeit“ in regelmäßigen Abständen auf die Tagesordnung setzen soll.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.
Niemand sollte sich genötigt sehen, eigene Forschungsinteressen am öffentlichen Interesse auszurichten. Es bedarf auch in Zukunft eines im engeren Sinne wissenschaftlichen Diskurses, der Exklusivität zwar nicht anstreben muss, der sie aber beanspruchen darf. Inhaltlich fatal wäre es, wenn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Tendenzen entstünden, Sprachwissenschaft nur dann für akzeptabel (ggf. sogar für förderungswürdig) zu halten, wenn sie ,PR-fähig‘ ist.

Erstunterzeichner:

Dr. Birte Arendt (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jochen A. Bär (Universität Vechta)
Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen)
Andreas Corr, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Ekkehard Felder (Universität Heidelberg)
Dr. Tobias Heinz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Andreas Gardt (Universität Kassel)
Alexander Keus, M.A. (RWTH Aachen)
Dr. Jana Kiesendahl (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Prof. Dr. Jörg Kilian (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Prof. Dr. Péter Maitz (Universität Augsburg)
PD Dr. André Meinunger (Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin)
Prof. Dr. Thomas Niehr (RWTH Aachen)
Dr. Falco Pfalzgraf (University of London, Queen Mary)
Dr. Kersten Sven Roth (Vertretungsprofessur Universität Potsdam)
Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
Frank Schilden, M.A. (RWTH Aachen)
Prof. Dr. Jan Schneider (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Dr. Jürgen Spitzmüller (Universität Zürich)
Jana Tereick, M.A. (Universität Hamburg)
Eva Teubert, M.A. (Institut für deutsche Sprache, Mannheim)
Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier)
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Universität Trier)

Pippi, die Südseeprinzessin?

Wer heute einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Neger nennt, der bezeichnet ihn nicht nur, der bewertet ihn auch und zwar negativ, also beleidigt er oder sie ihn – und das aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus und der ist nirgendwo tolerierbar (übrigens auch nicht auf dem Tivoli, *hust*). Wer bei einer solchen Situation daneben steht und diesen diskriminierenden Sprachgebrauch nicht als eben solchen thematisiert, macht sich damit in meinen Augen zumindest mitschuldig (auch dies wäre auf dem Tivoli so, *räusper*). In der Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff Neger noch nicht negativ konnotiert und konnte damit nicht mit verletzender Intention benutzt werden – das ist heute anders, es hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. In eben dieser Zeit schrieb Astrid Lindgren ihre drei Pippi-Langstrumpf-Bücher (1945-1948), mit denen mehrere Generationen – meine inklusive – aufgewachsen sind. In diesen Büchern wurde früher von Negern erzählt, Pippi selbst war Negerprinzessin und einmal behauptet sie sogar, alle im Kongo würden lügen. Diese Stellen wurden vom Verlag Oetinger schon vor Jahren geändert, Pippi ist nun bspw. Südseekönigin. Dass es aber in der Südsee keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, dies scheint dem Verlag nicht wichtig: Dass Südseeprinzessin im heutigen Sprachgebrauch im Gegensatz zu Negerprinzessin politisch korrekt ist, steht außer Frage, aber auch das Denotat ist nicht dasselbe. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem relativ unwichtig zu sein, zugrunde liegt aber ein Grundsatzproblem: Ist ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk im Sinne der politischen Korrektheit legitim? Hier geraten in einem Text verschiedene Punkte unseres Grundgesetzes in Widerspruch zueinander, bspw. Artikel 1 und 5. Und: Muss man Kinder vor solch einem Sprachgebrauch nicht schützen?

In unserem Blog haben wir schon sehr harsche, aber begründete negative Kritik an der Wochenzeitung „Die Zeit“ geübt. Diesmal möchte ich sie ausdrücklich loben! In einem Dossier (Seiten 13 – 15) in der aktuellen Ausgabe behandeln drei Texte und ein Interview diese und verwandte Fragen an Textbeispielen aus Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Michael Ende) und Die kleine Hexe (Otfried Preußler), sowie an Literatur für Erwachsene, dem Buch „Wumbabas Vermächtnis“ von Axel Hacke. In der Kinderliteratur stehen demnächst Textänderungen im Sinne der politischen Korrektheit an, dies auch mit durchaus lobenswerter Intention. Ulrich Greiner, Ijoma Mangold und Axel Hacke diskutieren und wägen ab und vor allem: Sie kontextualisieren die betreffenden Stellen!

Zwei Beispiele von Greiner:

1) Wenn jemand sagen würde, alle Menschen im Kongo lügen, ist das rassistisch – eindeutig. Pippi sagt dies, ist dies also rassistisch? Aus dem Kontext gelöst schon, aber Greiner zeigt: Vorher, in demselben Kontext, wird Pippi selbst beim Lügen ertappt und gesteht, dass auch sie öfters lüge. Danach erzählt Pippi die Mär der den ganzen Tag lügenden Kongolesen. Liegt hier zu kritisierender Rassismus vor oder ist dies kunstvolle Mehrschichtigkeit innerhalb eines Kunstwerks?

2) Kristina Schröder (CDU, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) würde in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer jeden Neger durch einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe ersetzen. Alltagsweltlich wäre dies natürlich wünschenswert und politisch korrekt. Eine Stelle im betreffenden Werk, so zeigt Greiner, sähe dann so aus:

„”Ein Baby!”, riefen alle überrascht, “ein schwarzes Baby!” – “Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein”, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“

Ich lasse dies hier unkommentiert stehen.

Der Grundtenor ist bei allen Diskutierenden dennoch: Rassismus und rassistischer Sprachgebrauch ist selbstverständlich abzulehnen, aber trotzdem muss Kunst vor Zensur geschützt werden, aber auch Kinder müssen über die heutige Bedeutung von Neger oder über die problematische Bedeutung von Zigeuner aufgeklärt werden, denn Unwissenheit schützt vor Strafe und Sanktion (zu Recht) nicht. Eine etymologische Herangehensweise im Falle von Neger kann im Übrigen, da hat Ijoma Mangold völlig Recht, nicht der richtige Weg sein, um die Benutzung des Wortes Neger heute zu legitimieren.

Was macht man nun mit der komplizierten Situation, welches Grundrecht wird zugunsten des anderen eingeschränkt? Problematisch ist hier im Übrigen, dass sich die Gesetze auf unterschiedliche Dinge beziehen: Einmal auf das Recht eines Menschen und das andere Mal auf die eher abstrakten Phänomene Kunst und deren Freiheit.

Mein Vorschlag: Man lässt die Werke im Kontext ihrer Zeit gelten und wahrt ihr Recht auf Kunstfreiheit. Eine stumpfe Ersetzung eines Wortes durch ein anderes kann nicht funktionieren, weil Bedeutung im Kontext konstituiert wird und vielschichtig ist, dies zeigt Greiner eindrucksvoll an vielen weiteren Beispielen. Bei für den heutigen Sprachgebrauch problematischen Stellen sollte es aber einen metasprachlichen Hinweis geben, wie bspw., dass das Wort Neger nicht mehr als eine neutrale Bezeichnung benutzt werden kann. Das Problem sehe ich weniger bei den Kindern als bei den Vorlesenden: Wenn eine heute 4-Jährige das Wort Neger hört, wird sie fragen, was das denn bedeute, denn sie wird das Wort nicht kennen. Die Antwort sollte dann nicht lauten „Das sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe“, denn die Wörter sind nicht synonym! Als Hilfe für die Vorlesenden sollte dann ein kurzer metasprachlicher Verweis auf die Geschichte des Wortes und vor allem auf die Geschichte seines Gebrauchs eingehen. Dieser Hinweis muss auch nicht bei jedem Neger passieren, er reicht beim ersten Mal, Kinder sind nämlich nicht dumm  – so kann Didaktik und Pädagogik im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Es muss um die Entwicklung einer Sprachsensibilität gehen und nicht um ein Wortverbot. Man bekämpft Rassismus nicht mit der Löschung rassistischer Begriffe, sondern eben durch die Thematisierung dieser. Allein aus diesem Grund bin ich erfreut über die öffentliche Diskussion, ich wünsche mir nur die richtigen Schlüsse und klare Argumente – das Dossier der „Zeit“ ist eine gute Grundlage zur notwendigerweise differenzierten Diskussion.

Nachtrag 1: Interview mit Prof. Thomas Niehr (ISK, RWTH Aachen) zu diesem Thema beim RBB-Inforadio.

Wenn dem Linguisten die Hutschnur platzt

In der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten, des vierteljährlich erscheinenden Publikationsorgans des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS), beschäftigt sich Gerhard Illgner auf den Seiten 14 und 15 mit dem Verhältnis von Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Die (aus unserer Sicht nur schwer nachvollziehbare) Hauptaussage des kurzen Textes ist, dass die letztgenannte angeblich erstere sträflich „missacht[e]“ (14, Sp.1). Allein aufgrund dieser Behauptung ist die Abhandlung Illgners einen längeren Kommentar wert:

Illgner beginnt mit der Einführung eines wissenschaftstheoretischen Topos. Über Sokrates zu Popper führt er den Begriff der Falsifikation ein, der besagt, „dass es grundsätzlich möglich ist, empirisch-wissenschaftliche Theorien zu widerlegen“ (14, Sp. 1). Von diesem Gedanken ausgehend, versucht Illgner zu begründen, dass die Sprachwissenschaft ihre eigenen Theorien widerlegen müsse. Hierfür nennt er vor allem zwei Gründe: Erstens, dass die Sprachwissenschaft nicht dazu bereit sei, „aus ihrer stolzen Hochburg herabzusteigen“, und zweitens, dass die Fachleute darauf „beharren […] das Deutsche nur deskriptiv beschreibend […] zu erforschen“ (14, Sp. 2). Daraus resultiert dann nach Illgner die Missachtung der „zahlreichen Sprachkritiker, die sich seit Jahrzehnten vor allem gegen die Anglisierung des Deutschen öffentlich zu Wort melden und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnten“ (14, Sp.2-3). Der letzte Satz ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

A) Seit etwa Mitte der 90er Jahre reflektiert die germanistische Sprachwissenschaft ihr Verhältnis zur sprachinteressierten Öffentlichkeit stark. Zahlreiche Tagungen und Publikationen zeugen davon.  Willy Sanders publizierte zum Beispiel 1992 (1997 wurde die zweite Auflage veröffentlicht; 2011 kam die dritte Auflage – allerdings unter neuem Titel, ansonsten unverändert – heraus)  bereits das viel beachtete Buch „Sprachkritikastereien und was der ‘Fachler’ dazu sagt“. Zudem gab es 1997 die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) mit dem Thema „Sprache – Sprachwissenschaft – Öffentlichkeit“. Die nächste Jahrestagung des IDS betrifft übrigens auch dieses Thema: „Sprachverfall? Dynamik – Wandel – Variation”. In Aachen fand in diesem Jahr die Tagung „Einmal Elfenbeinturm und zurück – Das schwierige Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik“ statt. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele für Symposien oder auch Podiumsdiskussionen anführen, die in den letzten Jahren seitens der Sprachwissenschaft zu den Themen ‚Sprachverfall‘ oder ‚öffentliche Sprachwahrnehmung‘ veranstaltet worden sind. Der eigentliche Kern steckt aber im zweiten Teil von Illgners Zitat:

B) „…und bisher nur wenige Linguisten für sich gewinnen konnte“. Hier gilt es doch, zu fragen, warum das so ist – oder nicht? Die Antwort liefert Illgner unfreiwillig dann im Folgenden selbst.

Illgners Argumente sind aus linguistischer und wissenschaftstheoretischer Sicht aus verschiedenen Gründen schlichtweg nicht haltbar.

Punkt 1) Innerhalb der Zeitung ist der Artikel dem Bereich „Denglisch“ zugeordnet, deswegen nimmt es kaum wunder, dass es in Illgners Beitrag hauptsächlich um Anglizismen geht. In seinem ersten Beispiel versucht Illgner zu zeigen, dass das Deutsche früher „verdeutscht“ hat (14, Sp. 4) – was auch immer er damit genau meint: Aus lat. murus wurde das heutige Mauer und aus lat. tegula wurde Ziegel. Mit Dieter E. Zimmer kommt dann Illgner zum Schluss: „Die Kraft der Anverwandlung hat das Deutsche weitgehend verloren“ (ebd.). Die Gegenbeispiele sind dann u.a. abcashen und Wellness. Was vergleicht denn Illgner hier miteinander? Murus wurde im Altgermanischen aus dem Lateinischen entlehnt, im Althochdeutschen heißt es dann mūra. Auch die Entlehnung von tegula ist nicht viel jünger. Auf der anderen Seite stehen zwei Begriffe die im Verhältnis zu tegula und murus nun wirklich sehr, sehr jung sind. Außerdem sind die Umstände der Entlehnung völlig andere. Zudem gibt es mit Keks und Tank wunderbare Gegenbeispiele: In ihrer Schreibung sind sie ins Deutsche integriert, sie werden mit deutscher Lautung gesprochen und die Flexion ist kein Problem: der Keks, des Keks, den Keksen, der Tank, des Tanks, tanken, tankte, getankt, Tanker, Tankschiff usw. Wer kann schon sagen, wie die Formen von Wellness oder abcashen in 1200 Jahren aussehen werden? Niemand; die Voraussetzungen für Prognosen dieser Art sind zu komplex und nicht voraussehbar.

Punkt 2) Illgner behauptet, dass es durch Anglizismen zu Orthographieproblemen käme, außerdem „wagen [Sprachwissenschaftler, F.S.] zu behaupten, dass Anglizismen bereichern, weil sie sich von heimischen, also indigenen Wörtern ein wenig unterscheiden“ (15, Sp. 2). Was die Orthographie betrifft, sei auf Punkt 1 (s.o.) verwiesen. Was Illgners These der Unterscheidung betrifft, nehme ich sein Beispiel Wellness. Im Anglizismen-Index schlägt der VDS Wohlgefühl, Erholung als indigen deutsche (und damit angeblich bessere) Wörter vor. Im Kompositum Wellness-Hotel oder Wellness-Bereich würden nur noch Erholungs-Hotel oder Erholungs-Bereich gerade so funktionieren. Sind aber Wellness und Erholung tatsächlich so bedeutungsähnlich, dass Wellness ruhig wieder aus dem Lexikon getilgt werden könnte? Wer in einen Erholungsurlaub fahren möchte, um zwei Wochen am Pool zu entspannen, und dann ein Wellnesshotel bucht, sollte sich nicht wundern, wenn er mit Gesundheitsratschlägen, Sportprogrammen und Ernährungskuren konfrontiert wird. Linguistisch gesprochen: Wellness und Erholung teilen sich zwar bestimmte Seme, aber eben nicht alle.

Punkt 3) Illgner wirft der Sprachwissenschaft vor: „Um die schwierige Verständigung innerhalb des deutschen Sprachgebiets zu rechtfertigen, stellen Linguisten die Standardsprache, das Hochdeutsche, infrage.“ (15, Sp. 2). Was Illgner hier wohl meint, ist die linguistische Einteilung in verschiedene Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Dies alles wirft er aber undifferenziert in einen Topf: „Behördendeutsch, Fachsprachen, Jugendsprache, Medien-, Umgangs- und Kiezdeutsch. Somit werde uns innerhalb des Deutschen eine Mehrsprachigkeit zugemutet.“ – Wer „uns“ hier etwas „zumutet“ wird nicht so ganz klar – weil es gar nicht klar ist. Was aber klar ist: Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen ist ein im Sinne Poppers empirisch erforschbares Faktum, eine Falsifikation ist zwar theoretisch möglich (mehr fordert Popper auch nicht; das weiß aber Illgner wohl nicht), aber jegliche Studien bestätigen die Existenz einer inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen, abhängig eben von Domänen, Sprechweisen, Textsorten und -funktionen. Ganz davon abgesehen bestreitet man ja durch den Verweis auf die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen nicht, dass es auch einen Standard gibt; im Gegenteil: Einen Standard gibt es nur, wenn es eben auch Abweichungen gibt.

Punkt 4) Illgner zeigt sich mit Verweis auf unseren geschätzten Kollegen Jürgen Spitzmüller (Wir sind uns sicher, dass Herrn Spitzmüller der Verweis auf ihn nicht unbedingt gefallen wird.) gegen Ende seiner Ausführungen etwas zuversichtlich gestimmt: „Es scheint, als wollen die Fachleute die Spracheinstellungen der Normalbürger wenigstens zur Kenntnis nehmen“ (15, Sp. 3). Ich traue mich kaum zu fragen: Wer sind denn die „Normalbürger“ und welche Einstellungen vertreten diese? Dass die Sprachwissenschaft sich nicht für die Spracheinstellungen der „Normalbürger“ interessiert, ist übrigens schlichtweg falsch (siehe Hinweis A). Was aber eher stimmen mag, ist die Feststellung, dass die Sprachwissenschaft nicht die Antworten gibt, die den „Normalbürgern“ im Sinne Illgners gefallen. Das liegt zwar zum einen am deskriptiven Vorgehen der Sprachwissenschaft, aber vor allem auch daran, dass sich bspw. Illgner nicht für Anglizismen an sich interessiert, sondern schon von der Annahme einer Verdrängung ausgeht. Ein solches Vorgehen mit derart offensichtlich verinnerlichtem Interesse könnte nicht Grundlage einer sprachwissenschaftlichen Thematisierung sein, selbst wenn sie potentiell wertend wäre. Die Wertung kann am Ende einer Thematisierung stehen, aber nicht die Motivation der Erhebung sein.

Punkt 5) Illgner bezieht sich zu Beginn auf Popper und den Begriff der Falsifikation. Dabei geht es darum, dass Theorien, Methoden oder Thesen widerlegt werden können, die bare Möglichkeit einer Falsifikation sogar Teil einer Theorie, Methode oder These sein sollte – die Überprüfung geschieht dann über empirische Erhebungen. Illgner scheint (14, Sp.1) zu meinen, dass die deskriptive Ausrichtung der Sprachwissenschaft falsifiziert werden müsste. Das wäre aber kaum eine Falsifikation im Sinne Poppers – wie sollte dies denn empirisch überprüfbar sein?

Zusammenfassung: Es ist selbst für Linguisten, die sich aufrichtig für die Interessen der Öffentlichkeit interessieren und Wege suchen, Sprachkritik linguistisch zu fundieren, schwierig, bei einem solchen Artikel wie dem von Herrn Illgner ruhig und sachlich zu bleiben. Wenn jegliche Anstrengungen der Linguistik, auf die Einstellungen und Bedürfnisse der Sprachinteressieren einzugehen, nicht wahrgenommen werden, ist das doch ernüchternd. Eines scheint uns aber sicher: Solange es Artikel wie den von Illgner weiterhin gibt, kann sich die Sprachwissenschaft an diesen auch wertend betätigen – auch wenn diese Art der Wertung dem VDS und Illgner nicht gefällt, sie basiert nämlich auf sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht auf hintergründigen Motivationen.

Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert; Das Neue klingt, das Alte klappert.

Wenn man die Zeit-Beilage „Wie Sie besser schreiben“ von Wolf Schneider aufmerksam liest, stellt man fest, dass dort Johann Wolfgang von Goethe als einer von sieben Sprachmeistern in Stilfragen zu Rate gezogen wird (S. 7). Dies ist nach Schneider unter anderem deswegen nötig, weil „junge Leute […] keine Bücher mehr lesen“ (S. 4). Dass Schüler/-innen im Jahre 2012 in ihrer Schullaufbahn mehr lesen müssen als jemals Schüler/-innen zuvor, dies weiß Schneider nicht – geschenkt – es passt ihm nicht in seine Argumentation. Dass aber ausgerechnet einer seiner Sprachmeister, Goethe, der Jugend und ihrem Sprachgebrauch den Rücken stärkt (s.o., aus Goethe, Zahme Xenien)? Diese Tatsache kann niemanden überraschen, der sich in der Literaturgeschichte und der Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. der nicht-wissenschaftlichen Sprachreflexion auskennt. Mal wird Jugendsprache für die „Verarmung und Verschandelung“ (Schneider in der Zeit-Beilage, S. 4) verantwortlich gemacht, mal wird sie für ihre Innovationskraft gewürdigt (Heike Wiese, Kiezdeutsch). Hinter jeglicher Wertung von Jugendsprache scheint mir aber auch immer ein gewisses Interesse an ihr, irgendwo zwischen Angst Faszination, zu stehen. Die Brisanz ist dem Thema auf jeden Fall seit der Antike inhärent, schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Epiker Hesiod: „… denn fremd fühlt sich der Vater den Kindern […] und eilend entziehen sie [die Kinder, F.S.] die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten.“ Auf diese „Worte“ der Jugendlichen wird auch fast 3000 Jahre später noch gerne geschaut.

Das Betrachten von bestimmten Wörtern, die Jugendliche – angeblich – ständig benutzen, erfreut sich immer großem Interesse. Nicht umsonst bringen große Verlage wie PONS (Wörterbuch der Jugendsprache 2013.) oder Langenscheidt (Hä?? Jugendsprache unplugged 2013.) regelmäßig Wörterbücher bzw. Lexika der Jugendsprache heraus. Aber vor Ihnen haben auch schon der Linguist Hermann Ehmann (1992: Affengeil. Das Lexikon der Jugendsprache. 1996: Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache. 2001: Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache. 2005: Endgeil. Das voll korrekte Lexikon der Jugendsprache) oder der Psychologe Claus Peter Müller-Thurau (1985: Lexikon der Jugendsprache) solche Wörterbücher veröffentlicht. Der Sinn dieser Wörterbücher scheint mir vielseitig. Es geht zwar immer um die Sprache der Jugend, obwohl immer auch durchscheint, dass es die Sprache der Jugend nicht gibt und auch nicht geben kann: Wie definiert man Jugend: Mit Altersangaben? Biologisch? Sozial? Juristisch? Selbstzuschreibung? Was konkret meint man mit Sprache: Das Sprachsystem? Den Sprachgebrauch? Die Sprachnorm? Schriftsprache oder mündlichen Sprachgebrauch? Vor allem den Veröffentlichungen aus den größeren Verlagen mangelt es hier an theoretischer Grundlage, aber auch die Methode, also die Frage danach, wie man „an die Wörter kommt“, die publiziert werden, ist oft fragwürdig. Dies hängt zumeist mit der mangelnden Theoriegrundlage zusammen: Wenn man auf Zusendungen von Schülerinnen und Schülern vertraut, die Aussagen über “typische” Jugendwörter machen, ergeben sich Probleme: Reflektieren sie über aktiven Sprachgebrauch oder über passives Sprachwissen, kennen sie also das Wort nur oder benutzen sie es auch? Und wann benutzen sie es? Wird es gesprochen oder geschrieben? Zwei Dinge muss man aber positiv hervorheben: Obwohl viele der Wörter eher vulgär sind oder Tabu-Themen thematisieren oder aus diesen entlehnt sind (abkacken, abspritzen, anal ausatmen, Alpenpizza …), bleiben diese Wörterbücher tendenziell sachlich und beschwören nicht den Sprachverfall durch die Sprache der Jugend hervor, wie es bspw. Schneider macht.

Dass es vor allem die Wortebene ist, die in den Mittelpunkt des Interesses, der Angst oder der Entrüstung rückt, mag daran liegen, dass bestimmte Wörter als „Marker“ direkt auffallen, wenn man neben einer jugendlichen Clique steht und dort Sprachbrocken aufschnappt. Ein Anzeichen für die Dominanz der lexikalischen Ebene ist bspw. die seit 2008 durchgeführte Aktion „Jugendwort des Jahres“ der Verlagsgruppe Langenscheidt. Die Jugendwörter der Jahre 2008-2011 waren:

2011: Swag (beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung)
2010: Niveaulimbo (das ständige Absinken des Niveaus)
2009: hartzen (arbeitslos sein, rumhängen)
2008: Gammelfleischparty (Ü-30-Party)

2012 ist das Jugendwort des Jahres 2012 YOLO, eine Abkürzung für You only live once, also eine Art Mentalitätsformel ähnlich der Horaz´schen Sentenz Carpe diem! Auch hier wären aus sprachwissenschaftlicher Sicht die oben gestellten Fragen zu wiederholen – aber es wäre auch ein weiterer Einwand zu machen: Handelt es sich hier im linguistischen Sinne überhaupt um ein Wort? Welcher lexikalischen Kategorie müsste man es denn dann zuordnen? Hier handelt es sich wohl um ein Akronym, das aus einer Wortgruppe gebildet und als Wort benutzt werden könnte. Aber die linguistisch interessantere Frage ist: Wie sieht ein solcher Gebrauchskontext aus? Ist es ein Ausruf YOLO!, wenn man von einem Felsen ins Meer springt? Ist es ein Ausdruck, mit dem man auf Vergangenes referiert, bspw. auf eine Party oder eine riskante Aktion, Das war gestern ganz schön YOLO!? Oder bezeichnet man so einen Jugendlichen, der eine Chance genutzt hat, Er ist ja ein ganz schöner YOLO!? Die Frage nach der Kategorie ist mit den von Langenscheidt gegebenen Informationen nicht zu beantworten – dies liegt an mangelnder Theorie und Methode und der fehlenden expliziten Forschungsfrage. Letztere ist nicht vorhanden, weil dieser Anspruch auch nicht erweckt wird. Zumindest bei PONS und Langenscheidt werden die Wörterbücher der Jugendsprache in der Kategorie Unterhaltung gehandelt – und das ist auch gut so. Diese Diskussion kann den Sprechern von Jugendsprache im Übrigen egal sein, sie ist rein fachlicher Natur. Ich freue mich jedenfalls aufrichtig auf die Jugendwörter der Jahre 2012+. YOLO!